Ihr Zaun steht auf unserem Grundstück, erklärt der Nachbar, während er mit zwei Arbeitern hinter sich steht.
Ihre Hühner wieder auf meinem Beet! Das ist schon das dritte Mal in dieser Woche! Haben Sie überhaupt noch Anstand?
Gerlinde Peters steht am Tor, eine zerknitterte Karottenscheibe in der Hand. Die Nachbarin Ursula, eine rundliche Frau im bunten Kaftan, winkt nur ab.
Ach, die Hühner! Die laufen überall herum, das lässt sich nicht verhindern.
Also schließen Sie sie doch im Hühnerstall ein! Ich habe den ganzen Mai mein Gemüse gepflanzt.
Dann reparieren Sie Ihren Zaun, dann laufen sie nicht mehr, sagt Ursula und geht zu ihrem Haus. Alle Beschwerden, alle Beschwerden. Leben Sie mit dem, was Sie haben, und freuen Sie sich.
Gerlinde will etwas zurückschreien, hält sich aber zurück. Mit Ursula zu streiten, bringt nichts die kann stundenlang argumentieren und dabei das Offensichtliche leugnen.
Zurück bei den Beeten sieht Gerlinde den Schaden. Die Karotten sind ausgerupft, der Kohl zerdrückt, die Zwiebeln herausgezogen. Tränen steigen ihr in die Kehle. Sie hat jede Pflanze gepflegt, und jetzt haben diese verdammten Hühner in einer halben Stunde alles ruiniert.
Das Dorf Kleinburg besteht aus etwa dreißig Häusern, jeder kennt jeden. Gerlinde lebt ihr ganzes Leben hier, wurde in ihrem Haus geboren, heiratete Michael und bekam die Tochter Liselotte. Michael starb vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt. Liselotte zog in die Stadt, gründete eine Familie und kommt nur alle zwei Monate zu Besuch.
Gerlinde bleibt allein mit Haus, Garten, Hühnern und einer Ziege. Sie lebt von ihrer Rente und dem Ertrag aus dem Garten. Liselotte unterstützt sie gelegentlich, aber Gerlinde will nicht zu oft um Geld bitten. Liselotte hat ihre eigene Familie und einen Enkel, die ebenfalls ihr Geld brauchen.
Ursula zog vor drei Jahren nach Kleinburg und kaufte das Haus von der alten Anna, die zu ihrem Sohn in die Stadt gezogen war. Anfangs verstanden sie sich, tauschten sogar Kuchen. Dann begannen die Hühner von Gerlinde auf Ursulas Grundstück zu laufen, Müll wurde über den Zaun geworfen und laute Musik dröhnte die Straße hinunter. Das war jedoch noch das Süßeste im Vergleich zu dem, was noch kam.
Gegenüber von Gerlindes Haus steht ein verfallenes, seit etwa zehn Jahren unbewohntes Gebäude. Der Besitzer ist gestorben, Erben gibt es nicht, das Haus zerfällt langsam. Im Frühjahr kaufen neue Leute das Grundstück, reißen das alte Haus ab und beginnen mit dem Neubau.
Gerlinde beobachtet die Bauarbeiten mit wachsender Neugier. Der neue Bau schreitet schnell voran: ein zweistöckiges Backsteinhaus mit großen Fenstern, Bauarbeiter von früh bis spät, eine Betonmischmaschine dröhnt, Lastwagen kommen und gehen.
Ende des Sommers ist das Haus fast fertig. Ein Mann um die fünfundvierzig, groß und in teurer Kleidung, und eine schlanke, jüngere Frau, beide elegant gekleidet, stehen mit einem zehnjährigen Jungen vor dem Haus. Gerlinde beschließt, die neuen Nachbarn kennenzulernen, backt einen Apfelkuchen und geht über die Straße.
Am Tor fehlt noch das Tor, nur Pfosten stehen. Sie betritt den Hof, der Mann steckt in seinem Auto herum und holt Kisten hervor.
Guten Tag, sagt Gerlinde und tritt näher. Ich bin Ihre Nachbarin, aus dem Haus dort. Gerlinde Peters.
Der Mann richtet sich auf, blickt sie an.
Guten Tag. Ich bin Anton Viktor. Er reicht keine Hand, sieht aber sofort ihr einfaches Outfit und die abgetragenen Hausschuhe.
Ich habe einen Kuchen gebacken, sagt Gerlinde und reicht ihm das Päckchen. Apfelkuchen, bitte.
Anton nimmt den Kuchen etwas zurückhaltend an. Danke, ich nehme ihn mit.
Eine Frau tritt aus dem Haus, sieht Gerlinde und runzelt die Stirn.
Wer ist das?
Eine Nachbarin, antwortet Anton. Sie hat Kuchen gebracht.
