Johann schloss die Tür der Wohnung, in der er zehn Jahre mit Liselotte gelebt hatte, und atmete tief durch. Die Scheidung war lang, qualvoll und schien unvermeidlich. Sie hatten genug von den ständigen Streitereien, vom Unverständnis, von dem, was einst Liebe war und jetzt zur lästigen Gewohnheit geworden war.
Endlich frei, murmelte er leise, während er die Stufen hinunterstieg.
Liselotte stand am Fenster und sah zu, wie seine Gestalt im Hof verschwand. Ihr Herz zog sich zusammen, doch sie biss die Zähne zusammen. So besser, flüsterte sie in sich hinein.
Vor zehn Jahren hätte das alles anders geklungen.
Das erste Jahr war wie ein Märchen. Sie gingen bis in die frühen Morgenstunden spazieren, konnten kaum ein Wort füreinander finden, lachten über die kleinsten Dummheiten. Johann hinterließ kleine Zettel in den Taschen ihrer Jacke, und Liselotte weckte ihn mit Frühstück, dafür stand sie eine Stunde früher auf. Sie glaubten, das könnte ewig so bleiben.
Dann begann das Alltägliche: Arbeit, Haushalt, Erschöpfung. Der einst romantische Träumer wurde stiller, zog sich zurück. Liselotte, die früher stundenlang seinen philosophischen Schwaden lauschte, wies ihn jetzt scharf zurück: Schon wieder deine Sinnschnitzer?
Die Kämpfe schlichen sich ein. Zuerst wegen Kleinigkeiten Müll nicht rausgebracht, Geburtstag vergessen, laute Musik. Dann wegen Größerem: Geldprobleme, Missverständnisse, unerfüllte Träume.
Du hörst mir gar nicht mehr zu!, schrie Liselotte.
Und du hörst mich überhaupt?, knurrte Johann.
Doch selbst in den schwierigsten Tagen flackerte gelegentlich das Gefühl: Wir lieben uns doch noch. Nachts, wenn keiner schlafen konnte, redeten sie ohne Groll, wie einst. Und es schien, als ließe sich noch etwas retten.
Doch die Müdigkeit gewann.
Jetzt ging Johann die Treppe hinab, Liselotte sah ihm nach, und beide dachten denselben Satz:
Ist das wirklich unser Schicksal?
Drei Monate vergingen.
Johann zog in ein kleines Apartment am Stadtrand von Berlin, im Bezirk Spandau. Endlich schien er alles zu haben, was er sich gewünscht hatte: Ruhe, Freiheit, keine Streitereien mehr. Doch morgens, um sechs, griff er reflexartig nach Liselotte, die er sich auf der anderen Seite des Bettes vorstellte.
Liselotte blieb in ihrer gemeinsamen Wohnung. Sie warf seine alte Zahnbürste weg, stellte die Möbel neu und schwor sich, dass jetzt alles anders werden würde. Doch wenn die Dämmerung hereinbrach, ertappte sie sich dabei, wie sie nach dem Klick des Schlüssels im Schloss lauschte.
Ein unerwartetes Zusammentreffen
Im Edeka vor dem Alexanderplatz kollidierten sie Johann, der sich um das Regal mit Reis drehte, schob versehentlich einen Einkaufswagen an.
Entschuldigung, begann er, hob den Blick und stockte.
Dort stand Liselotte, ohne MakeUp, im weiten Strickpullover, mit einer Packung seiner Lieblingslebkuchen in der Hand.
Du hast die doch immer gehasst, sagte Johann leicht spöttisch.
Und du kaufst immer noch diese billige Pasta?, erwiderte sie und nickte auf seinen Korb.
Ein Schweigen lag zwischen ihnen. Beide wussten, sie sollten einfach Auf Wiedersehen sagen und weiterziehen. Doch die Beine folgten nicht.
Wie geht’s?, zwang sich Johann schließlich.
Prima, log Liselotte.
Sie standen eine Minute, dann zwei, bis eine ältere Dame hinter ihnen rief: Junge Leute, seid ihr hier dauerhaft? Ihr versperrt den Durchgang!
Johann wich hastig zurück.
Na gut machs gut.
Machs gut.
Zuhause angekommen, griff er sofort zum Handy.
Erinnerst du dich, wie wir das erste Mal ans Meer gefahren sind? Du hast dich so aufgeregt, dass ich das Handtuch vergessen habe
Er zögerte einen Moment, drückte dann Senden.
Zwei Minuten später kam die Antwort:
Erinnere mich. Und was wir anstelle der Handtücher benutzt haben, weiß ich auch noch.
