Lebensfluss Nachdem sie bis zur Rente gearbeitet hatte, kündigte Arina sofort – vielleicht hätte sie weitergemacht, doch ihre Mutter war schwer krank. Sie konnte sie nicht allein im Haus lassen. Also zog Arina ins Dorf und pflegte ihre Mutter. In ihrer Stadtwohnung lebte ihr Sohn Igor mit seiner Familie. Als Kind lernte sie Julika kennen, eine Gleichaltrige, die in den Sommerferien zu ihrer Oma kam, die gegenüber wohnte. Julika lebte mit ihren Eltern in Berlin und träumte schon damals davon, dass Arina nach dem Abitur zum Studium nach Berlin kommt und sie dort Freundinnen bleiben. Ja, Träume… Träume. Es blieb bei den Träumen. Julikas Oma starb, als beide in der zehnten Klasse waren. Weitere Verwandte hatte Julika im Dorf nicht. So trennten sich die Freundinnen. Arina sagte zu ihren Eltern: – Ich möchte nach dem Abitur in Berlin studieren. – Tochter, das ist ein teures Vergnügen, – meinte der Vater, – geh lieber auf unsere Landesuni. Es half nichts, Arina studierte an der Landesuni, kam in den Ferien nach Hause, manchmal auch am Wochenende, die Busfahrt dauerte drei Stunden. Sie lernte begeistert Fremdsprachen und träumte heimlich davon, Übersetzerin zu werden und eines Tages nach Berlin zu Julika zu ziehen. Doch ihre Träume erfüllten sich nicht. Sie verliebte sich während des Studiums. Hals über Kopf in ihren Kommilitonen Boris. – Mama, Papa, ich will heiraten, – verkündete sie eines Tages ihren Eltern am Wochenende. – Wen denn? Wer ist er, Tochter? – fragten die Eltern besorgt. – Du musst ihn uns erst vorstellen, lade ihn zu uns ein. – Boris, nächstes Wochenende fahren wir zu meinen Eltern, sie wollen dich kennenlernen, – sagte Arina zu ihrem Freund. – Oh, sind deine Eltern streng? – Mein Vater ja, meine Mutter eher nicht. Sie kamen gemeinsam zu ihren Eltern. Boris war ein kluger Kerl und gewann sogar das Herz des strengen Vaters. – Gut, ihr dürft vor dem Abschluss heiraten, – stimmte der Vater zu, und die Verliebten freuten sich. Nach der Hochzeit mieteten sie eine Wohnung. Vorher war alles gut, doch der Alltag begann ihre Beziehung zu belasten. Boris war für das Familienleben wenig geeignet und schaute sich nach anderen Frauen um. Es gab so viele hübsche Mädchen. – Boris, du bist ein unverbesserlicher Frauenheld, – schimpfte Arina oft, wenn er wieder nicht zu Hause schlief. – Warum soll ich auf dich warten, wenn du unterwegs bist? – Dann warte nicht, geh auch aus, – bekam sie zur Antwort. Arina hätte vielleicht auch ausgehen können, aber sie hatte gerade einen Sohn bekommen, Steffen war sieben Monate alt. Ihr Mann half ihr in nichts. Arina brach das Studium nicht ab und verteidigte mit dem acht Monate alten Sohn auf dem Arm glänzend ihr Diplom. Die frühe Ehe brachte ihr kein Glück. Das Erste, was sie nach dem Abschluss tat, war die Scheidung von Boris. – Ich bereue nichts, dass ich mich getrennt habe, – erklärte sie ihren Eltern, als sie nach dem Abschluss allein mit dem Sohn kam. – Unser Papa war ein Taugenichts, dabei hat er sich so gut verkauft. – Ja, Tochter, er hat auch mich getäuscht, – seufzte der Vater. – Und jetzt bist du allein mit dem Kind. – Lass Steffen bei uns, wir helfen dir, bis du dich eingelebt hast. – Ja, Tochter, wir passen auf Steffen auf, – sagte die Mutter liebevoll zum Enkel. Arina griff die Idee auf. – Gut, ich wollte mich hier im Dorf niederlassen, obwohl ich das Stadtleben mag und dort schon eine Stelle habe – sagte Arina, – aber wenn ihr auf Steffen aufpasst, bin ich froh. Ich versuche, mich schnell einzuleben und hole ihn dann zu mir. So kam es, dass ihre Eltern Steffen praktisch großzogen. Arina lebte in der Landeshauptstadt und unterrichtete Englisch. Sie hatte inzwischen eine eigene Wohnung. Sie wollte den Sohn zu sich holen, lernte aber Vadim kennen, zufällig bei einer Besprechung im Bildungsamt. – Frau Arina, – sprach Vadim sie an, er hatte sie schon bei der Besprechung bemerkt, – bitte bleiben Sie nach der Sitzung, ich habe ein paar Fragen… dienstlich, – fügte er für die anderen hinzu. – Gut, – antwortete sie ruhig, war aber etwas überrascht. – Was will er von mir, seltsam. Als alle das Büro verlassen hatten, lächelte Vadim und sagte offen: – Arina, Sie gefallen mir, ich sage es ehrlich und direkt, ohne Umschweife… Ich würde unser Kennenlernen gern vertiefen, lade Sie in ein kleines Restaurant ein, ich weiß ein gemütliches Plätzchen. Haben Sie Lust? – Oh, Sie überraschen mich, daran habe ich gar nicht gedacht, – Arina war etwas verlegen, stimmte aber zu. Vadim war zehn Jahre älter, hatte eine angesehene Position, war aber verheiratet. Er machte daraus kein Geheimnis, versicherte aber: – Arina, mach dir keine Sorgen, irgendwann verlasse ich meine Familie. Uns verbindet wenig, nur die gemeinsame Tochter. Doch Arina glaubte Vadim nicht, dass er so einfach seine Familie verlässt. Sie fühlte sich wohl mit ihm. Sie reisten oft nach Bayern, nach Hamburg. Über die