Entschuldige, aber bei der Hochzeit gibts nur hübsche Freundinnen, meinte die Braut.
Heike, du hast schon wieder die Milch vergessen!, rief die Kollegin Sabine laut, als sie die Kühlschranktür zuschlug. Wir hatten doch gestern noch vereinbart, dass du das besorgst schon zum dritten Mal hintereinander!
Sorry, Sabine, ist mir total aus dem Kopf gerutscht, sagte Anke schuldbewusst. Heute ist ein chaotischer Tag, ich komm gar nicht mehr klar.
Hat deine Katrin schon wieder angerufen? hakte Sabine.
Genau. Schon fünfmal seit dem Morgen. Das Kleid gefällt nicht, die Schuhe passen nicht, sie will noch einen anderen Fotografen. Mir dreht der Kopf!
Das liegt doch an dir, sagte Sabine, während sie sich einen Tee ohne Milch einschenkte. Warum hilfst du ihr bei allem? Lass den Hochzeitsplaner das übernehmen!
Aber sie ist doch meine Freundin! Wir kennen uns seit dem Kindergarten! Wie soll ich ihr jetzt absagen?
Freundin, die dir erlaubt, wie eine Verrückte durch die Stadt zu rennen, während sie selbst auf der Couch relaxt?, schnaufte Sabine.
Anke schwieg. Sabine hatte recht Katrin hatte die ganze Hochzeitsorganisation auf Anke abgeladen: Blumen besorgen, Einladungen abholen, mit dem Dekorateur reden. Zwanzig Jahre Freundschaft waren kein Witz.
Sie hatten sich im Kindergarten kennengelernt. Katrin war das auffällige, hübsche Mädchen mit hellblonden Haaren und blauen Augen bei den Jungs ein Volltreffer, bei den Mädchen ein Wunschpartner. Anke war eher rundlich, still, mit roten Zöpfen und Sommersprossen. Sie wurde oft gehänselt und nie ins Spiel geholt.
Doch gerade sie wurde von Katrin ausgesucht. Eines Tages kam sie zu ihr und meinte: Wollen wir Freundinnen sein? Und seitdem waren sie unzertrennlich Schule, Uni, erste Schwärmereien. Katrins Liebesleben war ein Dauerbrennen, Ankes blieb eher aus.
Heike, dein Handy klingelt, rief Sabine.
Anke nahm ab. Natürlich war es Katrin.
Alena, wo bist du? Ich sitz im Brautmodengeschäft und probiere Kleider für die Brautjungfern aus! Komm sofort, deine Meinung ist wichtig!
Katrin, ich bin noch bei der Arbeit. Noch drei Stunden bis Mittag.
Dann nimm dir frei! Das ist wichtig, die Hochzeit ist in einer Woche!
Okay, ich versuchs, seufzte Anke. Sie bat ihren Chef um kurzfristig frei, bekam ein mürrisches Ja und fuhr zum Laden. Katrin stand da in einem weißen Kleid, mit Schleier und strahlendem Lächeln.
Schau, wie schön ich bin!, drehte sie sich vor dem Spiegel. Thomas wird ausflippen vor Glück!
Du siehst wirklich toll aus, meinte Anke ehrlich. Und das war wahr Katrin war immer eine Schönheit, im Hochzeitskleid kam sie wie eine Prinzessin daher.
Ich habe Kleider für die Brautjungfern ausgesucht, zeigte Katrin auf die Schaufensterpuppen. Zartrosa, bodenlang. Ist das nicht schön?
Ja, richtig hübsch, bestätigte Anke.
Fünf Stück. Ich finde, es sollten genau fünf Brautjungfern sein das wirkt gut auf den Fotos.
Und wen lädst du ein?
Tina, Laura, Kathrin, Maren und Nadine.
Anke erstarrte. Fünf Freundinnen und sie selbst war nicht auf der Liste.
Und ich? hauchte sie.
Katrin sah weg.
Heike, du verstehst ja
Was soll ich verstehen?
Es ist für das Fotoshooting. Alles muss harmonisch aussehen. Und du
Was ich?
