Das Recht auf Liebe

Das Recht auf Liebe

Britta! Jetzt bring ihn doch endlich zur Ruhe! rief Helga Viktoria, zunehmend genervt, während sie sich energisch die Schläfen massierte. Sie rief nicht Britta, nicht Brigitte, sondern Britta, so wie man das Küchenmädchen ruft.

Hinter ihr stapfte ein kleiner Junge, der Soldat spielte. Auf dem Kopf eine alte, in der Abstellkammer gefundene Topf, in der Hand ein Nudelholz, ebenfalls aus den gleichen Schätzen, an den Füßen Mamas alte schwarze Stiefel mit abgenutztem, falschem silbernen Pelzbesatz. Er fiel immer wieder mit den Stiefeln auf den teuren, flauschigen Teppich, verhedderte sich im Flor und ruinierte Helgas edles Wohnzimmer.

Frau Dr. Müller, nur noch fünf Minuten! Wir sind gleich fertig mit dem Klavierstück, dann gehöre ich ganz Ihnen! tönte eine junge Frauenstimme aus dem Nebenzimmer, kurz darauf erklangen weiter unbeholfene, aber laute Klaviertöne. Tommi, trampel bitte nicht so! Tom! Britta steckte ihren Kopf aus dem Zimmer und wandte sich dann wieder an ihre Schülerin. Richtig, Nina, etwas sanfter, mit Gefühl, als würdest du ein Vögelchen streicheln. Ja, genau so!

Helga Viktoria brummte leise. Es reichte! Dieses Kind, diese elenden Klavierstunden noch dazu, und Britta, ständig hin und her laufend, hier irgendwie Gast und doch nicht wirklich willkommen!

Britta hat es sich prima in unserem Haus bequem gemacht, kriecht wie eine Eidechse herum und sitzt uns allen auf der Tasche! Ist doch wahr, oder?, dachte Helga und knüllte die Serviette auf dem Tisch zusammen. Von irgendwoher aufgetaucht, zack spielt gleich die Ehefrau von meinem Johannes! Nicht mal verheiratet sind sie! Und das Kind, ist das etwa von ihm? Sollte doch jeder sehen! Aber schon lebt sie hier, beansprucht ein Zimmer, verdient gut mit ihren Klavierschülern. Dabei gehört ihr weder die Wohnung noch das Instrument! Nein! Es reicht, jetzt ist Schluss damit!

Helga Viktoria nickte ihren Gedanken zu, erhob sich energisch und scheuchte den kleinen Soldaten weiter.

Doch Tommi schien seine Umgebung völlig auszublenden. Für ihn war dies das Schlachtfeld; er führte sein Heer an. Unten am Boden auf dem Teppich lauerten die Feinde im Nebel, bereit, sein Heer zu besiegen, aber Tommi würde gewinnen! Die Mama sagte, er sei ein richtiger Soldat: klug, geschickt, furchtlos. Sie hatte ihm den Topf, das Nudelholz und die Stiefel gegeben und setzte sich selbst an den Laptop, um ein wenig zu arbeiten, bevor sie später mit ihm spazieren gehen würde. Vielleicht kam ja auch bald Johannes heim. Tommi wartete jeden Tag sehnsüchtig auf seinen Vater, fragte Britta oft, ob er angerufen habe. Aber der Vater war unterwegs, meldete sich nicht …

Er ist auf Fahrt, mein Schatz, dort gibt es kein Handyempfang. Papa bringt anderen Kindern Obst, Gemüse, leckere Schokolade und kommt bald wieder zurück, sagte Britta oft und streichelte ihm dabei durchs dichte, leicht gelockte Haar.

Tommi seufzte und ging wieder spielen.

