Heike war kaum sechzehn, als ihre Mutter plötzlich starb. Vor sieben Jahren war ihr Vater, Heinrich, nach Hamburg gegangen, um Arbeit zu finden, und seitdem war er wie vom Erdboden verschluckt weder Nachricht noch Geld. Fast das ganze Dorf Kleinwalde nahm am Begräbnis teil, half, wo es ging. Tante Martha, Heikes Patentante, kam oft zu ihr, gab Ratschläge, wie sie das Leben weiterführen sollte. Heike schaffte es gerade noch, die Dorfschule zu beenden, und bekam eine Stelle bei der Post im Nachbardorf.
Heike ist ein robustes Mädchen, man sagt von ihr: Blut und Milch im Holz. Ihr Gesicht ist rund, rosig, die Nase leicht knollig, doch ihre grauen, strahlenden Augen stechen sofort. Eine dichte, hellblonde Zöpflänge reicht ihr bis zur Hüfte.
Der schönste Bursche im Dorf war Lukas. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus der Bundeswehr war er bei den Mädchen heiß begehrt. Auch die Stadtmädchen, die im Sommer nach Kleinwalde kamen, warfen ihm begehrte Blicke zu. Er träumte nicht davon, in Kleinwalde als Kutscher zu arbeiten, sondern lieber in Hollywood-Actionfilmen mitzuspielen. Noch war er nicht bereit, eine Frau zu wählen.
Dann klopfte Tante Martha an Lukas Tür und bat ihn, Heikes Zaun zu reparieren, weil dieser bereits einstürzte. Ohne männliche Hände ist das Landleben schwer. Heike kann den Garten gut bewältigen, aber das Haus allein nicht.
Ohne viel Zögern sagte Lukas zu. Er kam, sah sich das Geschehen an und begann zu kommandieren: Hol das hier, lauf dorthin, gib mir das. Heike folgte ihm ohne zu zögern, brachte alles, was er verlangte. Ihre Wangen wurden noch röter, ihr Zopf schwang wild von einer Seite zur anderen. Wenn Lukas müde wurde, gab sie ihm eine kräftige Schüssel Eintopf und einen starken Tee. Sie sah dabei zu, wie er mit weißen, starken Zähnen das dunkle Brot zerbiss.
Drei Tage lang baute Lukas den Zaun, am vierten Tag kam er einfach nur zum Besuch vorbei. Heike bereitete ihm ein Abendessen zu, Wort für Wort, und er blieb über Nacht. So kam es, dass er fortan heimlich heimkehrte, immer vor dem Morgengrauen, damit ihn keiner sah in einem Dorf lässt sich nichts verbergen.
Ach Kind, du willst ihn nicht heiraten, er bleibt dir nicht treu, schimpfte Tante Martha. Und wenn du ihn heiratest, wirst du nur noch leiden. Im Sommer kommen die Stadtmädchen, du wirst vor Eifersucht ersticken. Du brauchst keinen solchen Mann.
Doch das junge Herz hörte nicht auf die weise Alte.
Eines Tages spürte Heike ungewöhnliche Schwäche und Übelkeit. Zuerst dachte sie an eine Erkältung oder Vergiftung. Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Hammerschlag: Das Kind in ihr stammt von Lukas, dem Schönling. Sie wollte das Kind nicht, weil sie zu jung war, doch plötzlich dachte sie, dass es vielleicht besser sei. Sie würde nicht allein sein; ihre Mutter hatte sie großgezogen, und sie würde es schaffen. Der Vater hatte ihr kaum etwas gegeben, nur getrunken. Die Dorfbewohner würden reden, doch sie würden sich beruhigen.
Im Frühling zog Heike ihren Mantel aus, und plötzlich bemerkte jeder im Dorf ihren hervortretenden Bauch. Die Frauen schüttelten den Kopf und murmelten: Ein Unglück hat das Mädchen ereilt. Nikolaus, der lokale Lastwagenfahrer, kam vorbei, um zu fragen, was sie vorhatte.
Was sonst? Gebären. Keine Sorge, ich werde das Kind aufziehen. Leb weiter, wie du gelebt hast, sagte er, während er das Feuer im Ofen schwenkte, das rote Flammen im Gesicht und in den Augen spiegelte.
Lukas sah das Geschehen, aber er ging seiner Wege. Heike entschied selbst, wie es weitergehen sollte. Der Sommer kam, und die Stadtmädchen strömten in das Dorf. Lukas hatte keine Zeit mehr für Heike.
Heike arbeitete still im Garten, während Tante Martha ihr beim Jäten half. Mit dem großen Bauch war es schwer, sich zu bücken, das Wasser aus dem Brunnen zu tragen. Die Dorfbewohner machten ihr die Stärke einer Heldin zu.
Was Gott will, das nimmt man, scherzte Heike.
Ende September erwachte Heike am Morgen von einem stechenden Schmerz, als ob ihr Bauch in zwei Hälften geschnitten wäre. Der Schmerz ließ nach, doch kehrte zurück. Sie rannte zu Tante Martha, die sofort ihre ängstlichen Augen verstand.
Schon? Setz dich, ich komme gleich, rief sie und stürmte aus der Hütte.
