Die Mauer zu ihren Gunsten

Die Mauer für sie

Anna, warum mischst du dich in dieses Gespräch ein? Viktor drehte sich nicht zu mir um. Er stand am Fenster, den Weinglas in der Hand, breit gebaut, sicher, wie immer, und sprach leise, fast sanft, was es noch schlimmer machte. Andreas hat mich gefragt, verstehst du? Mich. Verschon ihn mit deinen Ideen.

Andreas Müller, unser Gast, Viktors Partner bei irgendeinem neuen Logistik-Projekt, starrte auf seinen Teller. Es war ihm unangenehm. Das konnte ich daran sehen, wie er sich leicht auf dem Stuhl bewegte und nach der Gabel griff, obwohl er offensichtlich nicht vorhatte, zu essen.

Ich habe nur gesagt, dass im Zentrum so viele große Flächen leerstehen, sagte ich ruhig.

Anna. Viktor drehte sich endlich um, und in seinen Augen sah ich diesen Ausdruck, den ich nach siebenundzwanzig Ehejahren gut kannte. Keine Wut. Schlimmer. Herablassung. Die Gäste sind satt, der Tisch ist großartig, alles wunderbar. Bringe doch lieber das Dessert, ja?

Am Tisch saßen noch vier weitere Menschen. Larissa, die Frau von Andreas, warf mir einen schnellen Blick zu, in dem kurz etwas wie Mitgefühl aufblitzte. Oder hatte ich mir das eingebildet? Ich stand auf, sammelte ein paar Teller zusammen und ging in die Küche.

Dort stand ich eine Minute am Spülbecken und sah hinaus in das dunkle Fenster. Draußen regnete es, feiner, herbstlicher Regen, der die Lichter der Nachbarhäuser in gelbe Kleckse verwischte. Ich war zweiundfünfzig Jahre alt. Hinter mir summte das Gespräch, Viktor lachte, Gläser klirrten. Ich holte den Kuchen aus dem Kühlschrank, den ich am Morgen gebacken hatte, und trug ihn zurück ins Esszimmer.

So verging mein Leben.

Unser Haus stand in einem guten Viertel einer großen deutschen Stadt, in der wir gemeinsam unser Leben verbracht hatten. Viktor hatte das Haus bauen lassen, als die Firma richtig florierte, vor fünfzehn Jahren. Groß, zweistöckig, mit Garage und einem Garten, den ich alleine angelegt hatte, weil Viktor keine Zeit, und der Gärtner kein Händchen hatte. Das Haus war schön. Die Gäste sagten immer: Was für ein Haus, Frau Anna, was für ein Geschmack! Und ich lächelte und sagte danke, weil es wirklich mein Geschmack warjeder Vorhang, jedes Regal, jeder Johannisbeerstrauch am Zaun.

Nur: Auf Viktor war das Haus gemeldet.

Gearbeitet hatte ich eigentlich nie so wie er. Nach dem Studium, dort hatten wir uns kennengelernt, unterrichtete ich ein paar Jahre technisches Zeichnen an einer Schule. Dann wurde unser Sohn Tobias geboren, dann wuchs Viktors Geschäft, wir zogen mehrmals um, es mussten Gäste empfangen, Veranstaltungen begleitet werden, ich musste präsent sein. Ich kündigte. Viktor sagte: Wofür brauchst du den mageren Lohn, ich sorge für uns. Und er sorgte. Ordentlich, nicht geizig, aber so, dass immer, wenn ich Geld für etwas Eigenes brauchte, entweder fragen oder beim Haushalt sparen musste.

Schmuck machen begann ich eher zufällig vor zehn Jahren. Es regnete damals tagelang unseretwegen auf dem Land, und ich fand in der Kammer eine Kiste alter Perlen, die ich irgendwann gekauft und vergessen hatte. Am Abend machte ich eine Kette, und die war erstaunlich schön. Dann noch eine, und noch eine. Freundinnen fragten nach Geschenken, später wollten sie kaufen. Ich kaufte Werkzeug, fing an, mit Edelsteinen und Silberteilen zu arbeiten. Das war mein Reich, mein eigener Raum.

Viktor behandelte das so, wie meinen Gemüsegarten. Eine nette Beschäftigung. Gut, dass du was hast.

Deine Perlenbastelei, sagte er manchmal, wenn ich ihm etwas zeigte. Ach Anna, das ist doch nichts Echtes. Wo willst du das denn überhaupt verkaufen? Auf dem Markt?

