Anna Schmidt dachte, sie wisse immer das Beste
Ich hörte das grelle Klingeln des Telefons. Auf dem Display stand AnnaSchmidt. Das war bereits der dritte Anruf der Schwiegermutter am Morgen. Ich atmete tief durch, sammelte meine Kräfte und drückte die grüne Taste.
Ja, AnnaSchmidt, ich höre.
Irene, warum gehst du nicht ran? die Stimme meiner Schwiegermutter klang voller Vorwurf. Ich rufe dich doch immer wieder an!
Ich habe gerade Lisi das Frühstück zubereitet, meine Hände waren beschäftigt, sagte ich, obwohl ich in Wahrheit nicht noch einmal darüber reden wollte, wie sie mein Kind erzieht.
Wieder dieses BreiGerede! Ich habe dir doch gesagt Kinder brauchen Fleisch! Mein Sohn Sebastian wuchs mit Fleisch auf, sieh nur, wie kräftig er ist! Und deine Lisi ist ja blass wie ein Blatt, das gleich vom Wind weggeweht wird.
Ich schloss die Augen, zählte bis fünf. Unsere Tochter war erst drei und der Kinderarzt hatte bestätigt, dass sie sich normal entwickelt. Sie hatte einfach die Statur ihres Vaters.
AnnaSchmidt, wir geben ihr auch Fleisch. Heute gibt es Frikadellen zum Mittag.
Das ist gut! Genau deshalb rufe ich an. Ich komme heute vorbei und bringe Hühnerbrühe mit auf den Knochen, wie Sebastian es mag. Und ich mache Frikadellen nach meinem Rezept, damit du nicht immer nur diese
Ich verzog das Gesicht. Das Wort Frikadellen klang hier wie ein offener Spott, als ob ich dem Kind Gift servieren würde.
Keine Sorge, wir haben alles, versuchte ich zu argumentieren.
Was gibt es denn zu befürchten? Die Großmutter will ihre Enkelin besuchen! Du verbietest das nicht, oder?
In diesem Satz lag das ganze Wesen meiner Schwiegermutter die Frage so zu stellen, dass jede Antwort außer Zustimmung wie eine Unverschämtheit wirkte.
Natürlich, kommt doch gern, gab ich nach.
Nach dem Gespräch lehnte ich den Kopf gegen das kühle Fensterglas. Draußen wirbelten die seltenen Schneeflocken, legten sich auf die kahlen Äste. Der November zeigte sich trüb und grau.
Mama, wen hast du gerade gerufen? rief Lisi aus dem Kinderzimmer, das abgenutzte Stoffhasen fest umklammert.
AnnaSchmidt kommt heute zu uns, lächelte ich, damit meine Stimme fröhlich klang.
Wird sie wieder sagen, dass ich nicht genug esse? runzelte das Mädchen die Stirn.
Mein Herz zog sich zusammen. Selbst das Kind erkannte die ständige Kritik.
Sie liebt dich sehr und möchte, dass du stark und gesund heranwächst.
Lisi nickte nicht ganz überzeugt und kehrte zu ihren Spielsachen zurück.
Ich begann mit dem Putzen. Obwohl Sebastian und ich lieber ein kreatives Chaos mögen, musste die Wohnung für die Ankunft von AnnaSchmidt makellos glänzen sonst drohte der Kommentar, dass dort Mikroben im Stall entstehen würden.
In zwei Stunden hatte ich die Böden gewischt, den Staub entfernt und sogar einen Apfelkuchen gebacken das einzige Backwerk, das AnnaSchmidt jemals gelobt hatte.
Sebastian sollte zum Mittag zurückkommen. Wir arbeiten beide im HomeOffice er als Programmierer, ich als Designer. Doch heute hatte er ein wichtiges Meeting und fuhr ins Büro.
Gegen zwei Uhr klingelte es an der Tür. AnnaSchmidt war pünktlich wie ein Berliner Uhrwerk.
Na, Schwiegersöhnchen!, sagte die kleinwüchsige, rundliche Frau mit kastanienbraunen Haaren, die feierlich die Wohnung betrat, beladen mit Taschen. Wo ist meine Prinzessin?
Lisi schlich scheu aus dem Zimmer.
Komm her, mein Schatz! Oma hat Geschenke mitgebracht!
Das Mädchen trat vor und streckte die Hand zum Kuss aus. Genau das hatte AnnaSchmidt ihr beigebracht, weil sie der Meinung war, Mädchen sollten richtige Damen werden.
