Das Kristallkätzchen

Der Kristallkater

Drei Schwestern am Fenster…

Mama, das ist doch wie bei euch, oder?

Vera seufzte.

Fast. Willst du heute noch schlafen? Ich muss nachher noch arbeiten. Und du wirst morgen auf dem Fest mit hängendem Kopf gähnen.

Oh! Schon gut, ich schlaf ja! Paulinchen vergrub sich eilig unter die Decke, lugte aber gleich wieder mit der kleinen Stupsnase hervor. Gibts denn Luftballons? Kommt Mia? Und…

Vera packte das Mädchen, wickelte sie fest ins Bett und überschüttete sie mit Küssen, ohne die Proteste zu beachten.

Ab ins Bett mit dir! Morgen erfährst du alles.

Sie stand auf, drückte Paulina den geliebten Teddy in die ausgestreckten Hände und verließ das Zimmer, während sie das Nachtlicht einschaltete. Paulina hatte immer noch Angst im Dunkeln, und Vera achtete darauf, dass im ganzen Haus irgendwo ein Licht brannte.

Unten schloss Vera leise die Küchentür und klappte den Laptop auf. Eigentlich stand eine Menge an aber ein paar Minuten saß sie einfach nur still da, um ihre Gedanken zu sortieren. Der morgige Tag würde nicht leicht. Und nicht nur, weil Paulina Geburtstag hatte und alles organisiert werden musste. Das machte Vera natürlich glücklich. Sie liebte Feste, und erst recht, wenn es um ihre Tochter ging Aber morgen kommt die Verwandtschaft und da vergeht einem der Appetit auf Torte. Entschlossen schüttelte Vera den Kopf und griff nach dem Wasserkocher. Schluss jetzt. Erst mal eins nach dem andern. Das Wichtigste war: Der Jahresabschluss läuft nicht von allein. Sie setzte ihre Teetasse neben das Notebook und holte einen Stapel Unterlagen aus der Tasche. Gut, dass sie mal auf Oma gehört und Buchhaltung gemacht hatte. Hätte sie sich wie erträumt für Ozeanographie entschieden das Leben wäre sicher spannender, aber bestimmt viel ungewisser. Einen Moment schloss Vera die Augen, stellte sich das Meer vor und lächelte. Nicht mehr lange, dann fliegen sie in den Urlaub. Wenn, ja, nicht wieder irgendwas dazwischenkommt Sie atmete tief aus und stürzte sich in ihre Zahlen.

Vera war das Wunschkind von Lieselotte und Walter Klingemann. Als sie endlich kam, feierte die ganze Familie. Die Omas jubelten, die Eltern schauten jeden Tag verliebt auf ihre Pausbacke.

Jetzt gleich das Nächste! Damit sie nicht alleine ist! rieten die Großmütter regelmäßig. Lieselotte hörte auf sie.

Mit der Mittleren, Nadja, war der Abstand zu Vera praktisch nicht erwähnenswert. Sie waren die besten Freundinnen, liebten und stritten sich natürlich auch. Am Anfang machte das gar nichts. Sie spornten sich gegenseitig an und freuten sich für die andere. Lieselotte passte auf, dass die Mädchen nicht in Streit gerieten, und predigte ihnen ständig: Näher als ihr, seid ihr niemandem auf der Welt.

Sie überredete den Direktor, dass beide in eine Klasse kamen. So saßen die Mädchen am ersten Schultag nebeneinander, tippten sich gegenseitig mit den neuen Lackschühchen an. Ich bin da, keine Angst! Vera war nervöser als Nadja sie war eben immer sehr verantwortungsvoll. Nadja konnte auf halber Strecke zur Hausaufgabe kurzerhand zum Fenster rausgucken und Vögel zählen. Vera aber stand nicht eher vom Tisch, bis alles erledigt war.

Vera, wo ist dein Heft? Du hast doch Mathe schon gemacht? Gib her, ich schreib ab und dann gehen wir raus!

Machs selber! und Vera zog das Heft weg. Sonst setzt uns Frau Grafenstein bei der Klassenarbeit auseinander, wie beim letzten Mal und dann? Soll ich dir das nochmal erklären?

Nadja blies beleidigt die Backen auf. Doch das hielt nie lange. Kurze Zeit später zerrte sie Vera schon wieder zum Eislaufen oder Enten füttern an den Stadtteich.

Im sechsten Schuljahr kam die kleine Schwester Luise dazu. Lieselotte hatte niemals vor, noch ein Kind zu bekommen, und war zunächst gar nicht begeistert.

Schon wieder von vorn! Walter, ich bin doch nicht mehr die Jüngste.

Ach, du hast doch zwei Helferinnen und ich bin ja auch da. Und stell dir vor, vielleicht wirds ein Junge? Das wär doch was!

Es wurde kein Junge, sondern Luise. Schreihalsig, anspruchsvoll, grundverschieden von den Großen, dass Lieselotte erstmal gar nicht klarkam. Doch bald merkten Vera und Nadja die Hauptperson in diesem Haus war fortan Luise.