Ich antwortete nie darauf. Was sollte ich auch sagen?

Tobias wurde erwachsen, zog nach München, heiratete, blieb dort. Wir sahen uns an Weihnachten. Er rief sonntags an, fragte nach meiner Gesundheit, ich fragte nach der Arbeit. Es war in Ordnung. Wir liebten uns, hatten aber längst jeder unser Leben.

Ich hatte keins mehr.

Ich hatte ein großes, schönes Hausherrinnenleben, einen erfolgreichen Mann, Gäste montags und donnerstags, Charity-Lunches, zu denen Viktor nur wegen der Kontakte ging und ich immer dabei war, im richtigen Kleid, mit dem richtigen Lächeln. Ich war sein Aushängeschild mit menschlichem Gesicht. Geschäftsmann, gute Familie, schöne Frau, kann Gäste empfangen. Auch das ist eine Arbeit. Nur gibts dafür kein Gehalt und kein Danke.

Im Februar kam ein Brief. Standardbrief, Notariat am Friedrich-Wilhelm-Platz, ein unbekannter Name. Ich öffnete ihn am Küchentisch, Viktor schlief noch.

Die Cousine meiner Mutter, Helene Berger, die ich im Leben dreimal gesehen hatte, zuletzt vor zwanzig Jahren bei einer Beerdigung, war im Dezember gestorben. Sie hatte keine Kinder. Sie hatte mir ein Gebäude hinterlassen. Keine Wohnung, kein Grundstück, ein Gebäudeein altes Fabrikhaus im Zentrum, zweistöckig, Baujahr 1950, 340 Quadratmeter, lange leerstehend.

Ich las den Brief dreimal.

Dann rief ich beim Notar an.

Ja, Frau Anna Müller, es stimmt. Helene Berger hat Sie explizit zur Alleinerbin eingesetzt. Auch das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, gehört dazu. Sie hatte es in den 90ern überschrieben bekommen, alles sauber.

Grundstück im Zentrum? fragte ich ungläubig.

Im Zentrum, ja. Nicht groß, aber beste Lage.

Ich dankte und legte auf. Saß noch lange mit dem Brief in der Hand.

Viktor sagte ich nichts. Ich weiß nicht warum. Oder doch: Ich wusste, wie es ablaufen würde. Er würde vorbeischauen, sagen, das muss abgerissen oder verkauft werden, er kenne da Leute vom Bau, dann würde alles seinen Lauf nehmen und ich hätte wieder daneben zu stehen, zu nicken und nicht gefragt zu werden.

Zum ersten Mal ging ich allein hin, erzählte, ich würde eine Freundin besuchen.

Das Gebäude lag hinter dem alten Theater, in einer Ecke, wo Jugendstilvillen, Plattenbauten und neue Glasbüros zusammenkamen. Es war ruhig dort, das Kopfsteinpflaster alt, die Bäume trieben schon erste Knospen.

Der Bau sah schäbig aus. Putz ab, Fenster im Erdgeschoss vernagelt, rostiges Tor. Aber die Wände standen fest. Ich ging zweimal herum, tastete den Backstein ab, schaute mir das Dach an. Es hielt. Ich schlüpfte durch eine seitliche unverschlossene Tür hinein.

Hohe Decken, große Fenster mit Resten von Glas, Holzbalken, teils morsch, meist in Ordnung. Alter Fliesenboden unter Schmutz. Modergeruch und etwas Holziges, Altes.

Ich stand mitten im Raum, blickte durch das Loch in der Decke, sah den Himmel.

Und dann war da ein Gefühl. Keine Angst, keine Traurigkeit. Eher so, wie wenn man einen fremden Ort betritt und plötzlich weiß: Das ist meins.

Der Notar war ein freundlicher Mann, Mitte vierzig. Alles war in zwei Wochen geregelt. Die Unterlagen bewahrte ich in meinem Schmuckzimmer auf, dort, wo Viktor nie reinging.

Meine Schulfreundin Nadja, heute Maklerin, rief ich an und erzählte alles.

Im Ernst? fragte sie nach einer langen Pause.

Im Ernst.

Anna, das sind Vermögen. Gebäude im Zentrum, Grundstück! Das ist richtig viel Geld, du weißt das?

Weiß ich. Verkaufen will ich nicht.

