Vierzig Jahre Leben endeten mit Verrat

Vierzig Jahre Leben gipfelten im Verrat, sagte der Kommissar enttäuscht.

Dann gibt es ja keinen Strafrahmen, fuhr er fort.

In Ordnung, nickte Hannelore und schenkte ein leichtes Lächeln.

Und selbst Ihre Zusammenarbeit hat nichts eingebracht, senkte der Ermittler den Blick, ich kann nur die echte Haftzeit ansetzen. Und bei den Geldsummen, Verzeihung, das ist nicht gerade ein Taschengeld

Ja, ja, wiederholte Hannelore. Ich verstehe!

Hannelore Müller, das

Bitte ohne Müller!, schnappte Hannelore scharf. Und das Alter oder die Höflichkeit spielen hier keine Rolle. Ich will nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben!

Das Verfahren, entschuldigen Sie, zuckte der Kommissar die Schultern.

Ihr Verfahren sollte doch wenigstens die Möglichkeit von Passänderungen im Gefängnis vorsehen!, klang in Hannelores Stimme ein Hauch von Verärgerung. Ich weiß nicht, wie lange ich noch absitzen muss, aber sobald ich raus bin, ändere ich alles!

Sie haben also aus eigenem Antrieb die Ermittlungen unterstützt, nicht weil Sie ein gesetzestreuer Bürger sind, sondern aus rein persönlicher Motivation? Haben Sie eine persönliche Abneigung gegen die Beschuldigten?

Ein erwachsener Mann, und dazu noch ein Ermittler, stellt solche naiven Fragen, grinste Hannelore. In Ihrem Wertesystem würde niemand freiwillig für ein paar Jahre hinter Gittern gehen, nur um jemand anderen zu bestrafen das ist doch Unsinn!

Im Idealfall hätte man eine anonyme Nachricht geschickt! Ich bin selbst gekommen, um sicherzugehen, dass sie nicht ungestraft davonkommen! Und wenn Sie wollen, ist das Rache!

Aber wie ich schon sagte, selbst für Beihilfe erhalten Sie eine reale Haftstrafe, erinnerte der Kommissar.

Das passt mir ebenfalls, lächelte Hannelore zurückhaltend.

Eine unbequeme Stille fiel. Der Kommissar könnte sie gleich in eine Zelle schicken und selbst die Gerichtsunterlagen vorbereiten, doch er zögerte. Irgendetwas an dieser Frau war anziehend, nicht etwa wie beim Mann zur Frau, sondern wie ein Mensch zum Menschen.

Als Klaus Becker Hannelore ansah, überkam ihn ein seltsames Gefühl von Mitleid.

Man fühlt dasselbe, wenn man ein verlassenes Kätzchen im Regen sieht man will es füttern, wärmen, beschützen.

Klaus Becker jedoch hatte selten Mitleid mit Menschen. Kätzchen ja, Menschen nein. Das machte ihn zu einem guten Ermittler: er ließ persönliche Gefühle außen vor und blieb stets professionell.

Jetzt aber war das System im Keller. Was war einfacher? Eine Bürgerin meldet ein Verbrechen und gibt zu, selbst beteiligt zu sein. Der Staatsanwalt erklärte, es gäbe keine Gnaden­strafe. Dokumente zum Gericht, und das wars.

Doch diese scheinbar harte, gesammelte, strenge Frau weckte in ihm das Bedürfnis, sie wie das Kätzchen zu schützen

Könnten Sie das Fenster öffnen?, fragte Hannelore plötzlich. In der Zelle gibt es ja keine Fenster, aber ein bisschen frische Luft wäre schön!

Da sind Gittern, wies der Ermittler hin.

Denken Sie, ich will fliehen?, lachte Hannelore. Bitte!

Klaus öffnete das alte Fenster, und ein kalter, nasser Novemberwind wehte herein.

Endlich!, seufzte Hannelore tief.

Kalt, meinte der Kommissar.

Darf ich näher kommen?, fragte sie und deutete auf das Fenster.

Klaus trat zur Seite, ließ ihr Platz vor dem Fenster.

Möchten Sie nicht erzählen, wie Sie zu diesem Leben kamen?, versuchte er ein witziges Gespräch zu starten nicht für das Protokoll.

Braucht ihr das?, fragte Hannelore.

