Nach Vereinbarung

Nach Vereinbarung

Nathalie nahm den Topf vom Herd, hielt die Hand für einen Moment über die Kochstelle und prüfte, ob sie die Flamme abgedreht hatte. Die Suppe köchelte leise, roch nach Hähnchen und Lorbeerblatt. Auf der Uhr fehlten noch zwanzig Minuten bis neun. Um neun sollte Anja mit den Kindern kommen.

Instinktiv richtete sie das Serviettenhäuschen auf dem Tisch gerade, schob die Schale mit Pralinen etwas näher zum Rand. In ihrem Kopf wirbelten die gestrigen Nachrichten aus dem Messenger. Mama, lass uns den Zeitplan besprechen, das Ganze schwimmt gerade, schrieb Nathalie damals. Sie hatte das Wort schwimmt bewusst gewählt, weil es sachlich klang fast geschäftlich. Aber so ließ es sich nicht anders sagen. Es hatte sich zu viel angesammelt.

In den letzten zwei Monaten lebte sie völlig im Dauerlauf. Der Kindergarten war wegen Quarantäne geschlossen, Anjas Projekt hatte plötzlich ein neues Reporting, Sebastian hatte Schichtarbeit. Nathalie fuhr die Enkel zu Arztterminen, holte sie vom Kindergarten ab, saß abends mit ihnen am Tisch. Sie liebte Finn und Liselotte, bis fast zu einer körperlichen, schmerzhaften Sehnsucht. Doch am Abend pochte ein dumpfes Klingeln in ihren Schläfen, der Blutdruck stieg.

Anja hatte gestern schnell geantwortet: Ja, Mama, lass uns reden. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich auf dich verlassen kann und wann nicht. Dieses nicht brachte Nathalie Erleichterung. Endlich gab ihre Tochter zu, dass ein Nein möglich war.

Der Türklopfer ertönte exakt um neun. Nathalie trocknete sich die Hände am Geschirrtuch und ging zur Tür.

Baaaa! rief Finn, stürzte herein, drückte sie an die Hüfte, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor. Wir drehen heute einen Film an?

Grüß dich zuerst, kleiner Racker, sagte Anja, folgte mit Liselotte im Arm und einer schweren Umhängetasche.

Nathalie küsste die Enkelin auf die Stirn, half beim Ausziehen der Jacken und hängte sie an den Haken. Der Flur wurde eng und laut. Ein warmes Kribbeln mischte sich mit einer leichten Unruhe. Jetzt musste gesprochen werden.

Kommt rein, die Suppe ist fast fertig, sagte sie. Dann setzen wir uns und reden.

Anja nickte, als hätte sie gerade das Stichwort gehört.

Am Tisch schaufelten die Kinder hastig die Suppe in die Münder, Finn bat um Nachschlag, Liselotte verteilte die Brühe mit dem Löffel am Rand des Tellers. Die Erwachsenen aßen langsamer. Nathalie sah ihre Tochter an dunkle Ringe unter den Augen, das Haar zu einem lässigen Knoten gebunden, ein Schatten des Kissens auf der Wange.

Schläfst du überhaupt noch? platzte es ihr aus dem Mund.

Wie es eben geht, wischte Anja ab. Gut, kommen wir zur Sache. Sonst zerreißen wir das Ganze wieder.

Nathalie atmete tief ein.

Ich habe da eine Idee, begann sie. Ich könnte Finn montags und mittwochs aus dem Kindergarten abholen und freitagsabends bei euch bleiben, wenn ihr mal ausgehen wollt. Aber nicht jeden Tag und nicht nachts.

Anja wischte sich die Lippen ab.

Und dienstags, donnerstags? fragte sie. Bei uns sind die Pläne ja immer flexibel.

Genau das ist das Problem die Flexibilität, antwortete Nathalie ruhig. Ich brauche feste Zeiten für mich. Ich arbeite Teilzeit, habe eigene Termine. Ich kann nicht ständig auf Abruf stehen.

Anja hob die Augenbrauen.

Mama, du hast doch selbst gesagt, du hast dich allein gefühlt.

Ein Stich traf Nathalie. Sie dachte an die Abende, an denen sie aus der Nachbarwohnung das Schreien hörte, während der Fernseher dasselbe alte Werbespotspiel wiederholte.

Ich vermisse euch, wenn ihr wochenlang nicht da seid, sagte sie. Aber das heißt nicht, dass ich nach eurem Stundenplan leben will. Ich will im Voraus wissen, wann ich mit den Kindern beschäftigt bin und wann ich zum Arzt, zum Friseur oder zu einer Freundin gehen kann.