Ehe wurde nie gesprochen. Für beide war das tabu. Doch allein dachte Arina oft: – Wie schafft es Vadim, seine Affäre so lange vor seiner Frau zu verbergen? Viele Jahre traf sie sich mit Vadim, doch er dachte nicht daran, sich scheiden zu lassen. Schließlich zerbrach Arinas sorgloses Leben. Vadims Frau erfuhr von der Affäre, das konnte nicht ewig so weitergehen. Sie machte ihm eine Szene, die Tochter war schon erwachsen. – Wenn du die Beziehung zu dieser Arina nicht beendest, fahre ich selbst zu ihr und ziehe sie an den Haaren… Und auf der Arbeit mache ich dir auch Ärger, dass du mit einer Untergebenen ein Verhältnis hast. Vadim bekam Angst. Er wusste, von einer gekränkten Frau ist alles zu erwarten, also beendete er die Beziehung zu Arina. – Nun ja, für alles muss man zahlen, – sagte sie, – wie schnell sind die glücklichen Jahre vergangen, – dachte sie. Steffen wurde erwachsen und schloss das Studium ab. Er heiratete und brachte seine junge Frau in die Wohnung. Für Arina war das ungewohnt, aber sie mochte Maria, sie verstanden sich schnell. Arina war vierzig, als das erste Unglück kam: Ihr Vater wurde schwer krank. Als sie ins Elternhaus kam, lag der Vater schon, die Mutter pflegte ihn. Nach nur einem halben Jahr starb der Vater an einer heimtückischen Krankheit, er wurde keine fünfundsiebzig. Dieser erste Verlust schmerzte die Tochter sehr. Aber wie man sagt, ein Unglück kommt selten allein. Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters wurde die Mutter schwer krank. Starke Kopfschmerzen. Als sie sah, wie die Mutter litt, zog sie aus der Stadt ins Dorf und pflegte sie. Arina dachte aus Verzweiflung und Angst, die Mutter stirbt, doch entgegen aller Erwartungen lebte sie schon das vierte Jahr. Beide litten, ohne Hoffnung. Steffen kaufte der Mutter einen Computer, legte Internet, damit sie beschäftigt war. In „StayFriends“ fand sie Freunde zum Schreiben. Ein ungutes Gefühl beschlich sie Draußen war es dunkel, der kalte Herbstwind heulte. Die trostlose Stille im Haus wurde nur vom Stöhnen der kranken Mutter unterbrochen. Arina surfte im Internet, als sie eine Nachricht von einer unbekannten Frau sah. „Hallo Arina, ich habe dich sofort erkannt“, schrieb die Frau, und als sie das Foto ansah, erkannte sie ihre Jugendfreundin Julika. Sie freute sich, Julika schrieb ihre Telefonnummer, Arina rief an. – Hallo Julika, wie geht’s dir? – Hallo, meine Liebe, – antwortete sie freudig. Arina erkannte in der gepflegten, eleganten Frau mit glatt zurückgekämmtem dunklem Haar kaum ihre Jugendfreundin. Sie war erschüttert und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Eine ganz andere Julika, eine glänzende, gepflegte Dame. Es schien, als hätte das Schicksal sie mit allem beschenkt. Doch am Telefon erfuhr Arina von der wahren Tragödie der Freundin. Sie erzählte, dass ihr Bruder in einem Krisengebiet gefallen war, die Schwester an einer Krankheit starb, dann der Vater, dessen Herz den Verlust der Kinder nicht verkraftete. Danach starb die Mutter lange und qualvoll. Und vor fünf Jahren wurde Julika Witwe, nur der Sohn mit Familie lebt in Hamburg, sie sehen sich selten. – Das Einzige, was die Dramatik meines Lebens überdeckt, – sagte Julika, – ist mein Friseursalon und das Ausbildungszentrum für Friseurkunst. Das ist jetzt mein Leben. Ich schicke dir ein Video, dann siehst du, was ich mache. – Julika, ich fühle mit dir, bin aber auch froh, dass wir uns wiedergefunden haben. Ich würde so gern mit dir reden. Aber ich kann nicht kommen. Meine Mutter ist schwer krank. – Schade, Arina, wie gern hätte ich dich hier in Berlin. Erinnerst du dich, wie wir früher geträumt haben… Nach einiger Zeit starb Arinas Mutter. Nachdem sie sich etwas gefasst hatte, dachte sie: – Vielleicht sollte ich wirklich zu meiner Freundin ziehen. Sie lebt allein in einer großen Wohnung, lädt mich ständig ein… Eines Tages war Julika lange nicht im Internet. Als sie wieder auftauchte, schrieb sie, dass sie im Krankenhaus war. Beim Lesen liefen Arina die Tränen übers Gesicht, sie hatte ein ungutes Gefühl. Der Winter verging. Arina und Julika hielten Kontakt, und die Freundin war fast bereit zum Umzug, da verschwand Julika wieder. Der Frühling war warm, Arina machte das Haus nach dem Winter sauber. Alles war gewaschen und an den sauberen Fenstern aufgehängt, da schrieb Julika, dass sie eine schlimme Diagnose bekommen hatte, sie war schwer krank. Arina weinte, sie tat ihr sehr leid. Bald meldete sich Julika gar nicht mehr, weder im Internet noch am Telefon. Eines Tages rief Arina bei Julika an, ein Mann ging ran: – Mama lebt nicht mehr, wir haben sie gestern beerdigt, – es war Julikas Sohn. Arina weinte lange, sie wusste, sie hatte ihre Freundin für immer verloren. Nie wieder würde sie ihre Stimme hören. Oft erinnerte sie sich an Julikas Worte: – Ich lebe jetzt einfach, genieße jeden Tag, jede Minute. Wie viele werden es noch sein?