Lieselotte fiel selbst schnell auf, wie anders Spät-Mutterschaft war. Bei den Älteren sehnte sie sich nach einer Minute Ruhe nun genoss sie die Babypflichten, alles andere trat zurück. Irgendwie gehörten auch die Großen zu den Störern. Sie jagte sie dauernd mit kleinen Aufträgen durch die Gegend und vergaß darüber, was in ihrem Leben sonst noch passiert. Und so ließ sie den Moment ziehen, in dem sich zwischen den Schwestern die berühmte schwarze Katze schlich.

Die Katze hieß Sebastian, wohnte einen Hinterhof weiter und war den Mädchen völlig egal, bis Vera 16 wurde. Sie hastete nach dem Sport nach Hause, als Sebastian sie unten abfing.

Vera, ich muss mal mit dir reden, wirklich dringend Er trat unsicher von einem Bein auf das andere, verlegen unter ihren ruhigen grauen Blicken.

Sie musterte ihn eine Weile, lächelte dann sanft:

Hab leider keine Zeit. Mama wartet auf mich. Um sechs am Treppenhaus.

Das strahlte er los.

Du gefällst mir!

Das hab ich schon kapiert, klang ihr silbriges Lachen durch die Lindenallee. Und Vera verschwand.

Wem sollte sie das alles erzählen? Das erste Seufzen über einen doch noch fremden, plötzlich eigenen Jungen. Das erste Date, bei dem man nicht weiß, wohin mit den Händen und nicht wagt, aufzuschauen. Der erste Kuss, gefürchtet aber so süß Natürlich gab sie es Nadja preis. Na, nicht sofort. Doch Nadja merkte bald, da brodelt was, und ließ nicht locker, bis Vera endlich von Sebastian berichtete.

Warum ausgerechnet sie auf einmal selbst Sebastian wollte, verstand Nadja später nicht. Sie mochte ihn gar nicht aber jetzt war es das Wichtigste, ihm aufzufallen.

Vera begriff es erst, als es zu spät war. Sie sah Sebastian und Nadja im Hof knutschen und ging einfach vorbei, wortlos. Zu Hause sperrte sie sich im Zimmer ein, hörte nicht auf die empörten Schreie von Luise draußen.

Vera! Was soll das?! Lass Luise sofort in dein Zimmer! Lieselotte polterte gegen die Tür.

Vera war immer die Brave gewesen. Sie öffnete der Mutter Lieselotte sah plötzlich ins bodenlose Loch und begriff zum ersten Mal, was Schmerz ist. Sanft schob sie Luise wieder raus und verschloss die Tür.

Vera, was ist denn, Kind? Sie hätte fast geweint.

Mama, es tut weh. Vera umklammerte sich mit den Armen. Wieso? Warum tut Nadja das?

Nachdem alles geklärt war, nahm sie Vera in den Arm.

Mein Liebling… was kann ich für dich tun?

Vera starrte mit trockenen Augen zum Fenster und schwieg. Wie soll man das ausdrücken, was gerade verbrennt? Unmöglich.

Hilf mir, Sachen zu packen. Ich zieh erst mal zu Oma. Ich kann es hier grad nicht aushalten.

Verschneite Nadja stürmte herein und stieß mit Vera samt Koffer zusammen.

Oh! Ziehst du aus?

Vera wich ihr wortlos aus und verließ das Elternhaus für immer. Lieselotte, mit Tränen in den Wimpern, setzte Nadja eine schallende Ohrfeige.

Wie konntest du nur!

Nadja hielt sich die Wange. Lieselotte nahm Luise an sich und polterte so heftig die Tür zu, dass der Kristallleuchter in der Stube leise klimperte.

Lang beleidigt war bei den Klingemanns niemand. Nach zwei Wochen sprach Lieselotte wieder mit Nadja. Vera brauchte über zwei Jahre, um mit der Schwester wieder zu reden. Wer weiß, vielleicht hätte sie sie immer noch geschnitten, aber Lieselotte wurde schwer krank. Die Töchter mussten zusammenhalten, um die Mutter aus dem Sumpf zu holen.

Es tut mir leid Nadja starrte auf ihre Hände, die jetzt so stark zitterten.

Im Krankenhauspark warteten sie auf das OP-Ende.

Was war, ist vorbei… Vera wandte sich zu ihr.

Nadja spürte: Vergeben, ja, vergessen niemals.

Scheu legte sie die Hand ans dünne Handgelenk der Schwester, erstaunt, dass ihre Finger nicht zitterten. Vera zog die Hand nicht zurück, antwortete aber auch nicht. Sie saßen einfach da, stundenlang, bis der Vater endlich heraustrat: Alles gut überstanden, nur noch Geduld.

Die Schwestern teilten sich die Zeit. Vera kam jetzt oft vorbei, half im Haushalt, kümmerte sich um Luise und merkte, wie egozentrisch und wild diese war. Was sie wollte, machte sie, niemand hatte bei Luise was zu melden. Nicht die Schwestern, nicht die Eltern.

Lieselotte wurde wieder gesund und das Leben trieb alle auseinander. Vera zog nach Hannover zu ihrer Oma väterlicherseits, die starb nur ein Jahr nach Veras Einzug und hinterließ ihr die großzügige Altbauwohnung.

