Der Weg ohne Rückkehr
Der Staub im alten, blauen Koffer roch nach Fernweh, obwohl er fünfzehn Jahre unberührt auf dem Kleiderschrank gelegen hatte. Verena holte ihn nicht sofort herunter, streifte erst mit dem Lederriemen die Schranktür, stieß mit der Schulter gegen den Türrahmen und stellte ihn dann vor das Sofa. Dort lagen bereits ordentlich gestapelt ihre Sachen: zwei Pullover, ein warmer Schal, ein Notizbuch mit leeren Seiten, eine Reiseapotheke, eine Tasse mit einem kleinen Sprung am Henkel.
Die Wohnung war beinahe leer.
An der Wand blieben helle Rechtecke von den Rahmen zurück. In der Küche brummte der Kühlschrank. Dem halb geöffneten Schrank entwich ein Hauch von Stärke und etwas, das so vertraut war, dass Verena unbewusst die Hand auf die Schranktür legte, als könnte sie den Duft zurückholen.
Sie ging in die Hocke, zog am Reißverschluss. Der Reißverschluss klemmte wie immer.
Das war immer so gewesen.
Götz pflegte zu sagen, dass man Dinge für eine lange Zeit kaufen müsse. Koffer, Tische, Kochtöpfe, selbst Vorhänge. Nicht aus Geiz, sondern weil er nicht verstand, warum man austauschen sollte, was noch hält. Verena hatte so viele Jahre mit dieser Regel gelebt, dass sie es selbst fast schon verinnerlicht hatte: Wenn es hält, rühr es nicht an. Wenn es nicht zusammenfällt, lass es stehen.
Oder: Sie hatte sich daran gewöhnt, keine Fragen zu stellen, wo alles längst ohne sie entschieden wurde.
Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Sie ging nicht sofort hin. Erst als der Reißverschluss wieder stockte, trat sie ans Fenster.
Götz schrieb: Schlüssel bei der Hausmeisterin abgeben. Und Unterlagen zur Waschmaschine, wenn du sie findest.
Keine Begrüßung, kein Punkt. Sachlich. Als hätten sie nicht einen Großteil ihres Erwachsenenlebens miteinander verbracht, sondern nur ein Regal im Keller geteilt.
Verena legte das Handy mit dem Display nach unten und kniete sich wieder vor den Koffer. Der Riemen war steif, der Griff warm von ihrer Hand. Die Innenverkleidung war in der linken Ecke abgelöst, und plötzlich glitt ihr Finger unter den Stoff.
Sie hielt inne.
Zuerst dachte sie, es sei aufgeweichtes Pappe. Dann ertastete sie einen Umschlag. Dünn, trocken, ausgefranst am Rand. Darunter lagen noch einige zusammengefaltete Blätter.
Verena breitete alles auf dem Boden aus.
Auf dem ersten Blatt war ein kobaltblauer Streifen, unregelmäßig, wie ein Fluss auf der Landkarte. Auf dem zweiten ein Karomuster in Grau, Milchweiß und Dunkelblau. Auf dem dritten eine kurze Notiz in ihrer Handschrift: Leinen, weiches Garn, nicht zu ordentlich machen.
Sie setzte sich direkt auf den Teppich.
Der Umschlag war an sie adressiert. Das Papier war an den Falten vergilbt. Oben links Krefeld, Werkstatt für Textilgestaltung. Darunter das Datum. Juni, fünfzehn Jahre her.
Verena las die Einladung einmal, noch einmal, immer wieder.
Ihre Hände wurden kalt, obwohl die Heizung lief.
So war das also verschwunden.
Sie hatte den Brief ja gesucht. Sie erinnerte sich genau. Nicht an den Tag, nicht an die Stunde, aber an den Morgen, an dem sie den Briefkasten kontrolliert, mit dem Umschlag in der Hand die Treppe zu ihrer Wohnung hochgestiegen war und noch lange an der Tür stand, ohne den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Damals hatte es ihr so sicher geschienen: Sie wird reingehen, Götz den Brief zeigen, und alles wird sich wie von selbst fügen. Er wird ihn lesen, lächeln, sagen: Natürlich, fahr ruhig, das ist doch deins.