Die Frau wirft Gerlinde einen überheblichen Blick zu, der Gerlinde das Gefühl gibt, nur eine Bettlerin zu sein.
Na gut, danke. Weitergehen.
Gerlinde ist verwirrt, denn so einen Ton hat sie nie erlebt. Sie dreht sich um und geht zurück, die Wangen glühen vor Scham.
Noch länger reden sie nicht. Die neuen Nachbarn leben ihr eigenes Leben, kommen nur selten am Wochenende vorbei, haben einen hohen Zaun rund um ihr Grundstück gebaut und Kameras sowie Alarmanlagen installiert ein kleines Fort, könnte man sagen.
Gerlinde versucht, das zu ignorieren. Reiche Leute, was soll man von ihnen erwarten? Hauptsache, sie stören nicht.
Eines Morgens klingelt es an ihrer Gartentür. Gerlinde wirft ihren Morgenmantel über die Schulter und öffnet. Dort stehen Anton und zwei Baufirmenmitarbeiter in Schutzkleidung.
Guten Morgen, Gerlinde Peters, sagt Anton, ohne einen freundlichen Ton.
Guten Morgen, erwidert Gerlinde vorsichtig. Was gibt es?
Wir haben entschieden, dass Ihr Zaun auf unserem Grundstück steht, erklärt er. Wir haben Vermessungen gemacht. Ihr Zaun ragt anderthalb Meter in unser Gebiet hinein.
Gerlinde stockt.
Welcher Zaun? Was heißt anderthalb Meter?
Dieser hier, zeigt Anton auf den alten Holzzaun, der die beiden Parzellen trennt. Er liegt falsch. Nach den Unterlagen verläuft die Grenze hier. Er deutet in Richtung Gerlindes Haus.
Aber dieser Zaun steht seit dreißig Jahren! Mein Mann hat ihn gebaut!
Das Alter des Zauns ist irrelevant. Wichtig ist, dass er unser Land berührt.
Anton holt ein Blatt Papier hervor.
Sie sehen, das ist der Lageplan. Die Grenze verläuft so, und Ihr Zaun so. Das heißt, ein Stück Land gehört uns.
Gerlinde nimmt das Papier, versteht aber weder die Linien noch die Zahlen.
Ich weiß das nicht. Mein Grundstück war immer so, wie es ist.
Anton antwortet: Ob es war oder nicht, jetzt nutzen Sie unser Land. Wir wollen, dass Sie den Zaun versetzen.
Versetzen? Sie reden doch nicht ernst! Das ist der ganze Zaun!
Das ist Ihr Problem. Sie haben zwei Tage, entweder versetzen Sie ihn selbst, oder wir reißen ihn.
Gerlinde fühlt, wie die Erde unter ihren Füßen wegbricht.
Sie haben kein Recht!
Doch haben wir. Das ist unser Land. Wenn Sie nicht freiwillig mitmachen, melden wir das weiter.
Anton dreht sich um und geht, die Arbeiter folgen ihm. Gerlinde steht mitten im Hof, das Blatt in der Hand, ihr Kopf schwirrt. Was soll sie tun? Wen soll sie anrufen?
Zuerst wählt sie ihre Tochter Liselotte.
Mami, ich habe ein Problem. Die Nachbarn behaupten, mein Zaun steht auf ihrem Land.
Welche Nachbarn? Was für ein Zaun?
Gerlinde erklärt hastig die Situation. Liselotte hört zu.
Mami, das kann nicht sein. Der Zaun steht seit dreißig Jahren da.
Genau, mein Mann hat ihn gebaut.
Vielleicht übertreiben die nur.
Liselotte rät ihr, die Grundbuchunterlagen zu prüfen. Gerlinde findet die alte Akte, das Grundbuch mit den Grenzangaben, versteht aber die Zahlen nicht.
Du brauchst einen Vermesser, sagt Liselotte. Lass ihn kommen, mach genaue Messungen und ändere nichts, bis wir das Ergebnis haben.
Gerlinde ruft ihre Nachbarin Lydia, die im nächsten Haus wohnt.
Lydia, weißt du, wo ich einen Vermesser finde?
Lydia staunt. Ach Gerlinde, die haben doch keinen Anspruch! Sie wollen doch nur ein Stück Land.
Da gibt es im Dorf den Ortsvorsteher Walter Heinrich. Er kann helfen.
Gerlinde geht zum Gemeindehaus, spricht mit Walter, einem Mann um die sechzig. Er gibt ihr die Nummer eines Katasteringenieurs, nennt einen Preis von etwa fünftausend Euro.
Fünftausend Euro? Das ist fast die Hälfte meiner Rente, denkt Gerlinde.
Sie ruft den Ingenieur an, der am übernächsten Tag kommt. Er sagt: Nichts verändern, bis ich da bin.