Leb dein Leben, Kind! Und folge deinem Herzen. Selbst die Liebsten können zu Fremden werden, wenn es um ihr eigenes Reich geht.

Vera lächelte nur wem sollte sie das erklären? Über Privates schwieg sie gegenüber Oma.

Ein paar Jahre später heiratete sie ganz heimlich, ohne Gäste oder Tamtam. Andreas und sie feierten zu zweit. Andreas hatte keine Verwandten mehr, Vera wollte ihre nicht einladen.

Ihr Eheleben war ruhig und liebevoll. Nur das eine fehlte: Kinder. Beide wünschten sich ein Kind, doch es klappte nicht. Die Ärzte zuckten nur ratlos die Achseln.

Dann warten wir halt! blieb Vera zuversichtlich.

Die Zeit verging. Als sie erwogen, ein Kind zu adoptieren, kam wie immer im Leben alles anders.

Vera hielt sporadisch Kontakt per Postkarten. Ein paar Mal besuchten sie Lieselotte und Walter, doch ihr Schwiegersohn war für die Familie unsichtbar, weshalb Vera irgendwann beschloss, dass ihre Verwandten nichts mehr mit ihrem Leben zu reden hatten.

Ich hab ihn gewählt. Ihr müsst euch nun damit abfinden, Mama.

Vera, du bist doch dein eigener Mensch. Aber mit deiner Begabung, deiner Schönheit mit ihm? Ach, was hättest du für Möglichkeiten…

Vera hätte es ihr nicht erklären können: Andreas war ihre Ruhe, ihr Glück. Auch wenn sie inzwischen Chef-Buchhalterin war, er als Busfahrer arbeitete sie hatten nie Streit über wer hat das Sagen. Sie hattens einfach gut. Sollte irgendwas passieren er wäre da. Er pflegte sie, wenn sie krank war, half im Haushalt, kochte und wusch Geschirr, ohne zu meckern.

Du hast echt Glück mit deinem Typen, seufzte Nadja, während sie mit einem Kind auf dem Arm dem anderen hinterherrannte. Würde mir hier auch nicht schaden. Meiner kann nur kommandieren: Hier nicht sauber, da was vergessen…

Vera hörte das Gejammer weg. Sie wusste, es war Show. Nadja war zufrieden ganz anders Luise.

Luise wurde wunderschön vielleicht sogar zu schön. Die Großen waren auch hübsch, doch neben ihr wirkten sie blass.

Unsere Luise, eine richtige Königin! Lieselotte stolzierte um sie herum, während Luise lässig im Sessel lümmelte, die Schwestern rackerten am Festessen. Es war Jubiläum der Eltern, die Verwandtschaft kam gleich. Solche Runden hasste Luise. Zehn Minuten höflicher Smalltalk und alle Komplimente abräumen dann raus aus dem Haus. Eltern hin oder her.

Nach dem Abi war für Luise klar:

Studieren? Ich werde Model! Und dann wurde losgelegt.

Nur, dass man als Model noch mehr ackern muss, hatte sie nicht bedacht. Auf Dauer wurde ihr der Trubel zu viel. Sie lernte einen ernsthaften Geschäftsmann kennen und zog in seine Wohnung, nach drei Tagen Beziehung. Dass er Frau und zwei Kinder hatte na und? Den zaghaften Versuch ihrer Mutter, sie umzustimmen, blockte Luise ab:

Lass mich! Nur dann seh ich euch noch ab und zu, wenn ihr euch nicht einmischt.

Sie wollte alles und bekam so gut wie nichts. Um ihn an sich zu binden, wurde sie schwanger. Doch das Märchen endete prompt.

Luise schimpfte, tobte, wollte der Ehefrau die Augen öffnen. Die allerdings maß Luise nur abschätzig von oben nach unten, trat zur Seite und meinte amüsiert:

Kindchen, du bist nicht die Erste. Sein Herz und sein Geld gehören mir. Dich wird es noch öfter geben.

Das meinst du ernst? Luise starrte sie an. Blaß wie die Motten aber was für eine Arroganz. Oder war es was anderes? Sie konnte es nicht fassen.

Natürlich. Deine Naivität belustigt mich. Du bist nicht die Erste mit dieser Story. Hach!

Aber ich kriege ein Kind!

Von mir aus fünfzig. Seine offiziellen Kinder sind von mir. Alles andere ist deine Sache. Das sage ich dir als Juristin.

Die Sache war für die Ehefrau damit vom Tisch. Luise wütete daheim, wartete und bekam beim Treffen mit dem Geliebten den Rest.

Klär deinen Kram alleine. Die Miete und Unterhalt zahl ich. Sehen werden wir uns nicht mehr. Dein Kind deine Verantwortung. Stehst du mit dem Baby vor meiner Tür, kannst du auf gar nichts mehr hoffen. Das wars.

Luise starrte auf die Tür. So etwas war ihr nie passiert sie kriegte sonst immer, was sie wollte. Und plötzlich: Nichts.