Nach vielen Jahren im Beruf ging ich schließlich in Rente und kündigte sofort, obwohl ich vielleicht noch weitergearbeitet hätte, wenn meine Mutter nicht so schwer erkrankt wäre. Sie allein im Haus zu lassen, war unmöglich. Also zog ich in das kleine Dorf und kümmerte mich um sie, während mein Sohn Stefan mit seiner Familie in meiner Wohnung in München lebte.

Als Kind lernte ich meine Freundin Annemarie kennen, die im Sommer immer zu ihrer Großmutter kam, die direkt gegenüber wohnte. Annemarie lebte mit ihren Eltern in Berlin und träumte schon damals davon, dass ich nach dem Abitur zum Studium nach Berlin kommen würde, damit wir dort unsere Freundschaft fortsetzen könnten. Aber Träume bleiben oft nur Träume.

Annemaries Großmutter starb, als wir beide in der zehnten Klasse waren. Sie hatte keine weiteren Verwandten im Dorf, und so trennten sich unsere Wege. Ich sagte damals zu meinen Eltern:

Ich möchte nach dem Abitur in Berlin studieren.

Das ist aber sehr teuer, mein Kind, meinte mein Vater. Geh lieber auf die Uni hier in Bayern.

Also schrieb ich mich in der nächstgelegenen Universität ein und fuhr in den Ferien und manchmal am Wochenende nach Hause die Busfahrt dauerte drei Stunden. Ich studierte begeistert Fremdsprachen und träumte heimlich davon, Übersetzerin zu werden und irgendwann nach Berlin zu Annemarie zu ziehen.

Doch es kam anders. Während des Studiums verliebte ich mich Hals über Kopf in meinen Kommilitonen Markus.

Mama, Papa, ich will heiraten, verkündete ich eines Tages, als ich übers Wochenende nach Hause kam.

Wen denn? Wer ist er?, fragten meine Eltern besorgt. Du musst ihn uns erst vorstellen, lade ihn doch mal ein.

Markus, am nächsten Wochenende fahren wir zu meinen Eltern, sie möchten dich kennenlernen, sagte ich zu ihm.

Sind deine Eltern streng?

Mein Vater schon, meine Mutter eher nicht.

Wir fuhren gemeinsam zu meinen Eltern. Markus war klug und schaffte es sogar, das Herz meines strengen Vaters zu gewinnen.

