Ist Ihr Bus schon gekommen? – fragte der eilig dahinrennende Mann.

»Ist Ihr Bus schon gekommen?«, fragte ein hastiger Mann.
»Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob der letzte Bus schon abgefahren ist?«, keuchte ein älterer Herr, der zur Haltestelle gelaufen kam. Kein junger Bursche, sondern ein Mann deutlich über fünfzig, mit einer abgetragenen Jacke, Sporthosen und einem abgewetzten Rucksack über der Schulter. Ein ganz normales Gesicht mit einem Schnurrbart, den Hildegard Bauer noch nie mochte. Sie drehte sich weg und antwortete nicht.
»Ist es wirklich so schwer zu sagen? Sie warten doch auch auf den Bus, oder?«, fragte der Mann, holte Luft und ließ seine schwere Tasche auf die Bank neben Hildegard Bauer plumpsen.
»Ich warte auf gar nichts«, fauchte sie gereizt, aber dann dachte sie, dass es schon spät war und wer weiß, was dieser Typ vorhatte. Also antwortete sie sanfter: »Irgendein Bus ist vor fünf Minuten gefahren, ich habe nicht genau hingesehen.«
»Ach, das wars dann!« Der Mann ließ sich so schwer auf die Bank fallen, dass Hildegard fürchtete, sie würde zusammenbrechen, und schnell aufsprang.
»Haben Sie ihn auch verpasst?«, fragte der Unruhestifter jetzt wurde er schon aufdringlich!
Hildegard zog ihren Mantel zurecht und beschloss, nach Hause zu gehen. Es war ohnehin zu spät.
Vor einer Stunde hatte sie plötzlich das dringende Bedürfnis verspürt, das Haus zu verlassen. Es war, als würde ihr die Luft fehlen. Einsamkeit so etwas kannte sie eigentlich nicht.
Ihr ganzes Leben lang war Hildegard Bauer allein gewesen und sehr glücklich damit. Freundinnen hatten geheiratet, Kinder bekommen, aber sie wollte das nie. Wenn sie daran dachte ihre Mutter auf dem Land hatte ein Kind nach dem anderen geboren. Drei davon kamen ins Internat, und Hildegard, die Älteste, floh in die Stadt. Sie machte eine Ausbildung zur Buchhalterin und arbeitete ihr ganzes Leben lang im »Goldenen Herbst«, einem Café in der Innenstadt. Fröhliche Musik, leckeres Essen!
Zuerst war sie nur einfache Buchhalterin, dann wurde sie Chefbuchhalterin bis zur Rente. Hochzeiten, Jubiläen, nie langweilig. Gutes Gehalt, gutes Essen, sie kaufte sich eine Wohnung, fuhr in den Urlaub mehr brauchte sie nicht.
Vor einem Jahr hatte der neue Besitzer des Cafés verkündet, Hildegard verstehe die modernen Arbeitsmethoden nicht und sei ihm zu langsam.
Und so schickte er sie in Rente, obwohl sie selbst nie aufhören wollte.
Zuerst suchte sie noch nach einer neuen Stelle. Dann merkte sie: Was angeboten wurde, gefiel ihr nicht, und was ihr gefiel, war nur für Junge.
Ach, egal! Sie hatte ihr kleines Polster, das reichte. Und so begann ihr freies Leben.
Am Anfang war alles perfekt. Keine Pläne, kein Wecker, sie machte Ausflüge und probierte sogar Nordic Walking im Park.
Doch plötzlich wurde ihr alles zu viel, und heute Abend war sie einfach auf die Straße gegangen und hatte sich an die Bushaltestelle gesetzt.
Autos fuhren vorbei, Lichter blinkten, Leute gingen vorüber, redeten und sie saß da und fühlte sich, als gäbe es sie gar nicht. Als wäre sie nur ein unsichtbarer Teil dieser lauten Stadt, die ihr eigenes Leben lebte, während ihres keine Bedeutung hatte.
Und sie war für niemanden wichtig. Für absolut niemanden auf der ganzen weiten Welt!
Und dann auf einmal dieser Mann!
»Haben Sie auch kein Zuhause, wo Sie schlafen können? Ich habe schon mal eine Nacht auf so einer Bank verbracht. Morgen früh fahre ich wieder. Ich wohne außerhalb, hatte Spätschicht zu spät, da wars warm, aber heute ist es frisch! Aber egal, ich habe Butterbrote mit Wurst. Hier, nehmen Sie eins. Frisches Brot, gute Wurst, und ich hole gleich meine Thermosflasche raus. Heißen Tee mit Zucker, dann wirds warm.«
Aus dem Nichts änderte der Mann seinen Ton und drückte Hildegard ein Brot in die Hand. Sie wollte ablehnen, aber plötzlich merkte sie, wie hungrig sie war. Sie hatte kein Abendbrot gegessen, nicht mal richtig zu Mittag. Sie biss hinein und wie lecker! Schon lange hatte sie keine Wurst mehr gekauft Diät aber dieses Brot duftete, und die Wurst, mmh!
