Ich setze mich zu dir, darf ich?
Der neue Schüler Klaus kam im Abschlussjahrgang zur Schule und setzte sich sofort neben Anneliese an den vorletzten Tisch.
Anneliese saß dort immer allein. Sie hat ein gutes Sehvermögen, ist groß, und seit der ersten Klasse wurde sie hinten platziert, während vorne die kleinen Brillenträger saßen.
Das störte sie nicht im Gegenteil, sie mochte es, allein zu sitzen, niemand konnte ihr in die Quere kommen. Sie hatte keine engen Freundinnen, verstand sich mit allen, aber mit niemandem wirklich eng.
Und dann kam Klaus!
Sie waren umgezogen, und im letzten Schuljahr musste Klaus eine neue Schule besuchen. Doch Klaus ließ sich nicht beirren, er freundete sich sofort mit Anneliese an.
Er kam plötzlich, wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, und sagte:
Ich setze mich zu dir, darf ich?
Klaus, hochgewachsen, schlank, leicht unbeholfen, mit einem leichten Oberlippenbart, erschien aus dem Nichts.
Anneliese nickte, obwohl sie wusste, dass eine Antwort nicht nötig war er hatte bereits für sie entschieden.
Klaus war laut und immer gut gelaunt. Er integrierte sich rasch in die Klasse, und bald waren er und Anneliese unzertrennlich.
Er war wie ein langhalsiger Welpe, sie stand würdevoll und selbstbewusst da. Nicht wie die vielen Mädchen, die gerade erst in die Pubertät kommen. Sie war schon immer etwas größer, wirkte älter und fühlte sich auch so.
Vielleicht lag das auch daran, dass, seit ihr Vater gestorben war, Anneliese ihrer Mutter half, den kleinen Bruder Niklas großzuziehen, und sich so als Große fühlte. Klaus war fast ein Jahr jünger als sie, kam aber früher zur Schule.
Die Klasse nannte das Paar, obwohl zwischen ihnen nur Freundschaft bestand.
Sie lernten zusammen, bereiteten sich auf das Abitur vor, meist bei Anneliese zu Hause. Sie half ihm bei Deutsch, wollte selbst Pädagogik studieren, und er unterstützte sie in Mathe er wollte Informatiker werden.
Heute kommst du zu mir, ich koche dir Suppe, danach lernen wir weiter befahl Anneliese, und Klaus nickte eifrig.
Es gefiel ihr, ihn zu erziehen, ganz wie mit ihrem kleinen Bruder.
Eines Tages wurde Niklas krank.
Dann komm zu mir, zu Hause ist keiner, ich lade dich zu meinem Reis ein, wir lernen zusammen schlug Klaus plötzlich vor.
Anneliese war überrascht. Klaus lud sie nie zuvor zu sich ein.
Ist das praktisch? zweifelte sie.
Natürlich, warum nicht! lachte Klaus.
Mein Vater kocht das schön, er brät auch erstklassige Steaks prahlte er, stellte den Topf mit Reis auf den Herd.
Und deine Mutter? Sie kann doch auch? erwiderte Anneliese schmunzelnd.
Klaus Gesicht verdunkelte sich.
Meine Mutter ist tot.
Tut mir leid, das habe ich nie gewusst flüsterte Anneliese ängstlich.
Ich war erst einen Monat alt, als sie bei der Geburt starb. Man hat ihr ein goldenes Röhrchen gegeben, das war ihr letzter Atemzug. Sie und ihr Mann waren erst siebzehn, gerade erst aus der Schule. Wir kommen beide aus dem Heim, haben keine Verwandten.
Seinem Vater wurde angeboten, ihn in ein Kinderheim zu geben, doch er weigerte sich. Ich bin selbst im Heim aufgewachsen und will meinem Sohn ein anderes Leben ermöglichen, sagte er.
Anneliese drückte Klaus Hände.
Sie fühlte plötzlich ein tiefes Mitleid. Jetzt verstand sie, warum sie ihn immer beschützen wollte. Hinter seinem Lachen lag stets ein Hauch von Traurigkeit, ein Stück Unsicherheit.
Plötzlich hörte man eine männliche Stimme, die Tür schlug zu.
Papa ist zu Hause, komm, ich stelle dich vor sagte Klaus und nahm Anneliese an die Hand ins Eingangsbereich.
Ah, das ist also das Mädchen, bei dem du immer verschwindest stand ein kräftiger, sonnengebräunter, großer Mann im Flur. Er sah aus wie ein älteres Abbild von Klaus.
