Nach vielen Jahren im Beruf ging ich schließlich in Rente und kündigte sofort, obwohl ich vielleicht noch weitergearbeitet hätte, wenn meine Mutter nicht so schwer erkrankt wäre. Sie allein im Haus zu lassen, war unmöglich. Also zog ich in das kleine Dorf und kümmerte mich um sie, während mein Sohn Stefan mit seiner Familie in meiner Wohnung in München lebte.
Als Kind lernte ich meine Freundin Annemarie kennen, die im Sommer immer zu ihrer Großmutter kam, die direkt gegenüber wohnte. Annemarie lebte mit ihren Eltern in Berlin und träumte schon damals davon, dass ich nach dem Abitur zum Studium nach Berlin kommen würde, damit wir dort unsere Freundschaft fortsetzen könnten. Aber Träume bleiben oft nur Träume.
Annemaries Großmutter starb, als wir beide in der zehnten Klasse waren. Sie hatte keine weiteren Verwandten im Dorf, und so trennten sich unsere Wege. Ich sagte damals zu meinen Eltern:
Ich möchte nach dem Abitur in Berlin studieren.
Das ist aber sehr teuer, mein Kind, meinte mein Vater. Geh lieber auf die Uni hier in Bayern.
Also schrieb ich mich in der nächstgelegenen Universität ein und fuhr in den Ferien und manchmal am Wochenende nach Hause die Busfahrt dauerte drei Stunden. Ich studierte begeistert Fremdsprachen und träumte heimlich davon, Übersetzerin zu werden und irgendwann nach Berlin zu Annemarie zu ziehen.
Doch es kam anders. Während des Studiums verliebte ich mich Hals über Kopf in meinen Kommilitonen Markus.
Mama, Papa, ich will heiraten, verkündete ich eines Tages, als ich übers Wochenende nach Hause kam.
Wen denn? Wer ist er?, fragten meine Eltern besorgt. Du musst ihn uns erst vorstellen, lade ihn doch mal ein.
Markus, am nächsten Wochenende fahren wir zu meinen Eltern, sie möchten dich kennenlernen, sagte ich zu ihm.
Sind deine Eltern streng?
Mein Vater schon, meine Mutter eher nicht.
Wir fuhren gemeinsam zu meinen Eltern. Markus war klug und schaffte es sogar, das Herz meines strengen Vaters zu gewinnen.
Gut, ihr dürft vor dem Abschluss heiraten, stimmte mein Vater zu, und wir waren überglücklich.
Nach der Hochzeit mieteten wir eine Wohnung. Doch die alltäglichen Probleme begannen unsere Beziehung zu belasten. Markus war für das Familienleben wenig geeignet und schaute sich oft nach anderen Frauen um es gab so viele hübsche Mädchen.
Markus, du bist ein unverbesserlicher Frauenheld, schimpfte ich oft, wenn er wieder nicht nach Hause kam. Warum soll ich auf dich warten, wenn du dich amüsierst?
Dann geh doch selbst aus, konterte er.
Vielleicht hätte ich das getan, aber unser Sohn Stefan war gerade sieben Monate alt. Markus half mir in nichts. Trotzdem schloss ich mein Studium ab und verteidigte meine Diplomarbeit mit dem Baby auf dem Arm. Die frühe Ehe brachte mir kein Glück. Nach dem Abschluss ließ ich mich von Markus scheiden.
Ich bereue nichts, erklärte ich meinen Eltern, als ich nach der Diplomverteidigung allein mit Stefan zu ihnen kam. Er war ein Blender.
Ja, mein Kind, er hat auch mich getäuscht, seufzte mein Vater. Was machst du jetzt allein mit dem Kind? Lass Stefan bei uns, wir helfen dir.
Natürlich, wir passen auf den Kleinen auf, sagte meine Mutter liebevoll.
Ich nahm das Angebot an.
Eigentlich wollte ich hier im Dorf arbeiten, aber das Leben in der Stadt gefällt mir besser und ich habe dort schon eine Stelle, sagte ich. Wenn ihr auf Stefan aufpasst, bin ich froh. Ich versuche, ihn bald zu mir zu holen.
So kam es, dass meine Eltern Stefan großzogen. Ich lebte in der Stadt, unterrichtete Englisch und hatte meine eigene Wohnung. Ich wollte meinen Sohn zu mir holen, doch dann lernte ich auf einer Konferenz im Schulamt zufällig Thomas kennen.
Frau Schneider, sprach er mich an, bleiben Sie bitte nach der Besprechung kurz da, ich habe ein paar Fragen… dienstlich natürlich.
In Ordnung, antwortete ich, etwas überrascht.
Was will er wohl von mir?, fragte ich mich.
