Ich diene Ihnen nicht mehr!
Ich bin nicht länger Ihr Dienstmädchen!
Hallo, Schatz! Ich habe eine große Überraschung für dich! Bereite heute Abend dein Spezialgericht zu!
Was ist passiert? fragte Lina mit einem unguten Gefühl.
Alles ist wunderbar! Ich erzähle es dir heute Abend!
Das Telefonat endete abrupt, und die Frau blickte zweifelnd aus dem Fenster. Draußen war ein kühler Oktoberabend. Der Anruf ihres Mannes hellte ihre Stimmung nicht auf in fünfundzwanzig Ehejahren hatte er nie Überraschungen gemacht, schon gar keine großen.
Der Türklingel überraschte sie genau in dem Moment, als sie ihr berühmtes Fleischgericht mit Geheimsauce aus dem Ofen holte.
Hallo, Hausherrin! Das riecht fantastisch! rief Paul strahlend und stellte eine Flotte mit einem lauten Knall auf den Tisch. Deck den Tisch! Der Jäger ist daheim!
Warum bist du so aufgeregt? Ach, Jäger? Die Frau musterte ihn mit einem skeptischen Blick.
Ich wasche mir schnell die Hände und komme gleich.
Während er Wein in die Gläser schenkte, begann Paul feierlich: Ich erhebe dieses Glas auf den besten Mann und Vater der Welt! Und auf uns und auf zwei wunderbare Wochen Erholung im besten Drei-Sterne-Hotel am Meer!
Für einen Moment strahlte Lina, doch ihr Mann fuhr fort:
Weißt du, dass Markus tauchen kann?
Was? Die Frau war verwirrt.
Na, wie kannst du nur, Mama! Markus, der Mann unserer geliebten Tochter Helene.
Und was haben Markus und Helene damit zu tun?
Wie kann man nur so abwesend sein, Lina? Wir fahren alle zusammen, eine große Familie!
Lina stellte ihr Glas unberührt ab. Erschöpft sah sie ihren Mann an.
Wer hat die Reise bezahlt?
Natürlich ich! Paul klopfte sich stolz auf die Brust.
Du hast mich fünfundzwanzig Jahre lang mit Versprechungen von einer Traumreise hingehalten, und jetzt willst du, dass wir mit unserer Tochter und ihrem Mann fliegen? Ich sehe sie doch schon jeden Tag! Sie kochen nicht einmal selbst, weil sie immer bei uns essen können! Du kaufst sogar ihre Lebensmittel und bezahlst ihre Miete, weil sie keine Erwachsenendinge verstehen.
Aber Helenchen begann Paul.
Was Helenchen?! Ich habe sie mit achtzehn bekommen! Ich habe mir eingeredet, dass ich später leben würde! Und jetzt? Ich bin fünfundvierzig. Ich habe nichts gesehen, war nirgendwo. Ich arbeite von zu Hause. Ich komme nicht vom Herd und vom Spülbecken weg.
Tränen schimmerten in ihren Augen. Der Groll schnürte ihr die Kehle zu.
Lina liebte ihre Tochter, doch ihr Schwiegersohn war ihr gleichgültig. Sie fand, Erwachsene sollten selbstständig leben. Als sie mit achtzehn schwanger wurde und heiratete, half ihr niemand. Ihr Mann, der in einem Forschungsinstitut arbeitete, konnte kaum unterstützen. Sie lernte Buchhaltung und betreute bis heute mehrere Firmen. Manchmal lastete die Verantwortung für das Wohl der Familie allein auf ihren Schultern.
Lina! Pauls Stimme wurde strenger. Was soll das Gejammer? Wir verbringen doch so viel Zeit zusammen, und die Kinder brauchen noch Hilfe, sie suchen sich erst.
Hast du jemals an mich gedacht?
Natürlich! Du fährst doch auch mit! Wo ist das Problem?
Das Problem bin wohl ich flüsterte die Frau und verließ den Raum.
Am nächsten Tag kam Helene.
Hallo, Mama! Nicht mit leeren Händen! Sie winkte mit einer Tiefkühlpizza.
Hallo. Mikrowelle ist da. Lina deutete auf die Küche und setzte sich vor ihren Computer.
Mama, was ist los? Markus kommt gleich, ich dachte, du könntest noch eine Suppe und Tee machen.
Küche ist da. Die Frau zeigte erneut dorthin, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
Warum bist du so sauer? Papa meinte, du hättest sein Geschenk nicht zu schätzen gewusst.
Um mich zu verstehen, müsstest du ich sein. Lina antwortete leise.
Was murmelst du da? Ich bin zu Besuch, und du tust so, als wäre ich Luft! Ich dachte, wir könnten deinen Kleiderschrank durchgehen und dann einkaufen für den Urlaub. Deshalb habe ich Markus mitgebracht, damit er die Taschen trägt!
Lina hielt es nicht mehr aus und stand auf.
Hör zu, Tochter. Falls du es nicht siehst ich arbeite. Seit siebenundzwanzig Jahren arbeite ich für euch! Damit dein Vater sorglos auf dem Sofa sitzen kann, ohne Perspektiven und mit einem mickrigen Gehalt. Damit meine Tochter mich als Köchin und Geldautomat benutzen kann.
Sie holte Luft, um weiterzusprechen, doch die Türklingel unterbrach sie. Markus war da. Ein Dreißigjähriger mit dicken Schnurrbart, Bart und einem ständigen E-Scooter.
