Liselotte schaute die alte Frau verwirrt an:
Ich hab immer noch keine Ahnung, was Sie wollen.
Na, ich wollte mich nur vorstellen und dir ein paar Pfannkuchen zum Frühstück bringen, Nachbarin. Ich bin Katharina Petersen.
Um sieben Uhr morgens?
Ja, du musst doch zur Arbeit, wann sonst? Normale Leute frühstücken und gehen dann arbeiten.
Liselotte hielt sich nicht für normal. Sie arbeitete nachts und schlief erst mittags.
Sie ist Illustratorin, und in der stillen Nacht kommen die besten Ideen.
Jetzt ärgerte es sie umso mehr, dass die Nachbarin sie geweckt hatte. Sie wusste, dass sie jetzt kaum noch einschlafen würde das bedeutete null Produktivität heute.
Na dann, komm doch rein zum Kennenlernen. Ich geh nicht gleich zur Arbeit, also können wir ja einen Tee trinken.
Katharina ließ sich nicht lange überreden. Sie war allein und freute sich immer über ein Gespräch.
Liselotte, bist du erst eingezogen? Ich hab dich noch nicht gesehen.
Früher wohnte hier die Familie Vorbeck, dann stand die Wohnung leer. Warum sie leer stand, wenn man sie vermieten und Geld verdienen könnte?
Genau, das Geld zu machen! Ich habe die Wohnung übernommen, weil ich von zu Hause ausziehen wollte. Und jetzt bin ich hier.
Ich lebe hier schon seit meiner Hochzeit
Zwei Stunden lang erzählte Katharina von ihrem Leben. Liselotte wurde müde, aber die alte Dame einfach rauszuweisen, ging nicht man wollte ja nicht unhöflich sein.
Die Nachbarin war zwar freundlich, aber ziemlich geschwätzig. Als Liselotte anfing zu gähnen, meinte Katharina, sie gehe nach Hause:
Ach, ich rede ja zu viel, ich geh dann mal. Komm jederzeit vorbei, ich bin immer da. Meine Beine sind nicht mehr die besten.
Nachdem die Nachbarin gegangen war, ging Liselotte ein wenig durch das unbekannte Viertel. Sie hatte schon lange überlegt, auszuziehen. Ihre Eltern waren nicht glücklich mit ihrem Nachtdienst sie konnten schließlich nicht schlafen, wenn sie zu laut war.
Liselotte stört niemanden, sie malt leise in ihrem Zimmer. Vielleicht war das nur ein Vorwand, und die Eltern wollten einfach ihre erwachsene Tochter loswerden.
Mit 27 hatte sie nie daran gedacht, allein zu wohnen. Alles war in Ordnung, bis ihre Mutter im letzten Jahr ständig nörgelte: zu lange schlafen, nicht einkaufen gehen, nicht kochen, nicht aufs Landhaus fahren.
Die Nörgeleien eskalierten zu Streitereien, das Zusammenleben wurde unmöglich. Sobald sich eine gute Wohnung bot, sprang sie ohne zu überlegen um.
Nach dem Spaziergang hatte Liselotte überhaupt keine Lust mehr zu schlafen, sie wollte arbeiten aber das klappte nicht. Ein Klopfen an der Tür:
Liselotte, lass uns zusammen essen gehen, mir ist sonst ganz allein.
Ich wollte doch arbeiten gut, kommen wir.
Sie kam an dem Tag nicht an die Arbeit. Zum Glück waren die Deadlines nicht akut, also konnte sie ein bisschen faulenzen.
Am nächsten Morgen klopfte wieder jemand diesmal jedoch an die Wand.
Ach du meine Güte, hier soll ich überhaupt schlafen können?
Das Klopfen hörte nicht auf, also ging Liselotte in ein kleines Café in der Nähe, um zu frühstücken und vielleicht zu arbeiten.
Im Café seufzte sie traurig. Nur ein paar Tage ohne Eltern und sie vermisste das Zuhause schon. Sie wollte ihre Mutter anrufen, dachte dann aber, die würde sofort wieder einreden, dass sie nicht allein wohnen kann.
Im Café funktionierte das Arbeiten nicht. Die Passanten lenkten sie ständig ab. Sie brauchte Ruhe.
Als sie zurück zur Wohnung ging, traf sie wieder Katharina.
Oh, vielleicht haben wir dich ja geweckt? Mein Enkel wollte das Regal festmachen, aber er kann nur vormittags, abends geht nicht.
Ja, ich glaube, wir haben dich geweckt.
Dieses Nachbarschaftsgerede nervte Liselotte. Der Tag verging wie im Flug, das Zeichnen gelang nur halbherzig. Das eigenständige Leben schien immer absurder, und sie wünschte sich heimlich zurück zu ihrem alten Alltag.
Den ganzen nächsten Tag blieb sie in der Wohnung und arbeitete konzentriert, ohne auf das ständige Klopfen zu reagieren.