Sie war so mit der Affäre beschäftigt, dass es irgendwann zu spät war. Paulina kam auf die Welt. Ab dem ersten Tag kümmerte sich Lieselotte um das Kind. Luise war entweder ganz und gar fürsorglich und ließ niemanden außer Mutter ran oder tagelang verschwunden, die Familie bangte. Diese Abstände wurden länger, und Lieselotte wusste bald nicht mehr, wie sie sie ansprechen sollte. Aber das hatte sie ohnehin nie gewusst. Als sie dann erfuhr, dass ihre Luise ihr Mädchen nach einer Partynacht bei einer Irrfahrt verunglückt war, brach ihre Welt entzwei.

Gebrochen von Trauer ließ Lieselotte auch Paulina hängen. Walter rannte zwischen seiner Frau und seiner Enkelin hin und her, hoffnungslos überfordert. Schließlich bat er Nadja um Hilfe. Doch die lehnte ab.

Tut mir leid, Papa, ich hab selber genug Kinder! Noch eine pack ich nicht.

Walter rief Vera an.

Die zögerte nicht eine Minute. Sie nahm Urlaub, reiste an und kümmerte sich sofort um alles. Nach einem Monat war die rechtliche Seite geregelt, und Vera nahm die kleine einjährige Nichte zu sich. Nur die engste Familie wusste, dass Paulina nicht Veras leibliche Tochter war. Noch während Vera das Sorgerecht klärte, verkaufte Andreas ihre Wohnung und renovierte im Eiltempo das neue Haus.

Andreas! Du bist ein Schatz! Genau so wollte ichs haben! Vera streifte durchs Haus und konnte es kaum fassen: Ein neues Leben beginnt.

Paulina brachte genau das ins Haus von Vera und Andreas, was sie so viele Jahre vermisst hatten. Ein quirliges, aufgewecktes, glockenhell lachendes Mädchen machte sie rundherum glücklich. Neun Jahre verflogen wie im Flug.

In dieser Zeit hatte Vera wenig Kontakt zu ihrer Familie. Ab und zu ein Familienfest, bei dem sie sich wie ein Käfer unter der Lupe fühlte. Lieselotte, von Luises Tod gebrochen, war schwer erträglich geworden.

Jetzt hast ausgerechnet DU sie! Ich werd schon sehen, wie du das schaffst! Weggebracht hast du sie… Niemand denkt an die eigene Mutter!

Vera ignorierte die Vorwürfe und hatte Mitleid. Und so sehr es ihr auch leidtat: Wäre ihr oder Nadja etwas passiert, es hätte die Mutter nicht so getroffen. Luise war und blieb ihr Ein und Alles.

Wenn Lieselotte Paulina ansah so sehr sie Luise glich taute sie auf.

Was für ein hübsches, liebes Mädchen! Sie tupfte Tränen ab, warf Vera aber einen ernsten Blick zu. Lass sie ihr Glück ausleben!

Vera winkte Andreas unauffällig zu, dass er seine scharfen Kommentare stecken ließ.

Bitte nicht… Ihre Blicke kreuzten sich und die Gewitterwolke verpuffte, noch bevor sie donnerte.

Aber Vera! Sollte man nicht reinen Tisch machen?

Ich weiß nicht, Andreas. Mir tut Mama leid. Die ganze Verbitterung kommt nicht von ungefähr.

Aber warum musst du das aushalten? Er drückte sie.

Vielleicht, weil ich noch da bin und niemand sonst mehr das tut?

Was, wenn sie mal bitter zu Paulina wird?

Ich glaube, das würde sie nie tun. Paulina ist doch das Einzige, was von Luise bleibt.

Und diesmal sollte Vera recht behalten. Ihre Wut und Verzweiflung ließ Lieselotte immer an Vera aus nie an die Enkelin. Sie sah ja, wie glücklich Paulina da war. Auch wenn es Lieselotte schmerzte, dass Paulina Vera Mama nannte, schwieg sie lieber das Kind sollte nicht leiden.

Vera klappte den Rechner zu und streckte sich. Ach du meine Güte, es war schon nach Mitternacht! Sie trank den kalten Tee aus und trat ans Fenster. Andreas fehlte ihr. Dienstreise hätten die das nicht besser timen können? Wenigstens kommt er morgen. Er verpasst zwar den offiziellen Teil, aber bis zum Abendessen sollte er da sein. Was für ein Geschenk er wohl für Paulina hat? Ein Überraschungsei sogar ihr hatte er nichts verraten, nur gelacht:

Ihr werdet staunen!

Vera schmunzelte und dachte wieder: Was für ein Glück hab ich nur mit ihm. Dann ging sie zu Bett.

Mama! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Paulina sprang auf das Bett und überschüttete die verschlafene Vera mit Küssen. Und auch dir! Alles Liebe zu mir!

Danke, mein Schatz! Sie schlang die Arme um sie. Alles Glück der Welt und bleib gesund!

Paulina kuschelte sich glücklich an Vera.

Bin ich jetzt groß?

Und wie! Ganze zehn! Weißt du was?

Was denn?

Für mich bist du noch ein kleines bisschen klein… Sie blinzelte verschmitzt. Paulina kicherte.