Gut, ihr dürft vor dem Abschluss heiraten, stimmte mein Vater zu, und wir waren überglücklich.

Nach der Hochzeit mieteten wir eine Wohnung. Doch die alltäglichen Probleme begannen unsere Beziehung zu belasten. Markus war für das Familienleben wenig geeignet und schaute sich oft nach anderen Frauen um es gab so viele hübsche Mädchen.

Markus, du bist ein unverbesserlicher Frauenheld, schimpfte ich oft, wenn er wieder nicht nach Hause kam. Warum soll ich auf dich warten, wenn du dich amüsierst?

Dann geh doch selbst aus, konterte er.

Vielleicht hätte ich das getan, aber unser Sohn Stefan war gerade sieben Monate alt. Markus half mir in nichts. Trotzdem schloss ich mein Studium ab und verteidigte meine Diplomarbeit mit dem Baby auf dem Arm. Die frühe Ehe brachte mir kein Glück. Nach dem Abschluss ließ ich mich von Markus scheiden.

Ich bereue nichts, erklärte ich meinen Eltern, als ich nach der Diplomverteidigung allein mit Stefan zu ihnen kam. Er war ein Blender.

Ja, mein Kind, er hat auch mich getäuscht, seufzte mein Vater. Was machst du jetzt allein mit dem Kind? Lass Stefan bei uns, wir helfen dir.

Natürlich, wir passen auf den Kleinen auf, sagte meine Mutter liebevoll.

Ich nahm das Angebot an.

Eigentlich wollte ich hier im Dorf arbeiten, aber das Leben in der Stadt gefällt mir besser und ich habe dort schon eine Stelle, sagte ich. Wenn ihr auf Stefan aufpasst, bin ich froh. Ich versuche, ihn bald zu mir zu holen.

So kam es, dass meine Eltern Stefan großzogen. Ich lebte in der Stadt, unterrichtete Englisch und hatte meine eigene Wohnung. Ich wollte meinen Sohn zu mir holen, doch dann lernte ich auf einer Konferenz im Schulamt zufällig Thomas kennen.

Frau Schneider, sprach er mich an, bleiben Sie bitte nach der Besprechung kurz da, ich habe ein paar Fragen… dienstlich natürlich.

In Ordnung, antwortete ich, etwas überrascht.

Was will er wohl von mir?, fragte ich mich.

Als alle gegangen waren, lächelte Thomas und sagte offen:

Sie gefallen mir sehr, ich sage es direkt. Ich würde Sie gern in ein kleines Restaurant einladen ich kenne da ein sehr gemütliches Lokal. Haben Sie Lust?

Sie überraschen mich, daran habe ich gar nicht gedacht, stammelte ich, stimmte aber zu.

Thomas war zehn Jahre älter, hatte eine angesehene Position, war aber verheiratet. Er machte daraus kein Geheimnis, versicherte aber:

Mach dir keine Sorgen, ich werde mich irgendwann trennen. Meine Frau und ich verbindet nur unsere gemeinsame Tochter.

Doch ich glaubte ihm nicht recht, dass er seine Familie so einfach verlassen würde. Trotzdem genoss ich die Zeit mit ihm. Wir reisten oft nach Sylt und Hamburg. Über seine Frau sprachen wir nie das war für uns beide tabu. Aber manchmal fragte ich mich:

Wie schafft Thomas es, seine Affäre so lange geheim zu halten?

Jahrelang trafen wir uns, doch Thomas ließ sich nie scheiden. Eines Tages brach meine Welt zusammen: Seine Frau erfuhr von uns. Das konnte nicht ewig gutgehen. Sie machte ihm eine Szene, die Tochter war inzwischen erwachsen.

Wenn du die Beziehung zu dieser Frau nicht beendest, fahre ich selbst zu ihr und ziehe sie an den Haaren durch die Wohnung! Und am Arbeitsplatz mache ich dir auch Ärger!

Thomas bekam Angst. Er wusste, dass eine gekränkte Frau zu allem fähig ist, und beendete unsere Beziehung.

Man muss für alles bezahlen, dachte ich. Wie schnell sind die glücklichen Jahre vergangen.

Stefan wurde erwachsen, schloss sein Studium ab, heiratete und zog mit seiner jungen Frau in unsere Wohnung. Für mich war das ungewohnt, aber ich mochte Marie, wir verstanden uns sofort.

Mit vierzig traf mich der erste Schicksalsschlag: Mein Vater wurde schwer krank. Als ich ins Elternhaus kam, lag er schon, und meine Mutter pflegte ihn. Nach nur einem halben Jahr starb er an einer heimtückischen Krankheit, kurz vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag.

