Schritt zu dir selbst

Ein Schritt zu mir selbst

Klara, vierundachtzig Jahre alt, mit müden Augen und zu einem Knoten gebundenen hellbraunen Haaren, verließ fast jeden Werktag gegen zehn Uhr das Haus, stets Hand in Hand mit ihrer Tochter Anneliese. Ende März hielt das Wetter in Münster noch kühle Züge: Pfützen glitzerten im Licht der schmelzenden Schneeschichten, ein leichter Wind flüsterte, dass der Frühling noch nicht voll entfaltet war. Anneliese war zweiundzwanzig geworden, wirkte äußerlich wie jede andere junge Frau, jedoch war sie ständig wachsam, lauschte jedem Geräusch um sie herum. Vor einigen Wochen hatte ihr Psychotherapeut ihr geraten, die Tagesklinik für Angststörungen aufzusuchen. Klara nahm den Hinweis zugleich erleichtert und besorgt auf sie wollte fest daran glauben, dass ihrer Tochter geholfen würde, doch das Wort Klinik klang noch einschüchternd.

Wie an den vorangegangenen Tagen gingen sie zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle. Klara bremste an den Ampeln, damit Anneliese nicht von den hupenden Autos erschrickt, und gemeinsam erreichten sie das Klinikgebäude.

Die Fachleute erklärten, dass der TagesklinikAufenthalt einer erweiterten Therapie glich: Die Patienten verbrachten fast den ganzen Tag dort, kehrten aber nachts nach Hause zurück. Klara erfuhr, dass Besucher von neun bis achtzehn Uhr frei eintreten konnten, solange sie die Regeln beachteten Jacke im Garderobenschrank, Haubentaucher an und das Handy auf lautlos. Sie bemerkte, dass sie ihr Handy bereits beim Betreten ausgeschaltet hatte, um Anneliese nicht mit einem Klingeln zu überraschen. Die Tochter zuckte bei plötzlich lauten Geräuschen immer zusammen, und Klara bemühte sich, ihr ein möglichst ruhiges Umfeld zu schaffen. Schon am Morgen spürte sie die Anspannung: Stunden in den sterilen Fluren der Klinik, die gewohnten Frühlingsbilder ersetzend durch einheitliche Korridore, weißes Licht und leise Gespräche in den Arztzimmern.

Die letzten Monate waren für Klara nicht leicht gewesen. Sie arbeitete in einer kleinen Personalagentur, telefonierte mit Bewerbern, half bei der Stellenvermittlung und jonglierte permanent zwischen Aufgaben. Annelieses Angst hatte sich schleichend eingeschlichen: Noch im Studium ließ sie Vorlesungen ausfallen, fürchtete Menschenmengen und klagte über Herzrasen vor Prüfungen. Zunächst schrieb Klara das auf studentischen Stress zurück, doch nach mehreren Panikepisoden suchten sie professionelle Hilfe. So wurde klar, dass das Lebenstempo geändert und Anneliese genauer beobachtet werden musste. Klara fühlte, dass ihr heutiger Plan Anneliese in der Klinik zu lassen und gleichzeitig bei ihr zu bleiben etwas Neues in ihr Leben brachte, das sie bisher bewusst gemieden hatte. Tief im Inneren hoffte sie, ihrer Tochter Ruhe zu schenken, doch sie gestand sich nicht ein, dass sie selbst zu oft angespannt war und ihre Sorgen verdrängte.

Klara zog den warmen, langen Mantel aus dem Garderobenschrank und seufzte, als sie die Haubentaucher anzog. Ihre Tochter drückte ihr die Hand, bevor die Schwester die Anneliese zum ersten Untersuchungstermin führte. Klara schlenderte ein Stück den Flur hinunter und sah, dass sich dort allerlei Menschen versammelt hatten. Viele waren, wie sie, über vierzig, manche wirkte besorgt, andere entspannter. In einer Ecke stand ein Ehepaar, das leise sprach ihr Sohn musste wohl ebenfalls Patient sein. Neben ihnen saß eine Frau mit einer Tasche auf dem Schoß, erschöpft, aber bemüht zu lächeln, wenn ein Arzt ihr entgegenkam. Es entstand sofort ein Gefühl allgemeiner Anspannung: Die Wartenden warteten darauf, ihre Liebsten zu besuchen, wollten jedoch niemanden mit Fragen belästigen.

