Wartezeit auf die Kindheit

In einer neuen Wohnanlage am Rande von Köln begann das Leben gerade erst, einen Rhythmus zu finden. In den Treppenhäusern lag noch der Geruch von frischer Putzmasse, an den Aufzügen hingen Schilder, die baten darum, nach acht Uhr abends keinen Bauschutt zu entsorgen. Auf dem Spielplatz zwischen den Häusern leuchtend, doch von feinem, feuchtem Staub bedeckt tobten Kinder in wasserabweisenden Jacken. Die Eltern standen ein Stück entfernt, eingewickelt in Mäntel, und musterten einander vorsichtig, als wären sie neue Nachbarn im Unklaren.

Sabine eilte nach Hause mit ihrer Tochter Liselotte: Der kurze Weg vom Kindergarten durch den Innenhof dauerte nun viel länger, weil an den Toren lange Schlangen standen und ständig darüber geredet wurde, wie schwer es sei, das Kind näher am Zuhause unterzubringen. Sabine arbeitete von zu Hause aus die Buchhaltung für ein kleines Unternehmen ermöglichte ihr, den größten Teil des Tages bei ihrer Tochter zu sein. Doch trotz dieser Flexibilität begann jeder Tag gleich: Sie öffnete das Bürgerportal, schaute die Nummer von Liselotte in der elektronischen Warteliste für die nächste Kindertagesstätte an.

Schon wieder nichts hat sich geändert, seufzte sie eines Morgens, während sie auf den Bildschirm ihres Handys blickte. Im Familienchat wurde das Thema bereits diskutiert: Die Schlange bewegte sich nur schleppend, und Plätze gab es nur für Förderberechtigte oder für diejenigen, die sich sofort nach dem Einzug eingetragen hatten.

Abends trafen sich die Erwachsenen vor den Treppenhäusern oder am kleinen Kiosk an der Ecke. Die Gespräche drehten sich stets um dasselbe: jemand wartete auf eine Rückmeldung vom Bezirksamt, ein anderer versuchte, das Kind über Bekannte anzumelden, wieder andere zuckten nur mit den Schultern sie hatten sich daran gewöhnt, nur auf sich selbst zu bauen.

Mit jedem Tag wuchs das Gefühl einer Sackgasse. Die Kinder blieben zu Hause oder spielten im Hof unter Aufsicht der Großeltern; Eltern flüsterten sich gegenseitig Beschwerden zu zuerst scheu, später immer offener. In den Chats tauchten lange Nachrichten über überfüllte Gruppen auf, es wurden private MiniKindergärten oder die gemeinsame Anstellung einer Nanny für mehrere Familien diskutiert.

Eines Abends schlug Thomas, Vater des zweijährigen Jonas aus dem Nachbarten, vor, eine eigene Gruppe zum Thema Kindertagesstätte zu gründen. Seine Mitteilung war kurz und bündig:

Liebe Nachbarn! Vielleicht sollten wir uns zusammenschließen? Wenn wir viele sind, hört uns die Verwaltung endlich.

Damit begann die Wende. Binnen kurzer Zeit schlossen sich Dutzende Eltern dem Chat an: Einige sammelten Unterschriften für ein Schreiben an die Leiterin der Kita, andere teilten Kontakte zu Anwälten oder erzählten von ähnlichen Aktionen in anderen Stadtteilen.

Unter dem ersten Gebäudeblock bildete sich bald eine kleine Versammlung mit Unterschriftsbögen und Thermoskannen heißem Tee. Neue Gesichter traten hinzu: manche stellten schüchtern Fragen zur Initiative, andere wollten sofort ihre Namen auf die Liste setzen.

Die Diskussionen zogen bis spät in die Nacht auf den Hof: Eltern standen im Halbkreis unter dem Vordach des Eingangs, geschützt vor Wind und leichtem Regen. Einige hielten ihr Kleinkind an der Hand, andere deckten die Kinderwagen mit Decken ab; immer wieder warfen sie Blicke auf die Uhr oder tippten gleichzeitig im Arbeitschat weiter.

Wir müssen den offiziellen Weg gehen, sagte Thomas bestimmt. Wir sammeln Unterschriften aller, die hier hin wollen, und bereiten ein gemeinsames Schreiben an das Bezirksamt vor.

Das bringt kaum etwas, seufzte eine Frau mittleren Alters. Solange die Formulare hin und her wandern Der Sommer kommt ja bald!

Vielleicht sollten wir direkt mit der Leiterin reden? Vielleicht versteht sie unser Problem?

