10. September
Heute muss ich einfach meine Gedanken aufschreiben das, was meine gute Freundin Annemarie neulich erlebt hat, beschäftigt mich immer noch. Annemarie lebte lange in einer schönen Dreizimmerwohnung direkt an der Ostsee, in Lübeck. Bis letzten Herbst tauschte sie die große Wohnung gegen eine kleine Einzimmerwohnung, und ich war zunächst wirklich verblüfft. Warum sollte sie das tun? Die Lage war fantastisch, die Miete angemessen, alles bestens na gut, vielleicht ein bisschen eng, aber sonst wirklich toll!
Doch als Annemarie mir den Grund nannte, verstand ich sofort.
Jungs, ihr glaubt es nicht: Seit ich in der Einzimmerwohnung wohne, ist mein Leben endlich entspannt! Klar, es ist großartig, direkt am Meer zu wohnen! Aber stellt euch vor, ihr habt eine Verwandtschaft irgendwo im tiefsten Bayern, die jedes Jahr davon träumt, umsonst an der Ostsee Urlaub zu machen Die türmen hier in Grüppchen auf, viel zu oft ohne Vorwarnung; schließlich ist man ja Familie! Da stapeln sich Cousins und Tanten, bringen noch die Schwiegermutter mit, quetschen sich zu sechst aufs Schlafsofa und tun so, als sei das selbstverständlich. In der Hochsaison platzte meine Wohnung förmlich auseinander. Und dass ich als Gastgeberin nachts am Küchentisch schlafen musste das schien niemanden zu stören!
Am Ende entschied Annemarie sich dazu, ihre großzügige Wohnung gegen eine Einzimmerwohnung einzutauschen. Ich habe jetzt meinen Frieden gefunden und bereue es nicht. So werde ich die unerwarteten Gäste endlich los! Jetzt überlegen sie zweimal, bevor sie sich mit Sack und Pack ankündigen. Diesen Sommer kamen ausschließlich ihre beste Freundin Lisa, die sie selbst eingeladen hatte, und ein paar ihrer Verwandten, die ihren Besuch immerhin abgesprochen hatten.
Die Anrufe kamen also: Wir sind auf dem Weg zu dir, Annemarie! Sie gab ihnen die neue Adresse, und diesmal war es ihnen nicht einmal seltsam, dass sie umgezogen war. Einige Stunden später klingelte es, und vor der Tür standen meine Cousine Monika, ihr Mann Helmut und die beiden Kinder.
Hallo, hier sind wir!, rief Monika fröhlich.
Aber als sie die Wohnung sahen, guckten sie ziemlich überrascht.
Du hast doch drei Zimmer! Extra wegen der Kinder sind wir gekommen!
Da hat euch wohl jemand falsch informiert. Aber in der Nähe gibt es ein schönes Hotel, da könnt ihr übernachten, sagte Annemarie ruhig.
Aber kann denn Lisa nicht ins Hotel? Wir sind doch Familie wir passen schon irgendwie zusammen!
Doch Annemarie blieb standhaft. Sie begleitete sie höflich bis zum Hotel und bestand darauf, dass sie in ihrer Wohnung nicht mehr für Fremde wie ein Hostel herhalten will. Jetzt genießt sie endlich Ruhe und kann wirklich ihr ganz eigenes Leben am Meer führen.
Heute habe ich wirklich begriffen: Manchmal muss man auch im Kleinen Platz schaffen, um sich im Großen mehr Freiraum zu gönnen.