Am Abend hörte sie plötzlich ein Quietschen an der Tür. Als sie in den Flur schaute, erstarrte sie die Tür war verschwunden, nur ein Loch war übrig.
Ach, mein Kind, ich habe mich sowas nur erschrocken! Ich dachte, etwas ist passiert, also habe ich den Handwerker gerufen. Jetzt kostet das Ganze das Doppelte.
Liselotte war sprachlos. Sie wollte der alten Frau die Schuld geben, aber irgendwie schien Katharina doch besorgt um sie zu sein.
Die Reparatur dauerte bis Mitternacht und kostete sie das Doppelte des üblichen Preises.
Ein paar Tage verliefen ruhig. Katharina war bei Verwandten und ließ Liselotte in Frieden.
Doch das Unheil kam zurück, diesmal mit Katharinas Enkel. Der dröhnte den ganzen Tag laute Musik.
Könnt ihr das bitte leiser machen? fluchte Liselotte, die Geduld war am Ende.
Ach, stört dich der Jannik? Dann setz dir einfach Ohrstöpsel rein, dann hörst du nichts. Er fährt bald weg.
Der Enkel blieb eine Woche, und in der Zeit ging Liselotte nur noch spazieren und schlafen, weil das Zuhause zu laut war.
Sie hatte erst einen Monat dort gelebt und wollte schon weglaufen.
Katharina, könnten Sie bitte nicht mehr zu mir kommen? Sie stören mich tagsüber beim Schlafen und abends beim Arbeiten.
Wenn ich etwas brauche, komme ich selbst zu dir.
Katharina zog die Lippen zusammen und ging. Liselotte war erleichtert, dachte, jetzt wird es ruhiger.
Doch am nächsten Morgen klopfte wieder jemand an die Tür.
Frau Simons? Ich bin der örtliche Bezirksleiter, Ilya Nikolajewitsch Zazepin. Es liegt eine Beschwerde gegen Sie vor.
Gegen mich? Von wem? Ich mache doch nichts!
Die Nachbarn sagen, du störst sie nachts, drohst ihnen.
Liselotte war empört.
Wem denn soll ich das Leben unmöglich machen?
Katharina lugte aus ihrer Wohnung:
Guten Tag, Herr Zazepin! Diese laute Nachbarin ist jetzt unser Problem. Wir haben angerufen, aber die anderen wollen nicht hören.
Darf ich reinkommen?
Liselotte trat zur Seite. Der Bezirksleiter hielt Katharina zurück.
Gehen Sie bitte nach Hause, Frau Petersen. Ich kläre das.
Seien Sie doch etwas strenger mit der Jugend!
Liselotte verstand nicht, wie die nette, freundliche Nachbarin plötzlich zur wütenden alten Dame wurde. Der Bezirksleiter war ein junger, netter Mann.
Sie sollten doch ausziehen, Liselotte, das Leben hier wird Ihnen nichts geben.
Wer gibt mir nichts? Katharina?
Genau die.
Dann erzählte er, dass die Vorbeck-Familie, deren Wohnung Liselotte bewohnt hatte, die Wohnung verkaufen und in eine andere Stadt ziehen wollten. Katharina wollte sie für ihren Enkel kaufen, aber die Vorbecks weigerten sich.
Jahre lang hatten die Nachbarn genug von Katharina, also verkauften sie die Wohnung nicht. Stattdessen vermieteten sie sie. Die Wohnungen wurden zu Müllhalden, weil Katharina obdachlose Leute hineinließ.
Vielleicht kaufe ich doch? brachte Katharina ein.
Die Vorbecks waren wütend und weigerten sich weiter. Sie wollten die Wohnung doch nur vermieten, egal wie die Mieter waren.
Doch Katharina beschwerte sich immer wieder bei allen Behörden über die Mieter, und die Leute zogen aus. Sie freute sich.
Liselotte hörte das alles und staunte: Wie kann man so zweischneidig sein?
Weißt du, ich bleibe doch hier. funkelte sie. Wenn ich diese alte Frau besiege, kann ich alles schaffen!
Der Bezirksleiter sah traurig weg und ging. Solche draufgängerischen Menschen enden selten gut.
Doch Liselotte schaffte es. Sie kontaktierte die Vorbecks, kaufte die Wohnung und nahm damit die Schulden auf das schreckte sie nicht.
Dann erzählte sie den Nachbarn, dass Katharina sehr krank sei und Hilfe brauche. Auch das Sozialamt wurde informiert.
Plötzlich kamen Leute zu Katharina, boten Hilfe an. Zuerst wehrte sie sich, dann ließ sie es zu. Sie spielte die hilflose Alte, genoss die Aufmerksamkeit.
Jetzt konnte Liselotte endlich in Ruhe arbeiten und leben. Sie versöhnte sich mit ihren Eltern, richtete ihre Wohnung ein und sogar der Bezirksleiter kam öfter zu Besuch.
Wenn sie zusammen mit Katharina unterwegs waren, zwinkerte die alte Frau und sagte:
Na, Liselotte, du bist ja wirklich schlau.