Die Meinungen gingen auseinander: Der eine hielt formelle Schreiben für Zeitverschwendung, der andere fürchtete, zu offen vor der Hausverwaltung aufzutreten.

Schließlich einigte sich die Mehrheit darauf, zunächst Unterschriften zu sammeln und ein persönliches Gespräch mit der Leiterin der Kita Nummer neunundzwanzig zu vereinbaren ein Gebäude gegenüber dem neuen Quartier, das bereits überlaufen war.

Der Morgen des Treffens war grau und trüb, das Licht des Frühlings hing schwer über dem Hof. Die Eltern versammelten sich etwa fünfzehn Minuten vor Öffnung des Instituts: Die Frauen richteten die Kapuzen ihrer Kinder, die Männer tauschten kurze Kommentare über Arbeit und Verkehrsstau aus.

Im Empfangsbereich der Kita war es warm und stickig von den Mänteln der Besucher; nasse Schuhabdrücke zogen sich über das Linoleumband bis zur Tür zum Büro der Leiterin, Margarete Nikolaus. Sie begrüßte die Initiativegruppe ohne große Freude:

Ich verstehe Ihre Situation sehr gut, sagte sie. Aber wir haben überhaupt keine Plätze mehr! Die Vergabe läuft strikt über das städtische OnlineSystem

Thomas schilderte ruhig die Lage der Eltern:

Wir kennen das Anmeldeverfahren, begann er, doch viele Familien müssen ihre Kinder jeden Tag mehrere Kilometer weit bringen. Das ist anstrengend für die Kleinen und für uns Erwachsene Wir wollen gern gemeinsam eine Übergangslösung finden!

Zunächst hörte Margarete zu, dann unterbrach sie:

Selbst wenn ich wollte Ich habe keine Befugnis, zusätzliche Gruppen ohne Beschluss des Bezirks zu öffnen! Alle Fragen gehen dorthin

Die Eltern gaben nicht auf:

Dann sollten wir ein Dreiergespräch führen, schlug Sabine vor. Können wir mit einem Vertreter des Amtes kommen? Wir erklären alles persönlich.

Margarete zuckte mit den Schultern:

Wenn Sie es versuchen wollen

Man einigte sich, sich in einer Woche erneut zu telefonieren, sobald ein Beamter des Schulamtes verfügbar war.

Der Chat der Wohnanlage blieb den ganzen Abend aktiv. Nachdem die Leiterin und ein Amtsvertreter zugestimmt hatten, temporäre Gruppen zu eröffnen und einen Spielplatz auf dem Innenhof zu genehmigen, ging die Diskussion in die praktische Phase. Jeder bot an, was er beitragen könne: Der eine brachte Werkzeuge aus der Garage, ein anderer kannte einen Händler für Sicherheitsnetze, jemand hatte gute Kontakte zum Hausmeister des Gebäudes.

Am Samstagmorgen trafen sich die Eltern im Hof, um den geplanten Platz zu begutachten. Sabine, die mit Liselotte kam, bemerkte sofort, dass heute mehr Menschen als bei den vorherigen Treffen erschienen waren. Familien kamen zusammen: Kinder liefen über den noch feuchten Boden, Erwachsene hielten Handschuhe, Müllsäcke und Schaufeln bereit. Auf dem Rasen lagen noch Bündel vom Vorjahr gefallenes Laub, der Boden war nach dem Regen weich, aber bereits ohne Pfützen.

Thomas breitete auf einer Bank den von ihm und seinem Sohn gezeichneten Plan aus. Die Erwachsenen stritten darüber, ob Bänke näher am Haus oder an der Wegkante stehen sollten, ob genug Platz für einen Sandkasten vorhanden sei. Manchmal wurden die Diskussionen hitzig, doch nun mischte sich ein Hauch von Ironie und sogar ein wenig Respekt darunter: Jeder begriff, dass nur Kompromisse zum Ziel führen würden.

Während die Männer das provisorische Zaunwerk aufbauten, sammelten die Frauen und Kinder den Müll und räumten Äste beiseite. Liselotte und die anderen Mädchen bauten aus Steinen ein Labyrinth die Erwachsenen schauten lächelnd zu: Die Kinder spielten nicht mehr auf dem Asphalt neben dem Parkplatz, sondern an einem eigens dafür vorgesehenen Fleck. Der Geruch feuchter Erde lag in der Luft, jedoch nicht mehr so stechend wie zu Beginn des Frühlings.

