Man darf nichts Fremdes nehmen

Man darf nicht das Fremde nehmen
Die einzige Tochter, Johanna, war das Herzstück der Familie. Für sie wurde alles getan. Ihre Eltern, beide gebildete Leute, arbeiteten am Max-Planck-Institut. Der Vater war Professor. Seit Johanna denken konnte, waren oft Gäste in ihrem großzügigen Haus in München.
Heidi, Johannas Mutter, war berühmt für ihre herrliche Küche. Regelmäßig buk sie große Apfelkuchen und richtete die Tafel stets mit liebevoller Sorgfalt an.
Ach Heidi, wie immer, ein Fest für die Augen und den Gaumen! Wenn man auf deinen Tisch schaut, bekommt man sofort Hunger! witzelten die Gäste jedes Mal, wenn sie kamen.
Johanna war in der Schule fleißig kein Überflieger, aber stets sehr gute Noten. Die Eltern mussten sie nie zum Lernen zwingen. Von klein auf war sie selbstständig und verantwortungsvoll. Nach der Schule zog sie sich um, aß eine Kleinigkeit und machte sich an ihre Hausaufgaben.
Johanna, warst du heute bei deiner Musikstunde?
Ja, Mama, ich war da und bin gerade eben zurück.
Ihre Tochter lernte Violine an der Musikschule. Sie spielte gern und vergaß alles um sich herum, sobald sie den Bogen ansetzte. Ihr Musiklehrer stellte sie gern als Vorbild für die anderen Schüler vor.
Die Schuljahre gingen rasch vorbei. Johanna war beliebt, hilfsbereit und immer bereit zuzuhören. Nach dem Abitur wollte sie gern in München weiterstudieren. Ihre Eltern arbeiteten in der Uni das eröffnete Möglichkeiten.
Es läuft bei dir schon gut, Johanna, meinte Freundin Gisela. Deine Eltern helfen dir sicher bei der Uni. Ich komme alleine klar, hab nur meine Mutter, die alles für mich tut. Ich gehe arbeiten, dann wirds für Mama leichter.
Johanna hatte nie wirkliche Sorgen ihre Eltern verdienten ordentlich und sie musste nie auf etwas verzichten.
Mama, Papa, ich brauche ein neues Kleid und Schuhe fürs Abschlussfest, kündigte sie an.
Natürlich, Tochter, morgen haben wir frei, gehen wir einkaufen, versprach Heidi.
Sie fanden ein elegantes Kleid und passende Schuhe nur noch die Prüfungen meistern und dann der große Tanz ins Erwachsenenleben.
Johanna schaffte den Sprung ins Technische Universität, die Eltern mischten sich ein, aber sie hätte auch selbst bestanden. Heidi war eben überall vernetzt und hatte auf Nummer sicher die richtigen Gespräche geführt.
Na, liebe Eltern, jetzt bin ich offiziell Studentin! verkündete Johanna, als sie ihren Namen auf der Immatrikulationsliste fand.
Herzlichen Glückwunsch, Tochter, lachte der Vater und schenkte ihr ein neues Handy damals noch eine Besonderheit.
Im Studium genoss Johanna alles: Vorlesungen, Dozenten, neue Freundschaften. Das Leben war anders als in der Schule Partys, Prüfungen, Hausarbeiten. Die Zeit mit Gisela wurde weniger. Ihre Freundin arbeitete nun im Siemens-Werk; ein ganz anderes Milieu, andere Gespräche.
Im Sommer fuhr Johanna mit der studentischen Arbeitsbrigade nach Sachsen. Das war spannend viele junge Männer faszinierten sich für sie, doch die große Liebe war bisher nicht dabei. Alles blieb bei Freundschaft und Bekanntschaften, ernst wurde es nie.
Im letzten Studienjahr lernte Johanna Felix kennen. Er hatte seine Wehrpflicht abgeleistet und reparierte Haushaltsgeräte in einem Münchner Betrieb. Zufällig trafen sie sich im Kino, als Johanna endlich mal wieder mit Gisela ausging.
Hallo, darf ich mich zu euch setzen? fragte Felix höflich, als die beiden Cocktails in der Kinoschenke tranken.
