Wir sind keine stolzen Menschen

Die Schwiegermutter erinnerte sich noch genau an das Gespräch mit dieser unangenehmen Frau, die nun die Frau ihres Sohnes Ludwig war. Sie hatte damals alles versucht, um ihren geliebten Sohn von dieser Heirat abzubringen. Doch es half nichts Zumindest vorerst. Und überhaupt, diese Provinzlerin nahm sich viel zu viel heraus.

Hören Sie mal, Gerda Hildegard. Warum geben Sie sich als weise Mutter? Ich sehe doch, dass Sie mich nicht ausstehen können. Und das nur, weil ich Sie durchschaue und mich Ihnen nicht beuge. Wieso kommen Sie eigentlich jeden Abend ungefragt in unsere Wohnung? Wir leben nicht von Ihrem Geld!, hatte diese freche Göre damals gesagt.

Was? Du unterstehst dich, mir Vorträge zu halten? Warte nur, bis du so alt bist wie ich, fing Gerda Hildegard an zu kochen. Ihre oberflächliche Anpassungsfähigkeit und der Hauch von Bildung fielen von ihr ab wie eine Maske.

Plötzlich war sie wieder sie selbst eine engstirnige Spießbürgerin, die ihr Leben nur nach einem Prinzip lebte: möglichst süß und bequem. Und wen sie dafür moralisch zerstören musste das war ihr egal. Jeder war sich selbst der Nächste.

Gerda Hildegard, Ludwig und ich lieben uns. Und ich habe bemerkt, dass Ihre Gespräche ihn belasten. Ist es Ihnen nicht genug, dass Sie seinen Vater rausgeworfen und ihn überredet haben, Ihnen seinen Anteil an der Wohnung zu überlassen? Jetzt wollen Sie auch noch seinem Leben im Weg stehen? Haben Sie ein bisschen Mitleid mit Ihrem Sohn! Wenn Sie ihn schon nicht lieben geben Sie ihm wenigstens die Chance, von einer anderen Frau geliebt zu werden, sagte die schamlose Monika.

Aha, jetzt singst du ein anderes Lied! Dann sage ich dir auch mal die Meinung, du Hungerleiderin! Wer bist du überhaupt? Aus welchem Kuhdorf kommst du denn? Du bist doch gar nichts. Morgen kannst du deinen Job verlieren und auf der Straße sitzen, du kleine Schauspielerin. Und du wagst es, mir Vorschriften zu machen?, explodierte Gerda Hildegard.

Ach, so messen Sie also Anstand und Würde?, gab Monika nicht nach. Wenn Sie eine Wohnung einkassiert und alle rausgeschmissen haben, sind Sie eine feine Dame? Aber wenn ich mein Geld ehrlich verdiene, ist das schlecht? Nicht jeder hat es geschafft, sich einen Mann mit Wohnung zu angeln und ihn dann schamlos auszunehmen! Und nur damit Sie es wissen ich weiß genau, dass Sie auch nicht aus Berlin stammen. Monika traf Gerda Hildegard an ihrer wundesten Stelle.

Die war tatsächlich vor langer Zeit aus einem tiefsten Dorf hierhergekommen ohne Bildung, ohne Beruf.

Du wirst niemals mit meinem Sohn zusammen sein! Eine Mutter ist heilig! Raus hier!!! Gerda hatte keine Argumente mehr und spielte ihre letzten Trümpfe aus, gegen die schwer zu argumentieren war.

Monika schnaubte nur und sagte kein Wort mehr. Doch der Streit änderte nichts an der Beziehung der beiden. Ludwig und Monika heirateten trotzdem.

Aber Gerda Hildegard gab nicht auf. Als Monika ihr Baby bekam, begann sie, Ludwig systematisch gegen seine Frau aufzuhetzen. Am Ende ließen sie sich scheiden Ihr kleiner Max war gerade vier Jahre alt

Doch Gerda Hildegard hatte immer noch Angst, dass ihr Sohn zu dieser frechen Schauspielerin zurückkehren würde. Sie wusste, dass er Monika und Max manchmal traf. Und sogar Unterhalt zahlte.

Was sie nicht wusste: Ludwig und Monika lebten weiterhin zusammen und zogen Max groß. Während Gerda Hildegard dachte, ihr Sohn arbeite in einer anderen Stadt

Dieser geniale Plan war nicht nur wegen Ludwigs übler Mutter entstanden. Vor der Hochzeit war er in große Schwierigkeiten geraten und hatte Schulden angehäuft. Das war lange vor der Scheidung gewesen.