So kam es nicht.
Den Brief zeigte sie nie. Sie versteckte ihn. Selber. Hier, unter dem Futter, in den alten Koffer, der damals schon oben stand.
Verena erinnerte sich an den Abend nur noch bruchstückhaft. Das Bügelbrett am Fenster. Sein weißes Hemd über der Stuhllehne. Das Klirren des Löffels in der Tasse. Und seine Stimme.
Willst du wirklich allein fahren?
Es sind nur drei Monate.
Verena, allein fällt es dir schon schwer, zum Bahnhof zu kommen. Drei Monate unmöglich.
Er sagte es nicht spöttisch. Sachlich. Fast sanft. So, dass ein Widerspruch schwierig wurde. Sie hielt damals die Tischkante fest, sah sein Hemd, das Bügeleisen, den Brief in ihrer Hand und sagte plötzlich etwas ganz anderes, als sie eigentlich wollte:
Ach nein. Ich wollte nur fragen.
Das war alles.
Wie oft zerbricht im Leben etwas nicht durch laute Worte, sondern durch so einen ruhigen Ton. Als wäre schon alles für einen entschieden worden. Als müsse man vor sich selbst geschützt werden. Als wäre es für einen selbst besser, einfach einen Schritt zurückzugehen.
Verena nahm das Blatt mit dem kobaltblauen Streifen und hielt es ans Fenster. Die Farbe war an einigen Stellen verblasst, aber die Linie hielt noch. Stur. Lebendig.
Das Handy vibrierte wieder.
Diesmal rief Götz selbst an.
Sie sah auf das Display, bis der Anruf endete. Sekunden später kam die Nachricht: Falls du die Unterlagen nicht findest, sag mir Bescheid. Ich komme abends vorbei.
Verena stand auf, ging in die Küche, schaltete den Kühlschrank aus. Es wurde sofort stiller in der Wohnung. So still, dass sie im Stockwerk über sich hörte, wie jemand einen Stuhl über den Boden schob.
Sie ging zurück, schloss den Koffer, öffnete ihn wieder, legte den Umschlag und die Blätter hinein, darauf einen Pullover, das Notizbuch und die Tasse mit dem Sprung. Zögerte. Nahm die Tasse wieder heraus.
Stattdessen packte sie Buntstifte ein. Die alten aus der Schublade des Wohnzimmerschranks.
Warum?
Sie wusste selbst nicht genau. Oder besser sie war noch nicht bereit, es laut auszusprechen.
Aber der Koffer war gepackt.
Am Morgen roch das Gleis nach nassem Metall und Kaffee aus dem Automaten. Verena hielt das Ticket so fest, dass der Kartonrand sich in ihren Finger drückte. Der blaue Koffer stand zu ihren Füßen, die Rollen zogen wie eh und je schief.
Sie war viel zu früh am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Eine alte Gewohnheit: Lieber vierzig Minuten unter der Anzeigetafel warten, als in letzter Sekunde loslaufen. Götz hatte sich immer darüber lustig gemacht.
Nicht laut. Ein schiefes Lächeln.
Verena kaufte einen Kaffee, nahm einen Schluck und ließ den Rest. Die Bitterkeit blieb auf der Zunge. Neben ihr zählte eine Frau im Daunenmantel die Behälter in ihrer großen Tasche und telefonierte:
Ich bring das schon, ich bring’s. Nicht zum ersten Mal.
Verena ertappte sich dabei, wie sie der fremden Stimme wie einer Melodie zuhörte. Ruhig. Selbstsicher. Unkompliziert.