Entschuldige, aber bei der Hochzeit gibts nur hübsche Freundinnen.
Die Worte fielen schwer wie Steine. Anke stand da, unfähig zu begreifen, dass sie nur wegen ihres Aussehens ausgeschlossen wurde. Ihr Herz schlug schneller, die Tränen stiegen.
Meinst du das ernst?, flackerte ihre Stimme.
Heike, sei nicht böse! Das ist doch nur Ästhetik! Die Bilder gehen im Netz rum, ich will Perfektion!
Willst du also meine Fotos ruinieren?
Na ja, du bist etwas fülliger, das Kleid sitzt dir nicht so
Zwanzig Jahre Freundschaft, dachte Anke, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Zwanzig Jahre war ich immer für dich da, und jetzt?
Ich habe nicht gesagt, dass du nicht eingeladen bist! Natürlich kommst du, nur nicht als Brautjungfer!
Klar, sagte Anke, zog ihre Tasche zusammen. Sehr verständlich.
Heike, geh nicht! Wir müssen noch die Blumen aussuchen!
Doch Anke verließ das Geschäft, lief die Straße entlang, Tränen liefen die Wangen hinunter. Passanten schauten, aber es war ihr egal. Die Worte Nur hübsche Freundinnen zerschellten ihre zwanzigjährige Freundschaft.
Zuhause ließ sie sich auf die Couch fallen und weinte. Das Telefon klingelte ununterbrochen, doch Anke nahm nicht ab. Am Abend kam ihre Mutter.
Heike, was ist los? setzte sie sich neben sie.
Anke erzählte alles. Die Mutter hörte zu, schüttelte den Kopf.
Mädchen, vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht?
Wie soll das gut sein? Meine beste Freundin heißt mich hässlich!
Sie hat nicht gesagt, dass du hässlich bist. Sie zeigte nur, wie oberflächlich sie ist. Sie denkt nur an das Bild, nicht an die Menschen.
Aber wir sind so lange befreundet!
Erinnerst du dich, was eure Freundschaft ausgemacht hat? Was hast du ihr gegeben, und was hat sie dir gegeben?
Anke dachte nach. Katrin bekam immer Hilfe, Unterstützung, ein offenes Ohr. Was bekam sie zurück? Nur ein bisschen Aufmerksamkeit, das Prestige, mit einer hübschen Freundin abzuhängen.
Aber ich liebe sie, Mama, flüsterte Anke.
Eine Freundin ist nicht die, die schön aussieht, sondern die, die in harten Zeiten bleibt. War Katrin für dich da, als du dein Vater gestorben ist? Als du die Arbeit verloren hast? Als du dich trennst hast?
Anke erinnerte sich: Bei der Beerdigung war Katrin nicht erschienen, sagte sie, sie habe Angst vor Geistern. Bei Jobverlust half Katrin nicht, konnte sonst nichts. Bei Trennungen gab sie nur lässige Sprüche. Anke hingegen hatte immer in der Nacht mit Katrin geredet, Projekte fertiggemacht, ihr ein Dach über dem Kopf geboten, als Katrin nach einem Streit bei ihr wohnte.
Ich war wohl zu gutmütig, murmelte sie.
Du warst nicht dumm, sondern freundlich. Das ist ein Unterschied.
Am nächsten Tag rief Katrin an.
Heike, warum bist du sauer? Ich wollte dich nicht verletzen!
Du hast gesagt, ich sei nicht hübsch genug für deine Hochzeit.
Ich habe nicht das gesagt! Ich habe über Ästhetik gesprochen!
Das ist dasselbe.
Ach, du bist ja empfindlich! Na gut, wenn es dir so wichtig ist, du bist die sechste Brautjungfer!
Sechste?
Ja, fünf hübsche, du bist die sechste. Hinterher stehst du, auf den Bildern kaum zu sehen.
Anke spürte, wie kalt es in ihr wurde.
Hörst du überhaupt, was du sagst?
Ich will doch, dass du dabei bist! Ich wollte fünf, jetzt sind’s sechs! Für dich!
Für mich, damit ich hinten stehe und nicht sichtbar bin?