So nahm er jetzt kaum die schimpfende Oma wahr oder besser: fast-Oma, denn schließlich waren Mama und Onkel Johannes gar nicht verheiratet …

Bring ihn raus oder … Helga Viktoria fuhr herum und gab Tommi einen Klapps auf den Rücken. Er zuckte zusammen, ließ das Nudelholz fallen. Es stieß beim Herunterfallen gegen die Lieblingsfigur von Helga Viktoria eine Porzellan-Jägerin, spärlich bekleidet, hatte gerade Pfeil und Bogen gespannt und zielte auf einen unsichtbaren Gegner. Hoffentlich nicht auf sie selbst.

Die Statue geriet ins Wanken, die Platte rutschte über die Kante und die Jägerin segelte zu Boden.

Helga Viktoria und Tommi beobachteten das Fallen der Figur wie gebannt, dann keuchten sie auf, als die billige, hohle Statue einst auf dem Flohmarkt von Helgas Mann Kai gekauft in tausend Scherben zersprang.

Damit war der Schlusspunkt gesetzt, ein Punkt, der auf Streit nur hinauslaufen konnte.

Britta! Kommen Sie sofort her! Schicken Sie Nina nach Hause und kommen Sie sofort!

Britta seufzte, notierte eilig Hausaufgaben für die Schülerin, verabschiedete sich, begleitete das Mädchen beim Anziehen, bevor sie dann ins Wohnzimmer zu Helga ging.

Tommi schluchzte leise, holte schon Kehrblech und Handfeger, um die Scherben zu beseitigen.

Ach, du meine Güte … murmelte Britta und schüttelte den Kopf, als sie ihren Sohn ansah. Frau Dr. Müller, verzeihen Sie! Das war keine Absicht. Tommi, du schneidest dich noch, lass mich helfen!

Tommi schob die Unterlippe vor.

Sie hat mich gestoßen, ich habe meinen Säbel fallen lassen, das war dann … sagte er. Oma hat mich geschlagen.

Ach Gott! Ein Klaps, und schon ist er beleidigt! Lasst mich machen, ich fege das schon selbst auf! Helga riss Britta den Kehrbesen aus der Hand, schob die Scherben mit Nachdruck zusammen. Mit dem Jungen bin ich noch viel zu sanft gewesen! Siehst du, dass ich Kopfschmerzen habe? Siehst du das, Tom? Sie beugte sich zu ihm, schrie ihm fast ins Ohr.

Ja, murrte er.

Dann benehme dich ruhig! Du bist ein verwöhnter, frecher, nutzloser Junge. Und du, Britta, bist eine miserable Mutter, wenn dein Sohn schon so ungeschickt ist. Sieh dir das an: Arbeit hat sie! Ich darf das Kind aus dem Kindergarten holen, füttern, die Nase putzen. Und mit Johannes, meinem Jungen, bin ich ganz allein klargekommen! Ohne Omas Hilfe! Und kein Porzellan ist dabei zu Bruch gegangen, und …

Sie wurde rot, rang nach Luft, schob Tommi zur Seite, als er ihr beim Kehren im Weg war.

Aber Frau Dr. Müller, es war bloß eine billige Figur … Ich weiß, es ist viel für Sie, Sie sind erschöpft, aber nur noch zwei Monate! Dann ist unser Haus fertig, dann ziehen wir aus, Sie waren doch einverstanden, dass Tommi und ich solange hier wohnen. Warum sind Sie jetzt so …? Britta schluckte. Auch sie war müde, fühlte sich ausgebrannt, verdiente zu wenig, Tommi war kaum bei ihr. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, nicht hierher zu ziehen? Im Märchen findet eine alleinerziehende Mutter gleich Wohnung, Mann und Glück aber im echten Leben? Die Freundinnen zu Hause hatten sie gewarnt: Der wird dich ausnutzen und sitzen lassen, warum heiratet er dich nicht wenigstens? Überleg es dir!

Warum ich so bin? Warum wohl! Helga lächelte kalt, richtete sich auf, nahm Kehrblech und Scherben, wandte sich an Britta. Komm mit in die Küche, das sage ich dir dort! Und du bleibst hier, Tommi! sie drohte dem Jungen. Dein Opa kommt heim, dann setzt es was, merk dir das!