Gern, meinte Gisela. Felix sah Johanna offen und direkt an.
Ich heiße Felix. Heute ist viel los hier, sagte er und blickte umher, als wolle er sich entschuldigen, dass er sich zu ihnen setzte.
Ich bin Gisela, und das ist Johanna, lächelte die Freundin.
Mein Freund hat mir den Film empfohlen, also bin ich raus.
Wir sind auch endlich mal zusammen hier, sonst nie Zeit. Ich arbeite, Johanna studiert, erklärte Gisela. Sie fand Felix sympathisch, doch sein Blick blieb bei Johanna.
Sie vereinbarten, sich nach dem Film wieder zu treffen der Kinosaal war voll, die Plätze weit auseinander. Zu dritt gingen sie bis spät durch München, Felix brachte erst Gisela, dann Johanna nach Hause und bat um ihre Nummer.
Felix war attraktiv, belesen und charmant. Johanna verliebte sich. Sie trafen sich regelmäßig und nach einem halben Jahr heirateten sie. Die Eltern akzeptierten Felix gern; er war ihnen sympathisch.
Nach Studienabschluss arbeitete Johanna kurz, dann kam der Mutterschutz. Sie bekam einen Sohn, Fritz. Mit Felix war sie glücklich er zeigte sich als fürsorglicher Mann und Vater, zuverlässig und beschützend.
Mama, was für ein Glück ich mit Felix habe, erzählte Johanna oft. Bei ihm fühle ich mich sicher.
Ich freu mich, Tochter. Felix ist wirklich ein guter Mann und Familienmensch, meinte Heidi. Der Vater hatte Felix ins Herz geschlossen; sie spielten gern Schach und führten Gespräche über Gott und die Welt.
Dann musste Johanna ohne Felix weitermachen
Aber das Glück hielt nicht ewig. Fritz war fünf Jahre alt, als Johanna und Felix verunglückten. Sie fuhren mit dem Auto, als ein Motorrad mit enormer Geschwindigkeit ihnen entgegenschoss… Johanna wurde aus dem Wagen geschleudert das rettete ihr wohl das Leben. Felix starb. Fritz war zum Glück bei den Großeltern.
Gott, warum? flüsterte Johanna, als sie im Krankenhaus wieder zu sich kam. Die Mutter saß an ihrem Bett.
Johanna, du bist wach, schluchzte Heidi. Bein und Rippen gebrochen, aber du lebst, mein Kind.
Felix wurde von Johanna im Rollstuhl beigesetzt. Die Genesung dauerte lange Eltern halfen ihr, sie lebte mit Fritz bei ihnen. Die Trauer war groß; nur Fritz gab ihr Halt.
Danke, Herr, danke, blickte sie zur Ikone, was wäre ohne meinen Sohn geschehen? Durch Fritz schöpfte Johanna wieder Lebensmut.
Johanna musste von vorne anfangen.
Mama, ich habe entschieden, ans Nordseeufer zu ziehen wir haben dort das Haus. Das Klima tut mir gut, Fritz liebt das Meer. Ihr könnt uns besuchen. Hier erinnert mich alles an Felix.
Die Eltern stimmten zu. Johanna fand in Wilhelmshaven Ruhe, arbeitete als Hotelmanagerin und öffnete sich für neue Begegnungen. Fritz ging zur Schule. Am Wochenende spazierten sie am Strand, genossen Sonne und Entspannung.
Eines Tages verlor Johanna am Strand ihren Ehering ein Erinnerungsstück, unersetzlich. Sie weinte und wühlte verzweifelt im Sand.
Warum weinen Sie? hörte sie eine männliche Stimme.
Ich habe meinen Ring verloren Er bedeutet mir sehr viel.
Wer trägt denn Schmuck am Strand?
Ich! Noch Fragen?
Na gut, ich helfe Ihnen trotzdem, antwortete der Mann. Ich heiße Mathis. Und Sie?
Johanna. Sie schürften gemeinsam im Sand schließlich tauchte der Ring in ihrer Jackentasche auf.
Danke, Mathis.