Nur erwachsenen Damen wird die Hand geküsst, korrigierte die Schwiegermutter, umarmte die Enkelin und fuhr fort: Wenn du sechzehn bist, darfst du den Herren die Hand reichen. Heute heißt es nur Hallo zu mir.
Ich rollte die Augen, solange bis AnnaSchmidt sie nicht mehr sah. Ihre widersprüchlichen Anweisungen waren mehr als genug.
AnnaSchmidt, darf ich Ihnen mit den Taschen helfen?, bot ich an.
Ja, ja, bring sie in die Küche. Ich habe schon alles vorbereitet! Sebastian muss sich richtig ernähren, nicht mit irgendwelchem Kram.
In der Küche übernahm sie sofort das Kommando:
Irene, hol den großen Topf. Nicht diesen aus Plastik, sondern einen richtigen. Und wo ist euer Brot? Steckt ihr das im Kühlschrank? Das darf nicht sein, das wird sonst hart!
Ich reichte geduldig das Geschirr. Nach sechs Jahren Ehe hatte ich mich daran gewöhnt, dass seine Mutter immer zu wissen glaubt, was richtig ist.
Lisi sieht ja ganz blass aus, bemerkte AnnaSchmidt, während sie aus den Vorratsbehältern Gewürze holte. Geht ihr spazieren? Gebt ihr Vitamine?
Ja, wir gehen täglich raus, wenn das Wetter es zulässt, und nehmen das Vitaminpräparat, das der Kinderarzt verschrieben hat.
Kinderarzt!, schnaufte AnnaSchmidt. Die jungen Ärzte verstehen doch nichts. In meiner Zeit
Ich seufzte innerlich.
Damals hielten wir die Kinder den ganzen Tag draußen, haben sie gehärtet! Sebastian ging bei jedem Wetter nach draußen, und er ist gesund geworden.
Ich schwieg, obwohl ich hätte erwähnen können, dass Sebastian im Winter häufig an Bronchitis litt und als Kind an chronischer Mandelentzündung.
Ich habe den Kuchen gebacken. Möchtet ihr Kaffee?
Zuerst das Mittagessen. Und wo ist Sebastian? Warum ist er noch nicht da?
Wie durch Zauber öffnete sich das Schloss im Flur.
Da ist er ja!, jubelte die Schwiegermutter.
Sebastian trat ein, sah verwirrt die Schuhbank im Eingangsbereich.
Mama? Warum hast du nicht vorher Bescheid gesagt, dass du kommst?
Wie soll ich das nicht sagen? Ich habe Irene den ganzen Morgen angerufen!, protestierte AnnaSchmidt.
Ich lächelte entschuldigend. Ich hatte vergessen, ihm die Ankunft zu schreiben.
Hey, Mama, sagte Sebastian und umarmte sie. Wie geht es dir?
Ach, mein Blutdruck schwankt, die Beine schwellen bis abends. Aber ich beschwere mich nicht, wir schaffen das selbst.
Der Satz war Teil ihres Standardrepertoires: Ich beschwere mich nicht, gefolgt von einer Aufzählung aller Beschwerden, und wir belasten niemanden ein stiller Hinweis darauf, wie selten ihr Sohn zu Besuch kam.
Zieh dich schnell aus, ich wärme das Essen. Ich stand schon seit morgens am Herd und habe deine Lieblingsgerichte gekocht.
Sebastian warf mir einen schuldbewussten Blick zu. Er wusste, wie schwer mir diese Besuche fallen.
Beim Essen erzählte AnnaSchmidt begeistert von ihrem Sohn, als wäre er ein Held.
Mit vier Jahren konnte er schon lesen! Und die Gedichte, die er vortrug hörbar! Lisi, lernst du Gedichte?
Lisi stochierte nur mit der Gabel.
Sie kennt viele Gedichte, erwiderte ich. Lisi, erzähl Oma von deinem Bären.
Will nicht, brummte das Mädchen.
Siehst du, Sebastian, rief die Schwiegermutter, das Kind ist sehr zurückhaltend. Wir sollten ihn in den Kindergarten geben, damit er mehr Sozialkontakt hat.
Mama, wir haben darüber gesprochen, erwiderte Sebastian. Wir wollen bis zum vierten Lebensjahr warten. Warum das Kind früher belasten?
