Herzlicher Besuch

Warmer Besuch

An einem späten Märzmorgen stand Klaus Viktor Berger vor den gläsernen Türen des Pflegeheims Lichtergarten in München. Auf den Ästen der Hainbuchen am Eingang lag noch silberner Reif, und ein Pfleger schob vorsichtig einen Eimer mit Schmelzwasser über die Kopfsteinpflaster. Er zog die Handschuhschicht über, prüfte, dass sein Dienstausweis im Brusttaschenfach lag, und drückte die warme Tür auf.

Vor vierzig Jahren hatte er als Erstsemester-Kadett zum ersten Mal den Platz der Parade betreten; jetzt, mit fünfundfünfzig, trat er als neuer Sicherheitsmitarbeiter durch das prunkvolle Foyer des Altenheims. Die Militärpension reichte kaum, die Hypothek für den Sohn und die Tabletten für die Ehefrau fraßen das Übrige auf. Kurs für die Umschulung, medizinisches Gutachten, Führungszeugnis alles erledigt, heute war seine erste Schicht.

Der Administrator Henrik, ein schlanker junger Mann in einem makellos gebügelten Sakko, führte Klaus den Flur entlang. An den Wänden hingen Reproduktionen von Caspar David Friedrich, aus der Decke strömte weiches gelbliches Licht. Ihre Station liegt neben dem Arztzimmer, erklärte Henrik. Sie protokollieren die Eingänge und achten darauf, dass Fremde die Bewohner nicht stören.

Klaus setzte sich an einen kompakten Tisch mit Überwachungskameras. Auf dem Bildschirm zeigte der geräumige Eingangsbereich ein Aquarium aus Leder-Sofas, einem Kaffeemaschinen-Automaten und einer Plastikfigur einer lächelnden Oma am Eingang. Er streifte mit dem Finger über die laminierte Karte: drei Wohnflügel, Physiotherapie, Schwimmbad. Der Luxus war unbestreitbar, doch die Geräusche des menschlichen Lebens drangen nur schwach hindurch.

Zur Mittagszeit begleitete er Schwester Helga bei ihrem Rundgang und lernte die Bewohner kennen. Oberstleutnant Friedrich Mertens, ein pensionierter Offizier, war ebenfalls ehemaliger Kamerad, jedoch sieben Jahre älter. Die ehemalige Institutsleiterin Dr. Margarete Schilling hielt ein EBook in den Händen. Beide nickten höflich, doch ihr Blick blieb wachsam, als warteten sie auf einen Befehl, der alles verändern könnte.

Im Speisesaal roch es nach frischem Dill und Dampf aus Sterilisatoren. Wohlhabende Bewohner aßen Diätlachs, schnitten die Stücke mit der Präzision von Chirurgen. Hinter einer Glaswand saßen die seltenen Gäste Enkel in teuren Daunenjacken winkten, schlossen das Smartphone und eilten zum Ausgang.

Am zweiten Arbeitstag trat Klaus in den Innenhof. Das schwache Sonnenlicht glitzerte auf den nassen Fliesen, und Dr. Margarete Schilling, in einen langen Schal gehüllt, blickte die Straße hinauf. Ich warte auf meine Enkelin. Die Uni ist gleich um die Ecke, der Weg aber fühlt sich an wie zum Mond, murmelte sie schmunzelnd. Am Abend notierte der Wachhabende, dass niemand die Wohnung von Frau Linde betreten hatte.

Das Gesehene erinnerte Klaus an das Landkrankenhaus, in dem einst seine Mutter lag. Dort gab es keine Marmorböden, keine importierten Trainingsgeräte, doch die Sehnsucht hallte mit demselben dumpfen Echo nach. Reichtum rettet eben nicht vor Einsamkeit.

Aus der Kamera des dritten Flügels beobachtete er, wie Oberstleutnant Mertens lange am Fenster saß, das Tablet ausgeschaltet. Am Vortag brachte sein Sohn Trockenobst, unterschrieb Papierkram und fuhr nach fünfzehn Minuten wieder ab. Jetzt starrte der alte Offizier den grauen Himmel an, als wolle er die Flugbahn eines Artilleriegeschützes berechnen jedoch ohne Ziel.

In der Raucherecke für das Personal erzählte Pfleger Andreas, dass die Bewohner jederzeit klingeln dürfen, aber viele Telefone schon seit langem schweigen die Angehörigen hatten die Nummern geändert. Klaus nickte und notierte einen weiteren Stichpunkt zum Porträt der stillen Trennung.

Am Abend brachte er eine Packung Tee, die sein Sohn geschickt hatte, in die Halle. Die Packung mit Aufschrift Für alle stand neben einem Wasserglas, doch niemand nahm sich eine Tasse. Ein vertrautes Dienstgefühl überkam ihn: Er wollte eingreifen, aber welche Macht hat ein Wachmann?