Klara hielt zunächst Abstand, geplagt von eigenen Befürchtungen: Was würden die Ärzte Anneliese sagen, würde die Diagnose schlimmer sein als ein angstbezogenes Störungsbild? Doch neben ihr saß eine weitere Mutter, etwa fünfzig, mit kurzem Haarschnitt und einem Ohrstecker. Sie wirkte freundlich, auch wenn ihr Blick Müdigkeit verriet. Von Langeweile und Nervosität getrieben, setzte sich Klara neben sie, nickte als Gruß, und die Frau erwiderte leise: Sind Sie auch zum ersten Mal hier? Ich habe meine Tochter früher in ein anderes Haus gebracht, dort war alles nur Formalität, hier geht man anders vor. Klara nickte und sagte, dass sie ebenfalls auf ein gutes Ergebnis hoffte: Anneliese hat es schwer, aber der Arzt hat uns erklärt, dass die Tagesklinik Gruppenangebote hat psychologische Trainings, Medikamente sind nicht das Haupt. Sie kamen ins Gespräch, teilten Sorgen. Die unbekannte Frau stellte sich als Ursula vor und betonte, dass hier auch Eltern einbezogen werden: Uns wurde eine gemeinsame Beratung angeboten vielleicht hilft das. Klara merkte, dass sie in den Erzählungen anderer ihre eigenen Ängste wiedererkannte.

Eine Schwester in hellem Kittel trat heran, erklärte, dass die Fachärzte gerade im Zeitplan steckten und die genauen Beratungszeiten schwer vorherzusagen seien. Man müsse eventuell eine halbe oder ganze Stunde im Flur warten. Klara blickte auf die Uhr, erinnerte sich, dass sie kurz mittags bei der Arbeit vorbeischauen wollte, doch jetzt war ihr das Verbleiben bei Anneliese wichtiger. Der Gedanke an Arbeit und Telefonate ließ sie irritiert fühlen, als ob sie Schuld empfinden würde, nicht alles perfekt planen zu können. Ursula bemerkte die Anspannung und schlug zaghaft vor, in die Cafeteria im Erdgeschoss zu gehen und Tee zu trinken. Lass uns kurz abschalten, sagte sie, und Klara stimmte zu. Sie gingen die Treppe hinunter, fanden einen winzigen Aufenthaltsbereich mit ein paar Tischen. Im schwachen Licht goss Klara sich selbst Tee ein, doch der Geschmack war kaum zu spüren. Ihre Gedanken kreisten um Anneliese: Sie ist vermutlich gerade in der Untersuchung. Hoffentlich ist sie nicht zu verängstigt. Sie ließ immer wieder einen Blick auf das stummgeschaltete Handy fallen.

Zurück im Flur herrschte reges Treiben: Patienten verließen die Sprechzimmer, manche gingen zu Gruppensitzungen, andere erledigten Formalitäten an der Anmeldung. Die Schwester brachte Anneliese zurück, die leicht verlegen neben ihrer Mutter Platz nahm und berichtete, dass der Arzt nach Häufigkeit der Panikattacken gefragt, ein beruhigendes Medikament verordnet und sie später zu einer Gruppensitzung einladen wolle. Als Anneliese kurz zur Toilette ging, setzte sich Ursula wieder zu Klara, diesmal mit ihrer eigenen Tochter, einer kleinen braunen Schülerin. Sie stritten leise, bemühten sich aber, nicht zu laut zu sein. Nichts, Sie gewöhnen sich an den Ablauf. Und wann findet Ihre Gruppe statt?, fragte Ursula. Klara seufzte: Noch nichts Genaues, wir sollen bis Mittag Bescheid wissen. Ich habe das Gefühl, wir bleiben hier noch eine Weile. Am Rande des Ohrs hörte sie ein leises Schluchzen hinter einer geschlossenen Tür, das Schweigen des Flurs wurde von Gesprächen über Untersuchungen durchbrochen. Allmählich dämmerte ihr, dass diese Wände schon viel schwerere Fälle gesehen hatten als Anneliese. Gleichzeitig spürte sie eine wachsende eigene Anspannung, als ob die Sorgen anderer ihre eigene Unsicherheit verstärken würden.

Plötzlich erinnerte sie sich an ein hartes Gespräch ein Jahr zuvor: Anneliese hatte damals gestanden, dass sie manchmal nicht richtig atmen könne, als würde ihr Brustkorb zusammengedrückt. Klara hatte sie mit rationalen Erklärungen beruhigt, erklärte, es sei nur Angst. Doch jetzt, im halbstillen Flur, erkannte sie, dass diese Empfindungen ihr selbst vertraut waren. Es gab Abende, an denen Klara zwischen Hausarbeit und Berufspflichten hin- und hergerissen war und sich selbst bei kleinen Dingen einem Anruf, einem Familienstreit die Hände verkrampfen ließ. Sie meinte sich immer: Nur Müdigkeit, nichts weiter. Doch als sie sah, wie andere Eltern jedes Geräusch vernahmen, begriff sie: In jedem Blick lag ein verborgener Schrecken, genauso wie in ihrem.