Belasten?, schnappte AnnaSchmidt. Ich habe dich mit zwei Jahren abgegeben und er ist groß geworden! Und eure Lisi ist ja ein scheues Reh, isst kaum etwas
Lisi schob den Teller weg und blähte die Lippen.
Darf ich spielen gehen?
Nein, erst wenn du aufgegessen hast, befahl AnnaSchmidt.
Iss die Frikadelle, mein Schatz, unterstützte ich leise, obwohl innerlich alles kochte.
Lisi zwang sich, einen Bissen zu nehmen.
Besser, nickte die Schwiegermutter zufrieden. Ihr verwöhnt das Kind zu sehr. Es braucht klare Regeln und Disziplin. Als ich Sebastian großzog
Sie fuhr mit ihren Erinnerungen fort, wie sie ihren Sohn erzogen hatte.
Nach dem Mittag bestand AnnaSchmidt darauf, Lisi zum Mittagsschlaf zu legen.
Kinder müssen tagsüber schlafen, das ist ein Muss! Wie kann man da den Rhythmus brechen?
Ich wollte ihr sagen, dass Lisi schon lange nicht mehr tagsüber schläft und wenn wir sie jetzt schlafen legen, würde sie abends erst um Mitternacht einschlafen. Aber Sebastian schüttelte den Kopf: besser zustimmen, als streiten.
Lass sie wenigstens ein bisschen ruhen, flüsterte er zu mir.
Während AnnaSchmidt versuchte, Lisi zum Schlafen zu bringen, bereitete ich Tee zu und schnitt den Apfelkuchen an.
Useless, kam AnnaSchmidt nach einer halben Stunde zurück. Sie hat sich komplett weggedrängt. In unserer Kindheit hat das nie vorkam, dass ein Kind den Erwachsenen nicht gehorcht.
In eurem Zeitalter hat man Kinder sogar mit der Rute gezüchtet, wollte ich aussprechen, hielt mich aber zurück.
Sie ist einfach noch nicht müde, versuchte Sebastian zu beruhigen. Probier den Kuchen, er ist von mir für dich gebacken.
AnnaSchmidt musterte das Stück skeptisch.
Ich hoffe, keine künstlichen Zusätze? Die Ladenmischungen von heute sind
Nur natürliche Zutaten, versicherte ich. Mehl, Eier, Äpfel vom Garten, den ihr uns geschenkt habt.
Das beruhigte sie ein wenig.
Du hast dich endlich verbessert. Ich erinnere mich, als ihr gerade geheiratet habt, konntest du nicht mal ein Rührei richtig braten.
Ich schwieg, obwohl ich ihr gern gesagt hätte, dass ich bereits seit zehn Jahren allein lebe und gut kochen kann nur nicht nach ihrer Art.
Sebastian, sagte AnnaSchmidt zu ihrem Sohn, kannst du nächste Woche zu mir kommen? Der Wasserhahn im Bad tropft und die Lampe im Keller ist kaputt. Ich traue mich nicht an die Leiter.
Klar, Mama, erwiderte er schuldbewusst. Mittwoch gehts.
Am Mittwoch habe ich NinaPetrovna zu Besuch Vielleicht Dienstag?
Dienstag habe ich ein wichtiges Meeting, gestikulierend.
Dann bleibe ich einfach bei dem kaputten Hahn, seufzte die Schwiegermutter. Nicht das erste Mal.
Ich biss mir auf die Lippe immer dieselbe subtile Erpressung, ständige Vorwürfe.
Ich kann heute mit dir gehen und den Hahn reparieren, bot Sebastian an.
AnnaSchmidt lächelte zufrieden.
Prima, und schau dir auch die Tapeten im Flur an. Die hängen schon seit fünf Jahren, das wird langsam unhöflich.
Wo spielt Lisi? Es ist sehr still, fragte ich plötzlich.
Im Kinderzimmer, sie schaut Bücher an. Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht mit den Spielsachen wild rumwerfen, erklärte die Schwiegermutter.
Ich blickte ins Kinderzimmer und erstarrte. Lisi schnitt sorgfältig Bilder aus einem neuen Buch, das wir erst gestern gekauft hatten.
Lisi! Was machst du da?
Das Mädchen hob den Kopf, kein Anflug von Scham.
Oma hat gesagt, ich darf Bilder ausschneiden und ein Album machen. Sie hat mir die Schere gegeben.
Ich nahm das halb zerfetzte Buch ein teures Exemplar mit wunderbaren Illustrationen, das Sebastian extra online bestellt hatte.