In der Nacht, beim Patrouillieren des dritten Stocks, hörte er ein gedämpftes Schluchzen. Im Wohnzimmer, unter flackerndem Fernsehbild, wischte Frau Tamara Diedrich, deren Ring einen großen Smaragd trug, die Tränen mit einer Serviette ab. Soll ich die Tochter anrufen?, bot er an. Nein, sie erholt sich am Meer, antwortete sie und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

Am Morgen reifte ein Plan. In der Kaserne hatte er Familienabende mit Feldküche organisiert. Warum das nicht hier versuchen? Um acht Uhr null Null meldete er dem Administrator: Wir brauchen einen Familientag Lieder, Tee, Fotostation. Henrik verzog keine Miene und leitete ihn an die Direktorin weiter.

Direktorin Lieselotte Werner hörte zu, klopfte mit dem Stift auf das Glas des Schreibtischs. Klaus stand im Vordergrund. Das Budget?, fragte sie. Ich kümmere mich um die Lieferanten, die Schülerband aus der Internatsschule spielt kostenlos. Der Einlass ist meine Verantwortung. Er sprach fest, doch innerlich bebte er.

Die Erlaubnis war erteilt. Binnen einer Stunde druckte er Einladungen. Flugblätter mit der Aufschrift Sonntag, 31. März Tag des Miteinanders lagen am Empfangstresen. Dann rangierte er durch das Telefonbuch: Anrufbeantworter, Faxgeräte, Stille. Die erste lebendige Stimme gehörte der Enkelin von Dr. Schilling. Wenn Sie wirklich alles organisieren, kommen wir, sagte sie. Der Einsatz war angenommen.

Der Sonntag kam. Das frühe Licht brach durch halbtransparente Vorhänge im Wohnzimmer und spiegelte sich im glänzenden Fliesenboden. In den Ecken des Saals standen Töpfe mit Hyazinthen, und ein leichter Frühlingsduft vermischte sich mit dem Aroma von frischem Gebäck aus der Küche.

Klaus prüfte den Saal. Stühle standen halbkreisförmig, in der Mitte eine kleine Bühne und ein tragbarer Lautsprecher für Hintergrundmusik. Auf den Tischen dampfte Tee, daneben lagen Kuchen, die die örtliche Konditorei gespendet hatte. Er atmete tief durch: Jetzt hing alles von den Gästen ab.

Die Verwandten begannen, am Mittag zu erscheinen. Zuerst kam die Enkelin von Dr. Schilling mit ihrem kleinen Bruder, brachte alte Fotoabzüge und eine große Schokotorte. Dr. Schilling lächelte, als würde sie zum ersten Mal wieder eine Vorlesung für Erstsemester halten.

Kurz darauf trat der Sohn von Oberstleutnant Mertens ein. Der ehemalige Offizier richtete sich auf, strich das Sakko glatt, als stünde er vor einer Parade. Sie umarmten sich, das Gespräch floss plötzlich locker, ohne die gewohnte Anspannung.

Mit jeder neuen Familie schmolz die Atmosphäre, wie das März-Eis. Großmütter stritten über Marmeladenrezepte, Großväter prahlten mit alten Dienstfotos. Die, zu denen niemand kam, setzten sich an den gemeinsamen Tisch ihnen wurde Tee eingeschenkt und Kuchen gereicht, und Klaus schob die Gäste unbemerkt näher zusammen.

Zum Abend, als das Licht die Schatten im Garten zerstreute, blickte Klaus über den Saal. Nicht alle waren gekommen, doch genug, um das Vertrauen wieder zu beleben. Das Murmeln der Stimmen verwandelte sich in ein warmes Geräusch von Telefonaten und Versprechen, im Mai vorbeizuschauen.

Lachen hallte noch zwischen den Tischen, als er Frau Tamara Diedrich bemerkte. Neben ihr saß ihre jüngere Schwester, die früh am Morgen mit einem Billigflug angereist war. Die beiden hielten Händchen und blätterten leise ein altes Album durch. Der Stein auf dem Ring zitterte nicht mehr.

Der Dienst neigte sich dem Ende zu. Klaus half dem Pflegepersonal beim Abräumen, schob einen Stuhl zum Aufzug, notierte die Namen der Gäste im Logbuch. In ihm wuchs eine einfache, feste Zuversicht: Für ein glückliches Leben braucht man nicht viel. Ein wenig Beharrlichkeit und Respekt genügen.

Am Ausgang blieb er noch eine Minute stehen. Im kleinen Hintergarten drängten rosige Knospen durch den Kies. Sie fanden dennoch ihren Weg zum Licht. Klaus lächelte und spürte zum ersten Mal, dass er an dem Platz stand, an dem er jetzt wirklich gebraucht wurde.

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Homy
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