Sind Sie schon lange hier am Meer? fragte er. Ich bin mit meinem Freund hergekommen, der liegt wegen zu vieler Biere im Hotel ich bin heute solo am Strand.
Ich wohne hier, erklärte Johanna.
Sie unterhielten sich, Mathis lud sie ins Café ein.
Komm, gehen wir vom Strand sonst gibts Sonnenbrand. Ein Café ist eine schöne Idee, heute ist es extrem heiß.
Im kühlen Café genossen sie eisgekühlte Cocktails. Johanna hatte Zeit; Fritz war bei den Großeltern für einen Monat, er hatte darum gebeten zum Schulbeginn sollte er zurückkommen. Mathis gestand, dass er verheiratet war und eine Tochter hatte. Er arbeitete in Hamburg am Flughafen.
Johanna erzählte ihm ihre Geschichte, den Verlust ihres Mannes.
Also beginne ich mein Leben neu, sagte sie, mit Fritz sind wir hierhergezogen.
Ihr fiel die Unterhaltung leicht; Mathis war unkompliziert, freundlich. Nach dem Café brachte er sie nach Hause. Drei Tage später wartete er vor ihrem Haus mit einem großen Blumenstrauß.
Hallo, ich habe dich vermisst, erklärte Mathis und überreichte die Blumen.
Hi, ich freue mich, dich zu sehen. Morgen beginnt mein Urlaub, erwiderte Johanna.
Schön, dann haben wir mehr Zeit, freute sich Mathis. Ich lade dich ins Restaurant ein zum Start deines Urlaubs und mein Freund kommt mit.
Im Restaurant war die Stimmung ausgelassen, danach blieb Mathis bei ihr. Zwischen ihnen entstand mehr als Freundschaft.
Mein Gott, ich habe mich verliebt, gestand sich Johanna.
Seit Felix Tod gab es niemanden mehr fast den ganzen Urlaub verbrachten sie zusammen. Mathis rief in Hamburg an und organisierte unbezahlten Urlaub. Aber irgendwann musste er zurückkehren. Die Trennung fiel schwer. Eine Woche später meldete er sich.
Johanna, ich komme bald Ich kann nicht ohne dich. Habe alles meiner Frau gesagt, sie hat die Scheidung eingereicht.
Das Schicksal prüfte Johanna erneut.
Sie war glücklich. Dachte nicht daran, was seine Frau und Tochter nun durchmachten.
Ich bin auch eine Frau und will Glück.
Mathis kam zurück, sie heirateten bald nach seiner Scheidung. Nach einem Jahr bekam Johanna eine Tochter. Sie waren glücklich.
Doch das Schicksal wollte Johanna weiter prüfen. Nach zehn Jahren endete die Idylle. Mathis fing an, zu fremdeln ein Kurort, viele Versuchungen. Die Streitereien begannen, er log zunächst, später gestand er alles. Johanna hatte ihn mit jungen Frauen am Strand gesehen.
Johanna reichte die Scheidung ein, Mathis kehrte nach Hamburg zurück, versöhnte sich wieder mit seiner früheren Frau. Die Tochter ließ er nicht im Stich, zahlte hohe Unterhaltsbeiträge. Die Kinder wurden erwachsen. Fritz zog zu seinen Großeltern, studierte, heiratete dort. Die Tochter blieb bei Johanna, heiratete und wohnte mit ihrem Mann.
Johanna hat zwei Enkel und eine Enkelin. Sie besuchen sie regelmäßig, die alten Eltern kommen ab und zu, gemeinsam mit Fritz. Johannas Leben besteht aus ihren Kindern und Enkeln.
Und Mathis? Mathis tauchte nie wieder in Johannas Leben auf. Sie entschied, für immer keine Männer mehr in ihrem Leben zuzulassen und war überzeugt:
Ich habe für meine Liebe zu einem verheirateten Mann bezahlt Man darf nicht das Fremde nehmen, nicht das Glück anderer stehlen
Johanna wollte das Schicksal nicht weiter herausfordern sie fürchtete, dass der Bumerang zurückkommt und alles schlimmer macht. So lebt sie allein.
Danke fürs Lesen, für eure Treue und euren Zuspruch! Alles Gute euch und viel Glück.

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Homy
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