Wenn mir jemand je gesagt hätte, dass die junge Liselotte zum Anlass für Streit zwischen Vater und Sohn werden würde, hätte sie mich noch zum Rückgängigmachen meiner Worte gezwungen. Liselotte ist zwar ein einfaches Dorfmädchen, kann aber für sich einstehen. Trotzdem entwickelte sich alles genau so, und sie hätte sich in keinem Albtraum vorstellen können, dass sie sieben Kreise der Hölle durchlaufen muss, um glücklich zu werden.
Liselotte zog erst kürzlich nach Berlin, obwohl sie ihre Mutter bis zuletzt bat, sie nicht zu ihrer Tante zu schicken. Im Familientreffen wurde jedoch entschieden, dass gerade sie zu Frau Helga Weber fahren soll, weil sonst niemand übrig bleibt. Klaus, der Familienvater, arbeitet als Traktorfahrer und hat momentan alle Hände voll Arbeit auf den Feldern. Die Mutter arbeitet auf dem Bauernhof, die Brüder und Schwestern sind alle noch klein, die einen gehen zur Schule, die anderen in den Kindergarten.
Mit einem kleinen Koffer voller Notwendigkeiten machte sich Liselotte auf zu der Tante, die sie nur einmal bei einer Taufe gesehen hatte. Man sagt, dass Helga Weber wegen ihres mürrischen Wesens nie mit einem ihrer drei Ehemänner zurechtkam. Sie hat keine Kinder, also auch keine Erben, und Liselottes Eltern hofften heimlich, dass sie die Wohnung an die Nichte vererben würde. So kam es, aber Die Tante behandelte Liselotte zwar nicht schlecht, hielt sie aber stets auf Distanz. Sie interessierte sich nicht für ihr Leben und ließ niemanden in ihre innere Welt. Warum also die Liselotte? Einfach nur, weil ihr in letzter Zeit Angst vor dem Tod wurde und niemand von ihr erfahren würde, wenn sie plötzlich verstarb. Dann würde ihr Körper verrotten, bis der Gestank bis ins Treppenhaus dringt und jemand die Polizei ruft, damit die Wohnung aufgebrochen wird.
Helga Weber kämpfte seit Jahren vergeblich gegen eine unheilbare Krankheit und wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde. Für sie war Liselotte ein Mittel, um rechtzeitig Bestattungs- und Trauerkosten zu sichern. Liselotte verstand die Sorgen der Tante und stellte keine Fragen. Sie wusch, kochte, putzte, ging einkaufen alles, was von ihr verlangt wurde. Freunde hatte sie nicht, und das Dorfmädchen, das nach einem harten Tag gern mit Gleichaltrigen auf der Hausbank saß, musste sich mit Einsamkeit begnügen. In der Stadt verließ Liselotte das Haus kaum, höchstens den Balkon, von dem aus sie stundenlang das Treiben beobachtete: junge Mütter mit ihren Kindern, alte Damen, die vor dem Treppenhaus plauderten. Ihr Leben schien in zwei Teile zu zerfallen: der unangenehme, in dem sie wie ein Laufbursche die Launen ihrer kranken Tante erfüllte, und der angenehme, der begann, sobald Helga Weber nach dem Schmerzmittel eingeschlafen war. Dann machte Liselotte sich einen duftenden Kaffee und genoss die Ruhe auf dem Balkon.
Bald lernte sie den charmanten Nachbarn Andreas kennen, der zur gleichen Zeit wie sie den Balkon nutzte. Zuerst nickten sie sich nur stumm zu, taten so, als merkten sie einander nicht, dann grüßten sie sich, und schließlich entwickelte sich zwischen ihnen eine jugendliche Verliebtheit. Beide eilten gleichzeitig zum Balkon in der Hoffnung, einander zu erwischen und wenigstens ein wenig zusammen zu sein. Als Helga Weber starb, standen Liselotte und Andreas bereits eng befreundet und hatten ihre Gefühle gestanden. Nach der Beerdigung kehrte Liselotte nicht ins Dorf zurück, sondern blieb in Berlin. Sie erklärte ihren Eltern, dass sie studieren wolle, obwohl sie beide den wahren Grund erkannten, doch sie stritten nicht mit ihr.
Liselotte war überzeugt von ihren eigenen Gefühlen und denen ihres Gegenübers, nahm seine Annäherungen und den Heiratsantrag gern an. Auch Andreas lebte allein. Seine Mutter hatte nach der Scheidung einen Amerikaner geheiratet und war in die USA gezogen. Sein Vater, Professor Dieter Braun, arbeitete als Arzt in Südafrika und kam nur einmal im Jahr im Urlaub nach Deutschland. Die Hochzeit war schlicht, aber fröhlich, und das Paar war das glücklichste, weil sie nun ihr restliches Leben Hand in Hand verbringen würden.