Am Abend klopft es erneut an der Tür. Anton steht dort.
Haben Sie etwas entschieden?
Ich habe einen Ingenieur gerufen, der die Messungen macht.
Anton lächelt.
Ein Ingenieur? Das ändert nichts. Meine Unterlagen sind korrekt.
Gerlinde ist wütend. Das ist mein Grundstück, mein Haus. Sie haben kein Recht, mir etwas aufzuzwingen!
Anton wirft ihr ein weiteres Ultimatum zu: Bis Ende der Woche, sonst handeln wir.
Gerlinde ruft Liselotte erneut an, die ihr rät, einen Anwalt zu suchen. Der örtliche Rechtsanwalt Peter Schneider, vierzig Jahre alt, kostet gut 2.500 Euro für die Vertretung. Gerlinde kann das nicht zahlen und überlegt, ob sie sich das selbst leisten soll.
Am nächsten Tag wartet sie vor ihrem Haus, als zwei Arbeiter mit Messgeräten ankommen und Pfosten in den Boden schlagen.
Was machen Sie hier?, fragt Gerlinde.
Der Besitzer hat befohlen, die Grenze zu markieren, erklärt einer.
Ich rufe die Polizei!, schreit Gerlinde.
Sie ruft die Polizei, der diensthabende Beamte verspricht, einen Dorfpolizisten zu schicken. Der junge Polizist kommt, hört sich die Lage an, sieht die Unterlagen und sagt: Beide Parteien haben Dokumente. Ohne Einigung muss ein Gericht entscheiden.
Er weist darauf hin, dass das Einschlagen von Pfosten nicht verboten ist, aber ein Zaunbau ohne Zustimmung strafbar wäre.
Gerlinde fühlt sich hilflos. Liselotte kommt am Wochenende vorbei, bringt Essen und Unterstützung. Sie besprechen das weitere Vorgehen.
Der Vermesser erscheint am vereinbarten Tag, misst exakt, erstellt ein Gutachten. Er bestätigt: Der Zaun liegt exakt auf der Grenze, kein Stück Land gehört den Nachbarn.
Gerlinde übergibt das Gutachten an Anton, der sichtlich irritiert wirkt.
Ich habe ein eigenes Gutachten, sagt er.
Anton schlägt einen Kompromiss vor: Verschieben Sie den Zaun um einen Meter, nicht anderthalb.
Gerlinde lehnt ab. Anton droht mit Gericht.
Der Rechtsstreit wird eingereicht. Das Gericht vernimmt beide Seiten, hört Zeugen aus dem Dorf, darunter Lydia, die seit Jahrzehnten den Zaun kennt. Das Gutachten des Vermessers wird vorgelegt.
Nach einer Stunde Beratung verkündet die Richterin das Urteil: Der Zaun liegt auf Gerlindes Grundstück, die Grenze ist korrekt, das Nachbarrecht wird abgelehnt.
Gerlinde atmet erleichtert auf, Liselotte umarmt sie. Anton verlässt das Gerichtsgebäude, sichtlich enttäuscht. Der Anwalt Peter Schneider schüttelt Gerlindes Hand und gratuliert: Gerechtigkeit hat gesiegt.
Auf dem Heimweg sitzen Gerlinde und Liselotte im Bus, halten sich an den Händen. Zu Hause bereitet Liselotte Tee zu und fragt: Macht das jetzt alles gut?
Ich hoffe es, antwortet Gerlinde.
Am nächsten Morgen geht Gerlinde zum Garten, sieht, dass die Pfosten, die die Arbeiter eingeschlagen hatten, entfernt wurden. An der Zaunwand hängt ein Zettel in krakialer Handschrift:
Du hast gewonnen, aber wir sind noch nicht fertig.
Gerlinde faltet den Zettel, die Hände zittern. Sie ruft Liselotte an, die beruhigt sie: Das ist nur Einschüchterung. Das Urteil steht, wir sind geschützt.
In den folgenden Wochen taucht Anton und seine Familie nicht mehr auf. Lydia erzählt, dass die Nachbarn das Grundstück verkaufen wollen, weil sie die Stadt lieber mögen.
Gerlinde und Liselotte arbeiten weiter im Garten, pflanzen Kohl, gießen die Beete. Der kleine Enkel des Liselotte, Finn, läuft um den Hof und fragt:
Oma, ist das dein Zaun?
Ja, mein lieber, das ist mein Zaun, mein Land.
Gerlinde lächelt und ist stolz: Sie hat ihr kleines Stück Erde verteidigt, gegen das Aufgebot eines reichen Nachbarn. Gerechtigkeit hat gesiegt, und das Leben im Dorf Kleinburg geht weiter, mit Hühnern, einer Ziege und dem Duft von Apfelkuchen, den sie jeden Sonntag backt.