Ist doch super! Kleine werden mehr geliebt!

Wer liebt dich denn nicht?

Beide kicherten. Dann rückte Vera die Geschenke heraus.

Jetzt aber Geschenkezeit! Sie öffnete die Schublade des Nachttischs. Da, etwas für dich aber vorsichtig!

Mit großen Augen öffnete Paulina die Schachtel.

Mama… Sie schaute Vera an und strahlte. Das ist ja der!

Genau der! nickte Vera.

Es war eine winzige Kristallkatze einst hatte Opa Walter sie Vera geschenkt.

Für die älteste Tochter… So hat dir Opa das gesagt?

Genau so.

Danke, Mama! Ich hab immer gehofft, sie würde mir gehören! Paulina strich liebevoll über die kleinen Ohren. Aber Mama, ich bin doch Einzelkind…

Vera lächelte, und Paulina betrachtete sie plötzlich genau.

Echt? Ein gehauchtes Flüstern. Vera nickte, und Paulina sprang mit der Kristallkatze in der Faust kerzengerade ins Bett und kreischte: Juhu! Ich werde große Schwester! Echt, Mama?!

Noch weiß ich nicht, mein Herzchen.

Vera sah ihre hüpfende Paulina an und fühlte Tränen aufsteigen. Sie hatten so lange darauf gewartet!

Vom Tanzen ganz außer Atem hielt Paulina inne, drehte sich zu Vera und meinte:

Das ist das schönste Geschenk überhaupt!

Vera stand auf und holte aus dem Schrank eine große Schachtel.

Das hier auch noch für dich.

Ein tolles Kleid! Paulina drehte sich begeistert vorm Spiegel.

Mama, wann kommen die Gäste?

Vera schaute auf die Uhr und stöhnte auf.

Wir haben verschlafen! Jetzt aber zackig.

Sie schafften es. Mittags stand Paulina wuunderschön im neuen Kleid schon an der Haustür und empfing die Gäste Mamas Herz hüpfte beim kindlichen Glockenlachen aus dem Kinderzimmer.

Wie gehts euch so? Lieselotte ließ sich müde in den Sessel sinken und bedeutsam zu Vera hinüber.

Alles bestens, Mama. Paulina hat ein super Zeugnis. Fünfer überall! Und im Musikunterricht auch. Sie ist einfach ein Sonnenschein.

Dann schätze es. Das ist ein Geschenk!

Mit der Mutter wurde das Reden immer schwieriger. Zum Glück kam Nadja aus der Küche und die Stimmung wurde lockerer. Nadja erzählte von ihren Kindern, vom Mann Vera hörte zu, notierte, dass ihre Kinder auch gut dabei waren: Die Große, Mia, alle Einser im Zeugnis und Victor wurde Kreismeister im Boxen.

Überrumpelt vom Paulinas lautem Weinen, stürzte Vera ins Kinderzimmer. Da stand die Tochter mitten im Raum, Tränen in den Augen, das schicke weiße Kleid voller Flecken. Vera schnappte nach Luft und griff nach dem Kind.

Nadja! Erste-Hilfe-Kasten steht oben auf dem Kühlschrank! Gib das Verbandszeug her, schnell!

In Aufregung liefen alle durcheinander. Nur Mia saß in der Ecke und warf düstere Blicke auf Paulina.

Paulina, was ist denn passiert? Vera war entsetzt.

Das stimmt alles gar nicht! Sie lügt! Lüüügt!

Wer lügt? Vera war ratlos.

Zum Glück waren die Schnitte nicht tief. Nachdem sie Paulina die Hände verbunden und umgezogen hatte, nahm sie sie mit ins Schlafzimmer und setzte sich.

Jetzt erzähl mal der Mama, was passiert ist.

Erst schwieg Paulina, das Gesicht in Mamas Pullover vergraben. Dann blickte sie mit den gleichen grauen Augen wie Vera auf und begannVera wartete geduldig, streichelte beruhigend Paulinas Haare, während ihr das Herz klopfte. Endlich hob Paulina den Kopf, wischte sich dicke Tränen aus den roten Augen und flüsterte:

Mama… Mia hat gesagt… ich wäre gar nicht deine richtige Tochter. Und dass ich bestimmt nie eine Schwester kriege. Und dass die Kristallkatze keinem gehört, der nicht dazugehört.

Vera hielt still, spürte einen alten, kalten Schmerz in sich aufflackern. Doch dann nahm sie Paulinas Gesicht in beide Hände und sah sie fest an.

Paulina, hör mir zu. Es gibt viele Wege, eine Familie zu sein. Manche Familien bestehen aus Menschen, die sich aussuchen, füreinander da zu sein so wie wir. Du bist nicht weniger meine Tochter, weil ich dich nicht geboren habe. Du bist mehr als angekommen. Du bist mein Herz.

Paulina schniefte und klammerte sich an Vera.

Die Kristallkatze sie gehört zu uns. Weil sie uns an das erinnert, was wichtig ist: Zusammenhalten. Und weißt du, was ich mir wünsche?

Paulina schüttelte zaghaft den Kopf.