Dieser Verlust schmerzte mich sehr. Aber wie man sagt, ein Unglück kommt selten allein. Zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters erkrankte meine Mutter schwer, sie litt unter starken Kopfschmerzen. Ich sah, wie sie sich quälte, und zog aus der Stadt zurück ins Dorf, um sie zu pflegen.

Verzweifelt und voller Angst dachte ich, meine Mutter würde sterben, doch entgegen aller Erwartungen lebte sie noch vier Jahre. Wir litten beide, ohne Hoffnung auf Besserung. Stefan schenkte mir einen Computer und ließ Internet ins Haus legen, damit ich beschäftigt war. Über StayFriends fand ich neue Bekannte, mit denen ich schrieb.

Ein ungutes Gefühl beschlich mich.
Draußen war es dunkel, der kalte Herbstwind heulte ums Haus. Die Stille wurde nur vom Stöhnen meiner kranken Mutter unterbrochen. Abgeschottet von der Welt surfte ich im Internet, als ich eine Nachricht von einer unbekannten Frau erhielt.

Hallo, ich habe dich sofort erkannt, schrieb sie. Als ich das Foto ansah, erkannte ich meine Jugendfreundin Annemarie. Ich freute mich, sie schickte mir ihre Telefonnummer, und ich rief an.

Hallo, Annemarie, wie gehts dir?

Hallo, meine Liebe, antwortete sie fröhlich.

Es fiel mir schwer, in der eleganten, gepflegten Frau mit den dunklen Haaren meine alte Freundin zu erkennen. Ich war erschüttert und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Annemarie war ganz anders geworden, eine glänzende, erfolgreiche Dame. Es schien, als hätte das Leben ihr alles geschenkt.

Doch am Telefon erzählte sie mir von ihrer wahren Tragödie. Ihr Bruder war in einem Krisengebiet ums Leben gekommen, die Schwester an einer Krankheit gestorben, und der Vater hatte den Tod der Kinder nicht verkraftet. Auch die Mutter starb nach langem Leiden. Vor fünf Jahren wurde Annemarie Witwe, nur ihr Sohn lebt mit seiner Familie in Hamburg, sie sehen sich selten.

Das Einzige, was meine Lebensdramen überdeckt, ist mein Friseursalon und das Ausbildungszentrum für Haarstylisten. Das ist jetzt mein Leben. Ich schicke dir ein Video, dann siehst du, was ich mache.

Annemarie, ich fühle mit dir und bin trotzdem froh, dass wir uns wiedergefunden haben. Ich würde dich gern besuchen, aber meine Mutter ist sehr krank.

Schade, wie gern hätte ich dich hier in Berlin. Erinnerst du dich an unsere alten Träume?

Kurz darauf starb meine Mutter. Nachdem ich mich etwas gefangen hatte, dachte ich:

Vielleicht sollte ich wirklich zu meiner Freundin ziehen. Sie lebt allein in einer großen Wohnung und lädt mich ständig ein…

Eines Tages war Annemarie lange nicht im Internet. Als sie wieder auftauchte, schrieb sie, dass sie im Krankenhaus gewesen sei. Beim Lesen liefen mir die Tränen übers Gesicht, ich hatte ein schlechtes Gefühl.

Der Winter verging. Wir telefonierten und Annemarie schien bereit, dass ich zu ihr ziehe, doch dann verschwand sie wieder. Der Frühling war warm, ich machte das Haus nach dem Winter sauber. Alles war gewaschen und die Fenster blitzten, als Annemarie mir schrieb, dass sie eine schlimme Diagnose erhalten hatte und schwer krank war.

Ich weinte, es tat mir sehr leid um meine Freundin. Bald meldete sie sich gar nicht mehr, weder im Internet noch am Telefon. Eines Tages rief ich ihre Nummer an und hörte eine Männerstimme:

Mama lebt nicht mehr, wir haben sie gestern beerdigt, sagte ihr Sohn.

Ich weinte lange und wusste, dass ich meine Freundin für immer verloren hatte. Nie wieder würde ich ihre Stimme hören. Oft kamen mir ihre Worte in den Sinn:

Jetzt lebe ich einfach, genieße jeden Tag, jede Minute. Wie viele werden es noch sein?Manchmal sitze ich am Fenster, schaue hinaus auf die ruhige Straße des Dorfes und denke an all die Jahre, die vergangen sind. Die Erinnerungen kommen in Wellen, mal schmerzhaft, mal tröstlich. Ich frage mich, wie das Leben wohl verlaufen wäre, hätte ich damals andere Entscheidungen getroffen wäre ich nach Berlin gegangen, hätte ich vielleicht ein anderes Schicksal gehabt. Aber das sind nur Gedanken, die im Wind verwehen.