Tommi zog sich ängstlich an Brittas Bein, sie umarmte ihn, küsste ihm den Schopf. Er ist doch noch so klein! Wie kann man ihn schlagen? dachte sie. Dann ging sie mit Helga in die Küche.

Helga band sich fester den Gürtel ihres Morgenmantels, setzte den Wasserkocher an. Es begann zu surren, dann zu blubbern. Sie schenkte starken Tee in die Tasse, schnitt Zitrone, warf sie hinein. Alles ruhig und bedächtig, dabei summte sie sogar leise. Schließlich stand der Tee da, neben sich einen Löffel für den Zucker. Dann wandte sie sich mit ernster Miene an Britta:

Nimms mir nicht übel, aber du und das Kind gehört nicht hierher. Es reicht.

Aber … Johannes und ich …

Darum geht es nicht. Sitz dich, ich habe Kopfschmerzen! Sie wies mit dem Blick auf den Stuhl. Britta setzte sich. Es geht auch nicht darum, dass du mir als Schwiegertochter nicht gefällst. Ich bin nicht so eine böse Schwiegermutter, nein. Immerhin hat mein Sohn dich ausgesucht. Aber du bist hier die Falsche, Britta. Auch für Johannes. Vor dir war er fleißig, ehrgeizig, man hat ihm eine gute Stelle angeboten! Aber dann kamst DU, diese Musikerin, zarte Finger, dann auch noch ein Kind! Britta, das ist einfach nur beschämend! Für dich mag es schwer sein, aber du hast dich in Johannes festgebissen. Warum bist du überhaupt hierher gekommen?

Johannes hat mir einen Antrag gemacht, Sie wissen es doch. Und Tom ist kein Hindernis für ihn, er will ihn sogar adoptieren … Britta beobachtete, wie Helga Zucker in der Tasse umrührte, mit ihren gepflegten, rot lackierten Nägeln.

Da hast dus! Der rote Nagel zeigte drohend in ihre Richtung. Das ist das Problem. Alleinerziehend schwierig, ich weiß. Da soll Johannes den Vater spielen und auf eine saubere Familie verzichten?! Du hast an ihn gedacht, nicht an seine Möglichkeiten. Wir haben ihm Respekt und Anstand beigebracht, deshalb glaubt er, dich retten zu müssen. Und das wird ihm zum Verhängnis! Jetzt sitzt er Tag und Nacht im LKW, ackert für dich und dein Kind das habe ich nicht gewollt! Wenn ihm was passiert auf der Autobahn nur weil…

Der Löffel klirrte, sie ließ ihn auf den Tisch fallen, ballte ihre behandschuhten Hände zur Faust.

Denk ja nicht, du hättest es geschafft. Ich weiß, bei euch auf dem Land laufen noch Bären rum, hier ist Theater, Kultur, Shopping! Nicht mal die Winterhose hast du deinem Tommi gekauft, das musste ich von meinem Gehalt zahlen! Sag bloß nicht, ich würde nicht die Wahrheit sagen! Mal ehrlich, stell dir vor, Tom würde eines Tages auch so eine Frau nach Hause bringen. Würdest du auch alles geben? Würde Dir gefallen, wie sie in deiner Wohnung von deinem Service isst?

Das stimmt doch alles nicht! Hören Sie auf! Britta sprang auf und lief nervös in der Küche herum. Johannes ist nicht aus Mitleid mit mir, er liebt mich! Tom ist für ihn wie ein Sohn. Was soll das?

Aus Mitleid und deinetwegen, für dich … fiel ihr Helga ins Wort. Wenn du weg bist, Johannes bleibt hier. Das ist nur recht. Ich werde dich niemals akzeptieren, auch deinen Tommi nie als meinen Enkel sehen. Machs gut, fahr heim! Hier ist nicht dein Platz.

Helga holte sich ein Fläschchen Cognac aus dem Schränkchen das Medikament gegen Kopfschmerzen und schlechte Laune.