Was dann?

Ich schwieg, dann sagte ich:

Erinnerst du dich, wie wir jung waren, zu den Ausstellungen gingen? In das Künstlerhaus an der Friedrichstraße?

Klar.

Sowas. Ein Ort für Menschen. Ausstellungen, Arbeiten, Lernen. Ein Kunst- und Werkraum, wie man heute sagt.

Nadja schwieg noch länger.

Anna, das kostet riesig. Renovierung, Technik, alles, das ist heftig.

Ich weiß.

Hast du das Geld?

Noch nicht. Aber ich bekomme es.

Sie bohrte nicht weiter. Nadja konnte zuhören und schweigen. Dafür mochte ich sie.

Das Geld begann ich so zu suchen, wie ich es konnte: Schmuck machen. Über die Jahre hatte ich viele Stücke angesammelt, die ich nie verkaufte, einfach zum Spaß gefertigt. Richtig schöne Sachen, wie ich fand. Silberanhänger mit bayerischen Steinen, handgemachte Armbänder, Sets, an denen ich wochenlang gearbeitet hatte.

Nadja half. Sie kannte eine Frau, die einen kleinen Laden für Kunsthandwerk betrieb. Sie nahm meine Schmuckstücke an, als Werke einer unbekannten Künstlerin, den Laden blieb eine kleine Provision. Die erste Ladung war nach drei Wochen ausverkauft.

Anna, du glaubst es nicht! rief Nadja am Telefon, die Leute fragen, wann es Nachschub gibt. Das Labradorit-Ring, erinnerst du dich? Das, das du vor zwei Jahren gemacht und nie abgeben wolltest? Nach zwei Stunden war es verkauft.

Für wie viel?

Nadja nannte eine Zahl.

Ich musste auf den Balkon im Zimmer wars zu eng.

In drei Monaten verkaufte ich Schmuck für einen Betrag, der mir früher unmöglich vorkam. Das Geld legte ich auf ein eigenes Konto bei der Sparkasse um die Ecke vom Notar. Viktor wusste davon nicht.

Parallel suchte ich Handwerker. Nicht über Viktors Bekannte, über das Internet und Kaffeetreffen während seiner Bürozeiten. Die Baugruppe, die schließlich zusagte, bestand aus vier Leuten, geleitet von Mehmet, einem stillen Mann um die fünfzig, der genauso auf das Haus sah wie ich ohne Ekel.

Die Mauern sind in Ordnung, sagte er, klopfte den Backstein ab. Dach muss neu. Boden unten teilweise raus. Alle Fenster neu, Elektrik sowieso. In vier Monaten sind wir durch, wenn es keine Pausen gibt.

Es gibt keine.

Mehmet sah mich nicht prüfend, sondern einfach aufmerksam an.

Gut, sagte er.

Zu Hause lief das Leben weiter. Ich kochte, empfing Gäste, begleitete Viktor zu Events, hörte mir Logistik- und Investment-Gespräche an. Manchmal redete er, ich nickte und dachte an Fensterrahmen oder an hohe Regale für Leinwände im Obergeschoss. Oder wie das Licht im Ausstellungssaal sein sollte.

Er bemerkte nichts. Ich war immer der Hintergrund und Hintergründe fügen sich ein.

Einmal wäre ich fast aufgefallen. In meiner Tasche fand Viktor einen Baumarktbon; ich hatte dort Farbenmuster geholt.

Was ist das? fragte er beim Abendessen.

Was fürs Haus, sagte ich gelassen.

Grundierung?

Ich will im Keller frische Farbe, wegen der Feuchte.

Er zuckte nur die Schultern, griff wieder zum Handy. Es war in dreißig Sekunden vorbei.

Mehmet war ein guter Handwerker. Nie schnell, wo man Zeit brauchte, nie langsam, wenn es losgehen sollte. Wir sprachen sachlich, selten mehr. Manchmal stand ich auf der Baustelle einfach da und schaute zu, wie gehämmert und gesägt wurde, und fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren wirklich gut. Körperlich, geistig. Die Luft war anders.

Im Juni kam Nadja vorbei, Fenster waren schon drin, Wände glatt.

Mein Gott, Anna! Hier wirds ja richtig schön.

Ja.

Und was hast du vor? Welche Veranstaltungen, welches Konzept?

