Ein armer Junge griff nach dem Haar der Prinzessin – und das verborgene Geheimnis des Schlosses begann endlich zu bluten

Ein armer Junge griff nach dem Haar der Prinzessin und das Geheimnis des Schlosses begann endlich zu bluten

Fass sie nicht an!
Die Worte zerschnitten die Luft im prunkvollen Festsaal. Geigen verstummten schlagartig, ein Kristallglas zerbarst, und alle Adeligen richteten ihre entsetzten Blicke auf den Tisch der Prinzessin.

Da stand ein kleiner Junge. Barfuß. Zerschundene Füße. Schmutzig und abgemagert.

Viel zu dünn für sein Alter.
Seine Finger hatten gerade das honigblonde Haar von Prinzessin Annemarie gestreift.
Hauptmann Schulte packte ihn, noch bevor jemand anders reagieren konnte.
Auf die Knie, Junge.
Das Kind wankte, blieb aber stehen.
Ich musste sie suchen.

Eine Herzogin verbarg ihre Lippen hastig hinter einem Fächer aus Brillanten.
Such sie? Sieh ihn dir an. Solch einer gehört nicht einmal durch das Tor.
Prinzessin Annemarie sah den Jungen an. Sie war siebenundzwanzig, in cremefarbenem Samt, Diamanten um den Hals mit dem Gesicht einer Frau, die gelernt hat, Schmerz nie zu zeigen.
Warum hast du mein Haar berührt?, fragte sie.

Nun zitterte der Junge vor Angst, aber nicht vor Scham.
Weil meine Mutter sagte, es glänze wie Weizen im Sommerlicht.
Einige Adelsherren kicherten spöttisch.
Hauptmann Schulte schüttelte ihn grob.
Genug jetzt.
Doch Annemarie hob die Hand.
Wartet.

Der Hauptmann hielt inne.
Wie heißt du?
Felix.

Und deine Mutter?
Sie heißt Margarete.
Nur die Königin bemerkte, wie sich Annemaries Miene unmerklich veränderte.
Felix fuhr fort: Sie sagte, sie habe früher hier gearbeitet. Bevor ich geboren wurde. Die Leute redeten schlecht über sie sie sagten, sie habe gestohlen.
Schwere Stille legte sich über die Tafel.
Graf Falkenstein, der älteste Berater des Königs, stellte seinen Kelch ganz vorsichtig ab.
Annemarie fiel es auf.
Was hat sie noch gesagt?
Felix nestelte in seiner zerfetzten Tasche.

Plötzlich hoben alle Wachen nervös ihre Degen.
Vorsicht, warnte Hauptmann Schulte.
Felix hielt inne.
Es ist kein Messer.
Dann hol es langsam hervor.

Mit zitternden Fingern zog der Junge ein kleines, in altes Leinen gehülltes Päckchen hervor. Ein blauer Faden hielt es zusammen.
Meine Mutter sagte, ich solle das nur der Frau mit den goldenen Haaren geben.
Er löste den Faden langsam.
Zum Vorschein kam ein versilberter Anstecker, angelaufen und alt, geformt wie eine kleine Lilie.
Die Anspannung wich, ein Baron murmelte: Kindischer Plunder.
Doch Annemarie stockte der Atem.
Dieser Anstecker…

Felix hielt ihn ihr hin.
Kennen Sie ihn?
Annemarie fuhr sich an die Brust, als wäre dort etwas zerbrochen.
Den habe ich von meinem Vater bekommen, als ich elf war.
Die Königin erhob sich langsam.

Er verschwand während deiner Krankheit, flüsterte sie.
Annemarie nickte.
Und Margarete wurde des Diebstahls bezichtigt.
Felix Augen füllten sich mit Tränen.
Sie schwor, sie hätte nichts getan. Jemand habe ihn bei ihren Sachen versteckt. Niemand habe ihr geglaubt, weil sie nur eine Magd war.
Graf Falkenstein erhob sich.

Majestät, das ist Unsinn! Ein hungerndes Kind erzählt, was die Mutter ihm anvertraut hat.
Annemarie wendete sich ihm zu.
Seltsam, Graf. Ich habe deinen Namen mit keinem Wort erwähnt.
Sein Kiefer spannte sich an.
Ich habe nur die Krone geschützt.
Und wovor? Vor einer Magd? Oder vor der eigenen Schuld?
Stille. Dicker, als die Mauern des Schlosses.

Felix flüsterte: Sie hat den Anstecker behalten, auch als wir nichts zu essen hatten. Sie sagte, ihn zu verkaufen bedeute, die Lüge zu akzeptieren.
Annemarie nahm den Anstecker endlich entgegen.
Wie lange ist deine Mutter fort?
Seit Montagabend.