Andreas wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und wurde nach seinem Medizinstudium Facharzt für Chirurgie in einem städtischen Klinikum. Liselotte wollte ihrem Mann ein Stück weit entsprechen, begann eine Ausbildung zur Krankenschwester und schaffte es leicht, einen Platz zu bekommen. Sie stellte sich vor, wie sie gemeinsam im Krankenhaus Patienten retten würden, doch nicht alle Träume sollten wahr werden.
Liselotte, in einer Woche kommt mein Vater! Also mach dich bereit!
Ja? Was mag er denn? Wir müssen Lebensmittel besorgen, Menü planen, gründlich putzen
Entspann dich! Er ist kein König von Südafrika, nur ein einfacher Mann.
Trotzdem machte sich Liselotte Sorgen. Auf Fotos sah er fit und sonnengebräunt aus, fast wie ein Spaniard oder Türke, doch das Aussehen kann täuschen. Was, wenn er ein Snob oder gar ein Perfektionist wäre, der nur Mängel sieht? Und was, wenn Andreas plötzlich dachte, sie sei nicht würdig und die Beziehung beenden würde? Doch Dieter Braun erwies sich als ganz anderer Mensch. Er küsste seinen Sohn und seine Schwiegertochter am Türrahmen, gratulierte, entschuldigte sich lange, dass er nicht zur Hochzeit kommen konnte, und brachte als Wiedergutmachung viele Geschenke. Liselottes zubereitetes Essen lobte er, sagte, er habe seit langem nichts Leckereres gegessen, und ging dann zu alten Freunden. Ein Monat verging schnell, und Dieter Braun fuhr wieder zurück nach Südafrika, ließ das junge Paar allein. Manchmal verstand Liselotte nicht, warum ihr Schwiegervater plötzlich einen anderen Mann bevorzugte. Der Mann kochte ausgezeichnet, stand früh auf, um filigrane Pfannkuchen zu backen, und half ihr oft beim Putzen. Er ermahnte den Sohn:
Ein gutes Weib hast du dir erwischt Schütze Liselotte, hilf ihr, sonst verpasst du dein Glück.
Andreas lächelte still und dachte: Wohin soll sie denn gehen? Sie ist nicht der Typ, der alles hinschmeißen würde, das ist nicht meine Mutter. Selbst wenn sie ihm untreu wäre, würde sie verzeihen und weitermachen, als sei nichts geschehen. Auf dem Land ist das Leben einfacher, man lebt für die Kinder und erträgt alles. Er nahm das für bare Münze. Als eine Krankenschwester begann, mit ihm zu flirten, stürzte Andreas in eine neue Romanze. Ihn störte nicht, dass zu Hause seine schwangere Frau litt, sie hatte seit einer Woche starken Schwangerschaftsübelkeit und konnte kaum kochen. Er kam immer satt nach Hause, aß mit Karla zu Abend, fuhr sie nach Hause und stellte sich müde dar. Liselotte bemerkte die Veränderungen kaum, war in ihren eigenen Empfindungen versunken. Einerseits freute sie sich, bald Mutter zu werden, andererseits fürchtete sie, nicht genug zu schaffen doch mit einem so fürsorglichen Mann sollte das kein Problem sein.
Als Liselotte schließlich das Kind zur Welt brachte, stieg die Belastung. Milch reichte nicht, das Baby wachte häufig und weinte. Andreas wurde nervös, forderte von Liselotte, das Kind zu beruhigen, und zog sich dann ins Wohnzimmer zurück. Als Dieter Braun wiederkam, erkannte er Liselotte kaum. Das fröhliche, rötliche Mädchen war blass und hager geworden, ihr Sohn war abgemagert, kam spät nach Hause und wirkte müde.
Du solltest deiner Frau helfen.
Papa, sie sitzt den ganzen Tag zu Hause, lass sie wenigstens das Kind betreuen.
Hast du etwa jemanden?
Warum fragst du?
Ich sehe, wie glücklich du bist, wenn du gehst, und wie gereizt, wenn du zurückkommst.
Ach, nichts Ernstes, Papa.
Pass auf, dass nichts Schlimmes daraus wird.
Ach Liselotte, du bist schuld. Du siehst nicht mehr aus wie eine Frau. Siehst du ihre Haare? Ihr Gesicht?
Das bist du selbst schuld. Liselotte hat kaum Freizeit.
Alles, ich muss los, die Arbeit wartet!
Andreas hörte oft nicht mehr zu. Für ihn bedeutete das Dasein zu Hause, dass Liselotte alles schaffen musste, und nur Dieter Braun verstand sie ohne Worte und half, wo er konnte.
Liselotte, geh schlafen, ich pass auf die Enkelin auf.
Was, wenn sie hungrig wird?
