28. März
Seit einem halben Jahr bezahlen meine Frau und ich meine Mutter für die Betreuung unseres Sohnes Jonas. Für uns ist das vollkommen normal, doch meine Schwiegermutter Hildegard kann das überhaupt nicht nachvollziehen für sie ist es undenkbar, von den eigenen Kindern Geld für die Betreuung des Enkels zu nehmen!
Ich persönlich finde jedoch, jede ehrliche Arbeit sollte angemessen entlohnt werden, vor allem wenn ich sehe, was meine Mutter Irmgard tagtäglich für uns leistet.
Vor rund einem Jahr gerieten wir in eine schwierige Lage: Meine Frau verlor ihren Job als Buchhalterin, der unser Hauptstandbein war. Nach langem Überlegen am Küchentisch, und etlichen Tassen Filterkaffee, fiel die nicht gerade leichte Entscheidung, dass ich für eine Weile in Elternzeit gehen sollte. Da war Jonas gerade eineinhalb Jahre alt.
Natürlich war so ein Schritt für uns beide nicht ideal, aber bei einem Hauskredit für unser Reihenhaus in Düsseldorf und einem kleinen Kind blieb uns keine andere Wahl. Mein noch recht frischer Job als Softwareentwickler reichte zum Leben gerade so, aber an Extras oder Rücklagen war nicht zu denken. Wegen Jonas konnte ich nicht tagsüber zu Bewerbungsgesprächen, um eine besser bezahlte Stelle zu finden. Monat für Monat wurde das Geld knapper.
Wir wandten uns schließlich an unsere Eltern und baten um Unterstützung. Wir fragten, ob jemand bereit wäre, Jonas für einige Monate zu betreuen, damit ich Bewerbungen schreiben und Vorstellungsgespräche wahrnehmen konnte. Danach wollten wir eigentlich eine Tagesmutter engagieren, doch das konnten wir uns im Moment einfach nicht leisten.
Alle Familienmitglieder hatten Verständnis, aber wirklich helfen konnte uns niemand alle standen selbst noch im Arbeitsleben. So improvisierten wir uns von Woche zu Woche durch, doch eine Verbesserung war nicht in Sicht. Nach zwei Monaten hatte meine Mutter schließlich eine Idee.
Irmgard meinte, sie könnte vorzeitig in Rente gehen, wenn wir ihr wenigstens die laufenden Stromkosten in Höhe von 50 Euro monatlich ausgleichen würden ihre Rente war dafür zu knapp bemessen. Wir waren überglücklich über ihr Angebot und sagten sofort zu.
Von da an kam sie werktags zu uns, ich suchte aktiv nach besseren Jobs und meine Frau war damit beschäftigt, Bewerbungen zu schreiben. Innerhalb einer Woche hatte sie dann tatsächlich einen neuen Job in Aussicht. Es war nicht ganz das, was sie sich gewünscht hätte, aber immerhin besser, als zuhause Däumchen zu drehen und sich Sorgen zu machen.
Zu Hause kümmerte sich Irmgard rührend nicht nur um Jonas, sondern auch um den Haushalt: Sie erledigte leichte Reinigungsarbeiten, bügelte, wusch Wäsche und kochte leckere Hausmannskost. Das war eine immense Erleichterung ich musste nach Feierabend nicht mehr Kochtopf und Bügelbrett in Rekordzeit abarbeiten, sondern konnte Zeit mit Jonas verbringen und auch meine Frau war merklich entspannter.
Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn meine Mutter war ja eigentlich schon im Rentenalter. Doch sie versicherte mir immer, dass ihr die Beschäftigung gut täte und sie so schneller durch den Tag käme. Trotzdem konnten meine Frau und ich das nicht mit unserem Gewissen vereinbaren.
Wir sprachen lange darüber und beschlossen, dass Irmgard neben den Stromkosten ein festes Gehalt bekommen sollte: 400 Euro im Monat. Durch die gewonnene Zeit und Energie konnte ich mich voll auf meine Projekte im Büro konzentrieren und wurde sogar zum Teamleiter befördert. Auch meine Frau machte große Fortschritte, da sie jetzt im Homeoffice einen Nebenjob in der Buchhaltung annehmen konnte. Wir beide hatten plötzlich die Kapazitäten, unser Leben besser zu organisieren und abends stand unser Familienleben wieder an erster Stelle.
Als ich meiner Mutter von unserem Vorhaben erzählte, wollte sie das erst gar nicht annehmen. Sie meinte, das sei nicht richtig und sie könne kein Geld von uns nehmen, schließlich sei das alles selbstverständlich. Letztlich konnten wir sie überzeugen, dass das keine Almosen sind, sondern Anerkennung und Wertschätzung für ihre Mühe.
Jetzt haben wir ein festes Arrangement. Bei uns zu Hause ist alles ordentlich, Jonas ist glücklich und gut betreut, meine Mutter hat keine finanziellen Sorgen mehr und wir sind als Familie deutlich entspannter. Es klappt wirklich alles wie am Schnürchen bis auf eins.
Hildegard, meine Schwiegermutter, zeigte sich alles andere als zufrieden. Irmgard hatte ihr bei Kaffee und Butterkuchen freimütig erzählt, dass sie jetzt für unsere Hilfe bezahlt würde die Geschichte kam natürlich auf, als es ums Urlaubssparen für die Nordsee ging. Hildegard war völlig konsterniert und ließ es sich nicht nehmen, mir und meiner Frau Vorhaltungen zu machen. In ihrer Familie habe es das nie gegeben, dass man für familiäre Hilfe Geld nimmt. Man mache so etwas aus Liebe, basta.
Ich blieb ruhig und erklärte ihr, dass Irmgard uns maßgeblich entlaste und das eine faire Regelung sei. Meine Frau ergänzte mit deutlichen Worten, dass es von ihrer Mutter ja auch nie Hilfe ohne große Diskussion gab.
Mittlerweile hat Hildegard sich ein wenig abgefunden, auch wenn sie ab und zu spitze Bemerkungen fallen lässt, dass Irmgard für alles bezahlt werde. Ich vermute, ein bisschen Neid und Traditionsbewusstsein spielen da mit hinein.
Meine Lektion aus der ganzen Geschichte? Hilfe annehmen und anständig würdigen ist kein Makel, sondern zeigt Respekt und Dankbarkeit. Man muss auch als Familie offen für neue Wege sein besonders, wenn sie das Leben aller Beteiligten leichter machen.