Die Prinzessin musterte ihn.
Du kamst allein?
Felix nickte.
Sie sagte, ich solle keine Angst haben. Die Wahrheit sei langsam, aber sie kommt.
Erstmals seit Jahren standen Annemarie Tränen in den Augen, mitten im Großen Saal.
Sie wandte sich an die Wachen.
Alle Türen schließen.

Hauptmann Schulte verbeugte sich.
Wie Ihr befehlt, Hoheit.
Niemand verlässt diesen Saal, sagte Annemarie und sah Graf Falkenstein an, bis Margaretes Name rein ist.
Der alte Berater, der dreißig Jahre lang das Schloss beherrscht hatte, senkte den Blick und schwieg.

Betroffene Stille. Falkensteins Gesicht hatte die Farbe von altem Pergament. Eine Farce! Eine Magd und ihr Bastard der Anstecker war verloren, das Mädchen war eine Diebin, Ende der Geschichte!
Annemarie hielt die Silberlilie ins Licht. Ihre Finger zitterten, als sie sie drehte. Da war eine winzige Arretierung am Stiel, unbemerkt als Mädchen. Ein Klick und ein kleines Fach sprang auf.

Darin lag eine Haarsträhne, golden, zusammengebunden mit blauem Faden, und ein Zettel, so alt, dass das Pergament zu bröckeln drohte.
Annemarie entrollte ihn.
In Margaretes säuberlicher Schrift stand dort: Er ist Eure Hoheit. Geboren unter dem Wintermond während Eurer langen Krankheit. Vergebt mir, dass ich ihn fortbrachte. Ich wollte Euch beide nur schützen.
Die Welt geriet aus den Fugen.

Annemarie betrachtete Felix wirklich. Den Schwung seiner Unterlippe. Die linke Augenbraue, die höher stand. Die kleine Narbe oberhalb seines Mundes genau dort, wo auch sie eine hatte seit jenem Sturz als Kind. Wie hatte sie das nicht bemerkt?
Felix war zehn Jahre alt.
Vor elf Jahren war Annemarie sechzehn gewesen, schwer erkrankt so hatte es geheißen. In jener Zeit verschwand der Anstecker, und Margarete wurde aus dem Schloss gejagt.
In Wahrheit war es keine Krankheit.
Es war eine verborgene Schwangerschaft.
Und eine Geburt, geheim gehalten vor dem Hofe.

Ein Raunen wie Herbstwind fegte durch die adeligen Reihen.
Falkenstein stürzte vor, Sie war ein törichtes Mädchen, das
Hauptmann Schultes Faust ließ ihn aufschreien, bevor er weiterreden konnte.
Felix starrte Annemarie an. Mutter Margarete sagte, die Dame mit dem Goldhaar würde mir zur rechten Zeit begegnen.

Annemarie sank in ihrem elfenbeinfarbenen Kleid auf die kalten Steinplatten vor den Augen des ganzen Hofstaats. Sie schloss den dünnen, schmutzigen Jungen fest in die Arme. Zum ersten Mal in ihrem Leben war es ihr egal, wer sie weinen sah.
Mein Sohn, flüsterte sie in sein wirres Haar. Mein Junge.
Der Festsaal brach aus den Fugen.

Einige schrien empört. Andere weinten hemmungslos. Die Königin sank ohnmächtig in ihren Sessel.
Graf Falkenstein, Blut an der Lippe, wurde von zwei Wachen fortgezerrt. Er tobte noch immer von Bastarden und Blut und dem Fall des Hauses.
Aber Annemarie hörte ihn nicht.

Sie wiegte Felix, die Silberlilie fest umklammert.
Später, als Margarete von Falkensteins Leuten langsam vergiftet, aber am Leben hereingebracht wurde, offenbarte sich die Wahrheit. Falkenstein wusste um das Kind. Mit dem Diebstahlsvorwurf wollte er sowohl das einzige Zeugnis von Annemaries Geheimnis als auch sie selbst durch Giftmord beseitigen, um seinem Neffen den Thron zu sichern.
Stattdessen landete er am nächsten Morgen im Kerker tief unter der Burg.

Margarete erhielt Gemächer im Schloss und den Ehrennamen Königliche Hüterin. Sie sollte nie wieder Not leiden.
Und Felix nun Prinz Felix schlief in der königlichen Gemächer, zum ersten Mal in seinem Leben sauber, mit dem goldenen Haar seiner Mutter auf dem Kissen neben ihm.
Das Geheimnis des Schlosses hatte nicht nur geblutet.

Es war im Licht neu geboren worden.
Der arme Junge, der nach dem Haar der Prinzessin griff, war nicht nur der Gerechtigkeit gefolgt.
Er war nach Hause gekommen.

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Homy
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Mein verstorbener Mann… Erst mit 55 geheiratet…