Lisi, das ist doch ein neues Buch! Wir wollten es gerade erst lesen!
Tränen stiegen Lisi in die Augen.
Oma hat schluchzte sie.
Ich atmete tief ein, beruhigte mich.
Alles gut, mein Schatz. Das nächste Mal fragst du zuerst mich oder Papa, okay?
Sie nickte und kuschelte sich an mich.
Ich ging zurück in die Küche, wo AnnaSchmidt begeistert von einer Nachbarin im fünften Stock erzählte, bei der etwas Schlimmes passiert sei.
AnnaSchmidt, unterbrach ich ruhig. Haben Sie Lisi die Schere gegeben?
Ja, warum? Ein Kind sollte handwerklich aktiv sein. Wir haben früher immer geklebt und geschnitten. Heutzutage kleben alle nur an Handys.
Aber das Buch war neu.
Ach, ein Buch! Das ist doch egal. Wichtig ist, dass das Kind ein schönes Album bekommt. Das fördert die Kreativität.
Sebastian stand zwischen den Stühlen.
Mama, hättet ihr uns nicht vorher fragen können?
Ach so!, flammte AnnaSchmidt auf. Muss ich jetzt um Erlaubnis fragen, bevor ich mit meiner Enkelin was mache? Wer bin ich hier, ein Fremder?
Niemand spricht so, versuchte Sebastian zu beruhigen.
Genau das sagen wir doch!, fuhr die Schwiegermutter fort. Ich sehe mich hier als überflüssig. Ich komme, bereite vor und bekomme nur Vorwürfe!
AnnaSchmidt, sagte ich und stand ebenfalls auf, niemand erhebt Vorwürfe. Es gibt Grenzen.
Grenzen?, schnappte sie. Welche Grenzen zwischen Oma und Enkel? Ich habe Sebastian allein großgezogen! Und ich weiß, wie man Kinder erzieht, nicht wie manche, die zu Hause sitzen und nicht mal ein ordentliches Mittagessen hinbekommen!
Mama!, rief Sebastian laut. Hör sofort damit auf!
Stille breitete sich aus. Lisi blickte ängstlich aus dem Kinderzimmer.
Oma schreit, flüsterte sie leise.
AnnaSchmidt änderte sofort den Ton:
Komm her, mein Goldstück. Oma schreit nicht, wir reden nur erwachsen. Wir gehen zusammen das Album fertig machen, ja?
Nein, sagte ich entschieden. Kein weiteres Ausschneiden. Lisi geht jetzt mit Papa einen Film schauen, und wir reden später, AnnaSchmidt.
Die Schwiegermutter wollte widersprechen, doch Sebastian ergriff die Hand der Tochter.
Komm, Prinzessin, wir sehen uns Frozen an.
Als sie gegangen waren, bot ich ihr einen Platz an.
AnnaSchmidt, ich verstehe, dass Sie Lisi lieben und das Beste wollen. Sebastian und ich haben aber eigene Erziehungsmethoden. Wir bitten Sie, diese zu respektieren.
Soll ich also still sein, wenn ich sehe, dass das Kind anders erzogen wird? schnitt die Schwiegermutter spöttisch.
Sie dürfen Vorschläge machen, aber keine Entscheidungen für uns treffen. Und bitte sagen Sie Lisi nicht, was wir gewöhnlich verbieten.
Zum Beispiel? fragte sie skeptisch.
Zum Beispiel, Bücher zu zerschneiden. Oder nicht tagsüber schlafen. Oder Süßes vor dem Mittagessen.
Also soll ich die Enkelin nicht verwöhnen? Warum brauchen wir dann Großeltern?
Ich seufzte. Wir sprachen verschiedene Sprachen.
Verwöhnen kann man, aber in Maßen und in Absprache mit uns.
AnnaSchmidt kniff die Lippen und packte ihre Taschen.
Dann gehe ich. Ich habe hier nichts mehr zu tun, wenn ich nicht mal mit Lisi reden kann.
Bitte nicht dramatisieren, sagte ich müde. Respektieren wir einfach einander.
Dreißig Jahre Lehrerin, meinen Sohn allein großgezogen und jetzt soll ich um Erlaubnis bitten,Am nächsten Morgen setzte ich mich mit AnnaSchmidt zu einer Tasse Kaffee zusammen und wir vereinbarten, künftig offen zu kommunizieren und gemeinsam das Wohl unserer kleinen Lisi in den Mittelpunkt zu stellen.





