Ein alter Mann, etwa siebzig Jahre alt, mit silbergrauem Haar, schlenderte langsam die Gehege des Tierheims in Köln entlang, als suchte er nach etwas. Die Tierheimmitarbeiterin, die ihn in den letzten Wochen schon mehrfach gesehen hatte, trat zu ihm.
Kann ich Ihnen helfen? fragte sie vorsichtig. Suchen Sie jemanden?
Ach nein, machen Sie sich keine Sorgen, erwiderte er leise. Ich schaue nur ein wenig. Wenn das in Ordnung ist
Natürlich, schauen Sie, so lange Sie wollen, sagte sie überrascht.
Der Mann ging gemächlich weiter, blieb an jedem Gehege stehen und blickte lange in die Augen der Hunde, als wollte er deren Schicksal erahnen. Nach mehreren Runden blieb er schließlich vor einem bestimmten Gehege stehen.
In einer Ecke, an die Wand gelehnt, saß ein Hund. Er unterschied sich von den anderen er wedelte nicht mit dem Schwanz, blickte nicht flehend, sondern starrte nur in die Ferne, als seien seine Gedanken weit weg.
Was ist mit ihr? fragte der Mann.
Das ist Berta. Sie ist etwa sechs Jahre alt, kommt erst seit kurzem zu uns. Ein Auto hat sie überfahren, die Besitzerin hat sie zurückgelassen. Eine Nachbarin brachte sie hierher. Wir haben sie operiert, konnten ihr aber das Bein nicht retten, erklärte die Mitarbeiterin.
Sie kann also nicht mehr laufen? fragte er.
Sie kann gehen, aber seit sie hier ist, hat sie das Gehege nie verlassen. Vielleicht fürchtet sie sich.
Der Mann sah sie lange an.
Darf ich sie zu mir nehmen? flüsterte er fast flehend.
Die Frau blickte ihn skeptisch an und dachte: *Wo willst du sie hinbringen, alter Mann? Du hinkst selbst kaum. Wenn etwas passiert, landet sie wieder auf der Straße.*
Wir überlegen es und geben Ihnen morgen Bescheid, sagte sie.
In Ordnung dann komme ich morgen wieder. Auf Wiedersehen.
Er ging mit lahmem Schritt davon.
Am nächsten Morgen, noch bevor das Tierheim öffnete, stand er bereits am Tor.
Ach, Sie wieder, sagte die Frau. Wir haben mit der Leiterin gesprochen. Wir können Ihnen den Hund nicht geben. Er braucht besondere Pflege.
Der Mann senkte den Kopf. Tränen glitzerten in seinen Augen. Ohne ein Wort drehte er sich um und ging.
Nach dem Mittagessen räumten die Angestellten die Gehege auf und sahen ihn erneut. Er stand vor Bertas Gehege und sprach leise mit ihr. Die Frau wiederholte, dass sie ihm den Hund nicht überlassen könne. Er nickte nur und blieb.
So vergingen Tage, dann Wochen, bis zu einem Monat. Jeden Tag kam er, setzte sich zu Berta, erzählte ihr leise Geschichten, schwiege oder flüsterte ihr etwas zu. Das Personal gewöhnte sich an seine Gegenwart.
Eines Tages sagte die Leiterin: Anna, gib sie ihm. Sie geht doch nie raus. Vielleicht vertraut sie nur ihm.
Anna öffnete das Gehege. Der alte Mann trat ein, setzte sich neben Berta Und nach einer Minute verließen sie das Tierheim gemeinsam.
Die Frauen konnten ihr Erstaunen nicht verbergen. Der Hund, der monatelang keinen Schritt nach draußen gewagt hatte, ging nun an der Seite des alten Mannes, blieb kurz, um zu ruhen, und setzte dann seinen Weg fort.
So begann die Freundschaft zwischen Berta und Wilhelm Friedrich. Er kam täglich. Sie erkannte nur ihn. Sie spazierten zusammen, saßen unter Bäumen, blickten gemeinsam in die Ferne mit demselben stillen, traurigen Blick. Und wenn sie zum Tierheim zurückkehrten, hielten sie lange Augenkontakt, als wäre das Abschiednehmen schwer für beide.
Nach einigen Monaten bot die Leiterin Wilhelm an, Berta für immer mitzunehmen. Doch er lehnte ab. Keiner verstand, warum er sie nicht behalten wollte, obwohl er sie doch so sehr retten wollte. Der alte Mann wollte nicht erklären. Er wandte sich nur ab, damit niemand seine Tränen sah.
Eines Tages beschloss Anna ihm zu folgen. Der hinkende Mann ging fast durch die ganze Stadt, bis zum Rand von Köln. Sie folgte ihm fast eine Stunde, bis er ein altes Gebäude betrat. Vor der Tür hing ein Schild:
Altenheim St. Marien Pflege für Senioren.
Sie trat ein, sprach mit der Heimleiterin. Man erzählte ihr, dass Wilhelm seit über zehn Jahren dort lebte, nach einem schweren Unfall ein Bein verloren hatte und seine Tochter ihn hierher gebracht hatte und seither nie wieder gesehen wurde.
Als Anna das Haus verließ, brachen ihr die Tränen über das Gesicht. Sie war die Frau, die ihren Mann und ihren Sohn verloren hatte, die das Tierheim für zweihundert Hunde gegründet hatte, um weiterleben zu können, die unzählige verlassene Tiere gesehen hatte und nun sah sie einen verlassenen Vater.
Sie weinte den ganzen Rückweg.
An diesem Tag traf sie die einzige richtige Entscheidung.
Die Zeit verging. Und heute erwachte sie glücklich. Sie ging in die Küche, ließ den Wasserkocher singen und trat auf den Balkon.
Papa, passen Sie bitte auf den Schnee auf, wenn Sie mit Berta laufen! Sie sind nicht mehr jung. Berta ist erst fünfzehn, aber Sie sind jetzt achtzig!
Ach, sei doch nicht so streng, meine Tochter! Wir fühlen uns beide erst achtzehn!
Und während sie lachten, wurde ihnen klar: Liebe und Verantwortung kennen kein Alter, und das Herz, das gibt, bleibt jung, egal wie viele Winter es bereits erlebt hat.