Das Wort Friseur klang plötzlich albern, doch Anja lächelte nicht, sondern presste die Lippen zusammen.

Du willst also einen festen Zeitplan? fragte sie nach.

Ja. Damit jeder weiß, woran er ist. Wenn ein Notfall kommt, ruft mich an, wir finden eine Lösung. Aber nicht so, wie letzten Donnerstag, als du um acht Uhr morgens anriefst und sagte, ich solle Finn holen, weil ihr es nicht schafft.

Wir hatten wirklich ein plötzliches Meeting, entgegnete Anja. Und ich musste das Projekt absagen, weil du einen Haarschnitt geplant hattest.

Nathalie nickte, während Finn nach einer Praline griff. Sie schob die Pralinen-Schale ein Stück weiter weg.

Okay, sagte Anja. Montag, Mittwoch, Freitagabend. Wenn wir Dienstag brauchen, suchen wir eine Nanny oder nehmen einen Tag frei.

Das Wort Nanny ließ Nathalie erstarren. Sie hatte nie gedacht, dass ihre Tochter das Geld für eine Kinderfrau hätten.

Könnt ihr das tragen? fragte sie.

Nicht jeden Tag, antwortete Anja. Manchmal, aber nicht immer stundenlang. Mal sehen.

Nathalie nickte. In ihr mischten sich Erleichterung und Schuldgefühle, als hätte sie jemanden verraten.

Nach dem Essen brachten Anja und die Kinder die Kleinen ins Spielzimmer, während Nathalie das Geschirr wusch und den Klang ihrer Stimmen lauschte. Finn lachte laut, Liselotte murmelte in ihrer eigenen Kinderwelt. Sie spürte das Verlangen, alles abzusagen, zu sagen: Macht, wie ihr wollt. Doch dann erinnerte sie sich an den Tag vor zwei Tagen, als sie abends ihren Blutdruck gemessen hatte und dachte, noch ein Jahr würde sie noch alles tragen können, bevor sie selbst Pflege brauche.

Als Anja gehen wollte, wiederholten sie den Zeitplan. Anja schrieb in ihr Handy: Oma: Mo, Mi abholen, Fr abends. Nathalie blickte auf die Notiz und fühlte, wie etwas in ihr an den richtigen Platz rückte.

Am nächsten Tag war Dienstag. Das Telefon lag still auf dem Tisch. Nathalie stand ohne Wecker auf, trank Tee, machte leichte Gymnastik und machte sich bereit für die kleine Friseurschule um die Ecke. Auf dem Weg kaufte sie in der Apotheke Blutdrucktabletten, die sie schon lange holen wollte.

Im Salon war es ruhig, das Radio spielte leise. Kollegin Olga blätterte durch ein Magazin.

Na, Oma, wieder im Einsatz? lächelte Olga, als Nathalie sich umkleidete.

Nathalie erwiderte das Lächeln, doch das Wort Oma blieb ihr im Hals hängen. Es klang, als gäbe es keine andere Bezeichnung mehr.

Heute ohne Enkel, sagte sie. Ich habe jetzt einen Plan.

Wie sieht der aus? fragte Olga neugierig. Du willst jetzt nicht mehr immer einspringen?

Nathalie fühlte, wie ein Schamgefühl in ihr aufstieg. In ihrer Generation war es unüblich, abzusagen. Man half, so gut man konnte, und redete nicht darüber.

Ich sage nicht ab, erklärte sie ruhig. Wir haben nur festgelegt, an welchen Tagen ich frei habe und wann ich bei euch bin.

Olga zuckte mit den Schultern. Komisch, bei mir und meinem Mann klappt das ganz anders. Meine Schwiegermutter hilft gelegentlich, aber ich würde sie nicht nach Stunden planen. Familie ist doch

Nathalie schwieg. Sie dachte, Olga kenne ihre Situation nicht.

Zur Mittagszeit kam die Stammkundin Tamara Petrowna. Während Nathalie ihr einen Pony schnitt, erzählte Tamara von ihren Kindern und Enkeln.

Die Jüngste legt mir alles auf die Schulter, jammerte sie. Ich weiß nicht, wie ich das noch tragen soll. Aber Blut ist Blut.

Hätten Sie nicht einen festen Plan mit ihr? fragte Nathalie vorsichtig. Damit beide Seiten wissen, woran sie sind.

Tamara schnaufte. Ein Plan? Ich bin keine Maschine, ich helfe, solange ich kann.

Nathalie spürte, wie ein Funken Ärger in ihr aufstieg, als würde die Bemerkung ihr persönlich zugerichtet. Sie stellte sich vor, wie jemand am Küchenpult flüsterte: Nathalie hat jetzt einen Zeitplan, Oma nach Stunden.