Na dann, zum Wohl, Britta! Sie trank, verzog das Gesicht, kaute an einer Zitronenscheibe. Der Tee tropfte über den roten Nagellack auf den Tisch. Helga blickte aus dem Fenster. Die Audienz war zu Ende.

Sie werfen uns also raus? fragte Britta leise.

Genau! Raus mit euch. Und bring deine Klavierschüler in Zukunft nicht mehr zu mir ins Haus!

Britta wollte widersprechen, um vielleicht eine Nacht zu bitten, aber Helga war nicht zu bewegen …

Tommi hatte unter der Tür gelauscht, begriff kaum und sah nun erschrocken zu seiner Mutter, während sie versuchte, jemanden anzurufen.

Frau Schneider? Hier ist Britta. Könnte ich mit Tommi ein oder zwei Tage in der Schule übernachten, bis ich was gefunden habe? Was? Kontrollen? Natürlich, heute nicht … Sie versuchte es bei einer Freundin. Sonja? Hast du für uns ein Plätzchen …? Auch nicht, na gut …

Britta hatte viel hinter sich gelassen: Arbeit, Freunde, Eltern. Der Job in der Heimat war gut bezahlt, aber Johannes lockte sie nach Berlin. Für Tommi doch angeblich viel bessere Möglichkeiten, Kultur, Medizin … Und nun? Sie müsste zurück. Aber auch die Mutter wollte sie nicht aufnehmen.

Wir haben gerade alles ins Zimmer geräumt, renovieren … Nein, Britta, wirklich nicht … Die Mutter entschuldigte sich, Britta sagte nichts mehr und legte auf.

Für die Mutter war Brittas Schwangerschaft ein Schock gewesen. Tochter höflich, klug, jetzt das! Fast unmenschlich. Sie war nicht mal mit zur Vorsorge gegangen, vielleicht aus Scham, vielleicht weil sie es verachtete. Wer der Vater von Tommi war, hatte Britta nie erzählt. Dem Jungen, in dessen Ferienbekanntschaft alles begonnen hatte, schrieb sie nie. Es ging sie nichts an, entschied sie.

Mit Johannes hatte sie sich sofort verbunden gefühlt. Beim ersten Treffen hatte sie Tommi dabei. Johannes war überrascht, aber er lächelte Tommi an. Sie gingen in den Park, fütterten Enten. Johannes gefiel es.

Was für ein süßes Kind du hast! sagte er später, als er Britta nach Hause brachte. Glaubst du, ich gefalle ihm?

Britta zuckte mit den Schultern. Sie glaubte nicht daran, dass er sich wieder meldete. Aber er meldete sich. Und sie verbrachten Zeit miteinander, mit Tommi, im Café, redeten, hielten Händchen wie Teenager, während Tommi selig auf Johannes Schulter einschlief.

Es fühlte sich an wie ein Märchen, ein echtes. Einmal im Leben hat jemand so viel Glück. Und Britta hatte es getroffen.

Johannes war ein paar Mal dienstlich in ihrem alten Wohnort, dann schlug er im Herbst vor, zusammen nach Berlin zu ziehen.

Wir wohnen bei meinen Eltern, Mutter hilft sicher mit Tommi, dann finden wir Arbeit … schwärmte er.

Britta glaubte ihm erst nicht. Ich bin doch ein Problemfall für die Großstadt , dachte sie. Johannes bestand darauf.

Helga empfing sie freundlich, aber mit etwas höflicher Distanz, Tommi mehr reserviert, aber verständlich.

Sie kamen zurecht, Johannes brachte Fast-Ehefrau und Fast-Sohn unter. In der Küche arrangierten sie sich irgendwie.

Mannis Vater, Karl, war misstrauisch, aber höflich-kühl. Zeit würde zeigen, was aus Britta wird.