Zur Mittagszeit fanden viele Angehörige ein gewisses Gleichgewicht mit ihrer eigenen Unsicherheit: Einige gingen nach draußen, um frische Luft zu schnappen, andere lasen Broschüren über Therapieprogramme. Klara bemerkte ein Schild, das zusätzliche Beratungen für Angehörige anpries: Angst bei Angehörigen ist genauso wichtig wie bei den Patienten. Diese Zeile ließ ihr Herz kurz schneller schlagen. Sie sah um sich: Ursula wartete geduldig auf ihre Tochter, das Ehepaar diskutierte hitzig wohl besorgt um ihren Sohn. Klara dachte, alle wären hier, um jemandem zu helfen, doch vielleicht brauchten sie selbst Unterstützung.

Ein diensthabender Arzt ging den Flur entlang, lächelte Klara und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie nickte mechanisch, während die innere Unruhe bis zum Hals stieg. Sie war so sehr mit Annelieses Ängsten beschäftigt, dass sie ihre eigenen Verspannungen kaum bemerkte. Es war jener Moment, an dem sie an eine Weggabelung kam: weiter so tun, als sei alles kontrolliert, oder zugeben, dass sie selbst Hilfe brauche. Tief in ihr wählte sie das zweite.

Mit ruhigem Atem blickte Klara auf die Uhr am Flurende bald würde Annelieses Termin enden und die Ärzte vermutlich die Angehörigen zu einem kurzen Gespräch einladen. In diesem Augenblick spürte sie, dass es keinen Rückweg mehr gab. Sie musste ihre Tochter unterstützen und zugleich den Mut finden, sich selbst ehrlich anzusehen. Sie wusste noch nicht, wie sie das laut aussprechen sollte, doch sie fühlte, dass die kommende Minute ihr Leben verändern würde. Sie ballte die Hände, erhob sich vom Stuhl und spürte, dass sie eine wichtige Entscheidung getroffen hatte. Nichts würde mehr so sein wie zuvor.

Klara setzte sich wieder, sah Anneliese aus dem Arztzimmer kommen, die Schultern leicht gesenkt. Es war bereits später Nachmittag, das Licht drang trüb durch die Fenster, der Tag neigte sich dem Abend zu. Die Tochter trat zu ihrer Mutter, erklärte, dass ihr für die kommenden Wochen ein Medikament verordnet worden sei und man den Verlauf weiter beobachten wolle. Der Arzt wollte beide zu einer gemeinsamen Beratung einladen, bat jedoch um etwas Geduld. Klara schenkte ihrer Tochter ein flüchtiges Lächeln, bemerkte das Zittern, das von der langen Therapiesitzung herrührte. In ihr zugleich ein befreiendes Gefühl: Anneliese bekam Hilfe, doch die Situation verlangte von beiden noch mehr Geduld und Kraft. Und zugleich dämmerte ihr, dass sie selbst auch ein Gespräch über ihre eigenen Sorgen führen müsse.

Ursula, die sie im Laufe des Tages kennengelernt hatte, setzte sich leise neben sie. Ihre Tochter stand ein Stück entfernt und blätterte durch eine Broschüre zu den Gruppenterminen. Klara fragte vorsichtig, wie ihre Untersuchung verläuft. Ursula antwortete zerstreut, die Gedanken schwirrten, Worte aber kaum formten: Ich glaube, wir brauchen mehrere Sitzungen. Der Arzt sagt, das Programm ist umfassend: Übungen, Vorträge, Gespräche. Sie wandte den Blick zu Anneliese, ihr Gesicht erwärmte sich. Weißt du, Klara, ich glaube, unsere Kinder hoffen, dass wir ihnen sicher den Weg zeigen. Und wir selbst halten oft nur wackelig. Klara nickte, spürte, wie ein warmes Bündel in der Kehle aufstieg. Denn genau das war ihr eigen: Sie dachte nur an Annelieses Angst und vergaß dabei ihre eigenen Gefühle.