Am Abend stellte sie den Wasserkocher an, setzte sich auf das Sofa. Das Telefon war immer noch stumm. Keine Anrufe, kein Piepsen. Das war ungewohnt. Das Wohnzimmer war zu still. Sie schaltete den Fernseher ein, dann sofort wieder aus. Sie nahm ein Buch zur Hand, doch die Worte verschwammen.

Fremde Stimmen hallten in ihrem Kopf: Familie ist doch, Solange du Kraft hast, und ihr eigenes: Ich brauche meine Zeit. Sie dachte an ihre Mutter, die einst mit Anja zusammengehalten hatte, während Nathalie in zwei Schichten arbeitete. Ihre Mutter hatte nie einen Plan gefordert. Dann war Nathalie nie darüber nachgedacht, ob sie müde war.

Am nächsten Tag, Mittwoch, holte sie Finn wie vereinbart aus dem Kindergarten. Sie kam etwas früher, um ihn in Ruhe umzuziehen. Der Umkleideraum roch nach Kinderjacken und einem Hauch von Kirschkompott. Die Erzieherin, eine junge Frau mit kurzem Bob, lächelte ihr zu.

Ach, Finn ist heute mit seiner Oma, sagte sie. Ein Glück für ihn.

Finn sprang ihr um den Hals, drückte sich an sie. Oma, kommst du morgen auch?

Nathalie stockte für einen Moment. Morgen holen dich Mama oder Papa, ich bin freitags.

Warum nicht morgen? fragte Finn neugierig.

Weil ich morgen andere Dinge habe, antwortete sie sanft.

Er zuckte die Schultern und spielte mit den anderen Jungen. Nathalie atmete aus. Erwachsenen etwas zu erklären, war leichter als Kindern.

Zuhause machten sie Pfannkuchen, malten mit Filzstiften, bauten mit Autos. Am Abend fühlte Nathalie eine angenehme Müdigkeit, nicht das Schwindeln von früher. Um sechs kam Anja, holte den Sohn, dankte ihr. Alles lief nach Plan.

So vergingen zwei Wochen. Der Rhythmus funktionierte. Montags und mittwochs holte sie Finn, freitagsabends kamen beide Kinder, damit Anja und Sebastian einen Filmabend oder einen Spaziergang zu zweit genießen konnten. Manchmal bat Anja um einen Tausch, doch meistens fand sie eine andere Lösung. Nathalie lernte zu sagen: Heute geht nicht, wir suchen etwas Neues, und jedes Mal zog ein kurzer Moment am Telefon ein wenig Spannung von ihr.

Freunde reagierten unterschiedlich. Freundin Gisela, mit der sie manchmal shoppen ging, nickte verständnisvoll.

Du machst das Richtige, sagte sie, als sie Tomaten auswählten. Sonst brennt dir das ganze Leben ab. Du bist nicht aus Stahl.

Nathalie lächelte. Sie fühlte sich eher zerbrechlich als robust. Giselas Worte gaben ihr ein wenig Trost.

Die Nachbarin im Treppenhaus, Frau Neumann, traf sie mit Einkaufstüten am Aufzug.

Du rennst immer zu den Enkeln, oder?, sagte sie. Ich sehe meine kaum, die Kinder rufen mich nicht. Schade.

Heute bin ich bei den Enkeln nicht, erwiderte Nathalie. Wir haben jetzt einen Plan.

Welcher Plan?, fragte Frau Neumann neugierig. Du hast doch plötzlich Sprechzeiten für die Enkel?

Sie lachte, doch das Lachen klang eher spöttisch. Nathalie zwang ein Lächeln, während ein Stich im Bauch nachließ. Sie stellte die Tüten in die Küche und wusch dutzende Äpfel, obwohl sie schon sauber waren.

Am Freitag kam Anja mit den Kindern etwas später als vereinbart um 19:15 statt 18:00. Nathalie blickte nervös aus dem Fenster, während das Warten das Zimmer füllte. Die Kinder sprangen, Anja sah zerzaust aus.

Entschuldigung, der Verkehr war ein Chaos, keuchte sie. Können wir sie morgen ein bisschen später abholen? Wir haben nach dem Film noch Freunde eingeladen.

Wie viel später? fragte Nathalie, während sie den Kindern die Schuhe auszog.

Gegen elf Uhr, morgens, sagte Anja.

Nathalie sah zu Liselotte, die bereits ins Zimmer stapfte und Spielzeug verstreute, und zu Finn, der nach einem Zeichentrickfilm verlangte. Sie erinnerte sich, dass sie am nächsten Morgen einen Arzttermin um neun hatte.