Als alle gegangen waren, lächelte Thomas und sagte offen:
Sie gefallen mir sehr, ich sage es direkt. Ich würde Sie gern in ein kleines Restaurant einladen ich kenne da ein sehr gemütliches Lokal. Haben Sie Lust?
Sie überraschen mich, daran habe ich gar nicht gedacht, stammelte ich, stimmte aber zu.
Thomas war zehn Jahre älter, hatte eine angesehene Position, war aber verheiratet. Er machte daraus kein Geheimnis, versicherte aber:
Mach dir keine Sorgen, ich werde mich irgendwann trennen. Meine Frau und ich verbindet nur unsere gemeinsame Tochter.
Doch ich glaubte ihm nicht recht, dass er seine Familie so einfach verlassen würde. Trotzdem genoss ich die Zeit mit ihm. Wir reisten oft nach Sylt und Hamburg. Über seine Frau sprachen wir nie das war für uns beide tabu. Aber manchmal fragte ich mich:
Wie schafft Thomas es, seine Affäre so lange geheim zu halten?
Jahrelang trafen wir uns, doch Thomas ließ sich nie scheiden. Eines Tages brach meine Welt zusammen: Seine Frau erfuhr von uns. Das konnte nicht ewig gutgehen. Sie machte ihm eine Szene, die Tochter war inzwischen erwachsen.
Wenn du die Beziehung zu dieser Frau nicht beendest, fahre ich selbst zu ihr und ziehe sie an den Haaren durch die Wohnung! Und am Arbeitsplatz mache ich dir auch Ärger!
Thomas bekam Angst. Er wusste, dass eine gekränkte Frau zu allem fähig ist, und beendete unsere Beziehung.
Man muss für alles bezahlen, dachte ich. Wie schnell sind die glücklichen Jahre vergangen.
Stefan wurde erwachsen, schloss sein Studium ab, heiratete und zog mit seiner jungen Frau in unsere Wohnung. Für mich war das ungewohnt, aber ich mochte Marie, wir verstanden uns sofort.
Mit vierzig traf mich der erste Schicksalsschlag: Mein Vater wurde schwer krank. Als ich ins Elternhaus kam, lag er schon, und meine Mutter pflegte ihn. Nach nur einem halben Jahr starb er an einer heimtückischen Krankheit, kurz vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag.
Dieser Verlust schmerzte mich sehr. Aber wie man sagt, ein Unglück kommt selten allein. Zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters erkrankte meine Mutter schwer, sie litt unter starken Kopfschmerzen. Ich sah, wie sie sich quälte, und zog aus der Stadt zurück ins Dorf, um sie zu pflegen.
Verzweifelt und voller Angst dachte ich, meine Mutter würde sterben, doch entgegen aller Erwartungen lebte sie noch vier Jahre. Wir litten beide, ohne Hoffnung auf Besserung. Stefan schenkte mir einen Computer und ließ Internet ins Haus legen, damit ich beschäftigt war. Über StayFriends fand ich neue Bekannte, mit denen ich schrieb.
Ein ungutes Gefühl beschlich mich.
Draußen war es dunkel, der kalte Herbstwind heulte ums Haus. Die Stille wurde nur vom Stöhnen meiner kranken Mutter unterbrochen. Abgeschottet von der Welt surfte ich im Internet, als ich eine Nachricht von einer unbekannten Frau erhielt.
Hallo, ich habe dich sofort erkannt, schrieb sie. Als ich das Foto ansah, erkannte ich meine Jugendfreundin Annemarie. Ich freute mich, sie schickte mir ihre Telefonnummer, und ich rief an.
Hallo, Annemarie, wie gehts dir?
Hallo, meine Liebe, antwortete sie fröhlich.
Es fiel mir schwer, in der eleganten, gepflegten Frau mit den dunklen Haaren meine alte Freundin zu erkennen. Ich war erschüttert und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Annemarie war ganz anders geworden, eine glänzende, erfolgreiche Dame. Es schien, als hätte das Leben ihr alles geschenkt.
Doch am Telefon erzählte sie mir von ihrer wahren Tragödie. Ihr Bruder war in einem Krisengebiet ums Leben gekommen, die Schwester an einer Krankheit gestorben, und der Vater hatte den Tod der Kinder nicht verkraftet. Auch die Mutter starb nach langem Leiden. Vor fünf Jahren wurde Annemarie Witwe, nur ihr Sohn lebt mit seiner Familie in Hamburg, sie sehen sich selten.
Das Einzige, was meine Lebensdramen überdeckt, ist mein Friseursalon und das Ausbildungszentrum für Haarstylisten. Das ist jetzt mein Leben. Ich schicke dir ein Video, dann siehst du, was ich mache.