Stefan und Marie besuchen mich oft, bringen frisches Brot vom Bäcker und erzählen von ihrem Alltag in München. Ihr kleiner Sohn, mein Enkel, läuft lachend durch den Garten, pflückt Gänseblümchen und bringt sie mir als Geschenk. In solchen Momenten spüre ich, dass das Leben weitergeht, auch wenn es manchmal schwer ist.

Abends, wenn das Haus still ist und der Tag sich dem Ende neigt, zünde ich eine Kerze an und denke an Annemarie. Ich höre ihre Stimme in meinen Erinnerungen, ihr Lachen, ihre klugen Ratschläge. Manchmal schreibe ich ihr einen Brief, den ich nie abschicke, einfach um meine Gedanken zu ordnen. Es hilft mir, die Trauer zu verarbeiten und die schönen Momente nicht zu vergessen.

Im Dorf kennt jeder jeden, und die Nachbarn kommen vorbei, bringen Kuchen oder fragen, ob ich Hilfe brauche. Die Gemeinschaft gibt Halt, auch wenn die Einsamkeit manchmal schwer auf den Schultern liegt. Ich habe gelernt, die kleinen Freuden zu schätzen: den Duft von frisch gemähtem Gras, das Zwitschern der Vögel am Morgen, das leise Plätschern des Regens gegen die Fensterscheibe.

Manchmal besuche ich den Friedhof, bringe Blumen zu den Gräbern meiner Eltern. Ich spreche leise mit ihnen, erzähle von meinem Tag, von Stefan und seinem Sohn. Es fühlt sich an, als wären sie noch immer bei mir, als würden sie über mich wachen.

Die Jahre vergehen, und ich habe gelernt, mit Verlust und Schmerz zu leben. Die Erinnerungen an Annemarie bleiben lebendig, und ich weiß, dass unsere Freundschaft, auch wenn sie durch den Tod getrennt wurde, einen festen Platz in meinem Herzen hat. Ich versuche, jeden Tag bewusst zu erleben, so wie sie es mir einst geraten hat.

Und so fließt das Leben weiter, wie ein ruhiger Fluss, der manchmal Steine im Weg hat, aber immer seinen Weg findet. Ich bin dankbar für die Menschen, die mich begleiten, für die Erinnerungen, die mich stärken, und für die Hoffnung, die mich jeden Morgen aufs Neue aufstehen lässt.