Das Glück schien ihnen hold: Britta bekam rasch eine Stelle als Klavierlehrerin und Begleiterin in der Musikschule, fand Schüler für Privatstunden.

Ihr Instrument ist wirklich gut! Britta strich bewundernd über die betagte Seiler. Mit ein bisschen Stimmung, klingt es wieder toll!

Dann stimmen Sie es doch. Welch ein Glück, Britta! Eine Glückspilzin! spottete Helga.

Es war eng in der Wohnung, auf der Küche, in der Stadt, kein Ausweg bis Johannes endlich die versprochene Wohnung fand.

Nun aber: alles aus. Britta versuchte, Johannes zu erreichen, wollte ihm sagen, sie fährt zurück. Er nahm nicht ab, schaltete sein Handy aus.

Sie schickte ihm eine Nachricht, er würde sie lesen, irgendwann. Nun blieb nur das Packen.

Mama! Es ist dunkel, wo willst du denn hin? Tommi blickte erschrocken auf, als Britta Koffer packte, Spielsachen einsammelte.

Wir fahren zu Oma, zu meiner Mutter. Komm, zieh dich an, wir müssen noch den Zug erwischen, versuchte sie, heiter zu klingen. Los, beeil dich!

Und Papa? fragte Tommi leise. Er nannte Johannes Papa, es kam ihm leicht von den Lippen.

Ich schreib Papa, er besucht uns dort!

Ist das wegen der Figur? fragte Tommi unsicher.

Nein, mein Schatz. Ich hab Urlaub gekriegt wir fahren mal raus! Zieh dich an …

Helga stand mit dem Cognacfläschchen am Fenster, bewunderte die Ahornbäume im Hof leuchtend wie rote Scheite, goldene Linden, kahle Kastanien. Unten sah sie Britta mit dem Koffer.

Nicht mal verabschiedet hat sie sich! schüttelte Helga den Kopf. Sie wird es noch verstehen! Wenn ihr Tommi mal eine Frau anschleppt, mit Kind, und zu Hause Wurzeln schlagen will, dann wird sie kapieren …

Britta stand an der Bushaltestelle und las den Fahrplan die Zahlen tanzten vor ihren Augen, verschwammen, es waren Tränen, die ihr ins Gesicht liefen. Oder war es nur der Regen? Aber weinen? Nein, sie war doch stark, und Tommi sollte es nicht merken.

Britta? Was machen Sie denn hier? Neben ihnen hielt eine junge Frau. Sie kannte Britta von gelegentlichen Besuchen bei Helga. Sie hieß, glaubte Britta, Anna. Mit Koffer? Sie reisen ab? Und Johannes? Die Frau wurde aufdringlich. Wohin fahren Sie denn? fragte sie lauter, drehte Britta zu sich um.

Heim, antwortete Britta knapp und drückte Tommis Hand. Nun tat es ihm weh.

Wohin denn? Anna war neugierig.

Zu meiner Mutter. Wir müssen zum Bahnhof … Aber der Bus kommt nicht, der Fahrplan stimmt nicht … Johannes ist nicht zu erreichen, und … Britta schluckte Tränen.

Britta, es gibt heute keine Züge mehr, es ist schon zu spät. Das ergibt keinen Sinn, mitten in der Nacht loszufahren! Kommen Sie zu mir! Anna nahm ihr den Koffer ab. Komm, Tommi. Ich habe zu Hause einen Kater. Magst du Katzen?

Tommi nickte, sah seine Mutter an.

Darf ich gehen, Mama? Anna lächelte. Es ist besser, Sie bleiben heute bei mir. Morgen können Sie weiter. Greifen Sie nicht so an Ihrem Koffer fest Tommi, komm rein, der Kater heißt Fritz! Den wirst du mögen. Keine Angst!

Tommi schaute zu Britta, die nickte endlich.

