Der Junge vom Dorf

Hör zu, geh zu deinen Eltern, du bist doch völlig nutzlos! knurrte Katrin Braun, während sie den Ärger kaum verbergen konnte.
Na dann, ich gehe ja schon lange weg! Ich habe genug von dir, erwiderte Sebastian Wolf und begann, während er über die ganze Wohnung stapfte, seine Sachen zusammenzupacken. Immer wieder stolperte er über verlegte Socken, vergaß, wo die Schlüssel lagen, und musste Katrin immer wieder um Hilfe bitten. Schließlich platzte Katrin vor Wut, stopfte Sebastians Klamotten in einen großen Rucksack und stellte ihn lautlos vor die Tür. Im Flur verschränkte sie die Arme und beobachtete, wie Sebastian verzweifelt zugleich die Schnürsenkel seiner Turnschuhe zubinden und die Jacke zuknöpfen wollte. Dabei fiel ihm dreimal die Mütze vom Kopf, die er wütend nur wirr auf den Kopf setzte.

Gott sei Dank, das Kind bleibt ein Kind! Wie ein kleiner Knirps, dachte Katrin und blickte zur Decke. Und warum habe ich mir nur eingetragen, ihn zu heiraten? Irgendetwas an seiner kindlichen Naivität hat mich doch gereizt dieses mütterliche Instinktchen.

***

Wenn du ein Kind willst, dann geb es, nicht einen dreißigjährigen Ersatz! wiederholte Katrins Mutter Ursula Vogel, die ihren Schwiegersohn überhaupt nicht leiden konnte. Als Sebastian und Katrin zu ihr zum Tee kamen, war Ursula völlig aus dem Häuschen.

Das ist ja ein Graus!, erzählte sie ihrer besten Freundin, der Rechtsanwältin Heike Möller, am Küchentisch. Meine ‘Sportskanone, Komsomol-Genossin, Schönheitskönigin’ hat sich einen Tollpatsch gekrallt! Sie kann Berge versetzen, aber jetzt hat sie einen erwachsenen Knirps, der gar nichts kann.

Heike lachte.
Gegensätze ziehen sich ja an.

Ursula schnaufte. Lacht nicht! Katrin ist stur wie ein Esel. Diese Eigenschaft half ihr immer, nach oben zu kommen, aber sie macht sie zu einer echten Nervenprobe. Hätte ihr Vater noch gelebt, hätte er sie vielleicht ein bisschen bremsen können.

Heike zweifelte. Das war ja noch, als sie zur Schule ging. Heute ist sie 28, hat eine Chefposition und hört niemanden mehr.

Und das ist ja kein Mädchen mehr, sondern ein Mann in den Dreißigern!, schaltete Ursula ein, während sie eine Tasse Tee austrank.

Vier Monate später saßen Ursula und Heike wieder in der Mensa der Universität, als Heike gerade aus einer langen Dienstreise zurückkam.

Also, haben die beiden geheiratet?, fragte Heike, während sie ihr Pfandl mit Eintopf und Frikadelle erwärmte.

Ursula seufzte. Ja, ich habe es dir doch gesagt, man kann Katrin nicht umstimmen. Sie liebt ihn und er ist ihr ganzes ‘MamaKinder’-Projekt.

Beide aßen schweigend weiter, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.

Wo wohnen die jetzt?, fragte Heike schließlich und schob ihren leeren Teller weg.

In der kleinen Wohnung, die wir für Katrin gekauft und renoviert haben. Zwei Zimmer, weil mein Mann Rolf immer sagte, jede Frau braucht ihr eigenes Nest für den Notfall. Wir haben ihr das alles angeboten, damit sie nicht allein dasteht.

Ursula fuhr fort: Seit ihrem Studienbeginn lebte Katrin dort. Jetzt ist Sebastian eingezogen, sie füttert ihn, gibt ihm zu trinken, bügelt seine Hemden und wischt ihm die Nase. Und sein Bauch wächst wie Hefeteig. Ich sage, er sollte endlich mal zum Sport gehen.

Aber das kostet ja Geld für das Fitnessstudio!, protestierte Heike.

Ursula zuckte mit den Schultern. Sie hat doch nicht viel davon.