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Homy
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Lebensfluss Nachdem sie bis zur Rente gearbeitet hatte, kündigte Arina sofort – vielleicht hätte sie weitergemacht, doch ihre Mutter war schwer krank. Sie konnte sie nicht allein im Haus lassen. Also zog Arina ins Dorf und pflegte ihre Mutter. In ihrer Stadtwohnung lebte ihr Sohn Igor mit seiner Familie. Als Kind lernte sie Julika kennen, eine Gleichaltrige, die in den Sommerferien zu ihrer Oma kam, die gegenüber wohnte. Julika lebte mit ihren Eltern in Berlin und träumte schon damals davon, dass Arina nach dem Abitur zum Studium nach Berlin kommt und sie dort Freundinnen bleiben. Ja, Träume… Träume. Es blieb bei den Träumen. Julikas Oma starb, als beide in der zehnten Klasse waren. Weitere Verwandte hatte Julika im Dorf nicht. So trennten sich die Freundinnen. Arina sagte zu ihren Eltern: – Ich möchte nach dem Abitur in Berlin studieren. – Tochter, das ist ein teures Vergnügen, – meinte der Vater, – geh lieber auf unsere Landesuni. Es half nichts, Arina studierte an der Landesuni, kam in den Ferien nach Hause, manchmal auch am Wochenende, die Busfahrt dauerte drei Stunden. Sie lernte begeistert Fremdsprachen und träumte heimlich davon, Übersetzerin zu werden und eines Tages nach Berlin zu Julika zu ziehen. Doch ihre Träume erfüllten sich nicht. Sie verliebte sich während des Studiums. Hals über Kopf in ihren Kommilitonen Boris. – Mama, Papa, ich will heiraten, – verkündete sie eines Tages ihren Eltern am Wochenende. – Wen denn? Wer ist er, Tochter? – fragten die Eltern besorgt. – Du musst ihn uns erst vorstellen, lade ihn zu uns ein. – Boris, nächstes Wochenende fahren wir zu meinen Eltern, sie wollen dich kennenlernen, – sagte Arina zu ihrem Freund. – Oh, sind deine Eltern streng? – Mein Vater ja, meine Mutter eher nicht. Sie kamen gemeinsam zu ihren Eltern. Boris war ein kluger Kerl und gewann sogar das Herz des strengen Vaters. – Gut, ihr dürft vor dem Abschluss heiraten, – stimmte der Vater zu, und die Verliebten freuten sich. Nach der Hochzeit mieteten sie eine Wohnung. Vorher war alles gut, doch der Alltag begann ihre Beziehung zu belasten. Boris war für das Familienleben wenig geeignet und schaute sich nach anderen Frauen um. Es gab so viele hübsche Mädchen. – Boris, du bist ein unverbesserlicher Frauenheld, – schimpfte Arina oft, wenn er wieder nicht zu Hause schlief. – Warum soll ich auf dich warten, wenn du unterwegs bist? – Dann warte nicht, geh auch aus, – bekam sie zur Antwort. Arina hätte vielleicht auch ausgehen können, aber sie hatte gerade einen Sohn bekommen, Steffen war sieben Monate alt. Ihr Mann half ihr in nichts. Arina brach das Studium nicht ab und verteidigte mit dem acht Monate alten Sohn auf dem Arm glänzend ihr Diplom. Die frühe Ehe brachte ihr kein Glück. Das Erste, was sie nach dem Abschluss tat, war die Scheidung von Boris. – Ich bereue nichts, dass ich mich getrennt habe, – erklärte sie ihren Eltern, als sie nach dem Abschluss allein mit dem Sohn kam. – Unser Papa war ein Taugenichts, dabei hat er sich so gut verkauft. – Ja, Tochter, er hat auch mich getäuscht, – seufzte der Vater. – Und jetzt bist du allein mit dem Kind. – Lass Steffen bei uns, wir helfen dir, bis du dich eingelebt hast. – Ja, Tochter, wir passen auf Steffen auf, – sagte die Mutter liebevoll zum Enkel. Arina griff die Idee auf. – Gut, ich wollte mich hier im Dorf niederlassen, obwohl ich das Stadtleben mag und dort schon eine Stelle habe – sagte Arina, – aber wenn ihr auf Steffen aufpasst, bin ich froh. Ich versuche, mich schnell einzuleben und hole ihn dann zu mir. So kam es, dass ihre Eltern Steffen praktisch großzogen. Arina lebte in der Landeshauptstadt und unterrichtete Englisch. Sie hatte inzwischen eine eigene Wohnung. Sie wollte den Sohn zu sich holen, lernte aber Vadim kennen, zufällig bei einer Besprechung im Bildungsamt. – Frau Arina, – sprach Vadim sie an, er hatte sie schon bei der Besprechung bemerkt, – bitte bleiben Sie nach der Sitzung, ich habe ein paar Fragen… dienstlich, – fügte er für die anderen hinzu. – Gut, – antwortete sie ruhig, war aber etwas überrascht. – Was will er von mir, seltsam. Als alle das Büro verlassen hatten, lächelte Vadim und sagte offen: – Arina, Sie gefallen mir, ich sage es ehrlich und direkt, ohne Umschweife… Ich würde unser Kennenlernen gern vertiefen, lade Sie in ein kleines Restaurant ein, ich weiß ein gemütliches Plätzchen. Haben Sie Lust? – Oh, Sie überraschen mich, daran habe ich gar nicht gedacht, – Arina war etwas verlegen, stimmte aber zu. Vadim war zehn Jahre älter, hatte eine angesehene Position, war aber verheiratet. Er machte daraus kein Geheimnis, versicherte aber: – Arina, mach dir keine Sorgen, irgendwann verlasse ich meine Familie. Uns verbindet wenig, nur die gemeinsame Tochter. Doch Arina glaubte Vadim nicht, dass er so einfach seine Familie verlässt. Sie fühlte sich wohl mit ihm. Sie reisten