Der Zug kam pünktlich. Im Abteil roch es nach heißem Staub, abgewetztem Stoff und aus irgendeiner Tasche nach Äpfeln. Mit Mühe hievte Verena den Koffer auf die Ablage, setzte sich ans Fenster und merkte erst dann, dass sie lächelte. Nicht breit, nur angedeutet, ein Mundwinkel, als probiere sie dieses neue Gesicht noch aus.
Draußen verschwammen langsam Lagerhallen, Zäune, graue Hinterhöfe. Dann Felder. Dann kahle Bäume, schmal und dunkel. Verena holte den Umschlag hervor, zog die Blätter heraus und legte sie auf die Knie.
Gegenüber saß eine junge Frau um die zwanzig in einer kurzen Jacke und strickte an einem grauen Ärmel. Sie warf einen Blick auf Verenas Zeichnungen.
Haben Sie das gemalt?
Verena wollte fast schon nein sagen. Aus alter Gewohnheit.
Ja, antwortete sie. Schon lange her.
Hübsch.
Und wandte sich wieder dem Strickzeug zu.
Dieses schlichte Wort ließ Verenas Mund trocken werden. Ein ganz normales Wort. Nichts Großes, nichts Feierliches. Doch es war so gesagt, als verlange es nichts. Als könnte Schönheit einfach so existieren, ohne Erlaubnis, ohne Nutzen, ohne Erklärung.
Sie blickte erneut auf ihre Linien, Karos, Bemerkungen am Rand und erinnerte sich plötzlich ganz klar an sich selbst, damals. Achtundzwanzig. Ein leichter Mantel, die Hand voller blauer Gouache, Zeitschriftenstapel am Bett. Sie hatte gedacht, das Leben beginne etwas später gleich um die Ecke, gleich nach der Hochzeit, gleich, wenn sie sich eingerichtet hätten, die erste Rate bezahlt, einen Schrank gekauft, einen guten Kessel, neue Gardinen. Gleich. Gleich. Noch ein kleines bisschen.
Dann liefen die Jahre anders, als sie erwartet hatte.
Nach außen sah alles durchaus solide aus. Job in der Stadtbibliothek, Wohnung, sonntägliches Abendessen bei seiner Mutter, Ferien im August, neue Stühle für die Küche, jedes Silvester der gleiche Salat. Götz konnte das Leben glatt halten. Auch als Ehemann blieb er: exakt, zuverlässig, angenehm für die Umgebung. Er erhob nie die Stimme, warf kein Geschirr. Doch alles um ihn herum nahm langsam eine Form an, die nur ihm passte.
Verena merkte das erst spät.
Wie man die schiefe Schräge im Altbau bemerkt. Man läuft, stellt die Tasse ab, schließt das Fenster, hängt das Handtuch auf und irgendwann merkt man, dass alles unmerklich in eine Richtung rutscht.
Der Zug ruckelte an einer Weiche. Der Umschlag glitt etwas zur Seite. Ein weiteres Blatt fiel heraus. Keine Zeichnung, sondern ein kurzer, vierfach gefalteter Zettel.
Falls Sie es sich anders überlegen, kommen Sie trotzdem. Platz ist immer für diejenigen, deren Blick noch lebendig ist.
Keine Unterschrift. Nur eine Telefonnummer, längst nicht mehr gültig.
Verena starrte lange auf diese Worte. Mit den Fingern klopfte sie leise auf die Tischkante.
Falls Sie es sich anders überlegen, kommen Sie trotzdem.
Sie war gekommen.
Nach fünfzehn Jahren. Aber sie war gekommen.
Krefeld empfing sie mit Wind, nassem Asphalt und einem tiefhängenden Himmel, ohne einen hellen Fleck. Auf dem Bahnhofsplatz hielten Busse, Türen klappten, jemand zog einen Koffer über das Pflaster. Verena zog die Handschuhe an, schlug den Mantelkragen hoch und ging langsam zur Haltestelle.
