Nachdem die letzten Besucher unser Heim verlassen hatten, stand ich sprachlos vor dem offenen Kühlschrank. Wo einst vier Schalen mit Salaten, Wurstvariationen, eine Torte und sogar eine ungeöffnete Flasche Preiselbeersaft lagen, herrschte nun absolute Leere die Regale wie leergefegt.
Obwohl Annemarie gefragt hatte, ob sie etwas mitnehmen dürfe, hätte ich nie erwartet, dass sie beinahe sämtliche Festtagsspeisen einpacken würde. Noch am Vortag hatte ich darauf bestanden, Silvester mit Annemarie und Klaus zu feiern, statt wie üblich bei Markus Eltern. Mit Freunden ist es ungezwungener und heiterer, hatte ich Markus überzeugt, mir ein lockeres Fest ausgemalt. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Sind sie schon weg?, fragte Markus, als er aus Lieselottes Zimmer kam, wo er unsere Tochter ins Bett gebracht hatte. Mit ihren sechs Jahren war sie von der lauten Feier völlig erschöpft. Ja, gerade eben, antwortete ich und verschränkte die Arme an der Küchenzeile. Und sie haben fast alles mitgenommen, was übrig war. Ich deutete auf den Kühlschrank. Der Ananassalat, Heringssalat, der mit Ei und Rote Bete, der mit Krabben alles verschwunden. Auch das Hähnchen in Aspik, das du so gerne magst. Und der Birnenkompott!
Markus öffnete den Kühlschrank und starrte auf die leeren Fächer. Unglaublich, murmelte er. Haben sie wenigstens gefragt? Annemarie meinte: Darf ich etwas mitnehmen? Ich dachte, sie nimmt eine kleine Portion für die Kinder. Aber sie hat fast alles herausgeholt!
Unsere Freundschaft mit Annemarie und Klaus besteht seit zehn Jahren, kurz nachdem wir mit Markus unsere Eigentumswohnung auf fünfzehn Jahre Kredit gekauft hatten. Sie wohnen im selben Haus, und wir begegnen uns oft im Hof. Einkommen, Interessen, Lebensansichten vieles ist ähnlich. Die Freundschaft entstand rasch. Ihre Söhne, Viktor und Daniel, sind schon älter, wir planten erst Kinder. Annemarie gibt bereitwillig Ratschläge, erzählt von Schwangerschaft und schenkt uns Kindersachen. Als Lieselotte geboren wird, kommen sie zur Entlassung mit Blumen und Luftballons.
Vor etwa drei Jahren beginnt sich etwas zu verändern. Annemarie leiht sich regelmäßig Geld, bringt geliehene Dinge nicht immer zurück mal bleibt das Lieblingskochbuch bei ihr, mal ein Brettspiel. Klaus schimpft ständig über seinen Chef und beklagt, dass sein Gehalt stagniert, während Markus und ich beruflich vorankommen. Wir ignorieren die Warnzeichen, halten sie für vorübergehende Schwierigkeiten.
Im Februar des letzten Jahres bittet Annemarie um 300 Euro für die Zahnarztkosten ihres Sohnes. Ich zahle mit dem nächsten Gehalt zurück, spätestens in einem Monat, verspricht sie. Zehn Monate vergehen, ohne dass sie den Kredit erwähnt. Ich möchte vorsichtig erinnern, doch Annemarie klagt immer über neue Geldsorgen. Irgendwann wird es unangenehm, das Thema anzusprechen, um nicht kleinlich zu wirken.
Im Herbst bittet Klaus Markus, sein Auto zu reparieren. Mein Mann opfert zwei Wochenenden, bekommt aber nicht einmal ein Dankeschön. Trotz dieser Vorfälle schätze ich unsere langjährige Freundschaft. Insgeheim hoffe ich, das Fest würde die alte Wärme zurückbringen. Vielleicht will ich mir nur nicht eingestehen, dass unsere Beziehung längst einseitig ist.
Warum hast du sie eingeladen?, fragt Markus und holt eine versteckte Flasche Preiselbeersaft aus dem Schrank. Du wolltest doch nicht mit deiner Mutter feiern, warst die Moralpredigten leid, sage ich und stelle zwei Gläser hin. Weißt du noch? Ich will mal ohne Vorwürfe entspannen. Jetzt sind wir hungrig und haben ein enttäuschtes Kind. Und haben viel Geld für die Lebensmittel ausgegeben, gieße ich den Saft ein. Hast du die Preise für Meeresfrüchte und Fischaufschnitt gesehen?
