DIE ALTNEUEN BILDER: FOTOGRAFIE AUS VERGANGENEN ZEITEN

Liebes Tagebuch,

heute war ein seltsamer Tag im kleinen Dorf Hinterwald, wo ich seit meiner Jugend auf den Feldern arbeite. Am frühen Morgen drehte ein quirliger Junge um mich herum, rief begeistert: Opa, das sind doch Pfifferlinge?. Sein Name passte fast schon zu seiner Art Jürgen, immer so flink.

Ja, antwortete ich müde, während ich tief seufzte. Die Pfifferlinge wachsen hier schon seit Ewigkeiten, doch das schwere Körbchen voll Pilze zu tragen, strapaziert meine alten Knochen. Deshalb ließ ich mich kurz auf die alte Holzbank vor Gertruds Hütte setzen. Gertrud, die ich als Oma bezeichne, ist eigentlich die Großmutter von Jürgens Mutter, aber das Alter macht kaum einen Unterschied. Ihre Tochter, meine eigene Frau Grete, hat sich vor Jahren von Wilhelm, dem Schäfer aus dem Nachbardorf, getrennt das war lange her, und ich frage mich manchmal, warum wir uns erst jetzt wieder so häufig begegnen.

Der Sommer brachte wieder diese langen Abende im August, und Jürgen läuft von morgens bis abends über die Feldwege, weil ihm keine Gleichaltrigen zur Seite stehen. So treibe ich mich ab, bis ich endlich zu Hause ankomme, wo Grete die Pilze sortiert und einweicht, während ich meine müden Beine auf dem Bett ausstrecke. Plötzlich dreht Jürgen um die Ecke, seine Plastikspielzeugkamera schwingt er vor meinem Korb und ruft: Lass mich ein Foto machen!

Was willst du denn damit, kleiner Schlingel?, wunderte ich mich, beinahe vergessen, dass meine Beine schon schmerzten. Mit dem Tablet!, verkündete Jürgen stolz und hielt das Gerät hoch. Ein Klick ertönte, und er zeigte mir das Bild: mein Korb, knallgelb vor den Pfifferlingen.

Schön!, sagte ich überrascht, doch Jürgen streifte flüchtig mit dem Finger über das Foto, und plötzlich anstelle der Pilze erschien das Gesicht von Leo, dem kleinen Kater der Nachbarn, auf dem Bildschirm.

Papagei!, rief Jürgen, während ich verdutzt über mein Korbchen hin und her blickte. Das Bild wechselte weiter: Das ist Mama, das ist unser Haus das ist Markus!. Markus, unser Schweinchen, das Grete nur an der Leine hinauslässt, weil sie meint, er würde sonst alles umwälzen. Ich musste lachen, denn das Bild war ein einziges Durcheinander, aber die Pilze waren noch immer im Korb.

Jürgen fragte plötzlich: Darf ich dich fotografieren, Opa?. Ich war verwirrt, aber seine Worte fanden dennoch ihren Weg: Dein Bart ist weiß, deine Hände rau, fast wie bei meinem Großvater. Ich stammelte und versuchte, die Worte zu reparieren: Wie meine Oma, nur alter Mann. Er lachte und ich musste mitlachen, obwohl mir das Lächeln schwerfiel.

Ich fragte ihn, ob er nicht die Filmrolle verschwenden wolle. Welche Filmrolle?, erwiderte er ratlos, und ich erklärte ihm, dass wir keine echte Rolle brauchen Grete druckt alles gleich zu Hause aus. In diesen fünf Minuten, während Jürgen über Fotografie philosophiert, spürte ich neue Kraft in mir.

Ich versprach ihm: Komm in einer Stunde wieder, dann fotografieren wir uns beide. Jürgen jubelte, sprang davon, und ich stand, schwankend, doch entschlossen, das schwere Körbchen zum Haus zu tragen. Auf dem Weg drehte ich mich um und rief ihm nach: Vergiss nicht, in einer Stunde!.

Ein Nachbar rief von der Straße: Erledigt, Jürgen!. Ich seufzte und setzte das Körbchen vorsichtig vor die Tür. Noch ein Körbchen und wir überwintern wie die alten Herren Kartoffeln und Pfifferlinge, wenn kein Fleisch mehr da ist, murmelte ich zu Grete, die gerade versuchte, das Körbchen zu heben.

Grete, die seit sechzig Jahren meine Frau ist, schimpfte leise: Halt dich zurück, du alter Knacker, sonst fällt dir noch das Herz aus. Ich erwiderte mit einem Knurren, das plötzlich weicher klang: Ich muss mich doch fotografieren lassen.

Sie schob mir die Brustplatte zur Seite: Dann machs, du alter Schnarcher. Ich ging ihr hinterher, doch als ich das Haus betrat, war Grete nirgends zu sehen. Nach ein paar Schritten fand ich sie versteckt hinter dem Ofen, den Kopf in den Händen vergraben, Tränen liefen über das abgegriffene Kleid. Ihr Gesicht war vom Weinen gerötet, die Hände zitterten.

Ich wollte etwas sagen, doch der Kloß im Hals ließ mich erstarren. Wie lange hatten wir uns nicht mehr gesehen, ohne zu streiten? Zwanzig Jahre? Alles wirkte plötzlich so klein. Ich flüsterte ihr leise: Grete. Sie drehte den Kopf, sah mich mit tränenerfüllten Augen an und legte ihren Kopf erneut auf meine Schulter. Mein Bart wurde nass von ihren Tränen, und ich schniefte, doch sie hielt mich zurück: Kämme deinen Bart, während ich das Hemd bügele.

Kurz darauf kam Jürgen, kaum eine halbe Stunde zu früh, und brachte die beiden Fotos, die wir heute gemacht hatten. Wir setzten uns an den Tisch, ich strich über meinen Bart, während Grete versuchte, meine Hände zu beruhigen. Plötzlich schlug die Tür zum Nebenzimmer auf.

Am Abend, als wir im Bett lagen, betrachteten wir die beiden Bilder. Das eine war klein und schwarzweiß: ein junges blondes Mädel mit einem riesigen Strauß Wildblumen, das ihren Kopf an die Schulter eines gut gekleideten jungen Mannes lehnte, im Hintergrund ein Schild Standesamt. Das andere Bild war groß und farbig: wir beide, grau geworden, mit einem vollen Strauß Sommerblumen vor uns, lächelnd wie damals.

Nur diese beiden Aufnahmen zeigen uns zusammen. Andere Bilder hängen ebenfalls im Haus, doch heute fühlen sie sich besonders wertvoll an.

Vielleicht ist das das, was das Alter lehrt: dass jedes Lächeln, jeder Augenblick, festgehalten in Licht und Schatten, ein kleines Stück Ewigkeit ist.

Ich werde morgen wieder in den Wald gehen, die Pfifferlinge sammeln, und vielleicht findet Jürgen noch ein neues Motiv für uns.

Gute Nacht.

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Homy
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