Dass du immer weißt, wie sehr du gewollt bist. Wie sehr du geliebt wirst. Von mir, von Andreas, von Opa und sogar von Oma. Und wenn dich jemals nochmal jemand traurig macht, dann überleg: Was macht unsere Kristallkatze? Sie funkelt trotzdem. Das musst du auch. Versprichst du mir das?

Paulina lächelte durchs Resttränenmeer.

Ich verspreche es, Mama.

Und weißt du was? Mias Meinung ist eine Meinung. Unsere ist Familie.

Paulina presste ihre Faust um die Kristallkatze und atmete tief durch. Dann stand sie auf, wischte sich die Nase und starrte einen Moment ins Licht, das durch den Vorhang fiel.

Draußen hörte man Stimmen, Lachen, den Duft von Kuchen und Sommerlimonade. Paulina drehte sich um, zog Vera an der Hand Richtung Tür.

Komm, Mama! Es ist unser Fest. Und wir sind zusammen. Das reicht.

Vera lächelte und spürte eine ganz neue Wärme in sich. Sie öffnete die Tür. Draußen warteten das Leben, das Glück und, wer weiß, vielleicht ja doch noch ein kleines Wunder.

In diesem Moment glaubte sie daran nicht weil alles leicht war, sondern weil sie zusammen stark waren. Und irgendwo ganz hinten, im Sonnenflecken auf dem Wohnzimmerteppich, warf die Kristallkatze einen Regenbogen ins Zimmer.

Es wurde ein schöner Geburtstag und eine Familie, an der das Leben nicht einfach vorbeiging, sondern die das Funkeln nicht mehr verlor.