Die Adresse der Werkstatt hatte sie in einem alten Notizbuch gefunden, in der Nacht, als sie Koffer packte. Die Straße war schmal, von zwei Reihen Platanen gesäumt und mit vierstöckigen Häusern, in deren Erdgeschossen seit Jahren kleine Werkstätten, Bäckereien oder blasse Friseursalons lagen. Das gesuchte Haus hatte eine graue Fassade mit neuen Fenstern. Kein Schild der Werkstatt mehr.
Verena stand gegenüber, las die Namen an den Türen, als könnten sie sich vor ihren Augen plötzlich verändern.
Nichts veränderte sich.
Innen war jetzt ein Lampengeschäft: Lampenschirme, Stehlampen, Kartons an der Wand. Der junge Verkäufer hinterm Tresen schüttelte den Kopf.
Von einer Textilwerkstatt weiß ich nichts. Ich bin erst seit Kurzem hier.
Und davor?
Keine Ahnung. Fragen Sie doch die Nachbarn.
Auch die Nachbarn wussten nichts. Eine Frau im kleinen Nähatelier zwei Häuser weiter sagte nur:
Hier war schon alles Mögliche. Alles schließt, alles eröffnet neu.
Dann wandte sie sich dem Reißverschluss an einer Jacke zu.
Verena trat wieder hinaus. Setzte sich mit dem Koffer in die Hofdurchfahrt. Der Saum ihres Mantels wurde vom tauenden Schnee nass, in den Ärmeln wurde ihr kalt. Sie hielt den Umschlag in den Händen.
Das wars also.
Sie war in eine Stadt gekommen, die all die Jahre für sie nicht existiert hatte. Fand eine Tür, hinter der nun längst fremdes Licht und fremde Kartons standen. Gut ausgedacht. Eine erwachsene Frau mit Koffer, Gouache-Blättern und einem Brief ohne Unterschrift.
Lächerlich.
Sie saß, den Kopf gesenkt, und sah zu, wie eine dünne Rinne Schmelzwasser zu ihrem Schuh kroch. Aus einer benachbarten Tür kam Dampf und der warme Duft von Stärke. Es roch fast heimisch, doch ohne irgendetwas aus ihrer alten Küche.
Verena hob den Kopf.
Über einer Tür hing ein schmales Schild: Nähatelier. Anfertigung. Änderungen. Gardinen.
Nicht das Atelier zwei Häuser weiter. Ein anderes, etwas weiter hinten im Hof, im Souterrain, mit einer kurzen Treppe und abgenutztem Geländer. Im Fenster hing ein Tüllrest, dahinter bewegte sich ein Schatten.
Verena stand auf, nahm den Koffer und ging hinunter.
Innen war es beengt, aber hell. Drei Schneiderpuppen an der Wand. Ein Arbeitstisch überquoll vor Stoffen. Das Bügeleisen blies Dampf. Auf dem Fensterbrett lag eine Tasse mit einem Nadelkissen. Hinter dem Tisch stand eine Frau mit Brille am Band, ihr schwarzer Pullover mit Kreidestaub bedeckt.
Sie schaute auf.
Möchten Sie etwas kürzen lassen oder enger machen?
Nicht direkt. Ich Verena holte tief Luft. Ich suche die alte Textilwerkstatt. Die war hier, in dieser Straße.
Die Frau stellte das Bügeleisen aus.
Gab es mal. Lange her. Da war noch kein Lampenladen.
Wissen Sie, wo sie hingezogen ist?
Wer weiß das schon. Manche arbeiten jetzt von zu Hause, andere sind weggezogen. Und manche haben einfach aufgehört.
Sie nahm die Brille ab, sah genauer hin und nickte zu Verenas Blättern.
Was haben Sie da?
Verena reichte die Zeichnungen fast automatisch. Die Frau nahm die erste, dann die zweite, strich sie mit der Hand glatt.
Die haben Sie gemacht?
Ich.
Wann?
Schon lange her.
Sehe ich. Sie blickte auf den kobaltblauen Streifen. Aber der Blick ist nicht alt.