Ich habe um neun einen Termin, sagte sie. Ich könnte die Kinder zu euch fahren, aber bis elf bleiben kann ich nicht.

Anja runzelte die Stirn.

Du bist zu streng. Der Arzt ist doch kein Kino, das kann man verschieben.

Ich habe den Termin bereits zweimal verschoben, flüsterte Nathalie. Ich muss da hin.

Was soll ich jetzt machen?, wurde Anjas Stimme schärfer. Wir kommen selten raus, und ich dachte, du verstehst das.

Ein bekannter Kloß zog sich in Nathalies Brust zusammen. Sie wollte sagen: Na gut, bleibt, ich finde eine Lösung. Doch die Erinnerung an das Blutdruckmessgerät, das über dem Normalwert lag, an das BeinaheStürzen in den Bus, ließ sie innehalten.

Ich verstehe, aber ich habe auch Dinge, die ich nicht endlos aufschieben kann, sagte sie fest.

Anja schwieg, dann laut: Okay, wir finden eine Lösung. Aber jetzt nicht.

Sie verließ das Zimmer, hinterließ einen Hauch Parfüm und ein ungeklärtes Wort. Die Kinder lenkten Nathalie mit Spielen ab, doch immer wieder hallte Anjas Satz nach: Ich dachte, du verstehst das.

In der Nacht schlief Nathalie schlecht. Sie träumte, sie stehe an einer Haltestelle mit den beiden Kindern und drei Tüten, während der Bus vorbeischwebe, ohne anzuhalten. Sie winkte, rief, doch der Fahrer fuhr weiter, als sei sie nicht da.

Morgens, nach dem Aufstehen, rief sie Anja an.

Ich bin unterwegs, sagte sie. Bin in einer halben Stunde bei euch, dann zum Arzt.

Am anderen Ende ein kurzer Seufzer.

Gut, antwortete Anja knapp.

Als Nathalie die Kinder ablieferte, öffnete Sebastian die Tür. Er trug ein heimeliges T-Shirt, eine Tasse Kaffee in der Hand.

Wir dachten, du schläfst noch, sagte er und trat zurück. Anja ist gerade duschen.

Ein Funke Ärger glomm in Nathalie. Sie hatte den Morgen speziell für den Arzt geplant.

Ich habe doch den Termin, erinnerte sie.

Ja, Anja hat’s gesagt, murmelte Sebastian. Danke, dass du hier warst.

Er nahm Liselotte, Finn rannte bereits in die Wohnung. Nathalie ging nicht mit.

Ich muss los, sagte sie. Jetzt gehts.

Sie drehte sich zum Aufzug, dessen Türen wie ein Wirbelsturm schlossen. Ihr Einsatz in ihren Familien wurde wie etwas Selbstverständliches behandelt, etwas, das man verschieben, anpassen, nach eigenem Zeitplan richten konnte.

Nach dem Arztbesuch klingelte das Telefon. Auf dem Display stand Anjas Name. Nathalie seufzte und nahm ab.

Mama, können wir reden? klang Anjas Stimme angespannt.

Natürlich, antwortete Nathalie. Kommt ihr vorbei oder telefonieren wir?

Wir kommen mit den Kindern. Wir sind gleich da.

Vierzig Minuten später klopfte es. Die Kinder waren ruhiger, Finn hielt ein Spielzeugauto, Liselotte saugte an der Schnuller. Anja setzte sich, ließ die Jacke an und sah Nathalie direkt an.

Mama, ich war gestern verletzt, begann sie ohne Vorrede. Ich hatte das Gefühl, du stellst deine Dinge über uns.

Nathalie spürte, wie etwas in ihr zusammenzog. Das Gespräch, das sie gefürchtet hatte, stand nun vor ihr.

Ich verstehe, sagte sie. Aber ich musste zum Arzt. Das war kein Wunsch, sondern nötig.

Ich weiß, dass es kein Wunsch war, fuhr Anja schnell fort. Aber du hast dich immer nach uns gerichtet. Jetzt sagst du Nein und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Nathalie hob den Blick; in Anjas Augen lag nicht nur Ärger, sondern Verunsicherung.

Ich lerne das auch, flüsterte sie. Nein zu sagen, fällt mir nicht leichter, als dir das zu hören.

Sie beschlossen, dass ein klarer Zeitplan und offene Herzen die Brücke sein würden, über die ihre Familie gemeinsam in die Zukunft gehen könnte.

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Homy
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Er kam zehn Jahre zu spät