Ich habe nachgedacht. Ausstellungen, klar. Hier gibt es viele Künstler, aber keine Orte zum Zeigen. Workshops. Ateliers, die man mieten kann. Ein kleines Café im Erdgeschoss. Eine Bücherecke.

Du hast alles durchdacht, lächelte sie.

Ich hab seit drei Jahren drüber nachgedacht, sagte ich. Ich wusste nur nie, dass es möglich ist.

Im September traf ich Greta. Sie verkaufte auf dem Stadtmarkt ihre selbstgemachten Puppen, stand an einem kleinen Tisch und las, während die Leute vorbeigingen. Die Puppen waren unglaublich. Ich blieb stehen, nahm eine in die Hand.

Machen Sie die selbst? fragte ich.

Ja, schon seit sieben Jahren. Sie schaute mich an. Gefällt Ihnen?

Sehr. Ich bin Anna. Ich eröffne bald einen Kunstraum und suche Menschen, die dort ausstellen oder arbeiten wollen.

Greta legte ihr Buch weg.

So versammelte sich der Kreis. Greta kannte zwei Künstler. Einer brachte einen Bildhauer. Der Bildhauer wiederum war mit einer Töpferin befreundet, die Räume suchte. Im Oktober hatte ich zwölf Zusagen, alle warteten aufs Opening.

Das Geld wurde knapp. Viel Schmuck, den ich noch abgeben konnte, war nicht mehr übrig, nur ein paar Stücke. Mehmet musste noch den letzten Lohn bekommen, Lampen und Schilder waren zu bezahlen.

Ich verkaufte mein Lieblingsset, das ich zwei Jahre gestaltet hatte Silber und Amethyst. Nadja rief nächsten Tag an.

Anna, weg in einer Stunde! Die Frau meinte, sowas habe sie nie zuvor gesehen. Sie fragte, ob es noch mehr gäbe.

Nein, sagte ich.

Traurig?

Nein. Es stimmte.

Die Eröffnung war Anfang November. Kein großes Aufheben. Ich schrieb einfach in die lokale Gruppe: Neues Kunstraum öffnet, wir laden Künstler und Interessierte ein. Am ersten Abend kamen sechzig Leute.

Viktor war auf Dienstreise. Ich sagte ihm, ich sei bei Nadja. Er meinte, er wärmt sich das Abendessen auf.

Ich stand im Saal, sah, wie die Leute die Fotos betrachteten, wie sie sich unterhielten, wie sie Gretas Puppen in die Hand nahmen. Meine Hände zitterten. Nicht aus Angst. Sondern, weil etwas Wirkliches endlich passierte.

Auch Mehmet kam, lehnte an der Wand, sah sich um.

Gut geworden, sagte er.

Danke, Ihnen.

Danke an Sie.

Danach wurde alles schneller, als ich dachte. Die Ateliers waren vermietet, die Töpferkurse hatten volle Gruppen, das Café im Erdgeschoss, betrieben von einer jungen Frau namens Sophia, wurde im Dezember eröffnet und gleich zum Treffpunkt. Lokale Zeitungen schrieben einen Artikel.

Eines Tages begegnete mir im Hof der Nachbar, ein alter Herr aus dem Haus gegenüber.

Sie haben das eröffnet? Er nickte zum Haus.

Ja.

Ich lebe lang hier. Es gab nie einen Ort, wo man hingehen konnte. Gute Sache.

Ich bedankte mich und lächelte bis zum Auto.

Viktor erfuhr es im Januar. Nicht von mir. Ein Partner hatte den Artikel mit Foto aus der Zeitung gesehen und sprach es beim Abendessen an.

Anna, Viktor, nachdem alle Gäste gegangen waren: Musst du mir was erzählen?

Ich räumte das Geschirr, ruhig, nicht hektisch.

Ja. Setz dich, ich mache Tee.

Ich erzählte alles. Vom Erbe. Vom Gebäude. Vom Umbau, vom Schmuckverkauf. Viktor hörte schweigend zu. Sein Gesicht blieb undurchdringlich, seine Geschäftsmine.

Als ich geendet hatte, schwieg er lange, dann leise:

Du hast das vor mir geheim gehalten.

Ja.

Warum?

Ich traf seinen Blick. Er wollte tatsächlich die Wahrheit. Oder dachte es zumindest.

Weil du alles an dich gezogen hättest, Viko. Das wäre dann nicht mehr mein Projekt gewesen, sondern deins.