Vielleicht schon, zuckte Klaus mit den Schultern. Ein bisschen Dampf ablassen, sozusagen

***

Hannelores früheste Erinnerung war, dass sie immer auf ihre Eltern wartete. Der Ort wechselte ständig: Kindergarten, die Wohnung der Großmutter, ein Nachbarzimmer, der Spielplatz, dann wieder ihr eigenes Kinderzimmer.

Ihre Eltern betrieben ein Familienunternehmen damals noch eine Genossenschaft genannt und hatten stets das Motto:

Wir müssen hart arbeiten, damit die Familie nichts fehlt!

Erst als Hannelore zur Schule ging, bekam sie etwas Zeit mit ihrer Mutter. Das lag daran, dass ihre Mutter zwei Söhne bekam: zuerst einen, drei Jahre später den zweiten.

Hannelore wünschte sich natürlich mehr Aufmerksamkeit, doch ihr kindlicher Verstand verstand, dass die kleinen Brüder mehr Mamas Zeit brauchten.

Als der jüngere Bruder schließlich in den Kindergarten kam, fiel die Verantwortung für die Kleinen auf Hannelore.

Sie bemühte sich, die Rolle der Mutter zu übernehmen, weil das Geld nie knapp wurde und man ihr früh beibrachte, damit umzugehen.

Warum die Eltern trotz Geld nie eine Haushaltshilfe angestellt hatten, blieb ein Rätsel also lernte Hannelore auch das Haushaltsmanagement.

Als Berufsweg wurde ihr nichts konkret vorgegeben.

Buchhalterin!, bestand ihr Vater darauf. Genau das braucht unser Unternehmen! Und ein eigener Buchhalter ist schon die halbe Lösung.

Im ersten Jahr lernte sie die Grundlagen, dann nahm ihr Vater sie in seine Firma, setzte sie in die Buchhaltung und gab ihr den Rat:

Setz das in der Praxis um! Du wirst es später brauchen!

Das klang logisch. Ihre Brüder waren noch zu jung für ernsthafte Aufgaben.

Als Hannelore dann die Ausbildung abgeschlossen hatte, drängte ihr Vater darauf, dass sie heiraten solle.

Die Ehe war nicht ihr eigentlicher Wunsch. Der Vater stellte ihr mehrere junge Männer vor, Söhne seiner Geschäftspartner, und ließ sie wählen.

Hannelore hätte nie gedacht, dass es so abläuft, aber sie fand Erich am sympathischsten. Er war etwas älter, gut aussehend, groß, elegant, und trotz aller Konkurrenz verhalt er sich bescheiden.

Die Eltern gaben ihren Segen, und Hannelore zog noch vor der Hochzeit zu ihrem zukünftigen Mann.

Kurz darauf entstanden große Verträge, gemeinsame Projekte und weitere Unternehmungen die Hochzeit war das Symbol für ehrliche Absichten.

Hannelore blieb in der Buchhaltung ihres Vaters, doch Erich bot ihr gleichzeitig eine zweite Position an:

Unsere Familienfirmen sind so verflochten, dass sie sich nicht mehr entkoppeln lassen! Mein älterer Bruder sitzt im Vorstand meines Vaters, und ich möchte etwas Eigenes starten.

Das klingt großartig!, jubelte Hannelore.

Aber ich brauche eine Buchhalterin, der ich vertrauen kann! Und wem könnte ich sonst vertrauen als meiner geliebten Frau?

Natürlich stimmte Hannelore zu sie konnte ihrem Mann nicht nein sagen, und gleichzeitig ihren Vater nicht enttäuschen. Familie heißt Familie.

Als sie dann schwanger wurde, stellte sich heraus, dass die Buchhaltung auch remote funktionieren kann; Berichte und Steuerunterlagen werden per Kurier verschickt.

So musste sie nicht warten, bis ein Dokument von einer Firma zur anderen transportiert wurde, und konnte sich gleichzeitig um die Kinder kümmern. Hannelore bekam einen Sohn und eine Tochter.

Als die Elternzeit endete, sah sie keinen Grund mehr, ins Büro zu gehen. Sie führte die Buchhaltung weiter von zu Hause aus.

Der Chefstuhl ihres Vaters blieb ihr verwehrt; die Brüder wollten ihn übernehmen, und die Eltern wollten die beiden zu Führungskräften machen.