… Anna wohnte gleich im Nachbarhaus, ganz allein in einer geräumigen Altbauwohnung. Wohnzimmer mit Schrankwand, Sofa, rundem Tisch. Schlafzimmer mit großer Liege und Schminktisch. Und ein Arbeitszimmer, Annas Schneiderecke: Zuschneidetisch, Stoffregale, Nähmaschine und sogar ein kleiner Podest mit Spiegel.

Britta bemerkte all das nebenbei, als Anna sie herumführte.

Ihr schlaft im Wohnzimmer, das Sofa lässt sich ausklappen, richtig gemütlich. Ich stehe eh nicht früh auf. Tommi muss in den Kindergarten? Britta nickte. Super. Bringst ihn hin, ja? Mach ruhig Krach, wenn du magst! wandte sich Anna an Britta. Und, Tommi, in meinem Zimmer liegt Fritz, der mag es, am Kopf gekrault zu werden. Trau dich!

Tommi blickte zu seiner Mutter. Nichts tat er ohne ihr Okay.

Geh ruhig, Tommi. Mama ist einverstanden! Anna schob ihn zur Tür. Komm, Britta, hilfst du mir in der Küche?

Britta sagte still:

Eigentlich sollten wir gehen. Zurück zu meiner Mutter.

Fahr morgen, heute ist Abend. Tommi muss schlafen, ist sicher hungrig! Es stört mich wirklich nicht. Magst du Kaffee? Hab tollen Kaffee bekommen ein Kunde schenkte ihn mir. Im Kühlschrank sind Frikadellen, die könnte ich anbraten. Magst du Nudeln dazu?

Anna werkelte entspannt, erzählte Klatsch aus dem Atelier. Britta nickte nur. Anna drückte ihr einen Salat in die Hand.

…Und dann hat meine Kundin beim Probieren Granatapfelsaft übers Kleid gekippt, stell dir vor! Musste alles neu nähen, wie Aschenputtel. Sie hat dann auch doppelt bezahlt… Tommi, willst du Olivenöl im Salat? Brot? Ach, zu Nudeln passt doch kein Brot … Ach, was soll’s … Britta! Anna lachte. Jetzt hör mal auf, schweigsam zu sein! Was ist mit Johannes los?

Britta zuckte zusammen, schüttelte den Kopf.

Nichts. Er ist auf Tour, da passiert gerade nichts. Wir haben uns nur zu lange hier aufgehalten, Helga Viktoria hat uns das gesagt. Sie hat Recht, wahrscheinlich …

Sie ist und bleibt eben … Anna zuckte die Schultern. Sie wollte immer, dass Johannes und ich zusammenkommen. Unsere Eltern waren befreundet, Schule, alles. Sie ist halt so. Hat da auch mal geweint, hier in meiner Küche! Anna zeigte auf den Stuhl, Britta wich nervös zurück. Ihr seid doch jung, Johannes baut sich ‘ne Karriere auf! Und ich stand im Jogginganzug vor ihr! Anna lachte.

Tommi wurde zum Essen gerufen, Fritz setzte sich genau gegenüber, als Wächter über die Mahlzeit. Tommi angelte Gurkenscheiben aus dem Salat, Fritz nickte zufrieden.

Und? fragte Anna weiter, stellte eine Flasche Ketchup auf den Tisch. Wein? Nein? Okay.

Helga Viktoria sagte, wir stören, wir verderben Johannes das Leben. Tommi ist nicht sein Sohn, sie sagt, ich habe ihn ins Unglück gestürzt, sollte mit meinem Kind verschwinden. Ich wollte ja gar nicht herkommen, bin doch nicht naiv. Das gibt es nicht im echten Leben, nur im Fernsehen verliebt sich jemand in eine Mutter mit Kind und … Es ist eben wirklich kein Märchen!

Anna lachte hell ein fast musikalisches Lachen.