Monika hatte Ludwig damals gewarnt, nicht mit seinem Freund Stephan ein Geschäft anzufangen.

Ludwig, was fällt dir ein? Dieser Stephan ist ein richtiger Hai. Und du bist dagegen ein naives Küken. Lass die Finger davon! Als ich ihn sah, wusste ich sofort für ihn bist du kein Mensch. Er zermalmt dich und merkt es nicht einmal, hatte Monika gesagt.

Ach, Moni, übertreib nicht. Stephan ist ein klasse Typ. Wir Männer müssen zusammenhalten. Er hat recht nur so können wir uns in dieser Welt behaupten.

Ich sage dir, Stephan will dich nur ausnutzen. Er weiß, dass du von Männerfreundschaften schwärmst. Wann verstehst du endlich, dass Anstand nichts mit Geschlecht zu tun hat?, entgegnete Monika.

Er hatte nicht weiterdiskutiert und es trotzdem getan. Ein Fehler. Stephan machte ihn zum Direktor einer Scheinfirma, zog dann alle Gelder ab, ließ Ludwig mit den Schulden sitzen und ging nicht mehr ans Telefon

Besser wäre es gewesen, er hätte sich mit einem bescheidenen Gehalt zufriedengegeben. Wenigstens hätte er seiner Familie nicht geschadet.

Dann hatten Monika und Ludwig ihren Plan geschmiedet zwei Fliegen mit einer Klappe.

Ludwigs Mutter war zufrieden, dass er geschieden war. Und Monika und Max waren vor seinen Gläubigern sicher

Offiziell wohnte Ludwig in einem Werkswohnheim, wo er wieder angestellt war. Doch abends kam er in ihr gemütliches Zimmer, wo Frau und Sohn auf ihn warteten.

Ludwig war glücklich. Doch einmal im Monat musste er seine Mutter besuchen angeblich von einer Dienstreise zurück. Und sie hörte nicht auf, ihn zu verheiraten, indem sie ihm passende Frauen vorstellte.

Könntest du deiner Mutter nicht von den Schulden erzählen? Und von uns?, schlug Monika vor.

Nein Das würde sie zu sehr aufregen. Wir müssen eine andere Lösung finden , seufzte Ludwig.

Aber welche? Wir können doch nicht ewig im Versteck leben! Was für eine Untergrund-Familie!, jammerte Monika.

Sie sah keinen Ausweg. Sie selbst jobbte, das meiste von Ludwigs Gehalt ging für die Schulden drauf. Sie waren fast pleite. Und es gab kein Licht am Horizont. Manchmal bot Ludwig an, sie zu verlassen Doch Monika liebte ihn.

Moni, wie lange willst du ihn noch durchfüttern? Du hast selbst nichts außer Problemen. Du mietest ein Zimmer von deinem Geld. Und ernährst ihn noch dazu Warum tust du dir das an? Ihr seid doch nicht mal mehr verheiratet!, sagte Monikas Mutter, eine einfache Lehrerin.

Sie wollte ihre Tochter und Enkel in ihre Einzimmerwohnung holen. Aber ohne Ludwig.

Mutti, du weißt, wie sehr ich ihn liebe Wir haben einen Sohn. Ich kann ihn nicht im Stich lassen!, erklärte Monika.

Ihre Mutter hatte sie alleine großgezogen. Natürlich machte sie sich Sorgen. Sie dachte, ein Ultimatum würde Monika dazu bringen, diesen Problemvater loszuwerden. Doch weit gefehlt Da reifte in ihr ein Plan

Na, Gerda Hildegard So sieht die Lage aus, sagte Monikas Mutter, Helga Brigitte, die extra aus der Provinz angereist war, um heimlich mit der Schwiegermutter zu reden.

Er hat Schulden? Und mein Sohn lebt mit der! Und hat mich belogen?, Gerda Hildegards Empörung kannte keine Grenzen.

Ja, und stellen Sie sich vor, meine Tochter hilft ihm sogar von ihrem kargen Lohn, füttert ihn, zahlt die Miete Darum wollte ich mit Ihnen reden. Obwohl Monika es mir verboten hat!

Und er lügt mir vor, er arbeite in einer anderen Stadt Dieser Halunke!, schimpfte Gerda Hildegard.