Zur Mittagszeit richteten die Eltern ein kleines Picknick im Hof aus: Werte in Thermoskannen, selbstgebackenes Brot und Kuchen. Die Gespräche wanderten von KitaAngelegenheiten zu Rezepten und HeimwerkerTipps. Sabine stellte fest, dass die einstige Zurückhaltung in den Stimmen verschwunden war. Selbst jene, die sich zuvor aus der Menge herausgehalten hatten, beteiligten sich nun aktiv.

Am Abend erschien im Chat ein Dienstplan für die Aufsicht am Spielplatz und eine Aufgabenliste für die temporären Gruppen. Das erste Treppenhaus sollte zu einem Spielzimmer umgebaut werden, bis die eigentliche Kita alle aufnehmen kann. Olga bot an, die Materialien zu besorgen, Thomas übernahm die Koordination mit der Hausverwaltung.

Einige Tage nach dem HofSonnabend standen neue Bänke und ein kleiner Sandkasten. Die Hausverwaltung half, ein niedriges Zaunelement zu installieren, damit die Kinder nicht auf die Straße laufen konnten. Die Eltern wechselten sich ab: Am Morgen brachten sie die Kinder zur Gruppe, am Abend räumten sie das Spielzeug ein und schlossen das Tor ab.

Die temporären Gruppen starteten ohne großen Aufhebens die Kinder traten in die ihnen nun bekannten Räume, betreut von Erziehern, die von den Eltern empfohlen worden waren. Sabine fragte sich, wie Liselotte das neue Umfeld aufnehmen würde, doch bereits nach einer Woche kehrte das Mädchen müde, aber glücklich nach Hause zurück.

Kleinere Alltagsprobleme wurden nach Bedarf gelöst: Manchmal fehlten Stühle, manchmal musste Reinigungsmittel nachgekauft werden. Die Kosten blieben gering, und das gemeinsame Engagement schweißte die Nachbarn stärker zusammen als jede formelle Versammlung.

Anfangs flammten MiniKonflikte fast täglich auf: Einmal stritten sie über den Ablauf der Spaziergänge, ein anderes Mal ärgerte sich jemand über eine Bemerkung zur Sauberkeit des Raumes. Nach und nach lernten die Beteiligten, einander zuzuhören, nachzugeben oder ihre Entscheidungen ruhig zu erklären. Der Chat wurde seltener von ärgerlichen Nachrichten überflutet; stattdessen tauchten dankende Worte und Scherze über unser Elternteam auf.

Der Frühling zeigte sich in voller Pracht: Pfützen trockneten, das Gras bekam frisches Grün. Die Kinder legten ihre Mützen beim Spielen ab, tollten bis zum Abend über den Platz, während die Nachbarn sie im Auge behielten es war nun eine gemeinsame Verantwortung des ganzen Hauses.

Sabine erinnerte sich daran, dass sie noch vor einem Monat kaum mit den meisten Bewohnern gesprochen hatte, und nun leicht um Hilfe bitten oder Unterstützung anbieten konnte. Sie kannte die Namen der Kinder und sogar die Gewohnheiten der Großeltern.

Die ersten Tage der temporären Gruppen verliefen ohne Aufsehen: Eltern brachten ihre Kinder morgens zur Tür des Spielraums oder der neu eröffneten Gruppe gegenüber. Ein kurzer Blick, ein Lächeln es hatte geklappt! Nicht perfekt, aber weit besser als die einsame Warteschlange im OnlineSystem.

Am Wochenende organisierten sie erneut eine gemeinsame Aufräumaktion nach dem Spiel: Erwachsene sammelten verstreute Spielsachen und Sandformen zusammen mit den Kindern, besprachen den Stundenplan für die nächste Woche an den Bänken. Im Chat tauchten neue Ideen auf: jemand schlug ein Eröffnungsfest für den Sommer vor, ein anderer wollte einen Fahrradabstellplatz nahe der Grundschule einrichten.

Das Verhältnis unter den Nachbarn wärmte merklich an selbst Familien, die vorher distanziert oder skeptisch waren, beteiligten sich nun zumindest teilweise am Hausleben. Im Alltag wuchs das Vertrauen zueinander.

Sabine brachte Liselotte morgens zur neuen Gruppe, begleitet von anderen Müttern, die leise über das Wetter oder den kommenden Dienstplan im Hof sprachen. Manchmal staunte sie über das Gefühl, Teil einer Veränderung zu sein, die ihr Haus umgab noch vor wenigen Wochen schien das alles undurchdringlich.

Jetzt standen neue Aufgaben und Sorgen bevor, doch das Wichtigste hatte sich verändert: Die Eltern dieses neuen Kölner Viertels hatten erfahren, dass sie gemeinsam den Raum um sich herum gestalten konnten.

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Homy
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