Das ist Anneliese, Papa, und das ist mein Vater, Friedrich Werner stellte Klaus vor.
Freut mich, lächelte Friedrich zurückhaltend. Hast du dein Mädchen schon mit Reis gefüttert? Ihr seid bestimmt hungrig. Noch nichts gegessen? Ach, ihr jungen Leute, ihr seid wohl satt vor Liebe, schmunzelte er. Ich bin hungrig, wer will mit mir essen?
Der Reis war tatsächlich außergewöhnlich gut.
Klaus schwärmte davon, dass Anneliese seine beste Freundin sei.
Anneliese beobachtete heimlich ihren Schwiegervater und bewunderte seine Männlichkeit. Nicht jeder Siebzehnjährige kann ein kleines Kind allein großziehen.
Beide bestanden die Abiturprüfungen hervorragend und wurden an Universitäten angenommen.
Anneliese sah Friedrich noch ein paar Mal, jedes Mal verunsicherte ihn sein durchdringender Blick. Sie dachte jedes Mal, er sei Klaus, nur älter.
Eines Nachts träumte sie, dass Klaus sie plötzlich küsste, obwohl er das nie getan hatte. Sie schob ihn weg:
Was soll das? Wir sind doch nur Freunde!
Er wich zurück, und dann erkannte sie, dass es nicht Klaus, sondern Friedrich war. Im Traum küsste sie ihn, weil sie in letzter Zeit ständig an ihn dachte.
Hat dein Vater nie geheiratet? fragte sie einmal ihren Freund.
Klaus lachte nur:
Nein, bis vor kurzem hing noch ein Bild von ihm und seiner Frau im Wohnzimmer. Willst du es sehen? Vielleicht hatte er jemanden, aber nie brachte er jemanden nach Hause. Jetzt hat er das Bild entfernt, vielleicht hat er jetzt eine neue Begleitung, sagte er, und Annelieses Herz schlug schneller.
Sie trafen sich seltener, weil sie an unterschiedlichen Hochschulen studierten.
Eines Tages erreichte Anneliese ihn nicht, also ging sie einfach vorbei, um zu sehen, wie es ihm ging. Die Tür öffnete sich und Friedrich stand dort; Anneliese wurde rot, obwohl sie insgeheim darauf gehofft hatte.
Klaus hat ein Date, hat sich verliebt, hast du das mitbekommen? fragte er und blickte zur Seite.
Klar, ich habe sie gesehen, sie heißt Diana, ist jünger als er, antwortete Anneliese lächelnd.
Dann lass uns doch zusammen etwas trinken gehen, das Wetter ist schön, wir könnten an der Promenade ein Café besuchen, was meinst du? schlug Friedrich plötzlich vor.
Anneliese trat näher. Er griff nach ihr, küsste sie zärtlich, wie im Traum, und flüsterte:
Kleine, es tut mir leid, dass ich so alt bin
Kleine, dachte Anneliese, und ein wohliges Gefühl durchströmte sie. Niemand hatte sie je so genannt.
Sie und Friedrich liefen heimlich sechs Monate lang eine Affäre, selbst Klaus blieb im Dunkeln.
Ich fürchte, du könntest plötzlich merken, dass du mich nicht mehr brauchst, gestand Friedrich.
Nach ihrem dritten Studienjahr beschlossen Anneliese und Friedrich zu heiraten und verkündeten es allen.
Er ist sechzehn Jahre älter, du hast dich doch verrückt verliebt! protestierte Annelieses Mutter. Dann blickte sie streng in die Tochter und sagte: Aber wer weiß, welche Tür für uns das Glück öffnet, Liesel.
Klaus war begeistert:
Anneliese, ich wusste, du bleibst mir treu Soll ich jetzt deine Stiefmutter werden? Unglaublich, Anneliese lachte er.
Hör zu, Diana wartet auf dich, lauf zu ihr, meinte Anneliese fast mütterlich.
Mit Friedrich fühlte sich Anneliese endlich klein und wunderschön. Er war sechsunddreißig, sie erst zwanzig, beide noch jung und glücklich. Was Nachbarn meckern, sei ihnen doch egal, sie haben doch genug Gesprächsstoff.
Niemand hätte gedacht, dass Anneliese den Vater ihres Schulfreundes heiraten würde, doch sie geben ihre Liebe nicht mehr auf.