Du verstehst doch
Weißt du was, Katrin, ich gehe nicht zu deiner Hochzeit.
Was? Nein, das kann doch nicht sein! Wir kennen uns seit zwanzig Jahren!
Wir kannten uns, das war damals. Nicht mehr. Du willst jetzt das Aussehen über das Herz stellen.
Du zerbrichst unsere Freundschaft wegen so einer Kleinigkeit?
Es geht nicht um eine Kleinigkeit, es geht um Respekt. Du hast mich nie respektiert, ich war nur deine bequeme Lösung.
Das stimmt nicht!
Doch, das stimmt. Ich habe das lange übersehen, jetzt sehe ich es. Und ich will nicht mehr die bequeme Freundin sein.
Du betrügst mich dann an meinem wichtigsten Tag?
Ich betrüge nicht dich, du hast mich betrogen, als du Äußerlichkeiten über das Herz gestellt hast.
Anke legte auf, schaltete das Handy aus. Ihre Hände zitterten, doch innerlich fühlte sie sich befreit. Zum ersten Mal handelte sie nach dem, was ihr richtig erschien, nicht nach Katrins Wunsch.
Im Büro hörte Sabine die Geschichte und umarmte Anke herzlich.
Du hast dich richtig behauptet! Ich bin stolz auf dich!
Wirklich?
Ja, du hast endlich deine Grenzen gezogen. Katrin hat zu viel Selbstvertrauen gewonnen!
Ich habe Angst, Sabine. Zwanzig Jahre Freundschaft Was, wenn ich einen Fehler mache?
Du machst keinen Fehler. Eine wahre Freundin würde dich nie so behandeln. Du verdienst Besseres, Alene.
Eine Woche später war Hochzeitstag. Anke saß zu Hause, sah einen Film und versuchte, nicht an die Szene im Brautmodengeschäft zu denken. Katrin im weißen Kleid, Thomas im Anzug, fünf hübsche Brautjungfern in rosaroten Kleidern.
Das Telefon klingelte. Es war Tina, eine der fünf Brautjungfern.
Alena? Hier ist Tina. Können wir reden?
Klar, was gibts?
Katrin hat erzählt, ihr habt euch gestritten und du kommst nicht. Wir sind alle schockiert von dem, was sie gesagt hat von den hübschen Freundinnen
Wirklich?
Ja. Olya wollte gar nicht mehr, hat Angst gehabt. Wir dachten, das wäre ein Scherz, aber Katrin meinte, du wärst über etwas Kleines beleidigt.
Kleines, schnitt Anke ein, ein bitteres Lächeln.
Ich steh auf deiner Seite, die anderen auch. Katrin hat sich echt danebenbenommen. Ich wollte nur sagen, dass wir dich unterstützen.
Anke dachte nach. Alle sahen, dass Katrin im Unrecht war, aber wagten es nicht, ihr die Meinung zu sagen. Anke war mutig genug gewesen, die Grenze zu ziehen. Das war richtig.
Am Abend rief die Mutter von Katrin, Frau Schmidt, an. Anke kannte sie seit Kindertagen.
Leni, kann ich dich treffen?
Natürlich, Frau Schmidt.
In einem kleinen Café saßen sie zusammen. Frau Schmidt wirkte bedrückt.
Leni, ich habe von dem Vorfall erfahren. Katrin hat mir ihre Sicht erzählt, aber ich merke, dass sie etwas verbirgt. Erzähl mir, was passiert ist.
Anke schilderte alles. Frau Schmidt hörte zu, ihr Gesicht wurde immer trauriger.
Ich bin schuld, sagte sie schließlich. Ich habe ihr immer eingeredet, sie sei das Schönste, alle müssten ihr helfen. Ich habe das Kind gefüttert, das sie nie lernen konnte, selbst zu kämpfen. Du warst immer so freundlich und echt, das verdient Respekt.
Danke, Frau Schmidt.
Weißt du, ich bin froh, dass du nicht zur Hochzeit gegangen bist. Vielleicht lernt Katrin daraus, dass wahre Schönheit von innen kommt, nicht vom Äußeren.