oft nach Bayern, nach Hamburg. Über die Ehe wurde nie gesprochen. Für beide war das tabu. Doch allein dachte Arina oft: – Wie schafft es Vadim, seine Affäre so lange vor seiner Frau zu verbergen? Viele Jahre traf sie sich mit Vadim, doch er dachte nicht daran, sich scheiden zu lassen. Schließlich zerbrach Arinas sorgloses Leben. Vadims Frau erfuhr von der Affäre, das konnte nicht ewig so weitergehen. Sie machte ihm eine Szene, die Tochter war schon erwachsen. – Wenn du die Beziehung zu dieser Arina nicht beendest, fahre ich selbst zu ihr und ziehe sie an den Haaren… Und auf der Arbeit mache ich dir auch Ärger, dass du mit einer Untergebenen ein Verhältnis hast. Vadim bekam Angst. Er wusste, von einer gekränkten Frau ist alles zu erwarten, also beendete er die Beziehung zu Arina. – Nun ja, für alles muss man zahlen, – sagte sie, – wie schnell sind die glücklichen Jahre vergangen, – dachte sie. Steffen wurde erwachsen und schloss das Studium ab. Er heiratete und brachte seine junge Frau in die Wohnung. Für Arina war das ungewohnt, aber sie mochte Maria, sie verstanden sich schnell. Arina war vierzig, als das erste Unglück kam: Ihr Vater wurde schwer krank. Als sie ins Elternhaus kam, lag der Vater schon, die Mutter pflegte ihn. Nach nur einem halben Jahr starb der Vater an einer heimtückischen Krankheit, er wurde keine fünfundsiebzig. Dieser erste Verlust schmerzte die Tochter sehr. Aber wie man sagt, ein Unglück kommt selten allein. Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters wurde die Mutter schwer krank. Starke Kopfschmerzen. Als sie sah, wie die Mutter litt, zog sie aus der Stadt ins Dorf und pflegte sie. Arina dachte aus Verzweiflung und Angst, die Mutter stirbt, doch entgegen aller Erwartungen lebte sie schon das vierte Jahr. Beide litten, ohne Hoffnung. Steffen kaufte der Mutter einen Computer, legte Internet, damit sie beschäftigt war. In „StayFriends“ fand sie Freunde zum Schreiben. Ein ungutes Gefühl beschlich sie Draußen war es dunkel, der kalte Herbstwind heulte. Die trostlose Stille im Haus wurde nur vom Stöhnen der kranken Mutter unterbrochen. Arina surfte im Internet, als sie eine Nachricht von einer unbekannten Frau sah. „Hallo Arina, ich habe dich sofort erkannt“, schrieb die Frau, und als sie das Foto ansah, erkannte sie ihre Jugendfreundin Julika. Sie freute sich, Julika schrieb ihre Telefonnummer, Arina rief an. – Hallo Julika, wie geht’s dir? – Hallo, meine Liebe, – antwortete sie freudig. Arina erkannte in der gepflegten, eleganten Frau mit glatt zurückgekämmtem dunklem Haar kaum ihre Jugendfreundin. Sie war erschüttert und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Eine ganz andere Julika, eine glänzende, gepflegte Dame. Es schien, als hätte das Schicksal sie mit allem beschenkt. Doch am Telefon erfuhr Arina von der wahren Tragödie der Freundin. Sie erzählte, dass ihr Bruder in einem Krisengebiet gefallen war, die Schwester an einer Krankheit starb, dann der Vater, dessen Herz den Verlust der Kinder nicht verkraftete. Danach starb die Mutter lange und qualvoll. Und vor fünf Jahren wurde Julika Witwe, nur der Sohn mit Familie lebt in Hamburg, sie sehen sich selten. – Das Einzige, was die Dramatik meines Lebens überdeckt, – sagte Julika, – ist mein Friseursalon und das Ausbildungszentrum für Friseurkunst. Das ist jetzt mein Leben. Ich schicke dir ein Video, dann siehst du, was ich mache. – Julika, ich fühle mit dir, bin aber auch froh, dass wir uns wiedergefunden haben. Ich würde so gern mit dir reden. Aber ich kann nicht kommen. Meine Mutter ist schwer krank. – Schade, Arina, wie gern hätte ich dich hier in Berlin. Erinnerst du dich, wie wir früher geträumt haben… Nach einiger Zeit starb Arinas Mutter. Nachdem sie sich etwas gefasst hatte, dachte sie: – Vielleicht sollte ich wirklich zu meiner Freundin ziehen. Sie lebt allein in einer großen Wohnung, lädt mich ständig ein… Eines Tages war Julika lange nicht im Internet. Als sie wieder auftauchte, schrieb sie, dass sie im Krankenhaus war. Beim Lesen liefen Arina die Tränen übers Gesicht, sie hatte ein ungutes Gefühl. Der Winter verging. Arina und Julika hielten Kontakt, und die Freundin war fast bereit zum Umzug, da verschwand Julika wieder. Der Frühling war warm, Arina machte das Haus nach dem Winter sauber. Alles war gewaschen und an den sauberen Fenstern aufgehängt, da schrieb Julika, dass sie eine schlimme Diagnose bekommen hatte, sie war schwer krank. Arina weinte, sie tat ihr sehr leid. Bald meldete sich Julika gar nicht mehr, weder im Internet noch am Telefon. Eines Tages rief Arina bei Julika an, ein Mann ging ran: – Mama lebt nicht mehr, wir haben sie gestern beerdigt, – es war Julikas Sohn. Arina weinte lange, sie wusste, sie hatte ihre Freundin für immer verloren. Nie wieder würde sie ihre Stimme hören. Oft erinnerte sie sich an Julikas Worte: – Ich lebe jetzt einfach, genieße jeden Tag, jede Minute. Wie viele werden es noch sein?
Ich diene Ihnen nicht länger!