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Homy
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Das Kristallkätzchen
Unser stiller Tag Vera klappte das Laptop zu und blickte zu Dima. Er stand am Fenster, hielt die Kaffeetasse in der Hand und sah in den Hof. „Ich warte am Donnerstag um elf Uhr im Standesamt“, sagte sie. „Wir sollten eine halbe Stunde früher da sein.“ Er drehte sich um und nickte. „Gut. Ich nehme mir frei.“ Sie wartete, doch er sagte nichts weiter. Vera stand auf und ging zu ihm. „Willst du wirklich niemanden einladen?“ „Nein“, sagte Dima ruhig. „Wir haben das doch so besprochen.“ Sie nickte. Drei Jahre zusammen, beide nach einer Scheidung, beide erwachsen, mit Kindern und Jobs. Der Stempel im Ausweis war für die einfachen Dinge — Erbe, Versicherung, das Recht, Dokumente füreinander zu unterschreiben. Kein Spektakel, kein Kleid, kein Restaurant mit hundert Gästen. Einfach eine Anmeldung. Das Formular hatten sie pflichtgemäß vor fast einem Monat eingereicht, jetzt war es nur noch eine Formalität. „Dann sage ich es morgen meiner Mutter“, meinte Vera. Dima stellte die Tasse auf die Fensterbank und umarmte sie. „Es wird alles gut“, sagte er. Sie war sich da nicht so sicher. Ihre Mutter rief am Samstag an, als Vera gerade im Supermarkt an der Kasse stand und das Handy ans Ohr drückte. Sie hörte, wie die Stimme der Mutter immer höher wurde. „Du willst an einem Werktag heiraten, ohne Familie, und sagst es nicht mal vorher?“ „Mama, ich sage es ja. Eine Woche vorher.“ „Eine Woche ist keine Vorwarnung, das ist eine Tatsache. Vera, ich bin deine Mutter. Dima ist ein guter Mann. Warum versteckt ihr euch?“ Vera drückte das Handy fester. „Wir verstecken uns nicht. Wir wollen einfach keine große Hochzeit. Wir sind beide schon über vierzig, es ist unser zweiter Anlauf. Wir brauchen keine Gäste.“ „Also bin ich ein Gast für dich?“ Die Stimme der Mutter zitterte. „Ich — ein Gast?“ „Mama, bitte…“ „Schämst du dich für mich?“ „Nein. Wir haben eben anders entschieden.“ Die Mutter schwieg einige Sekunden, sagte dann leise und kühl: „Mach wie du willst. Aber wundere dich nicht, wenn die Leute denken, bei euch stimmt was nicht.“ Sie legte auf. Vera legt ihre Einkäufe aufs Band, und alles in ihr zog sich zusammen. Dima erfuhr von der Reaktion seiner Mutter via Schwester. Die schrieb ihm abends: „Mama weint. Sagt, du hast sie nicht eingeladen. Warum macht ihr das?“ Er rief seine Mutter selber an. Das Gespräch war kurz. „Du hättest wenigstens eher was sagen können“, sagte die Mutter erschöpft. „Ich hätte einen Kuchen gebacken. Oder Blumen gekauft. Wenigstens etwas.“ „Mama, wir wollen keine Feier.“ „Es geht nicht um das Fest. Ich bin deine Mutter. Ich habe ein Recht dabei zu sein.“ Dima saß auf dem Sofa, blickte auf sein Handy. „Tut mir leid“, sagte er. „Aber wir haben uns entschieden.“ „Erwarte dann nicht, dass ich mich freue“, antwortete sie und legte auf. Vera wurde auch im Freundinnen-Chat zur Rede gestellt. Katja schrieb: „Vera, im Ernst? Kein Kleid, keine Fotos? Es ist doch dein Tag!“ Eine andere ergänzte: „Vielleicht wenigstens nachher ins Café? Wir würden kommen, einfach so.“ Vera tippte eine Antwort, löschte, tippte neu. „Mädels, danke. Aber wir brauchen es wirklich nicht. Wir unterschreiben nur, das reicht.“ Katja antwortete sofort: „Verstehe. Aber es macht mich traurig. Ich wollte dich wenigstens live feiern.“ Vera legte das Handy weg. Dima saß daneben und las am Tablet. „Sie sind enttäuscht“, sagte Vera. „Wer?“ „Freundinnen. Meine Mutter. Deine Mutter. Alle.“ Dima sah auf. „Es ist unsere Entscheidung“, sagte er. „Nicht ihre.“ „Ich weiß“, Vera rieb sich das Gesicht. „Es fühlt sich trotzdem nicht gut an.“ „Fühlt sich nicht gut an oder bereust du es?“ Sie sah ihn an. „Ich weiß es nicht.“ Anastasia, Veras Tochter, kam Montagabend vorbei. Sie war dreiundzwanzig, wohnte mit einer Freundin, arbeitete in einer Designagentur. Vera kochte Tee, sie saßen in der Küche. „Mama, warum wollt ihr überhaupt heiraten?“ fragte Anastasia, während sie den Schal abwickelte. „Ihr lebt doch sowieso zusammen.“ Vera erklärte die Sache mit den Dokumenten, Versicherung, alltagspraktisch. Anastasia nickte. „Okay, das klingt sinnvoll. Aber warum ohne Gäste?“ „Weil wir keinen Zirkus wollen.“ Anastasia schwieg. „Oma hat mich angerufen“, sagte sie. „Sie hat geweint. Sie sagt, du stößt sie weg.“ Vera umklammerte ihre Tasse. „Ich stoße sie nicht weg. Ich will nur nicht etwas tun, was mir nicht wichtig ist.“ „Aber ihr ist es wichtig“, sagte Anastasia vorsichtig. „Sie möchte einfach dabei sein. Nicht wegen der Hochzeit, sondern um Teil deines Lebens zu sein.“ Vera sah ihre Tochter an und wusste keine Antwort. Am Mittwochmorgen erfuhr Dima auf der Arbeit von seinem Kollegen Sergej: „Du heiratest morgen, oder?“ Dima staunte. „Woher weißt du das?“ „Deine Schwester schrieb meiner Frau. Die trainieren zusammen. Glückwunsch übrigens! Warum hast du uns nicht eingeladen?“ Dima zuckte mit den Schultern. „Nur eine ruhige Trauung. Ganz leise.“ Sergej grinste. „Schon gut. Heimlich, Dima. Viel Glück.“ Dima setzte sich an den Tisch, schaltete den Computer an. Das Wort „heimlich“ setzte sich fest. Mittwochabend, einen Tag vor der Trauung, stritten Vera und Dima. Nicht laut, aber schwer. Vera sagte: „Vielleicht laden wir wirklich wenigstens die Eltern ein? Ins Standesamt. Nur zum Dabeisein.“ Dima legte das Handy weg. „Meinst du das ernst?