Was tun wir jetzt? Wir sind die ältere Generation. Wir müssen der Jugend helfen!, sagte Helga Brigitte.

Aber wie?, fragte Gerda Hildegard verblüfft.

Wir werfen zusammen Ich habe zwar nicht viel gespart Aber für meine Tochter Und meinen Enkel. Helga Brigitte schlug vor, sich die Summe zu teilen damit es fair blieb.

Sie sind wohl nicht ganz bei Trost! Mein Sohn ist erwachsen. Ich habe ihn großgezogen. Das reicht! Keinen Cent! Ich will ihn nicht mehr sehen! Die bloße Vorstellung, Ludwig zu helfen, war Gerda Hildegard unerträglich.

Na gut Dann zieht eben zu mir! Eng, aber herzlich, sagte Helga Brigitte nach der Standpauke. Für die Tochter tat man alles. Und sie waren ja keine stolzen Leute.

Ich habe nichts dagegen , seufzte Monika.

Was bleibt uns anderes übrig? Entschuldigen Sie, Helga Brigitte Meine Mutter und ich haben uns auf der Hochzeit nicht gut benommen

Ludwig erinnerte sich, wie er über die provinziellen Verwandten gelacht hatte, die nicht mit Messer und Gabel essen konnten. Jetzt wusste er das war völlig egal.

Du brauchst mir nicht mehr unter die Augen zu treten Aber meine Tochter braucht Hilfe!, rief Helga Brigitte ihren Ex-Mann an.

Helga, natürlich helfe ich. Monika ist mein einziges Kind. Was soll ich tun?, fragte Jürgen.

Die beiden haben kein Zuhause Und Geld bräuchten sie auch.

Sie wusste, dass Jürgen im Baugewerbe erfolgreich war. Trotzdem erwartete sie eine Absage. Ihr Ex war bekannt für seine Knausrigkeit.

Wie viel brauchen sie?, fragte Jürgen.

So viel du kannst , seufzte Helga.

Sie nannte die Summe von Ludwigs Schulden. Und dachte: Selbst wenn Monikas Vater hilft und Ludwig sie dann doch verlässt Wenigstens leben sie eine Weile ohne Schulden.

Gut, ich helfe Aber unter einer Bedingung , sagte Jürgen.

Hoffentlich eine machbare?, fragte Helga.

Ich möchte dich persönlich treffen.

Nur wenn du nicht ankommst , kicherte Helga plötzlich wie ein junges Mädchen.

… Jahre vergingen … Als Max achtzehn wurde, versammelte sich die ganze Familie. Helga und Jürgen hielten Händchen. Die Liebe war auf wundersame Weise zurückgekehrt

Helga hatte lange widerstanden. Doch nach vielen Romanzen heirateten sie wieder.

Ludwig und Monika waren noch immer zusammen. Und hatten erneut geheiratet. Doch die Schwiegermutter bestand darauf, dass die Hochzeit erst stattfand, nachdem Monika die Wohnung ihres Vaters übernommen hatte.

Ludwig war zur Vernunft gekommen. Machte keine Dummheiten mehr. Und arbeitete im öffentlichen Dienst.

So, sind alle da?, fragte Max.

Da klingelte es. Max öffnete und alle staunten: Gerda Hildegard stand in der Tür.

Du hast sie eingeladen? Max, wir hatten doch darüber gesprochen , sagte Monika vorwurfsvoll.

Mama, tut mir leid Sie hat mich angerufen. Sie ist so einsam!, errötete Max.

Und ein Entschuldigung hätte nicht früher kommen können?, fragte Helga Brigitte.

Ach, Helga Ohne sie wären wir nicht zusammen. Und überhaupt wer ohne Sünde ist , sagte Jürgen.

Mutter, warum das Theater?, fragte Ludwig stirnrunzelnd.

Ich wollte mich nur entschuldigen , sagte Gerda Hildegard kleinlaut.

Sie hatte jahrelang gewartet, dass sie anflehen würden. Doch als nichts geschah, wurde die Einsamkeit unerträglich:

Ich dachte, ihr würdet betteln Mich auf den Knien anflehen Ich bin doch nicht so schlimm. Verzeiht mir

Es wurde still. Dann schenkte jemand Tee ein. Schob ihr die Snacks hin.

In dieser Familie konnte immer noch niemand richtig mit Messer und Gabel essen. Dafür gab es Großherzigkeit, Glück. Und Vergebung.

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Homy
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Das Kristallkätzchen