Seit dem Morgen bereite ich das Festmahl vor: verschiedene Salate, Aufschnitt, warme Speisen, Desserts alles für ein perfektes Silvester. Annemarie und Klaus kommen eine Stunde zu spät, erst um acht. Ihre Jungs stürmen gleich ins Zimmer von Lieselotte. Wo sind die Geschenke?, fragt meine Tochter, als sie die Gäste mit leeren Händen sieht. Lieselotte!, ermahne ich sie. Das fragt man nicht. Entschuldigung, wir haben es vergessen, bringen morgen etwas mit, streichelt Annemarie Lieselotte über den Kopf.
Ein kurzer Blick zwischen Annemarie und Klaus lässt mich ahnen, dass etwas nicht stimmt. Am Tisch nimmt Klaus immer wieder von den teuersten Speisen nach, während Annemarie meine Kochkünste überschwänglich lobt. Doro, du bist so eine begabte Gastgeberin! Ich kann da nicht mithalten. Ach, nichts Besonderes, entgegne ich, obwohl ich viel Zeit und Mühe investiert habe.
Ihre Kinder toben durch die Wohnung, ignorieren meine Bitten um Ruhe. Daniel lässt eine Obstvase fallen, Viktor will den Fernseher lauter stellen und beklagt Langeweile. Jungs, beruhigt euch, sagt Annemarie lustlos, ohne sie wirklich zu bremsen.
Um Mitternacht stoßen wir auf das neue Jahr an. Die Kinder sind längst übermüdet und streiten. Lieselotte weint, als Daniel ihre neue Puppe ein Geschenk von Markus zerbricht. Ist doch nur ein Spielzeug, winkt Klaus ab. Kauft halt ein neues. Es geht um Respekt vor fremden Sachen, nicht um den Preis, entgegnet Markus bestimmt.
Die Stimmung am Tisch wird angespannt. Meine Versuche, mit Dessert die Atmosphäre zu retten, scheitern das Fest ist ruiniert. Gegen zwei Uhr nachts will Annemarie gehen und bittet um Essen für den Morgen. Doro, ihr habt so viel Leckeres, wir kommen morgen nicht zum Kochen, sagt sie und inspiziert den Kühlschrank. Darf ich etwas mitnehmen? Ich nicke, während ich das Geschirr abräume. Natürlich, nehmt etwas für die Kinder, sage ich und beginne, die schmutzigen Teller zu spülen.
Die nächsten fünfzehn Minuten bin ich ganz mit dem Abwasch beschäftigt, den Rücken zum Kühlschrank. Während Markus Klaus hilft, die müden Jungs anzuziehen, bleibt Annemarie in der Küche, doch ich achte nicht auf sie, konzentriert auf meine Aufgabe. Erst als die Gäste gegangen sind und ich die Tür schließe, bemerke ich, dass von den Vorräten kaum etwas übrig ist.
Weißt du, was wirklich enttäuscht?, nehme ich einen Schluck Saft. Sie kamen mit leeren Händen. Keine Getränke, keine Süßigkeiten, gar nichts. Und keine Geschenke!, ergänzt Markus. Und trotzdem nahmen sie das Essen, für das wir viel Geld ausgegeben haben!, mein Ärger wächst. So ein offensichtlicher Egoismus.
Markus seufzt leise: Das ist typisch für sie. Erinnerst du dich, wie Annemarie dein Abendkleid für die Firmenfeier nahm und mit Fleck zurückgab? Oder wie Klaus mein Werkzeugset ein halbes Jahr behielt? Und wir haben alles verziehen, stelle ich das Glas ab. Aber Freundschaft muss ausgeglichen sein, und das ist sie schon lange nicht mehr.
Schweigend sitzen wir am Küchentisch. Wir sollten offen mit ihnen reden, schlägt Markus vor. Klar sagen, dass ihr Verhalten nicht akzeptabel ist. Und was genau? Sollen wir unsere Salate zurückfordern? Nein, aber das Prinzip der Gegenseitigkeit erklären. Freundschaft heißt gegenseitige Fürsorge.
Nachdenklich sehe ich Markus an: Ehrlich gesagt, bezweifle ich, ob wir diese Freundschaft fortsetzen sollten. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon Annemarie. Frohes neues Jahr, Doro! Können wir heute vorbeikommen? Wir bringen Geschenke. Ich schweige einige Sekunden. Am liebsten würde ich alles ansprechen, was sich aufgestaut hat, aber ich halte mich zurück. Tut mir leid, Annemarie, heute geht es nicht. Wir fahren zu Markus Eltern. Und morgen? Lass uns nach den Feiertagen telefonieren, versuche ich ruhig zu bleiben. Wir müssen etwas besprechen. Was denn?, ihr Ton wird angespannt. Unsere Freundschaft. Und den gestrigen Abend, als ihr fast alles Essen mitgenommen habt, ohne etwas beizusteuern.