Hallo, Tante Lina! Ich habe ein Geschenk! Vom ganzen Team. Paul hat auch dazu beigetragen! Er zog einen Mixer aus seinem Rucksack. Entschuldige, ohne Verpackung. Passte nicht in den Rucksack. Aber alle Aufsätze sind da.
Ist das nicht toll, Mama? Du kochst doch so gern, das ist perfekt für dich!
Lina lächelte enttäuscht und ging in ihr Zimmer.
Was ist mit ihr los? hörte sie Markus flüstern.
Keine Ahnung. Vielleicht hat Papa was falsch gemacht. Lass uns gehen.
Was? Nicht mal essen?!
Nimm die Pizza. Iss sie zu Hause.
Ich hasse Tiefkühlpizza. Lieber frischen Kuchen.
Dann back dir welchen! zischte Helene.
Als die Tür zufiel, bedeckte Lina ihr Gesicht mit den Händen und flüsterte:
Vielleicht bin ich eine schlechte Mutter und Ehefrau
Ein Traum überflutete sie mit schweren Gedanken.
Sie träumte von der kleinen Helene, die Bauchschmerzen hatte. Dann träumte sie, wie Jungen im Hof ihr Kind hänselten und sie ihre Tochter beschützte. Dann sah sie, wie Pauls Gehalt gekürzt wurde und sie ihn tröstete, während sie Nebenjobs annahm. Schließlich träumte sie, wie sie weglief. Markus verfolgte sie auf seinem E-Scooter.
Und plötzlich wurde es still. Sie stand auf einem Hügel. Ein Fluss schlängelte sich unten durchs Tal, in der Ferne ragten Berge auf, und die Abendsonne tauchte ihre Gipfel in rotes Licht.
Als Lina erwachte, wusste sie, was zu tun war.
Hallo, Schatz! Ich bin da! Wie gehts? Helene sagte, du wolltest nicht einkaufen und mochtest das Geschenk nicht.
Ich brauche nichts aus dem Geschäft.
Und was ist mit Badeanzug und Sonnenhut? Brauche ich Shorts und Hemden?
Dann kauf sie. Ich fahre nirgendwo mit! Weder einkaufen noch ans Meer! Ich habe meinen eigenen Ozean. Kümmert euch selbst um die Vorbereitungen. Lasst mich in Ruhe! Ich habe viel zu tun.
Paul erstarrte.
Und das Geld? Ich habe schon alles bezahlt.
Betrachte es als Entschädigung für meine Nerven.
Paul schnaubte laut ein Zeichen tiefer Kränkung. Er sprach nicht mehr mit ihr. Lina war das recht.
Zwei Tage später beendete sie ihre dringenden Arbeiten, packte warme Kleidung und ihren Laptop ein und rief ihren Mann an.
Hallo. Bereust du es schon? Ich bin nicht mehr böse.
Deine Gefühle interessieren mich nicht, Paul. Lina antwortete ruhig. Ich rufe an, um dir zu sagen, dass ich auf Geschäftsreise gehe. Ich weiß nicht, wie lange. Vergiss nicht, die Post zu checken und die Miete zu zahlen. Das wars.
Als sie auflegte, spürte sie, wie ihr das Atmen leichter fiel. Sie lächelte sich im Spiegel zu und verließ die Wohnung.
Der lange Flug trübte ihre Vorfreude nicht. Das Hotel, die Annehmlichkeiten alles verschwand wie im Nebel.
Und dann war er da der Moment! Rauchende Vulkane auf der einen Seite! Der tosende Ozean auf der anderen! Lina atmete tief ein und beobachtete fasziniert, wie die untergehende Sonne die majestätische Schönheit der Kurischen Nehrung rot färbte!
Währenddessen litten Paul und Markus am warmen Strand seit Tagen an Magenverstimmungen. Helene pflegte sie so gut sie konnte und schimpfte auf die Geizigkeit ihres Vaters. Das Hotel, in dem sie untergekommen waren, glich keinem Luxusresort aus ihren Träumen. Sie warf ihrem Vater alles vor, und er beschuldigte sie im Gegenzug des Egoismus. Markus hatte andere Probleme: Sein Bart juckte fürchterlich
Muss ich mich jetzt rasieren?! stöhnte er und rannte zur Toilette. Mach schon was!
Was denn?
Gib mir Medikamente!
Ich weiß nicht, welche
Ruf Mama an! Sie weiß es!
Mama hat ihr Telefon ausgeschaltet.
Sie alle bereuten Linas Abwesenheit und ihr ausgeschaltetes Handy zutiefst. Der Urlaub war wortwörtlich in die Toilette gegangen.
Lina kehrte nach einem Monat zurück. Zu Hause erwarteten sie Windbeutel und ein angebrannte Kuchen.
Ich ziehe an die Kurische Nehrung. erklärte Lina. Wenn jemand mitkommen will, reden wir darüber. Alles andere steht nicht zur Debatte.
Nein, nein, wir besuchen dich lieber, Mama Helene war verärgert, ließ Lina aber ziehen.
Paul versuchte zu reden, zu drohen, zu schimpfen. Doch Lina lebte nicht mehr in der Vergangenheit. Nach zwei Monaten ließen sie sich scheiden.
Am Rande der Welt bekam das Leben echten Geschmack! Der salzige Wind im Gesicht Vielleicht würde sie ihr wahres Glück noch finden