Denkst du, ich kann das nicht mischen und das Kind füttern? Vergiss nicht, ich habe deinen tölpelhaften Mann großgezogen.
Dank ihres Schwiegervaters bekam Liselotte wenigstens etwas Schlaf. Dieter Braun spielte mit der Enkelin, fütterte sie und legte sie ins Bett, wenn Liselotte beschäftigt war, und gab ihr so die Möglichkeit, sich zu erholen. Sie dankte ihm täglich und betete zu Gott, dass er eine Frau finde, mit der er sein Glück teilt. Es muss schwer sein, allein zu sein; sie hatte Andreas und die Tochter, während er allein in Südafrika war. Liselotte merkte kaum, dass sie immer mehr an Dieter Braun dachte. Er wurde für sie mehr als ein Schwiegervater er ersetzte Vater, Bruder, Freund, Vertrauten. Man konnte mit ihm über alles reden, er hörte zu und tröstete. Die düsteren Gedanken, was passieren würde, wenn er abreiste, quälten sie.
Liselotte, du siehst traurig aus.
Ach, nur ein bisschen
Hier, nimm etwas Geld, geh zum Friseur, lass dir die Haare färben, mach dir ein Makeup, ein Maniküre. Danach kannst du shoppen gehen, kauf dir etwas Schönes. Mach dir keine Sorgen um die Tochter, ich passe auf sie auf.
Liselotte sprang sofort auf, küsste Dieter Braun auf die Wange und eilte, seine Anweisungen zu befolgen. Am Abend, hübsch und glücklich, ging sie zum Haus ihres Mannes, um ihn zu überraschen.
Guten Tag, ich möchte zu Herrn Andreas Braun.
Er ist hier, bitte kommen Sie.
Sie freute sich darauf, wie Andreas auf ihr neues Aussehen reagieren würde, doch was sie sah, schockierte sie. Auf seinem Schoß saß eine junge Krankenschwester, deren Kittel halb geöffnet war, als wäre er nicht für eine Untersuchung gedacht. Liselotte flüchtete wie vom Blitz getroffen aus dem Zimmer, sprang in ein Taxi und fuhr nach Hause, wo sie in Tränen ausbrach.
Was ist passiert, mein Schatz?
Andreas betrügt mich
Wer hat das gesagt?
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen
Dieter Braun zog Liselotte sanft zu sich, streichelte ihr Haar.
Wein ein wenig, das macht es leichter, ich spreche mit ihm, er soll zurückkommen.
Ich will nicht hier bleiben, ich nehme das Kind und gehe.
Du Narr, wohin willst du gehen? Hast du an das Kind gedacht? Auf dem Land ist das Leben nicht leicht, die Arbeit hart, und du hast ein Kleinkind.
Liselotte hatte lange nicht so eine Umarmung erhalten. Sie und Andreas schliefen seit Monaten in getrennten Räumen, und nun, mit dem Duft seines Aftershaves und beruhigenden Worten, drehte sich ihr Kopf. Auch Dieter Braun spürte plötzlich ein starkes Ziehen zu ihr. Sie war zerbrechlich, hilflos, und er wollte sie halten, küssen, weit weg tragen, wo ihr niemand wehtun könnte. In einem Impuls hob er sie hoch, trug sie ins Schlafzimmer, und sie leistete keinen Widerstand. So entstand ein geheimes Band zwischen ihnen, das sie gut verbargen, weil Andreas allzu oft mit Karla, seiner Geliebten, beschäftigt war. Liselotte fühlte Scham über die kurze Schwäche, aber zugleich Freude darüber, geliebt zu werden. Unwillkürlich verglich sie Andreas mit Dieter Braun und stellte fest, dass er in jeder Hinsicht unterlag.
Kurz darauf bemerkte sie, dass sie wieder schwanger war. Was sie in dieser Situation tun sollte, wusste sie nicht; sie und Andreas hatten seit drei bis vier Monaten keinen Sex mehr, und er würde sie sofort des Verrats verdächtigen.
Was fürchtest du? Das ist doch gut! Ich hätte nie gedacht, mit fünfzig noch Vater zu werden. Jetzt liegt es an dir, willst du mich heiraten?
Und Andreas?
Andreas? Ich verstehe, wir haben beide Fehler gemacht, aber er wird dich doch früher oder später verlassen, ich liebe dich und kann nicht ohne dich leben.
Nach der Scheidung heirateten Liselotte und Dieter Braun und zogen nach Südafrika. Die Eltern konnten den Schritt ihrer Tochter nicht nachvollziehen, die Nachbarn tuschelten, sie sei nur eine heuchlerische Schüchternheit gewesen. Andreas erzählte allen, wie grausam seine Frau und sein Vater gewesen seien. Doch sie waren glücklich, dass sie einander gefunden hatten und jeden gemeinsamen Moment schätzten.