Annemarie, ich fühle mit dir und bin trotzdem froh, dass wir uns wiedergefunden haben. Ich würde dich gern besuchen, aber meine Mutter ist sehr krank.
Schade, wie gern hätte ich dich hier in Berlin. Erinnerst du dich an unsere alten Träume?
Kurz darauf starb meine Mutter. Nachdem ich mich etwas gefangen hatte, dachte ich:
Vielleicht sollte ich wirklich zu meiner Freundin ziehen. Sie lebt allein in einer großen Wohnung und lädt mich ständig ein…
Eines Tages war Annemarie lange nicht im Internet. Als sie wieder auftauchte, schrieb sie, dass sie im Krankenhaus gewesen sei. Beim Lesen liefen mir die Tränen übers Gesicht, ich hatte ein schlechtes Gefühl.
Der Winter verging. Wir telefonierten und Annemarie schien bereit, dass ich zu ihr ziehe, doch dann verschwand sie wieder. Der Frühling war warm, ich machte das Haus nach dem Winter sauber. Alles war gewaschen und die Fenster blitzten, als Annemarie mir schrieb, dass sie eine schlimme Diagnose erhalten hatte und schwer krank war.
Ich weinte, es tat mir sehr leid um meine Freundin. Bald meldete sie sich gar nicht mehr, weder im Internet noch am Telefon. Eines Tages rief ich ihre Nummer an und hörte eine Männerstimme:
Mama lebt nicht mehr, wir haben sie gestern beerdigt, sagte ihr Sohn.
Ich weinte lange und wusste, dass ich meine Freundin für immer verloren hatte. Nie wieder würde ich ihre Stimme hören. Oft kamen mir ihre Worte in den Sinn:
Jetzt lebe ich einfach, genieße jeden Tag, jede Minute. Wie viele werden es noch sein?Manchmal sitze ich am Fenster, schaue hinaus auf die ruhige Straße des Dorfes und denke an all die Jahre, die vergangen sind. Die Erinnerungen kommen in Wellen, mal schmerzhaft, mal tröstlich. Ich frage mich, wie das Leben wohl verlaufen wäre, hätte ich damals andere Entscheidungen getroffen wäre ich nach Berlin gegangen, hätte ich vielleicht ein anderes Schicksal gehabt. Aber das sind nur Gedanken, die im Wind verwehen.
Stefan und Marie besuchen mich oft, bringen frisches Brot vom Bäcker und erzählen von ihrem Alltag in München. Ihr kleiner Sohn, mein Enkel, läuft lachend durch den Garten, pflückt Gänseblümchen und bringt sie mir als Geschenk. In solchen Momenten spüre ich, dass das Leben weitergeht, auch wenn es manchmal schwer ist.
Abends, wenn das Haus still ist und der Tag sich dem Ende neigt, zünde ich eine Kerze an und denke an Annemarie. Ich höre ihre Stimme in meinen Erinnerungen, ihr Lachen, ihre klugen Ratschläge. Manchmal schreibe ich ihr einen Brief, den ich nie abschicke, einfach um meine Gedanken zu ordnen. Es hilft mir, die Trauer zu verarbeiten und die schönen Momente nicht zu vergessen.
Im Dorf kennt jeder jeden, und die Nachbarn kommen vorbei, bringen Kuchen oder fragen, ob ich Hilfe brauche. Die Gemeinschaft gibt Halt, auch wenn die Einsamkeit manchmal schwer auf den Schultern liegt. Ich habe gelernt, die kleinen Freuden zu schätzen: den Duft von frisch gemähtem Gras, das Zwitschern der Vögel am Morgen, das leise Plätschern des Regens gegen die Fensterscheibe.
Manchmal besuche ich den Friedhof, bringe Blumen zu den Gräbern meiner Eltern. Ich spreche leise mit ihnen, erzähle von meinem Tag, von Stefan und seinem Sohn. Es fühlt sich an, als wären sie noch immer bei mir, als würden sie über mich wachen.
Die Jahre vergehen, und ich habe gelernt, mit Verlust und Schmerz zu leben. Die Erinnerungen an Annemarie bleiben lebendig, und ich weiß, dass unsere Freundschaft, auch wenn sie durch den Tod getrennt wurde, einen festen Platz in meinem Herzen hat. Ich versuche, jeden Tag bewusst zu erleben, so wie sie es mir einst geraten hat.
Und so fließt das Leben weiter, wie ein ruhiger Fluss, der manchmal Steine im Weg hat, aber immer seinen Weg findet. Ich bin dankbar für die Menschen, die mich begleiten, für die Erinnerungen, die mich stärken, und für die Hoffnung, die mich jeden Morgen aufs Neue aufstehen lässt.