Anke fuhr nach Hause mit einem merkwürdig leichten Herzen. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen sogar ihre Schwiegermutter verstand das.
Ein Monat später hatte Katrin keinen Kontakt mehr zu Anke, und Anke hatte ihr Leben wieder im Griff. Sie ging mit Sabine ins Fitnessstudio, machte Yoga, ernährte sich gesünder nicht, weil sie hübscher wirken wollte, sondern weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollte.
Eines Abends klingelte es an der Tür. Dort stand Katrin, ohne Make-up, in einfacher Kleidung, Tränen in den Augen.
Darf ich reinkommen?, flüsterte sie.
Anke ließ sie hinein. Sie setzten sich an die Küche, und Katrin sprach nach langer Pause.
Thomas ist weg.
Was?
Drei Wochen nach der Hochzeit war die Flitterwochenzeit ein Albtraum. Wir stritten ständig. Dann sagte er, ich sei nicht die, für die ich mich ausgegeben habe, dass ich egoistisch sei und nur auf das Bild achte.
Katrin
Und das Schlimmste: Er meinte, ich habe meine beste Freundin wegen Fotos verloren. Wahre Schönheit ist nicht das Aussehen. Du bist hundertmal schöner, weil du ein gutes Herz hast.
Anke hörte schweigend zu.
Ich habe alles vermasselt, schluchzte Katrin. Ich habe meinen Mann und meine Freundin verloren. Jetzt erkenne ich, dass du die Einzige warst, die mich wirklich geliebt hat.
Du hast mir sehr wehgetan.
Ich weiß. Bitte verzeih mir. Ich war dumm, habe nur an das Bild gedacht und die Gefühle vergessen.
Ich kann dir jetzt noch nicht verzeihen, sagte Anke leise. Aber ich will dich nicht einfach fallen lassen. Wenn du bereit bist, an dir zu arbeiten, bin ich da.
Wirklich?
Ja. Aber unsere Freundschaft wird anders sein. Ich setze Grenzen. Ich dulde keinen Respektlosigkeit mehr.
Katrin nickte. Sie umarmten sich, vorsichtig, nicht als Vergebung, sondern als neuer Anfang.
Katrin begann eine Therapie, arbeitete an ihrem Egoismus. Anke blieb an ihrer Seite, aber nicht mehr als die bequeme Problemlöserin, sondern als gleichberechtigte Partnerin.
Ein Jahr später rief Katrin an.
Leni, ich will mich bei allen entschuldigen, die ich verletzt habe. Hilfst du mir?
Natürlich, antwortete Anke.
Gemeinsam gingen sie von Haus zu Haus und entschuldigten sich bei einer Klassenkameradin, bei einer Kollegin, bei einer Nachbarin. Nach jeder Begegnung sagte Katrin: Ich war immer die, die dachte, sie wäre besser als alle anderen. Jetzt sehe ich, dass ich mich geirrt habe.
Das ist erstaunlich, meinte Anke nach dem letzten Besuch. Du hast erkannt, dass du dich selbst verloren hast. Danke, dass du das nötig gemacht hast.
Katrin trennte sich von Thomas, blieb aber Freunde. Sie merkte, dass sie nicht sofort den Traum von einer perfekten Hochzeit brauchte, sondern ein gesundes Leben.
Anke verlor 15kg nicht, weil jemand sie hübscher machen wollte, sondern weil sie sich selbst liebte und gesund sein wollte.
Eines Tages saßen sie in einem kleinen Café, tranken Kaffee. Katrin sah Anke an.
Weißt du, du siehst jetzt wirklich schön aus.
Danke, lächelte Anke.
Nicht nur das Äußere, du strahlst von innen. Das ist echte Schönheit.
Du hast dich auch verändert. Du bist netter, menschlicher.
Ich habe von dir gelernt. Du hattest recht, als du sagtest, ich denke nur an das Bild. Ich lebte wie ein InstagramProfil hübsch außen, leer innen.
AberUnd so standen wir beide, Hand in Hand, bereit, das nächste Kapitel unseres Lebens gemeinsam zu schreiben.