Heike eilte zu Nikolaus, dessen Lastwagen vor dem Haus stand. Die Bauern waren schon mit ihren Fahrzeugen weggefahren. Nikolaus hatte am Vorabend zu viel getrunken, und nun war er benommen. Tante Martha schlug ihn wach. Lukas stand fassungslos daneben, wusste nicht, was zu tun war. Als er begriff, schrie er:
Zehn Kilometer bis zum Krankenhaus! Wenn wir jetzt warten, wird sie jetzt gebären. Wir fahren sofort!
Wie mit dem LKW? Die Frau wird während der Fahrt sterben, protestierte eine Stimme.
Dann fahrt mit uns, nur für den Fall, antwortete Nikolaus entschlossen.
Sie fuhren zwei Kilometer über die Schotterstraße, immer wieder in Gräben rutschend. Tante Martha saß im Laderaum auf einem Sack. Sobald sie die asphaltierte Straße erreichten, beschleunigten sie.
Heike wand sich auf dem Beifahrersitz, biss die Lippen zusammen, um nicht zu stöhnen, hielt den Bauch fest. Nikolaus, plötzlich klar im Kopf, warf flüchtige Blicke auf das Mädchen, die Hände ruhten knochig am Lenkrad.
Sie schafften es. In der kleinen Dorfklinik legten sie Heike ins Bett und fuhren zurück. Auf dem Rückweg schimpfte Tante Martha die ganze Zeit mit Lukas, warum er das Leben des Mädchens ruiniert habe. Eine Waise, ein Baby, und du bringst ihr noch mehr Sorgen!
Der Lastwagen kam kaum ins Dorf, als Heike ein gesundes, kräftiges Jungenbaby zur Welt brachte. Am nächsten Morgen brachte man ihm die erste Mahlzeit. Heike hielt das rote, faltige Gesicht des Kindes mit zitternden Lippen, doch ihr Herz jubelte vor Freude. Sie streichelte die dünnen Haare auf der Stirn, lachte kindisch.
Wird jemand Sie abholen? fragte ein strenger, älterer Arzt beim Entlassungsbogen.
Heike zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich nicht. Der Arzt seufzte und ging. Die Krankenschwester wickelte das Kind in ein Krankenhausdeckchen und sagte:
Der Krankenwagen fährt Sie nach Hause, nicht mit dem Linienbus, das wäre zu unbequem.
Heike dankte ihr, ging den Flur hinunter, das Gesicht rot vor Scham.
Im Auto drückte sie das Bündel an ihre Brust und dachte daran, wie wenig Mutterschaft jetzt kosten würde kaum mehr als ein Pfennig. Sie sah das Runzeln des schlafenden Babys, ihr Herz schmolz, die schweren Gedanken schwanden.
Plötzlich hielt das Auto. Heike sah verwirrt zu dem Fahrer, einem rundlichen Mann um die fünfzig, namens Friedrich.
Zwei Tage Regen, die Pfützen sind riesig, kaum passierbar. Nur ein Traktor oder ein großer LKW schafft das. Sorry, noch zwei Kilometer bis zum Dorf. Schaffst du das?
Er deutete auf die endlose Wasserfläche. Heike, das Kind noch im Arm, wankte vorsichtig am Rand der Pfütze. Der Schlamm zog an den Schuhen, ein Stiefel blieb stecken. Sie blieb stehen, überlegte, wie sie das Baby nicht aus den Armen lassen konnte, und ging weiter auf einem nackten Schuh.
Als sie das Dorf erreichte, wurde es dunkler, die Füße erfrierten vor Kälte. Sie stieß die Tür zur Hütte auf, nur um eine Wiege, einen Kinderwagen und einen Haufen Kleidung zu sehen. Nikolaus lag auf einem Stuhl, erschöpft am Tisch, schlief.
Er sah, wie Heike, rot im Gesicht, vom Regen durchnässt, mit dem Kind in den Armen in die Tür stolperte. Sein Rock war nass, die Beine bis zu den Knöcheln im Matsch. Ohne zu zögern nahm er das Kind, legte es in die Wiege, holte heißes Wasser aus dem Ofen, wusch die Füße von Heike. Während sie sich umsäuberte, stand bereits ein Topf mit Kartoffeln, ein Stück Brot und ein Glas Milch bereit.
Das Kind schluchzte. Heike schlang es sofort an sich, setzte sich an den Tisch, ließ die Brust frei und begann ohne Scheu zu stillen.
Wie soll es heißen? fragte Nikolaus mit rauer Stimme.
Sergej, flüsterte Heike, ihre klaren Augen funkelten vor Liebe.
Nikolaus spürte, wie sein Herz zusammenzog. Guter Name. Morgen melden wir den Jungen an, dann können wir alles regeln.
Das ist nicht nötig, begann Heike, während das Baby weiter an ihrer Brust saugte.
Mein Sohn braucht einen Vater. Ich habe genug herumgelaufen, ich werde keinen Mann finden, aber ich werde meinen Sohn nicht im Stich lassen.
Heike nickte schweigend.
Zwei Jahre später kam ein Mädchen zur Welt. Sie hießen Nadja, nach ihrer Mutter Heike.
Es spielt keine Rolle, welche Fehler du am Anfang deines Lebens machst; das Wichtigste ist, dass man sie immer wieder korrigieren kann.