Johann lachte. Sie hatten den ganzen Tag am Strand in seinen T-Shirts verbracht.
Morgen um sieben, unser Café. Kommst du?
Auf dem Bildschirm blinkte lange schreibt Nachricht.
Komme.
Ein neuer Anfang
Das Café war dasselbe, doch ein anderes. Die gleichen Wände, derselbe Duft frisch gebrühten Kaffees, doch am Fenster saßen nicht mehr zwei verliebte Träumer, sondern zwei vorsichtige Menschen mit Narben im Herzen.
Johann kam fünfzehn Minuten zu früh und trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. Als die Tür aufschwang und ein kalter Herbstwind zusammen mit Liselotte hereinströmte, zog sich sein Herz schmerzlich zusammen. Sie sah wunderschön aus im selben Pullover, den er ihr einst zum Geburtstag geschenkt hatte, mit vom Wind zerzausten Haaren.
Du bist zu früh, bemerkte sie und setzte sich gegenüber.
Du kommst wie immer zu spät, konterte er, doch in seiner Stimme lag keine alte Gereiztheit mehr, nur ein müdes Lächeln.
Stille füllte den Raum, das unausgesprochene Wortschwall, all die Vorwürfe, das Entschuldige.
Warum hast du die Lebkuchen gekauft?, fragte Johann plötzlich. Du kannst sie doch nicht ausstehen.
Liselotte senkte den Blick, strich mit dem Finger am Rand der Tasse entlang.
Gewöhnt. Zehn Jahre habe ich sie für dich in den Korb gelegt Ohne zu merken, dass ich sie genommen habe.
Johann atmete tief ein.
Ich wache immer noch um sechs auf und suche dich reflexartig. Aber du bist nicht mehr da
Sie sahen einander an und erkannten plötzlich, dass sie die Geister des anderen gewesen waren.
Wir waren so dumm, flüsterte Liselotte. Dachten, wir hätten uns verliebt verloren.
Nicht verloren, nur vergessen, wie man liebt, korrigierte Johann.
Langsam streckte er die Hand über den Tisch. Sie zögerte nur einen Augenblick, dann legte sie ihre Hand auf seine.
Versuchen wir es noch einmal, hauchte er. Nur diesmal wissen wir, was nicht funktioniert.
Von vorne?
Nein, schüttelte Johann den Kopf. Nicht von vorne. Mit all unserem Gepäck, unseren Fehlern, unserer Geschichte. Nur anders.
Anders wie?, fragte Liselotte.
Johann dachte nach. In seinen Augen blitzte etwas Neues auf nicht jugendliche Aufregung, sondern ruhige, erkämpfte Zuversicht.
Damit ich nicht mehr so tue, als würde mir deine kitschige Arztserie nicht gefallen, sagte er. Und du nicht mehr ärgerst, weil ich bei der dritten Folge einschlafe.
Damit du den Müll rausbringst, ohne daran erinnert zu werden, konterte sie, ihr Ton war jetzt leicht ironisch, nicht mehr scharf.
Und du mir erlaubst, Socken unter dem Bett zu lassen.
Auf keinen Fall!, lachte Liselotte, dann wurde ihr Blick ernst. Aber ich lerne, nicht mehr zu schreien wegen der Socken.
Stille. Draußen regnete es genau wie am Tag ihres ersten Treffens.
Anders heißt, wir streiten, aber wir schlafen nicht mehr in getrennten Zimmern, sagte Johann leise.
Ich hör auf, Groll zu horten, du hörst auf, dich zurückzuziehen.
Er legte seine andere Hand auf ihre.
Wir erinnern uns daran, dass kein fremder Mensch uns je so zum Lachen brachte, wie wir uns gegenseitig zum Lachen brachten.
Liselotte verschränkte die Finger mit seinen.
Das macht Angst.
Ja, stimmte er zu. Aber ich fürchte mich mehr davor, aufzuwachen und dich nicht mehr zu haben.
Der Kellner brachte die Rechnung. Sie verließen das Café. Der Regen ließ nach. In der Ferne tauchte ein schwacher Regenbogen auf unscharf, doch echt. Wie ihre Liebe. Nicht märchenhaft, nicht perfekt. Einfach die, wegen derer es sich lohnt, jeden Morgen aufzuwachen.
Gehen wir nach Hause?, fragte Johann.
Gehen wir, nickte Liselotte.
Ihre Schritte fügten sich zu einem gemeinsamen Rhythmus uneben, erkämpft, aber ihr eigener. Diesmal für immer.