Verena verstand nicht ganz.
Was meinen Sie?
Den Blick, meine ich. Sehen Sie, wie Sie die Linie brechen? Nicht mit dem Lineal, sondern ein wenig verschieben. Genau deswegen ist es spannend. Das kann kaum jemand ungezwungen.
Sie legte die Blätter zurück.
Ich bin Rosa.
Verena.
Sind Sie deswegen hergekommen?
Verena nickte.
Rosa seufzte, mehr aus Verständnis als aus Mitleid.
Möchten Sie einen Tee?
Verena wollte erst ablehnen. Doch sie hörte ihre eigene Stimme:
Gerne.
Der Tee roch nach Apfel und Bergkräutern. Rosa stellte zwei Tassen hin, eine mit einem feinen blauen Streifen am Rand, eine ganz weiße. Sie setzte sich gegenüber, legte das Maßband auf den Tisch und fragte:
Wo übernachten Sie?
Noch nirgends. Ich bin gerade erst angekommen.
Haben Sie ein Rückfahrtticket?
Nein.
Das ist schon mal nicht schlecht.
Sie schwiegen eine Weile, und zum ersten Mal an diesem Tag hatte Verena nicht das Gefühl, sofort irgendetwas erklären zu müssen. Hinter der Wand ratterte eine Nähmaschine. Draußen rief jemand einem Jungen zu. Aus dem Nachbarfenster roch es nach Gebäck.
Rosa griff wieder nach dem kobaltblauen Blatt.
Haben Sie mit Stoff gearbeitet?
Nein, nur auf Papier.
Wollten Sie es denn?
Verena senkte den Blick in ihre Tasse.
Ja, ich wollte.
Was hat Sie gehindert?
Die Frage war direkt. Ohne Schleife. Ohne bequemen Ausweg.
Verena strich mit dem Finger über die Absplitterung am Tischrand.
Das Leben.
Rosa lächelte schief.
Das ist zu allgemein. Meist verbirgt sich dahinter jemand anderes Entscheidung.
Verena hob den Blick.
So etwas einem Fremden zu erzählen, wäre normalerweise unangenehm gewesen. Aber gerade das machte es leichter.
Ja, sagte sie. Wahrscheinlich stimmt das.
Rosa hakte nicht nach. Sie stand einfach auf, ging an den Tisch, schob ein Stoffbündel heraus.
Schauen Sie mal.
Verena entrollte die Stoffproben: Leinen, Baumwolle, schwere Wolle, leichte Futterstoffe mit sanftem Glanz. Sie fuhr mit der Hand über den Stoff, blieb auf einem grau-blauen Karo hängen und stellte fest, dass sie den Ton mit genau dem von ihrem alten Bild verglich.
Dieser hier ist kälter, sagte sie. Wenn daneben ein milchiger Ton liegt, wird er dumpfer. Das passt nicht. Eher ein wärmeres Grau.
Rosa sah sie über die Brille an.
Genau so.
Mehr sagte sie nicht.
Am Abend wurde der Schnee dichter. Verena ging langsam zum Bahnhof, der Koffer rumpelte über das Pflaster. In der Manteltasche ein Zettel mit der Adresse eines günstigen Gästezimmers, den Rosa ihr rasch geschrieben hatte, dazu der Satz, schon an der Werkstatttür gesagt:
Kommen Sie morgen früh vorbei, falls Sie nicht abreisen. Ich muss Vorhänge für ein Büro aussuchen. Mal sehen, wie Sie mit Farben umgehen.
Falls Sie nicht abreisen.
Verena blieb auf dem Platz stehen.
Über den Automaten hingen die Abfahrtsanzeigen. Die Schlange an der Kasse; jemand mit einem Baguette im Einkaufstüte, jemand hielt ein Kind am Kapuzenzipfel fest, jemand stieg über eine Tasche. Das Leben lief seinen ganz gewöhnlichen Gang, und in dieser Einfachheit lag etwas Unbeirrbares, sogar Tröstliches. Es wartete nichts auf sie. Kein Schild mit ihrem Namen. Kein Zeichen. Nur eine Entscheidung.