“ „Ja. Ich habe genug davon, mich schuldig zu fühlen.“ „Du fühlst dich schuldig, weil sie dich dazu bringen. Das ist Manipulation, Vera.“ „Das ist keine Manipulation. Das ist meine Mutter. Sie will einfach dabei sein, wenn ich heirate.“ „Du heiratest nicht. Es ist nur ein Stempel. Und wir haben es für uns so entschieden, nicht für sie.“ Vera stand auf, ging durch den Raum. „Vielleicht will ich ja, dass sie dabei ist. Vielleicht ist es mir wichtig, dass meine Mutter sieht, dass ich glücklich bin.“ Dima sah sie lange und ruhig an. „Sag ehrlich: Willst du wirklich leise heiraten oder willst du es allen recht machen?“ Vera blieb stehen. „Ich will, dass alle aufhören, auf mich Druck auszuüben.“ „Sie werden nicht aufhören“, sagte Dima. „Wenn wir sie ins Standesamt einladen, wollen sie ein Restaurant. Wenn wir das machen, sind sie sauer wegen der Gästeliste. Wenn wir alle einladen, meckert jemand übers Menü. Es nimmt kein Ende.“ Vera setzte sich aufs Sofa und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ich habe Angst, dass sie mich hassen.“ Dima setzte sich neben sie, legte ihr den Arm um die Schulter. „Sie werden nicht hassen. Sie sind nur gewöhnt, dass du ihren Wünschen folgst. Aber jetzt entscheidest du selbst. Das ist ungewohnt. Aber es ist dein Leben.“ Vera hob den Kopf. „Hast du auch Angst?“ „Ja“, sagte er. „Aber ich bin müde, nach anderen Regeln zu leben.“ Sie lehnte sich an ihn, und zusammen saßen sie schweigend, bis draußen die Dunkelheit kam. Donnerstagmorgen fuhren sie mit dem Taxi zum Standesamt. Vera trug ein helles Kleid, kein Brautkleid, einfach schön. Dima trug den Anzug, den er sonst zur Arbeit anzieht. In der Hand ein kleiner Strauß — sieben weiße Rosen, gekauft am U-Bahnhof im Kiosk. Im Standesamt war es ruhig. Nach fünfzehn Minuten waren sie verheiratet und hatten das Dokument. Ein kurzer Kuss. Vera fühlte seltsame Leichtigkeit — und Leere. Es fehlte Freude, Nähe. Aber sie verscheuchte den Gedanken sofort. Draußen sagte Dima: „Komm, lass uns ins Café gehen. Wir setzen uns einfach hin.“ Sie gingen zwei Straßen weiter in ein kleines Café, tranken Cappuccino und aßen Croissants. Saßen am Fenster, schwiegen. Vera schrieb später der Mutter: „Wir haben geheiratet. Alles gut. Wir kommen nächstes Wochenende.“ Die Antwort kam eine Minute später: „Gut.“ Dima schrieb seiner Mutter das Gleiche. Keine Antwort. Vera legte das Handy weg. „Meinst du, sie verzeihen uns?“ „Keine Ahnung“, sagte Dima. „Aber wir haben es richtig gemacht.“ Vera wollte das glauben, doch das Zweifelgefühl blieb. Abends kam Anastasia vorbei. Sie brachte eine Flasche Champagner und einen kleinen Blumenstrauß. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie und umarmte sie beide. „Ich freue mich für euch.“ Sie saßen zu dritt in der Küche, tranken Champagner aus normalen Gläsern und aßen Salat, den Vera gestern vorbereitet hatte. Anastasia erzählte von der Arbeit, machte Witze. Vera sah ihre Tochter an, und etwas in ihr wurde weich. Wenigstens einer war bei ihnen. Wenigstens jemand kam. Als Anastasia ging, nahm Dima Vera in den Arm. „Siehst du?“ sagte er. „Es ist alles gut.“ Sie nickte, doch die Worte der Mutter klangen noch in ihrem Kopf. Zehn Tage später fuhr Vera zur Mutter. Sie brachte einen selbstgebackenen Kuchen und zwei Gläser Marmelade mit. Die Mutter öffnete und ließ sie schweigend rein. Sie setzten sich in die Küche. Vera schnitt den Kuchen, die Mutter schenkte Tee ein. „Wie geht es dir?“ fragte Vera. „Gut“, antwortete die Mutter knapp. Pause. Vera nahm einen Schluck Tee. „Mama, es tut mir leid, dass es so gelaufen ist.“ Die Mutter sah auf. „Warum konntest du mich nicht einfach einladen?“ „Weil ich Angst hatte, dass es wieder zu viel wird.“ „Ich bin doch kein Anlass. Ich bin deine Mutter.“ „Ich weiß“, Vera legte den Löffel ab. „Aber ich hatte Angst, du willst Restaurant, Gäste, Kleid. Und dass du dich aufregen würdest, wenn ich Nein sage. Es war für mich leichter, gar niemanden zu fragen.“ Die Mutter schwieg. „Denkst du, ich bin so furchtbar?“ „Nein. Ich weiß, du willst das Beste für mich. Aber dein ‚Beste‘ und mein ‚Beste‘ sind nicht immer dasselbe.“ Die Mutter seufzte, blickte lange aus dem Fenster. „Es hat sehr wehgetan“, sagte sie schließlich. „Zu wissen, dass du mich nicht brauchst, an so einem Tag.“ „Ich brauche dich“, sagte Vera leise. „Aber nicht als Organisatorin. Einfach nur als Mama.“ Die Mutter nickte, wischte sich die Augen trocken. „Nun gut. Was passiert ist, ist passiert.“ Sie tranken Tee aus, sprachen noch über Arbeit, Anastasia, Dima. Beim Abschied umarmte die Mutter sie fest und lange. „Werde glücklich“, sagte sie. Zuhause fragte Dima mit sorgendem Blick. Vera zog die Jacke aus und ging in die Küche. „Wie wars?“ fragte er. „Ganz okay“, Vera schenkte sich Wasser ein. „Nicht perfekt. Aber okay.“ Dima kam dazu und umarmte sie von hinten. „Wird sie dir vergeben?“ „Mit der Zeit. Wahrscheinlich.“ So standen sie einige Minuten. Draußen regnete es, das Wasser lief in Schlieren an den Scheiben entlang. Vera sah diese Linien und dachte, dass alles richtig war. Nicht perfekt, nicht ohne Verluste — aber richtig. Dima küsste sie sanft auf den Kopf. „Wir haben es geschafft“, sagte er. „Ja“, antwortete Vera. „Wir haben es geschafft.“ Sie drehte sich zu ihm um, und beide standen einfach so, in ihrer Küche, in ihrer Wohnung, in ihrem eigenen Leben — das sie selbst gewählt hatten.