Das Schicksal schlug zu: Hannelores Mutter starb plötzlich an einer Aneurysma, und kurz darauf erlitt ihr Vater einen Schlaganfall.

Die Brüder baten sie, den Vater in das Haus zu holen, in dem Hannelore mit ihrem Mann lebte. Die Kinder studierten bereits im Ausland.

Wir können ihn nicht in ein Luxushotel bringen, und wir haben keine Pflegekräfte! Du bist doch unsere Buchhalterin!, warnten sie. Ein falsches Wort von ihm und es kostet uns ein Vermögen!

So zog Hannelore den Vater ein. Die Server und Buchhaltungsdaten beider Firmen liefen ja bereits aus dem Haus.

Wenn man die Erinnerungen durchgeht, erkennt man, dass Hannelore von Anfang an darauf vorbereitet wurde, als Buchhalterin auch Unregelmäßigkeiten zu verschleiern ohne Tricks kein Geschäft.

Sie war also nicht nur die Buchhalterin, sondern auch die stille Hüterin der Familieninteressen.

Fünf Jahre lang pflegte sie ihren Vater. In dieser Zeit lernte sie neben der Buchhaltung auch das Handwerk einer Krankenschwester, Pflegerin und Rehabilitationshilfe.

Doch das Alter und die Folgen des Schlaganfalls machten ihr zu schaffen. Dann kam die Hölle.

Die Testamentseröffnung ihres Vaters Andreas Iwan löste das Ende aus. Es stellte sich heraus, dass Hannelore ein Pflegekind war, aus dem Kinderheim genommen. Da sie nicht blutsverwandt war, stand ihr kein Erbe zu nicht gesetzlich, sondern nach dem Wunsch von Andreas Iwan.

Die Brüder griffen nach dem Geld, und Erich, der erfuhr, dass Hannelore nichts bekam, reichte sofort die Scheidung ein.

Hannelore verlangte die Teilung des Vermögens, doch Erich zog den Ehevertrag vor den, den Hannelore einst unterschrieben hatte, ohne zu lesen. Nach diesem Vertrag hatte sie praktisch keinerlei Rechte. Sie sollte einfach verschwinden.

Als die Kinder erfuhren, dass ihre Eltern sich trennten und die Mutter ohne einen Cent dasteht, wandten sie sich von ihr ab. Nun gab es nur noch den geliebten Vater, die Mutter schien nie existiert zu haben.

Beide Firmen feuerten Hannelore kurzerhand. Sie blieb also ohne Job, ohne Geld, mit einer Handtasche voller Dokumente, fünftausend Euro in Kleingeld und dem Passwort zu einem CloudSpeicher, in dem sie monatlich die Buchhaltungsarchive beider Unternehmen ablegte.

Dieses Passwort war ihr einziger Schlüssel ohne ihn war kein Zugriff möglich. Die Information war Gold wert für die Brüder oder den ExEhemann, doch Hannelore trieb Rache an.

Sie ging zur Polizei und gestand, jahrelang an betrügerischen Machenschaften beteiligt gewesen zu sein, bot an, alles zu verraten, und verlangte keinerlei Milde.

Lassen Sie uns das protokollieren!, schlug der Kommissar vor. Oder erzählen Sie alles vor Gericht sie sind schließlich auch Menschen, zeigen Sie ein bisschen Nachsicht!

Hannelore blickte in die mitfühlenden Augen des Ermittlers und sagte:

Mit sieben Jahren bekam ich einen Bruder. Seitdem bin ich wie ein Hamster im Rad Schule, Aufsicht über die Brüder, dann Ausbildung, dann Arbeit. Dann Ehe, dann zwei Jobs, dann Kinder, dann Pflege meines gelähmten Vaters. Und jetzt noch ein dritter Job! Ich würde gern einfach nur ausruhen. Gebt mir das, was mir zusteht, und ich komme friedlich zu Ende!

Acht Jahre später verließ Veronika Vorbeck das Standesamt. Sie stand vor einer neuen Welt, die sie erst noch kennen lernen musste.

Guten Tag, ich bin Veronika! Schön, Sie kennenzulernen!, sagte sie, ohne zu ahnen, dass noch fünf Jahre voller Anspannung vor ihr lagen.

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Homy
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Vierzig Jahre Leben endeten mit Verrat
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