Sie zog ihr Handy heraus, um das Gästehaus zu suchen, da leuchtete der Bildschirm.
Götz.
Diesmal nahm Verena ab.
Ja.
Wo bist du?
Die Frage klang, als sei sie beim Einkaufen an der Ecke.
In Krefeld.
Eine Sekunde Stille am anderen Ende.
Warum?
Verena schaute auf die abwechselnden Zugnummern.
Wegen einer Sache.
Was für einer Sache, Verena?
Sie wusste selbst keine richtige Bezeichnung: Die Blätter aus dem Koffer? Die alte Linie, die seit fünfzehn Jahren nicht verblasst war? Ihr Leben, das sie einmal vierfach gefaltet und unter eine Kofferverkleidung geschoben hatte?
Wegen meiner eigenen Sache.
Er seufzte.
Ich habe mit Irina gesprochen. Im Büro ist gerade etwas frei geworden. Ein ruhiger Job, Sitzplatz, ganz nah bei deiner Wohnung. Genau das, was du jetzt brauchst. Kein Hin und Her. Kein Überflüssiges.
Kein Überflüssiges.
So nannte sich das all die Jahre.
Überflüssig war alles, was nicht in sein ruhiges Schema passte: eine Reise, ein Kurs, neue Menschen, nicht gelöste Fragen, ein fremder Gedanke, eine andere Stadt, in der sie niemand kannte. Selbst sie selbst die in ihr, die mehr wollte als nur das Bequeme : Überflüssig.
Verena, hörst du mich?
Sie ballte das Handy in der Faust, löste die Finger. Auf dem Display spiegelte sich die Anzeigetafel. Ihr Hals war wie zugeschnürt.
Ich höre dich.
Also, komm nach Hause. Schlaf bei Tante Lotte, dann klären wir alles.
Tante Lotte hatte sie nie gemocht. Nicht aus bestimmten Gründen, sondern weil sie immer dieses eine Gesicht hatte, als sei Verena allein schon schuldig, weil sie auf einem Stuhl Platz nahm.
Auf dem Nachbargleis schlug die Schaffnerin die Tür zu. Jemand hastete mit einer karierten Tasche vorbei. Verena sah plötzlich sehr genau die kommende Woche vor sich: eine fremde Küche, Fragen, ein Büro mit niedriger Decke, Mittagessen im Plastikbehälter, Götz, der lässig hereinschaut, als wäre zwischen ihnen alles richtig. Und sie selbst, die im passenden Moment nickt.
Nein.
Das Wort stand fest und ruhig in ihr.
Ich komme heute nicht zurück, sagte Verena.
Was soll das heißen?
Es heißt genau das.
Wo willst du überhaupt wohnen?
Sie sah ihren Koffer an.
Ich finde schon einen Weg.
Verena, mach keinen Unsinn.
Jetzt geschah vielleicht das Merkwürdigste an diesem Tag: Sie rechtfertigte sich nicht. Sie erklärte nichts. Sie machte die Antwort nicht weich. Sie sagte nicht das übliche Nein, das meinst du falsch.
Sie wiederholte einfach:
Ich komme heute nicht zurück.
Und legte auf.
Ihr Herz schlug schnell, aber ruhig. Sie stand an der Kasse, hielt das Handy mit beiden Händen und spürte, wie ihre Finger im Handschuh langsam warm wurden.
Dann steckte sie das Handy ein und ging nicht zu den Zügen, sondern zurück, in den Hof, wo in der Fenster der Werkstatt noch Licht brannte.
Rosa war nicht überrascht, als sie sie auf der Türschwelle sah.
Nicht abgereist?
Nein.
Hab ich mir gedacht.
Sie legte die Schere ab, wischte die Hände am Schürzenband ab und wies mit dem Kopf auf die schmale Treppe im Hinterzimmer.