Das ist nicht fair.

Nicht fair, gab ich zurück. So wie du mich in siebenundzwanzig Jahren nie gefragt hast, was ich wirklich will.

Er stand auf, ging ans Fenster mit der Tasse.

Soll ich jetzt sagen, dass ich stolz auf dich bin?

Nein. Du musst nichts sagen.

Er schwieg.

Wir lebten noch ein paar Monate zusammen, aber in uns wurde etwas anders. Nicht laut, mit leisen, kleinen Veränderungen. Wie wenn Eis zu tauen beginnt, lautlos, aber unwiderruflich.

Und dann kam der Ball.

Der große städtische Charity-Ball, jedes Jahr im Februar: Großes Event mit Wirtschaft, Politik und Kultur. Viktor ging immer. Dieses Jahr kam das Einladungsschreiben auch auf meinen Namen extra, separat. Die Frau vom Organisationsteam rief an und teilte mir mit, ich würde einen Preis erhalten Kategorie Neuer Stadtraum. Mein Kunstraum, Helene, nach meiner Tante genannt, war einer der Preisträger.

Können Sie zur Verleihung kommen?

Ja, sagte ich.

Viktor erfuhr es am selben Tag. Er schaute mich an, als sähe er mich plötzlich ganz anders.

Glückwunsch, sagte er nur.

Danke.

Das Kleid wählte ich selbst. Dunkelblau, schlicht, guter Schnitt, und trug eigenen Schmuck: Labradorit-Ring, neu gefertigt, und kleine Ohrstecker mit Granat.

Im Saal saßen wir getrennt. Viktor als langjähriger Spender vorn, ich bei den Preisträgern. Ich suchte seinen Blick beim Hinsetzen. Er sah mich an, nickte. Ich nickte zurück.

Der Saal: ein alter Stadtpalais, Stuckdecken, Kristalllüster. Viele Menschen, alles gut gekleidet, Musik, Blumenduft. Ich saß aufrecht und dachte: Noch vor einem Jahr stand ich hinter der Küche, hörte den Lärm durch die Mauer.

Als unsere Kategorie aufgerufen wurde, stand ich auf. Ging langsam, weil die Knie zitterten, aber niemand bemerkte es.

Oben wartete der Vorsitzende, redete über die Bedeutung von Kulturorten, nannte meinen Namen, überreichte mir eine Kristallskulptur und einen Umschlag.

Möchten Sie ein paar Worte sagen?

Ich nahm das Mikrofon, im Saal wurde es still. Ich sah Nadja hinten am Tisch, sie strahlte. Ich entdeckte Viktor sein Gesicht hatte einen Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. Nicht Stolz, nicht Groll. Irgendetwas dazwischen.

Ich danke den Menschen, die an diesen Ort geglaubt haben, bevor es ihn gab, sagte ich. Den Künstlern, allen, die kamen und geblieben sind. Und meiner Tante Helene, die mir mehr hinterlassen hat als ein Gebäude.

Ich sprach drei Minuten, nicht mehr. Es wurde applaudiert. Ich ging mit der Skulptur wieder an meinen Platz.

Nadja kam in der Pause, umarmte mich fest.

Anna, hast du sein Gesicht gesehen?

Ja.

Und?

Nichts, sagte ich. Nichts Besonderes.

Viktor kam nach der Zeremonie.

Schöne Rede, sagte er.

Danke.

Du siehst gut aus.

Viko, lass das.

Er schwieg.

Wir müssen reden. Wirklich.

Ich weiß. Zuhause.

Das Gespräch war lang. Kein Streit. Wir waren zu alt und zu müde für Streitereien. Es war eher ein leises, müdes Auseinandergehen.

Ich sagte ihm, dass ich die Scheidung will.

Er schwieg lange. Dann:

Gibt es einen anderen?

Nein. Ich will mein Leben.

Du lebst jetzt doch dein Leben.

Ja, das möchte ich weiter. Allein.

Er stand auf, lief hin und her.

Das Haus?

Das steht auf dich. Aber das Grundstück darunter ist meines.

Er hielt inne.

Was?

Ich erklärte es, ruhig: Das Grundstück unseres Hauses war längst durch meine Tante Helene auf mich überschrieben worden. Das hatte ich beim Erbe erfahren, Notar und Anwalt bestätigten alles. Das Land war mein Eigentum.