In Wirklichkeit bemerkte Sebastian erst nach der Hochzeit, dass es ein gemeinsames Haushaltsbudget geben musste. Er hatte sein ganzes Leben bei seinen Eltern gelebt und nie über Rechnungen nachgedacht. Seine Eltern, Vroni und Günther Wolf, hatten ihn als das leuchtende Licht am Ende des Tunnels gesehen das späte, einzige Kind, das sie in ihren Dreißigern bekommen hatten. Nach einer langen Krankheit war seine Geburt fast ein Wunder gewesen.

Vroni, die nach der Elternzeit ihren Job aufgegeben hatte, widmete zehn Jahre ausschließlich dem Aufziehen ihres Sohnes. Sebastian war klug, aber etwas langsam im Lernen. Sobald er etwas verstanden hatte, blieb das Wissen fest verankert, und seine Lehrer staunten über seine gelegentlichen Geistesblitze.

Ein zukünftiges Genie, sagte sein Mathelehrer einst lachend.

Hausarbeiten wurden von den Eltern erledigt. Lern, Sebastian, wir kümmern uns um den Rest, sagte Vroni, während sie ihm das Hemd bügelte. Seine Garderobe bestand aus knallweißen, gebügelten Hemden, Krawatten und Anzügen ein Erbe seines Vaters Günther, der mit zwei Metern Größe und breiten Schultern fast wie ein Abgeordneter wirkte.

Sebastians Vater hatte dank alter Kontakte einen gut bezahlten Forschungsposten in einem Berliner Institut ergattert. Dort herrschte gemächliches Arbeitstempo, genug Zeit zum Grübeln und wenig Konkurrenz. Vor der Heirat behielt Sebastian sein Gehalt für sich; seine Eltern zahlten Miete, Strom und Lebensmittel. Vroni ging oft mit ihrem Mann in die Stadt, um neue Klamotten zu kaufen etwas, das Sebastian nie besonders mochte.

Mama, ich habe doch schon zwei Hemden! Warum muss ich noch einen grauen Rollkragen haben?, protestierte er.

Deine alten sind abgenutzt, der Rollkragen ist nötig, erwiderte Vroni bestimmt.

Nach der Hochzeit übertrug Vroni die ganzen Alltagsaufgaben gern an Katrin. Sie war schön, durchsetzungsfähig und würde Sebastian nicht im Stich lassen.

Klug, hübsch und kämpferisch mit so jemandem geht Sebastian nicht unter!, prahlte Vroni vor ihrem Mann.

Sebastian verstand kaum, wie man die Wasserrechnungen liest, geschweige denn, wie man sie bezahlt. Als Katrin nach dem Abendessen ein Paket aus dem Supermarkt brachte, fand sie darin gefrorene Kraken, merkwürdige Käsestränge, Popcorn und eine riesige, ungeschälte Dorschflosse.

Wie lange muss ich die denn auftauen? Und wo sind die drei Meter langen Exemplare?, stichelte Katrin, während sie das Fischstück wie einen Hockeyschläger hielt.

Sebastian entschuldigte sich: Meeresfrüchte sind gesund! Und es gibt noch ein Päckchen Maultaschen.

Katrin schnaubte und füllte einen großen Topf mit Wasser. Zum Glück muss ich zumindest nicht einkaufen gehen.

Sebastian, der gerade Tee einschenkte, lächelte verlegen. Das ist doch Frauenarbeit.

Die Hausarbeit blieb ebenfalls bei Katrin. Während Sebastian nach einem langen Arbeitstag auf der Couch die Handynachrichten scrollte, kümmerte sich Katrin um das Aufräumen und Kochen.

Wie hast du dir das neue Handy leisten können?, fragte sie erstaunt, als er ein brandneues Gerät hervorholte. Im vergangenen Monat habe ich kaum Geld, das Auto musste repariert werden, die Versicherung läuft aus, und du fährst das Auto nur

Das Auto war Sebastians, ein altes Modell, das seine Eltern ihm vor der Hochzeit geschenkt hatten, damit er zur Arbeit fahren konnte.

Ich lege mein Gehalt ins Haushaltsbudget, das reicht doch, protestierte Sebastian. Für das Handy haben mir meine Eltern Geld gegeben, und für den Laptop auch ich brauche ihn für die Forschung.