Oben gibts ein kleines Kammerl. Hier hat früher eine Praktikantin geschlafen, wenn sie ein paar Tage da war. Bett, Waschbecken, Tisch. Für eine Woche reicht das. Danach sehen wir weiter.
Verena wollte aus Höflichkeit ablehnen, verkniff es sich aber.
Danke.
Nicht mir danke. Sich selbst. Rosa nahm den Koffer an ihren Griff, als wiege er nichts. Gehen Sie rauf. Machen Sie es sich bequem. Morgen um neun fangen wir an. Nur eines: Ich bin nicht fürs Betüdeln.
Ich erwarte es nicht.
Gut so.
Das Zimmer oben war winzig. Eisenbett, Fenster zum Hof, Tisch, Lampe mit grünem Schirm, Waschschüssel auf dem Stuhl. Auf dem Fensterbrett stand ein Glas voller Knöpfe. Aus dem Fensterrahmen zog es kalt, doch die Luft war klar, roch nach rohem Holz und unten nach warmen Leinen.
Verena stellte den Koffer ab und öffnete ihn lange nicht.
Draußen schüttelte eine Frau am Fenster ein Tuch aus, im nächsten Fenster hockte ein Junge über Heften. Unten knallte eine Tür. Kurz summte die Nähmaschine auf und verstummte dann.
Verena zog den Mantel aus, setzte sich aufs Bett und lachte leise. Nicht vor Freude, sondern, weil sie etwas lange in sich getragen hatte, das endlich in Bewegung geriet.
Sie öffnete den Koffer.
Oben lagen Pullover, Notizbuch, Buntstifte, Umschlag. Darunter Hemd, Socken, Bürste, eine Tüte Äpfel vom Morgen. Ganz normale Dinge. Doch das bisschen Besitz erschien ihr plötzlich nicht mehr als Rest, sondern als Anfang von etwas anderem, noch Unbenanntem.
Sie nahm das Blatt mit dem kobaltblauen Streifen und steckte es mit einer Reißzwecke, die sie im Schreibtisch fand, an die Wand.
Soll es hängen.
Nachts schlief sie lange nicht ein. Hörte Wasser in den Rohren, jemanden husten, unten hielt ein später Bus am Eck. Gedanken kamen und gingen. Was wird in einer Woche? Reicht das Geld? Ruft Götz wieder an? Schafft sie es? Was sagt Mutter? Wo einen Job suchen, wenn es nicht klappt?
Viele Fragen.
Aber zum ersten Mal seit Jahren klangen sie nicht im fremden Ton.
Am Morgen roch die Werkstatt nach Dampf, Seife und ausgepacktem Stoff. Rosa stand schon am Tisch, markierte mit Kreide Längen auf dichter grauer Gardine.
Essen Sie wenigstens was, sagte sie, ohne hochzusehen. Auf dem Fensterbrett liegt ein Apfeltascherl.
Verena nahm das Gebäck, biss hinein und verbrannte sich fast die Zunge. Der Teig war warm, weich. So gut hatte sie lange nicht gegessen.
Heute sehen wir uns das Büro an, sagte Rosa. Es muss Stoff ausgesucht werden. Die Besitzerin mag alles beige. Aber beige wird ohne Nachdenken immer langweilig.
Sie fuhren mit dem Bus. Das Büro lag in einem alten Haus, hohe Fenster, abgeblätterte Heizkörper. Die Besitzerin, eine korpulente Frau mit flinken Händen, zeigte Wände, Tisch, Sofa und fragte gleich:
Es soll heller wirken. Aber nicht nach Krankenhaus. Verstehen Sie?
Rosa deutete zu Verena.
Sie wirds entscheiden.
Verena trat ans Fenster. Das Licht kam von Norden, gleichmäßig. Die Wände zogen einen kühlen Grauton. Auf dem Tisch eine Vase mit Zweigen. Sie legte Probe auf Probe, blieb am warmen Grau hängen mit einem Hauch blauer Fäden.