Der Mann grinste verschmitzt.
»Na, schmeckts? Hier, ich gieße Ihnen Tee ein, passen Sie auf, der ist heiß. Wie heißen Sie eigentlich?«
»Hildegard Bauer«, antwortete sie mit vollem Mund, und der Mann nickte freudig.
»Hildegard! Ich bin Onkel Dieter äh, ich meine, Dieter Schmidt. Früher in der Fabrik, dann als Wachmann, Nachtschicht. Passt schon, meine Mutter ist krank, alt geworden, für ihre Medikamente arbeite ich. Vielleicht lebt sie noch ein bisschen. Familie hatte ich auch, aber die ist weg. Sohn erwachsen, Frau zu nem anderen, na ja ich lebe halt!« Er seufzte, lächelte, aber seine Augen wurden plötzlich traurig.
»Hildegard, ist es weit zu Ihnen? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen? Für mich ists zu weit, nachts fährt keiner raus, doppelter Tarif ist zu teuer. Für Sie sollte es reichen.« Onkel Dieter grinste sie an, und plötzlich erinnerte sich Hildegard an einen Schulfreund, der ihr immer Brote mitbrachte, wenn sie Hunger hatte. Genauso hatte er geguckt gutmütig, ein bisschen spöttisch. Und jetzt fühlte sie sich wie damals, als gäbe es das ganze Leben dazwischen nicht. Kein Café »Goldener Herbst«, keine Rente.
Hildegard aß das Brot auf, trank den süßen, heißen Tee und sagte plötzlich sie selbst war überrascht:
»Kommen Sie mit zu mir, Onkel Dieter. Sie können doch nicht auf der Bank schlafen. Da sind meine Wohnung, kein Taxi nötig. Nehmen Sie Ihre Tasche, aber benehmen Sie sich anständig, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun! Ich mag zwar alt sein, aber schlagen kann ich noch!«
Der Mann starrte sie an, dann das Haus hinter ihr, dann wieder sie.
»Warum sitzen Sie dann hier draußen? Auf wen haben Sie gewartet?«
»Auf niemanden. Es gibt nichts mehr, worauf ich warten muss. Also kommen Sie jetzt oder nicht?« Hildegard drehte sich um und ging. Dieter Schmidt raffte sich auf, nahm seine Tasche.
»Na klar! Aber ich ich schlafe auf dem Boden, in der Ecke, und morgen früh bin ich weg. Danke, es ist wirklich kalt.« Er folgte ihr, kopfschüttelnd und verwundert.
Am nächsten Morgen weckte Hildegard ein seltsames Klopfen. Sie ging hinaus Dieter war schon wach, hatte auf der Küchencouch geschlafen und reparierte gerade die Toilettenspülung.
»Hildegard, Ihr Spülkasten tropft. Jetzt ist er dicht. Verdiene ich mir damit mein Frühstück?« Er reckte sich und grinste. Sie starrte ihn an. Ein fremder Mann in ihrem Bad, halbgraue, nasse Haare er hatte sich wohl gerade gewaschen. Und in ihr breitete sich eine seltsame Wärme aus.
»Na dann, Frühstück, Onkel Dieter. Verdient haben Sie es. Rührei mit Tomaten?« Hildegard lächelte. »Übrigens, meine Waschmaschine macht auch Probleme. Und dann wäre da noch«
So blieb Dieter Schmidt erstmal bei Hildegard Bauer bis zu seiner nächsten Schicht. Er rief seine Mutter an, der es gut ging, und blieb.
Jetzt leben sie zusammen. Dieter geht alle drei Tage zur Arbeit. Hildegard kocht ihm Gerichte aus der Café-Karte und wartet auf ihn. Abends küsst er ihr die Hand.
»Meine Wilde, ich habs doch verstanden du hast auf mich gewartet! Ich bin nicht zufällig zu spät gekommen, das war Schicksal! Tut mir leid, dass du so allein warst. Ich konnte dich doch nicht so lassen. Mein ganzes Leben lang wusste ich nicht, dass ich so lieben kann. Mensch, was für ein Glück!«
Sie besuchen oft seine Mutter, eine rüstige Achtzigjährige. Hildegard fühlt sich neben ihr wie ein Mädchen. Und wie sehr freut sich Maria Schmidt für ihren Sohn endlich hat auch ihr Dieti sein Glück gefunden. Endlich gibt es etwas, wofür es sich zu leben lohnt.

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Homy
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Ist Ihr Bus schon gekommen? – fragte der eilig dahinrennende Mann.
Herzhafter Familien‑Borschtsuppe.