Katrin dachte nur: Er soll das Geld vom Elternhaus in unser Budget geben? Das klingt nach einem Märchen.

Ursula mischte sich ein: Deine Eltern haben genug Geld, aber wann hast du das letzte Mal selbst etwas bezahlt?

Ich esse kaum, und du hast ja erst angefangen, etwas zuzunehmen!, konterte Katrin, während sie einen Kochlöffel schwang.

Ich? Zum Fitnessstudio!, rief Sebastian, der plötzlich vom Sofa sprang.

Woher soll das Geld kommen?, fragte Katrin spöttisch.

Von den Eltern, sagte er verlegen und winkte mit dem Kochlöffel.

Ursula seufzte: Sie sind schon im Ruhestand, das Geld ist weg.

Katrin hielt den Kochlöffel wie einen Dolch und dachte: Mutter, du hast recht, er ist noch ein Kind im Kopf.

Einige Tage später, während sie das Bad putzte, redete Katrin mit sich selbst: Was habe ich eigentlich an ihm gefunden? Er war zu Beginn romantisch, süß und kindisch das war wohl mein mütterlicher Instinkt.

Ursula fügte lachend hinzu: Genies sind im Haushalt oft hilflos, doch die Frau ist das Rückgrat, wie bei Landaus Frau Kora.

Sebastian protestierte: Mama, genug davon!, während er an einem Buch über Physik blätterte.

Katrin dachte, sie sei keine passende Ehefrau für einen Wissenschaftler. Sie erinnerte sich an die berühmte Physikerin, deren Mann Nobelpreise gewann.

Ich liebe ihn nicht mehr, flüsterte sie schließlich. Unser Zusammensein war ein Fehler.

Die Streits wurden lauter, und Sebastian zog wieder zu seinen Eltern zurück. Vroni versuchte mehrmals, Katrin zu erreichen, rief an und kam sogar einmal vorbei. Doch die Trennung war unausweichlich.

Ich will kein Kind, erklärte Katrin ihrer Schwiegermutter. Ich will einen Mann, und Sebastian ist nur ein großes Kind.

Vroni schlug die Tür zu und sagte: Sebastian, du bist ein Genie, aber du bist nicht zu uns zu passen.

***

Ursula berichtete ihrer Freundin Heike: Die beiden haben sich also getrennt, ohne ein Jahr zu überstehen.

Heike meinte: Vielleicht ist das besser, dann gibt es keine Jahrzehnte voller Scheidung.

Ursula nickte traurig.

Katrin stieg nach wie vor die Karriereleiter hinauf, wurde Abteilungsleiterin und übernahm immer mehr Verantwortung. Zu Hause war sie nur noch selten.

Ich werde wohl nie Omas werden, meinte Ursula zu ihrer Tochter.

Alles hat seine Zeit, Mama, antwortete Katrin und lachte.

Sebastian heiratete nach sechs Monaten wieder seine Mutter hatte ihm eine passende Partnerin, Lotte, vorgestellt. Lotte war freundlich, hübsch und etwas naiv, aber das passte gut zu ihm. Sie lebten in einer kleinen Einzimmerwohnung, die Lottes Eltern ihr beim Kauf geholfen hatten.

Sebastian und Lotte übernahmen alles im Haushalt, und Lotte kümmerte sich liebevoll um ihn.

Einige Jahre später gelang es Sebastian, an einem wichtigen Forschungsprojekt teilzunehmen; sein Name tauchte in den Mainstream-Medien auf.

Katrin sah die Schlagzeile auf ihrem Handy und dachte schmunzelnd: Vielleicht war die Scheidung doch nicht ganz verkehrt.

Ihr neuer Mann, Alexander, kam herein und fragte: Was hast du da so Lustiges gelesen?

Nur über meinen mütterlichen Instinkt nachgedacht, antwortete sie geheimnisvoll.

Vielleicht sollten wir ihn in die richtige Richtung lenken?, schlug Alexander vor und zog sie leicht an der Taille.

Ich bin nicht gegen die Idee, flötete Katrin zurück. Sie überlegte, ob sie doch irgendwann ein Kind haben sollte und diesmal war sie bereit, den nächsten Schritt zu gehen.

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Homy
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