Stille am anderen Ende. Du bist also geizig?, klingt Annemarie empört. So ist das unter Freunden nicht! Wir haben gerade finanzielle Probleme, das weißt du. Klaus hat keine Prämie bekommen. Es geht nicht ums Essen, sondern um die Haltung, wiederhole ich Markus Gedanken. Ihr hättet sagen können, dass ihr ohne Mitbringsel und Geschenke kommt. Ihr seid aber empfindlich, schnaubt Annemarie. Ihr zeigt ständig euren Wohlstand. Wir sind nicht zum Betteln gekommen, sondern als Gäste! Ich dachte, du freust dich, mit uns Silvester zu feiern. Und du zählst, wer was bringt.
Ich rechne nicht nach. Aber nach zehn Jahren Freundschaft fällt auf, dass wir immer mehr geben als bekommen. Und das betrifft nicht nur Materielles. Na gut, vergessen wirs, unterbricht sie. Wenn deine Freundschaft von Essen und Geschenken abhängt, habe ich nichts mehr zu sagen. Sie legt auf und lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück.
Am Abend fahren wir wie geplant zu Markus Mutter. Nach langem Zögern erzähle ich ihr von unserem Silvestererlebnis. Ach, Doro, schüttelt Waltraud den Kopf. Ich habe immer gemerkt, dass Annemarie eigennützig ist. Mama, bitte, unterbricht Markus. Das Problem ist, dass wir es selbst zugelassen haben. Genau das meine ich, sagt die Schwiegermutter und stellt das Teeservice hin. Echte Freundschaft zeigt sich in schwierigen Zeiten. Und auch im Alltag.
Seltsam, aber zum ersten Mal stimme ich ihr völlig zu. Vielleicht haben Markus und ich zu lange das Offensichtliche übersehen. Aber wir sind doch schon so lange befreundet, seufze ich und nehme die Tasse. Normale Beziehungen bedeuten, dass beide etwas investieren, bemerkt die Schwiegermutter beim Einschenken. Bei euch war es immer so, dass nur ihr euch bemüht habt.
Zwei Wochen lang telefonieren Annemarie und ich nicht, jede wartet auf den ersten Schritt. Markus trifft Klaus zufällig am Hauseingang, doch das Gespräch ist kurz und unangenehm. Er meinte, wir seien überheblich, erzählt mein Mann. Dass wir uns für etwas Besseres halten. Und dass du Annemarie mit deinen Vorwürfen verletzt hast. Welche Vorwürfe? Ich habe nur ehrlich gesagt, was mich stört. Sie sehen das als Kritik. Klaus sagte noch, wir würden unseren Wohlstand zeigen, während sie sparen müssen. So nach dem Motto: Was solls, die Lebensmittel wären eh schlecht geworden.
Kopfschüttelnd entgegne ich: Weißt du, vielleicht ist es besser so. Ich will keine Beziehung, in der einer nur nimmt und nichts zurückgibt. Und übrigens: Klaus meinte, die 300 Euro, die du Annemarie geliehen hast, wollen sie nicht zurückzahlen. So nach dem Motto: Ihr braucht das Geld doch nicht, euch gehts gut. Na dann, winke ich ab. Betrachte es als Preis für die Erkenntnis über die wahre Natur der Menschen.
Ende Januar sehe ich Annemarie im Supermarkt. Sie tut, als würde sie mich nicht bemerken, und ich rufe sie nicht. Etwas ist zwischen uns zerbrochen, und so zu tun, als wäre alles wie früher, erscheint sinnlos.
Die Geschichte vom leeren Silvester-Kühlschrank wird für Markus und mich zum Wendepunkt. Wir sehen die Dinge endlich klar, ohne Ausreden und Selbsttäuschung. Der leere Kühlschrank bringt uns dazu, nicht nur die Beziehung zu Annemarie und Klaus zu überdenken, sondern auch generell, mit wem und unter welchen Bedingungen wir Freundschaft pflegen wollen.
Habt ihr schon einmal erlebt, dass ein einziger Vorfall eure Sicht auf einen langjährigen Freund völlig verändert hat? Wie seid ihr damit umgegangen?