Den hier, sagte sie. Und als Futter nicht weiß. Weiß macht alles simpel. Lieber Leinen mit Wärme im Grau.
Die Frau blinzelte.
Ist das nicht zu düster?
Nein. Das Fenster macht das Licht kühl. Mit etwas Weicherem wird es ruhiger hier.
Rosa schwieg bis auf die Straße. Dann sagte sie kurz:
Siehst du.
Das genügte.
Bis abends arbeiteten sie in der Werkstatt. Verena hielt Stoff, reichte Nadeln, beschriftete Beutel und hörte Rosa beim Kunden erklären, wie sich Faltenvarianten unterscheiden. Die Worte waren klar, die Bewegungen präzise. Irgendwann merkte Verena, dass sie nicht mehr auf die Uhr sah.
Götz schrieb mittags: Meinst du das ernst?
Sie antwortete nicht.
Abends kam noch eine Nachricht: Unterlagen zur Waschmaschine gefunden. Such nicht mehr.
Das war alles.
Verena las es, steckte das Handy ein und nähte weiter den Kanten um. Die Nadel gehorchte nicht gleich, der Faden hakte. Aber die Hand kam in Schwung.
Rosa begutachtete ihre Stiche.
Ungleichmäßig. Aber Auge ist da.
Heißt, ich kann’s noch lernen.
Alles kann man, wenn man sich Zeit lässt.
Draußen wurde es früh dunkel. Im Fenster spiegelten sich Lampen, armloser Dummy und Verena, im fremden Kittel, mit Nadeln am Handgelenk, offenen Haaren, die ihr ins Gesicht fielen. Sie schob einen Strähnen hinters Ohr und merkte, dass sie nicht mehr automatisch am Ringfinger rieb.
Der Ring fehlte seit einem Monat.
Die Spur war geblieben.
Aber der Finger lebte endlich unabhängig davon.
Nach drei Tagen stand der Koffer nicht mehr an der Tür, sondern unter dem Tisch im Zimmer oben. Der Reißverschluss schloss leichter als gewöhne er sich auch daran. Neben ihren Sachen lagen neue Stoffproben, eine Rolle warmgraues Garn, ein Notizbuch mit Rosas Anmerkungen und ein weiteres Blatt, auf dem Verena nachts Streifen malte schmal, breit, ungleichmäßig, lebendig.
Morgens öffnete sie das Fenster.
Im Hof ging eine Frau mit Netzbeutel, ein Schüler mit riesigem Rucksack hinterher. Aus der Werkstatt darunter zog es nach heißem Eisen und Seife. Tassenklirren irgendwo. Der Himmel blieb niedrig, märzgrau. Aber ein schmaler heller Spalt war schon sichtbar.
Barfuß lehnte Verena am kalten Rahmen und schaute hinaus, bis Rosa von der Treppe rief:
Schlafen Sie noch oder wollen Sie leben?
Ich komme! rief sie zurück.
Ihr Ton klang anders. Nicht lauter. Einfach fester.
Verena schloss das Fenster, drehte sich zum Zimmer, blickte für einen Moment auf den blauen Koffer. Fünfzehn Jahre hatte er oben gestanden, hütete unter seinem Futter nicht nur einen Brief, sondern genau jenen Teil von ihr, dem immer gesagt worden war: Warte ab. Jetzt stand er offen unten, mit Stoffen, Bleistiften und Notizbuch, eine ganz gewöhnliche Sache in einem ganz gewöhnlichen Zimmer.
Aber seine Bedeutung war neu.
Sie nahm das Blatt mit dem kobaltblauen Streifen vom Fensterbrett, legte es in ihr Notizbuch, und ging dann nach unten, wo schon das Bügeleisen rauschte, die Schere klapperte und ein Tag begann, der noch keine Klarheit versprach.
Doch es gab darin Platz für sie.
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