Während die Patienten von Raum zu Raum zogen, bemühten sich die Eltern, den Ablauf nicht zu stören. Manch einer tauschte kurz Tipps mit der Schwester, andere las ein Buch, doch immer wieder warfen alle einen Blick auf die Uhr: Die Therapien und Gruppensitzungen könnten bis acht Uhr abends dauern. Klara spürte, wie ihr Rücken vom langen Sitzen schmerzte, schlug vor, mit Anneliese ein Stück zu gehen. Die Tochter willigte, vielleicht ein wenig beruhigt, denn das Medikament sollte die hohe Anspannung mindern. Beim Spaziergang zwischen dem Infostand für Angehörige und einem Tisch mit Einwegbechern fragte Anneliese plötzlich: Mama, hast du das auch? Ich meine diese Ängste. Klara hatte nie gedacht, dass ihr Kind das, was sie als Arbeitsstress abtun, so klar durchschaut. Ja, manchmal, gab sie zu. Das Geständnis ließ ihre Schultern zittern, zugleich aber ein leichtes Befreiungsgefühl in ihr aufsteigen.

Kurz darauf kam die Schwester und erklärte, dass der Arzt nun im FamilienTherapieraum sei und Besucher paarweise aufnehmen würde. Sie können an einer Kurzbesprechung teilnehmen, um den weiteren Plan zu besprechen, sagte sie und winkte. Klara prüfte reflexartig, ob ihr Handy vibrierte, doch es lag stumm im tiefen Ärmel ihrer Jacke. Gemeinsam traten sie in ein schlichtes Zimmer mit kleinem Tisch und zwei Stühlen. Hinter dem Tisch saß ein Arzt um die fünfzig, mit freundlichem Blick. Er nickte, hörte Annelieses kurzen Bericht, wandte sich dann zu Klara.

Wie geht es Ihnen?, fragte er beinahe flüsternd. Klara spürte plötzlich Angst, zu antworten. Doch sie erinnerte sich an das Zittern in ihren Händen, die schwitzigen Handflächen, die nächtlichen Aufwachmomente mit wirren Sorgen. Mit einem Seufzer erwiderte sie, dass es nicht leicht sei. Ich dachte, das Wichtigste wäre Annelieses Therapie. Offenbar muss ich mich selbst mit meiner Angst auseinandersetzen. Der Arzt nickte verständnisvoll, erklärte, dass die Klinik nicht nur für Patienten, sondern auch für deren Angehörige spezielle Gruppen anbiete, um emotionale Erschöpfung und Ängste zu behandeln. Falls Sie möchten, können wir Sie zu einer Beratung bei unserer Psychologin anmelden das ist ein zusätzliches Angebot, das vielen Eltern hilft. Klara blickte zu Anneliese, sah in ihren Augen ein offenes Einverständnis: Du kannst es auch versuchen, Mama. Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit stieg ihr ins Herz. Sie begriff, dass Anneliese sie nicht als unzerbrechlich sah, sondern als jemanden, der ebenfalls Unterstützung braucht. Klara schloss die Lippen, nickte dem Arzt zu. Gut, ich mache mit, sagte sie. Der Arzt notierte etwas im Block und verabschiedete sie mit dem Wunsch, das Gespräch jederzeit fortzusetzen.

Sie verließen den Raum, nur noch wenige Besucher blieben im Flur. Ursula stand ein Stück weiter, sah sie und winkte. Ihre Tochter hatte bereits die Schuhe gewechselt und war bereit zu gehen. Ursula trat heran, fragte beiläufig: Alles in Ordnung bei Ihnen? Ihr Blick war mitfühlend. Klara lächelte ein wenig gedrückt: Ja Ich glaube, ich melde mich auch zu den Angehörigengruppen an. Es wird Zeit, nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns selbst zu sorgen. Ursula nickte weise: Der Psychologe hat mir gesagt: Wenn wir selbst nicht ausgeruht und nicht belastet sind, können wir andere kaum unterstützen. Sie bat um Klara ihre Telefonnummer, um an die Termine zu erinnern. Auch Klara stimmte zu.

Klara zog noch einmal den Mantel an, prüfte, ob Anneliese noch etwas brauchte, und wartete, bis die Tochter ihre Stiefel anzog. Noch etwa eine Stunde bis zur Schließung der Tagesklinik blieb, und das Personal bereitete die Listen für den nächsten Tag vor. Ursula und ihre Tochter verabschiedeten sich, versprachen, sich bei den Atemübungen wiederzusehen. Klara sah ihnen nach und fühlte ein seltsames Gemisch aus Verwirrung und Freude: In diesem Ort, der ihr zunächst fremd erschien, fanden plötzlich Menschen, die bereit waren, gegenseitig die Last zu teilen. Ein plötzliches ZugehörigkeitsAls der Bus schließlich in die Dämmerung fuhr, spürte Klara, dass sowohl sie als auch Anneliese nun den Mut gefunden hatten, das eigene Herz leise, aber bestimmt öffnen zu lassen.

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Homy
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Schritt zu dir selbst
Er hat ohne mich nichts gegessen