Viktor sah mich an wie nie zuvor.

Wusstest du das lange?

Seit der Nachlassabwicklung.

Und du hast geschwiegen.

Ja. Wie du auch oft geschwiegen hast.

Wir redeten noch lange. Ohne Schreien, ohne Tränen. Zwei müde, nicht-mehr-junge Menschen, die sich lange kennen und plötzlich ein ganz anderes Gesicht entdecken.

Drei Monate regelten die Anwälte alles. Die Scheidung lief ruhig, diskret. Das Haus ließ ich Viktor, aber auf Bedingungen, die mein Anwalt glasklar fixierte. Die Abfindung investierte ich in Helene. Das Café wurde größer, ein neuer Ausstellungsraum im oberen Stock eröffnet.

Ich zog in eine kleine Wohnung. Im selben Stadtviertel, wo Helene stand. Vierter Stock, Blick auf alte Dächer und eine mächtige Linde, die jeden Mai so intensiv blühte, dass der Duft durchs geschlossene Fenster drang.

In der ersten Nacht wurde ich um drei Uhr wach, lag im Dunkeln und lauschte der Stille. Keine Stimmen, keine Schritte, kein Atem neben mir. Nur ab und zu ein Wagen unten und der Regen.

Ich war dreiundfünfzig und allein, aber nicht ängstlich. Das kam mir wichtig vor.

Ein Jahr verging.

Helene lief im Winter auf Hochtouren. Drei Künstler hatten feste Ateliers. Töpferkurse liefen dreimal wöchentlich, Monate voraus ausgebucht. Sophia machte aus dem Café einen Ort fürs Herz, mit Holztischen und alten Fotos an den Wänden. Freitagabends spielte eine kleine Jazzband.

Greta verkaufte all ihre Puppen, fertigte neue auf Bestellung. Wir wurden Freundinnen wie Menschen, die sich im richtigen Moment treffen.

Manchmal sagte Nadja:

Anna, du bist zehn Jahre jünger geworden. Oder fünfzehn!

Nur endlich ausgeschlafen, lachte ich.

Ich machte weiter Schmuck. Nicht fürs Geld, sondern für mich. Abends an meinem Tisch in der Wohnung, wenn es draußen dunkel wurde, schaltete ich die Lampe ein, legte Steine und Silberelemente aus, bastelte. Diese Zeit gehörte mir allein. Niemandem sonst.

Viktor begegnete ich im Dezember zufällig. Ich trat aus dem Café nahe Helene, er kam mir entgegen. Wir sahen uns gleichzeitig.

Er war älter geworden, etwas. Oder es fiel mir erst jetzt auf, nachdem ich gelernt hatte, anders zu schauen.

Anna, sagte er.

Viko. Hallo.

Wir blieben stehen. Die Pause war nicht peinlich, einfach zwei Menschen, die sich lange kennen und nicht viel sagen müssen.

Alles gut bei dir? fragte er.

Ja. Und bei dir?

Auch. Habe gehört, ihr habt einen zweiten Ausstellungsraum?

Ja, seit November.

Gut gemacht, sagte er, ehrlich, ohne Herablassung.

Danke.

Er trat von einem Fuß auf den anderen.

Sag mal, begann er, ich überlege einen Showroom zu mieten. Im Zentrum. Weißt du, wer bei den Renovierungsprojekten im Viertel dabei ist? Jemand, dem man vertrauen kann?

Ich sah ihn an. In mir rührte sich etwas, sehr, sehr Altes. Die Gewohnheit, zu helfen, ihm alles abzunehmen siebenundzwanzig Jahre lang. Aber diesmal war es anders.

Ich lächelte.

Nein, Viko, sagte ich ruhig. Weiß ich leider nicht.

Er war kurz überrascht, nicht gekränkt. Nur überrascht.

Gut, sagte er. Verstanden.

Viel Erfolg!

Dir auch.

Wir gingen in entgegengesetzte Richtungen. Am Eck blieb ich stehen, zog den Mantelkragen hoch. Es war frostig und trocken, richtig schön. Aus der Nebenstraße kam Tannenduft Weihnachtsmarkt!

Ich dachte daran, dass ich abends zu Helene gehe. Greta hängt heute neue Puppen auf, die Leute kommen. Sophia backt wie immer. Jazz, Stimmen, Licht aus großen Fenstern.

Ich ging weiter.

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Homy
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