Ach, wir alle glauben an Märchen, sonst hält man das Leben nicht so leicht durch! Gönn dir was, iss! Anna schob den letzten Bissen Blatt zu sich Wenn man nicht glaubt, dass auch mal für einen der Hochzeitszug kommt, dann ist das doch so traurig! Ich glaube daran, dass ich morgen einen Sitzplatz im Bus ergattere. Und übermorgen verdiene ich viel Geld und kaufe ein Auto …

Träumen ist was für Kinder, für die mit sieben, zehn Jahren. Aber mit fast dreißig, mit Kind du musst leben, arbeiten, überleben.

Kann sein. Aber warum sollte Johannes nicht trotzdem dein Märchenprinz werden? Wo ist das verboten? Wer hat uns beigebracht, nur auf uns selbst zu hoffen?! Anna schlug mit der Faust auf den Tisch, Tommi erschrak, Fritz warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Sorry. Aber, Britta! Johannes hat so viel von dir erzählt, von Tommi auch. Du bist ihm wichtig, das merkt man. Nach der Pleite der Spedition hat er das Truckerleben aufgenommen, das ist nur eine Phase! Ohne dich hätte er sich gehen lassen, jetzt ist wieder Hoffnung da. Er braucht dich, weißt du? Ruf ihn bitte an!

Johannes war endlich erreichbar, hörte Brittas Gestotter zu, dann übernahm Anna das Telefon, klärte alles. Johannes befahl dann allen, sie sollten bleiben, bis er komme.

Liebst du ihn? fragte Anna später, als Tommi eingeschlafen war.

Was heißt denn richtig lieben? Ich glaube schon.

Dann ist alles gut. Morgen kommt Johannes, dann klärt sich alles er ist Logistiker!

Helga Viktoria stand am Fenster, die Arme um sich geschlungen, während ihr Sohn am Telefon schimpfte. Er sprach alles aus von den Pausenbroten bis zu den Ratschlägen in Sachen Frauen. Schließlich konterte sie:

Entschuldige, Johannes, dass ich dich liebe. Ja, vielleicht mische ich mich zu sehr ein. Aber jetzt hast du deine eigene Familie. Ich hab’s verstanden.

Sie setzte sich, gebrochen, auf einen Stuhl.

So, ich geh jetzt zu meinen Leuten! rief Johannes. Bei dem Wort meine schürzte Helga verächtlich die Lippen. Wir packen jetzt, sag, falls du was behalten willst. Und kein Gejammer, Mama!

So ähnlich schrie er auch als Kind wegen der Pausenbrote, während sie ihm stolz und voller Liebe nachblickte: ihrem kleinen Helden, ihrem Otello, ihrem Alexander dem Großen. Sie liebte ihn unendlich, aber teilen wollte sie ihn nie. Jetzt musste sie lernen, es doch zu tun.

Das Hochzeitskleid nähte natürlich Anna: schlicht, aber elegant, mit einer wunderschönen Stickerei. Helga Viktoria schenkte Perlenohrringe, die perfekt passten. Brittas Mutter brachte Schuhe, ihre eigenen Hochzeitsschuhe, als Glücksbringer. Alle halfen, selbst Kater Fritz erlaubte, dass Tommi ihn an den Ohren kraulte.

Anna! Das Kleid ist ein Traum! Britta drehte sich bewundernd im Spiegel.

Nein, das ist nur ein einfaches Kleid für eine einfache Prinzessin. Wir sind alle Prinzessinnen, Britta, vergiss das nicht! Ein bisschen Zauber braucht jeder, sonst wird das Leben grau. Und wenn du daran glaubst, kommt das Glück sogar das Unmögliche ist dann erreichbar … Der Brautstrauß gehört aber mir, okay? Anna lachte. Auch sie würde ihren Prinzen finden. Vielleicht morgen oder übermorgen, wenn er ins Atelier kommt und sich sofort verliebt. Wirklich, daran muss man glauben!

Heute weiß ich: Manchmal ist das wirkliche Leben härter als ein Märchen und manchmal überraschend gnädig. Ich habe mir gelernt, mein Glück zuzulassen und daran zu glauben, dass Liebe auch ungewöhnliche Wege geht sogar in Deutschland.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: