Ich glaube, deine Schwester flirtet mit mir. Das platzte so plötzlich aus meinem Mann heraus, mit diesem typisch selbstzufriedenen Grinsen.
Ich, Karin, war gerade mit dem Suppenkelle über dem Topf eingefroren der Linseneintopf köchelte vor sich hin, aber ich starrte Tim an, als müsste ich erst noch kapieren, ob das gerade ein Witz sein soll. Aber bei seinem Gesichtsausdruck, dieser verschmitzten Zufriedenheit, war klar: Er meint das todernst. Und irgendwie scheint ihn die Sache zu amüsieren.
Wie bitte? Was hast du gerade gesagt? Ich wunderte mich über meinen erstaunlich ruhigen Ton.
Na ja deine Jule! Die wirft mir ständig solche Blicke zu, meinte Tim und lehnte sich entspannt zurück, beide Arme hinter dem Kopf verschränkt. Wenn du in der Küche stehst, setzt sie sich näher zu mir, berührt zufällig meinen Arm. Gestern hat sie doch tatsächlich gefragt, ob ich alleine mit ihr ins Fitnessstudio will. Ohne dich.
Und das erzählst du mir so einfach mit einem Grinsen? Ich drehte den Herd ab und wischte mir die Hände am Handtuch ab.
Was denn? Tim zuckte die Schultern. Ich hab ja nicht zugesagt. Ich fand, das solltest du wissen. Deine Schwester ist nicht das Unschuldslamm, für das sie sich ausgibt.
Tim, Jule wohnt gerade mal eine Woche bei uns. Die ist nach der Trennung total am Boden zerstört, ihr fällt gerade das ganze Leben zusammen
Tja, anscheinend sucht sie Trost bei fremden Männern, spöttelte er. Schau, Karin, ist mir doch egal, aber Tatsache bleibt: Sie baggert.
Ich drückte die Suppenkelle in der Hand, bis die Fingerknöchel weiß wurden. Sieben Jahre Ehe. Ich dachte immer, ich kenne diesen Menschen auswendig und jetzt sitzt er da auf dem Sofa, erzählt völlig ungerührt, wie meine kleine Schwester angeblich mit ihm anbändeln will.
Erwartest du ernsthaft von mir, dass ich dir das abkaufe? Jule…
Dann schau halt selbst genau hin. Er stand auf und schlenderte zum Kühlschrank. Ich wollte dich nur warnen. Nicht, dass es am Ende heißt, ich hätte was verschwiegen.
Keine Sekunde später knarrte die Haustür, und aus dem Flur tönt schon Jules Stimme:
Halloooo! Boah, ich bin total durchgefroren. Warum dauert der Frühling nur so lange?
Sie tappte in die Küche rote Wangen, weißer Daunenmantel, Einkaufstüten baumelnd, und ihre blonden Haare standen dieser Tage ein bisschen wirrer als sonst. Jule war 24, hatte diese klaren blauen Augen und wirkte nach dem Beziehungs-Aus noch ein Stück kindlicher, irgendwie verletzlicher. Ich hatte ihr sofort angeboten, für ein paar Wochen bei uns unterzukommen, bis sie wieder auf die Füße kommt.
Ich hab Teilchen vom Bäcker geholt! Jule stellte die Box auf den Tisch. Deine Lieblings-Eclairs, Timo.
Ich warf Tim einen scharfen Blick zu. Er hob nur leicht eine Braue na, siehst du?
Danke, Jule, murmelte Tim und nahm mit einem charmanten Lächeln an. Bin aber eigentlich auf Diät.
Ach, ein Stück macht doch nichts!, meinte Jule kichernd und boxte ihn spielerisch an die Schulter. Du bist eh fit.
Mir wurde flau im Magen. Übertreibt Tim vielleicht gar nicht?
Jule, ich mach dir schnell einen Tee. Ich versuchte, die Situation zu entkrampfen. Setz dich ruhig, entspann dich.
Nee nee ich mach das. Karin, du bist eh schon den ganzen Tag auf den Beinen. Jetzt chill mal.
Beim Abendessen beobachtete ich alles ganz genau. Tatsächlich Jule sprach auffallend oft Tim an, lachte über jede seiner Geschichten, sogar zu laut für meinen Geschmack. Fragte nach Autos, wollte seine Meinung hören Aber vielleicht ist das einfach nur Dankbarkeit, nach allem, was sie gerade durchmacht?
Du, Timo, stimmts eigentlich, dass auf deiner Arbeit eine Buchhalter-Stelle frei wird?, fragte Jule, stützte ihr Kinn auf der Hand ab.
Ja, das stimmt. Warum?
Ich glaub, ich bewerb mich mal. Wäre sicher cool, in der gleichen Firma zu arbeiten. Dann könnten wir zusammen pendeln, zusammen Mittag machen…”
Jule, hakte ich ein, mit Mühe die Fassung wahrend, du wolltest doch eigentlich was im Design machen, oder?
Ja, schon, aber Buchhaltung wird überall gesucht. Design läuft ja nicht weg. Oder, Timo? Redest du mal mit dem Chef für mich?
Tim sah zu mir, dann zu Jule: Ich überlege es mir.
Nach dem Essen verzog Jule sich in ihr Zimmer das, was ich ursprünglich zum Home-Office machen wollte. Wir waren allein in der Küche und spülten ab.
So, und was sagst du jetzt? flüsterte Tim, während er einen Teller abspülte.
Keine Ahnung, murmelte ich und bearbeitete den Topf härter als nötig. Vielleicht ist sie nur dankbar. Oder fühlt sich nach dem ganzen Scheiß irgendwie verloren.
Karin, ehrlich deine Schwester macht das bewusst
Bitte, hör auf!, fuhr ich herum. Sag das nicht. Du redest, als wäre sie irgendeine Ehebrecherin. Sie ist doch Jule. Meine Schwester!
Deine Schwester, die dich vom Ehemann weglocken will. Sein Ton war ruhig. Und du schaust einfach weg.
Und wieso hast DU eine Woche lang einfach zugeschaut, ohne was zu sagen?!
Er schwieg. Wischte sich die Hände am Geschirrtuch.
Ich wollte sicher sein, dass ich mir nichts einbilde.
Oder fandest du das Streicheln vom Ego ganz angenehm? platzte es aus mir heraus.
Tim prustete trocken. Ach komm, mach dich nicht lächerlich.
Doch in seinem Blick lag tatsächlich so was Beschwingtes. Und es dämmerte mir: Ihm schmeichelt die ganze Geschichte. Dass angeblich eine jüngere Frau mit ihm flirtet das lässt ihn gut fühlen.
Ich rede morgen mit ihr, sagte ich fest.
Machs aber nicht dramatisch, ok? Ich will keinen Familienkrach.
Sag doch ehrlich warum hast du überhaupt damit angefangen?”
Er zuckte nur und verschwand Richtung Wohnzimmer, ließ mich allein zurück.
Ich konnte die ganze Nacht nicht mehr schlafen, hab nur noch überlegt. Wie Jule letzen Freitag bei mir und Tim vor der Tür stand verheult, mit zwei Taschen, fertig mit den Nerven. Wie wir beide sofort sagten: Komm, bleib bei uns, bis du was findest. Und wie ich seitdem alles versucht hab, sie zu trösten.
Und jetzt? Sie ist ständig in Tims Nähe, bittet ihn, die Einkäufe mit reinzutragen. Plaudert über seinen Job. Sitzt daheim in ultra knappen Shorts und Spaghetti-Tops.
Ich dreh langsam durch, dachte ich. Das ist doch meine Schwester. Die würde doch nie…
Aber dann fiel mir eine Szene ein: Jule mit 15, als ich erstmals verliebt war und mein damaliger Freund ständig von ihr aufgesucht wurde. Immer war sie dabei, lachte lauter als nötig… und ich beschwerte mich sogar mal bei Mama. Die winkte nur ab: Stell dich nicht so an, Jule ist noch ein Kind.
Jetzt ist Jule 24. Und von kindlich keine Spur mehr.
Am nächsten Morgen weckte mich das Klappern aus der Küche. Tim war längst aus dem Haus raus um halb sieben. Ich warf mir den Bademantel über und schlich raus.
Jule stand am Herd, in einem ihrer viel zu kurzen Nachthemden, briet Spiegeleier.
Morgen, Karin!, rief sie gutgelaunt. Hab dem Tim Frühstück gemacht, er hat sich gefreut!
Der ist aber schon weg, meinte ich und setzte mich.
Klar. Ich bin extra früh aufgestanden, damit er nicht ohne Essen raus muss. Du arbeitest doch eh immer so viel, da übernehme ich das jetzt mal.
Ich steh eh um sieben auf. Das schaffe ich schon, erwiderte ich kühl.
Ist doch schön, wenn ich dir das abnehme, meinte Jule und grinste. Sag mal, Karin, kommt dir Tim in letzter Zeit auch irgendwie traurig vor? Habt ihr Stress?
Ich atmete tief durch.
Jule, findest du nicht, dass dein Verhalten ein bisschen… viel ist?
Wie meinst du das?
Du kümmerst dich dauernd um sein Frühstück, willst unbedingt mit ihm arbeiten, fragst ihn ständig nach seinem Leben
Karin, ernsthaft? Ich meine es nur nett! Tim ist Familie, ohne ihn wäre ich jetzt auf der Straße. Und du, was soll das jetzt? Ich will euch keinesfalls stören!
Manche Dinge wirken einfach… komisch.
Komisch?, fragte Jule eiskalt. Spielst du jetzt die Eifersüchtige?
Nein, Jule… mir ist nur wichtig, dass alles fair bleibt. Mehr nicht.
Mensch Karin, mein Mann hat mich verlassen, ich bin fertig und heilfroh, bei dir unterzukommen! Ich versuche nur, irgendwie klarzukommen! Aber danke, dass du das gleich wieder in den Dreck ziehst!
Jules Augen waren nass. Dann lief sie raus, knallte die Tür.
Und ich saß da, starrte auf das langsam kalte Spiegelei. Super, alles vermasselt, dachte ich. Wahrscheinlich bilde ich mir das ganze Zeug wirklich nur ein.
Am Arbeitsplatz war ich völlig durch den Wind. In der Mittagspause schrieb ich Tim:
Mit Jule geredet. Ist schiefgegangen.
Er reagierte fast eine Stunde später:
Sag doch, sei vorsichtiger. Sie nimmt dir das schnell krumm, dann bist du die Böse.
Oder ich bin wirklich die Böse?
Karin, du bist zu nett. Die weiß das genau.
Am Abend blieb Jule in ihrem Zimmer, nur Musik drang heraus. Ich klopfte.
Jule, darf ich?
Klar.
Sie lag wie ein Häufchen Elend auf dem Bett, Augen auf den Bildschirm.
Jule, sorry. Wollte dich nicht verletzen.
Sie setzte sich auf.
Weißt du, Karin du warst immer die, die alles im Griff hatte. Älter, schicker, clever. Ich war immer nur… im Schatten. Und jetzt, gerade nach so viel Knacks, tut es einfach gut, dass sich mal jemand also, ernsthaft für mich interessiert.
Wer denn?
Tim, sagte sie leise. Er fragt wenigstens nach meiner Meinung, tut nicht so von oben herab wie Mama und du.
Jule, das…
Du bist für mich ein Vorbild. Aber ehrlich, ich hab oft das Gefühl, du siehst in mir immer noch das kleine Dummerchen, das alles durcheinander bringt. Und jetzt wirfst du mir Flirterei mit deinem Mann vor. Echt jetzt?
Sie klang so echt getroffen, dass ich sofort Schuldgefühle bekam.
Sorry. War wohl übertrieben
Du bist gerade selbst mit Tim nicht happy ehrlich, das sieht man doch. Ihr redet kaum, er hängt ständig am Handy, du bist immer unter Strom…
Ist einfach viel los auf Arbeit
So fängt das immer an. Danach trennen sie sich, so wie bei mir und Tom.
Ich setzte mich mit aufs Bett.
Bei uns ist alles ok, nur gerade stressig.
Wenn du meinst, raunte sie und umarmte mich. Ich will keinen Stress. Du bist meine Lieblingsschwester.
Wir beruhigten uns wieder. Jule half sogar beim Kochen. Als Tim kam, war alles einigermaßen normal. Fast zumindest.
Aber in mir nagte weiter irgendwas. Jules Blicke, ihr Verhalten sie schmiegte sich immer wieder mit so einem zufälligen Lächeln an Tim.
Stimmts, Samstag ist euer Betriebsfest?, fragte Jule beim Scrollen durch Instagram.
Ja. Woher weißt du?
Habs gestern gehört, als du es Karin erzählt hast. Oh, kann ich als Begleitung mitkommen?
Mir stockte der Atem.
Jule, das ist eigentlich eine Firmenfeier.
Ist doch egal, ich bin dein Plus One, Timo, oder? Jule strahlte Tim an.
Er schaute zu mir.
Könnte ich machen, aber Karin ist ja schon meine Begleitung.
Top! Dann gehen wir eben zu dritt. Das wird bestimmt ein Spaß!, lachte Jule.
Ich wollte etwas einwenden, aber Tim nickte nur: Na klar, kommst mit.
Nachts lag ich wach. Tim schnarchte, bei Jule drüben lief Musik sie war sicher ebenfalls noch wach. Plötzlich war alles glasklar.
Jule flirtete gar nicht wirklich mit Tim.
Was sie eigentlich tat: Sie machte sich systematisch wichtig in unserem Alltag, stellte sich immer neben Tim, wollte als die Unverzichtbare gelten hilfsbereit, fürsorglich, jung.
Und Tim na ja, der genoss das alles ein bisschen zu sehr.
Am nächsten Morgen stand ich extra früh auf. Gutes Frühstück, alles liebevoll gedeckt. Als Tim in die Küche kam, war alles fertig.
Sieht ja super aus, meinte er und setzte sich. Danke, Karin.
Dafür bin ich doch da, antwortete ich ruhig. Deine Frau.
Er blickte auf.
Stimmt etwas nicht, Karin?
Ich hab beschlossen, mich wieder mehr um dich zu kümmern. Letzte Zeit lief alles so automatisch Frühstück, Abendessen
Wir sind beide schuld. Der Job frisst uns einfach auf.
Ich will das ändern.
Er nickte, klickte weiter Nachrichten am Handy. Als Jule später rauskam, war alles abgeräumt.
Oh, ich wollte doch heute…
Nicht schlimm, ruh dich einfach aus, sagte ich sanft. Du bist unser Gast.
Aber ich will doch helfen!
Kannst du, wenn ich dich bitte. Und jetzt geh erst mal duschen, ich bringe gleich frische Bettwäsche.
In Jules Augen blitzte was auf. Ärger? Oder bilde ich mir das wieder nur ein?
Die Tage darauf bemühte ich mich, Tim wieder zentral in meine Fürsorge zu holen. Lieblingsgerichte kochen, Smalltalk, im Gespräch sein, wenn Jule sich dazu setzte höflich, aber bestimmt. Ich setzte Grenzen.
Jule, wollen wir am Wochenende zusammen nach Wohnungen schauen? schlug ich Donnerstag vor.
Warum so Stress? Ihr habt doch selber gesagt, ich kann solange bleiben wie ich will.
Klar, aber du brauchst doch langsam was Eigenes. Deine Freiheit.
Mir gefällts hier auch, schmiegte sie sich an die Couch. Stimmst du mir zu, Timo?
Tim sah von seinem Laptop auf.
Eigentlich hat Karin nicht Unrecht. Du brauchst doch auch dein eigenes Leben. Freunde treffen, Dates
Jule schnaubte. Nach Tom will ich von Männern erst mal nichts wissen.
Das ändert sich wieder, meinte ich. Das vergeht.
Du hast gut reden, bei dir hat immer alles super geklappt ein Mann, eine Liebe, Studium, alles perfekt.
Jule…
Ich geh schlafen, warf sie noch hin, stampfte in ihr Zimmer.
Tim schaute mich an: Wegen der Wohnung gleich so vorzupreschen vielleicht hättest du ihr doch noch Zeit geben sollen.
Wie lange denn? Einen Monat, ein Jahr oder ewig?
Er zuckte und arbeitete weiter am Laptop.
Am Samstag war das Betriebsfest. Ich kaufte mir ein neues, figurbetontes Marineblaues Kleid mit offenem Rücken, schminkte mich aufwendig als ich aus dem Bad kam, pfiff Tim anerkennend:
Wow! So hübsch hab ich dich lange nicht gesehen.
Ich grinste zurück: Habs mir selbst lange nicht erlaubt.
Jule tauchte auf knallrotes, kurzes Kleid, High Heels, knalliger Lippenstift.
Na, wie seh ich aus?
Schön, gab ich sachlich zurück, aber das ist Tims Firmenfeier. Vielleicht besser was dezenteres?
Das HIER ist schon dezent, willst mal meine Club-Sachen sehen? grinste Jule.
Im Restaurant war es voll, laut, typisch Betriebsfeier. Fast alle kannten mich, nur lange war ich nicht mehr dabei gewesen.
Karin! Endlich mal wieder!, fiel mir Marion, die Chefbuchhalterin, zur Begrüßung um den Hals. Und das ist…?
Jule, meine kleine Schwester.
Eine Schwester na da hat der Tim ja Glück, immer von so tollen Frauen umgeben!
Jule strahlte, saß zwischen uns, lachte und flirtete mit jedem besonders mit Tim.
Ich beugte mich zu Tim: Du meinst das mit der Bewerbung für sie wirklich ernst?
Warum denn nicht? Die Stelle ist offen.
Aber findest dus nicht schräg? Wir drei jeden Tag unterwegs, immer zusammen Mittag…
Karin, ich versteh nicht, wo das Problem ist.
Grenzen, Tim! Die sollten wir nicht überschreiten!
Er runzelte die Stirn.
Hier zählt der Job und Qualifikation, keine Familie.
Genau, aber umso besser, wenn mans trennt, dachte ich.
Worüber tuschelt ihr?, warf Jule ein.
Arbeitskram, sagte ich nur.
Langweilig! Timo, komm, lass uns tanzen!”
Und bevor Tim antworten konnte, sprang sie schon mit ihm auf den Dancefloor.
Ich schaute zu, wie sie sich an ihn schmiegte, lachte, ihn angrinste. Tim war freundlich aber vielleicht wäre ich ohne Eifersucht sogar stolz gewesen, wie cool er das abblockte?
Marion setzte sich neben mich: Jule hat Power, wow.
Ja, sie kann sich durchsetzen…
Ihr seid euch doch ähnlich, so richtig Schwestern halt. Aber du bist von uns beiden die Ruhigere, hm?
Ich lächelte verkrampft. Vielleicht bin ich wirklich inzwischen viel zu ernst, zu kontrolliert es war nie meine Art, so aus mir rauszugehen. Klar, im Kontrast wirkt Jule immer wie ein Frühlingssturm.
Als sie zurückkamen, Jule pitchnass vom Schwitzen:
Wie genial war das denn?! Karin, kommst du jetzt auch?
Ne, tanzen ist nicht meins.
War klar!, meinte Jule und lachte spitz. Karin, du bist echt ordentlich geworden. Schon fast bieder.
Jule…
War nur Spaß!, sie boxte mich in die Seite, Nicht rumzicken, entspann dich!”
Der Rest des Abends verflog im Rotweinschleier Smalltalk, Wein, aber meine Gedanken kreisten. Als ich dann sah, dass Jule Tim was ins Ohr flüsterte und er breit grinste, machte es Klick.
Ich hatte die Nase voll.
Zuhause, als Jule sich zurückzog, sperrte ich die Schlafzimmertür und stellte mich Tim in den Weg.
Wir müssen reden.
Worüber genau? Tim band sich seinen Schlips los.
Über das, was hier gerade abläuft.
Was soll ablaufen?
Spiel dich nicht ahnungslos. Jule drängt sich permanent in unser Leben. Und du lässt das zu.
Karin, wir hatten das doch schon…
Nein! Das hast du nicht! Du hast nur müde grinsend behauptet, sie flirtet mit dir. Aber insgeheim genießt du das doch!
Das ist Unsinn.
Gar nicht! Du freust dich, wenn eine Jüngere um dich herumschwirrt meine Schwester! Und du befeuerst das die ganze Zeit.
Ich verhalte mich einfach nur höflich, Karin.
Das ist nicht höflich, Tim. Das ist Einladung.
Oder du bist einfach eifersüchtig. Vielleicht, weil sie jünger, frischer, lockerer ist? meinte er provozierend.
Das traf.
Aha, jetzt vergleichst du uns?!
Ich sag die Wahrheit. Seit Jahren bist du wie auf Autopilot. Arbeit, Essen machen, Haushalt, schlafen. Null Gefühl, kein Funken mehr…
Soll ich alles beiseite lassen, nur damit du dich wie ein König fühlst? Wer schmeißt denn den Haushalt, macht den ganzen Alltag?
Willst du etwa sagen, ich tue nichts? Wer zahlt die Rechnungen? Wer sorgt für uns?
Für wen, Tim? Für die perfekte Musterfamilie? Es gibt ja nicht mal Kinder bei uns du willst das Thema ja nicht mal anfassen!
Sein Gesicht wurde blass.
Fang jetzt nicht damit an.
Warum denn nicht? Ich bin 32! Die Zeit läuft! Du verdrängst alles, sagst immer nur später, später und ich warte…
Ich bin einfach nicht so weit.
Du wirst nie so weit sein!, Tränen drängten mir in die Augen. Weil du immer alles bequem willst! Ohne Verantwortung, ohne Druck und jetzt genießt du auch noch die Aufmerksamkeit wie ein Gockel!
Du bist jetzt echt drüber.
Das ist die Wahrheit! Du lässt dich bedienen. Freust dich wie Bolle über zwei Frauen im Haus aber weißt du was? Das ist ab sofort vorbei.
Ich verließ das Schlafzimmer und sank im Dunkeln auf dem Sofa zusammen, zog die Decke über mich. Schlaf: Fehlanzeige.
Am nächsten Morgen hörte ich Tims Schritte. Er schlich hinaus, ohne Abschied. Sonntag aber er hatte einen Termin, wie er sagte.
Ich hing über meinem Kaffeebecher am Fenster, draußen schneite es wie im Bilderbuch. Plötzlich stand Jule im Schlafanzug im Türrahmen.
Was machst du denn hier so früh?
Konnte nicht schlafen.
Ihr habt euch gestritten, oder? Hab alles mitgehört.
Ist unsere Sache, Jule.
Sie setzte sich neben mich.
Karin, wenn ich also, wenn ich euch wirklich im Weg bin
Du bist es. Du störst in meiner Ehe.
Was?!
Jule, mal ehrlich was soll das alles mit Tim eigentlich? Frühstück machen, die Klamottenwahl, das Job-Ding… willst du ihn?
Jule wurde blass.
Sag mal, Karin, tickst du noch ganz richtig?!
Ich will eine ehrliche Antwort.
Stille. Dann sagte Jule leise:
Nein.
Ich glaub dir nicht.
Doch, ehrlich. Ich will deinen Mann nicht. Ich will so sein wie du.
Wie bitte?
Du hast alles. Einen Mann, eine Wohnung, einen Plan. Bist klug, attraktiv, hast Erfolg. Ich seh mit 24 aus wie ne Versagerin mit kaputter Ehe. Als ich zu euch kam, war ich froh, überhaupt irgendwo dazugehört zu haben. Und ja, vielleicht hab ichs übertrieben. Ich wollte einfach dazugehören, zu euch, zu DEINEM Leben. Nicht wegen Tim. Sondern weil ich deins will.
Tränen kullerten, als sie das sagte.
Jule
Tut mir leid, Karin. Ich wollte es echt nicht so gegen die Wand fahren lassen. Ich hab einfach nur… neidisch geguckt. Und gedacht, wenn ich mich bemühe, mögt ihr mich vielleicht noch mehr.
Ich nahm sie in den Arm. Wir saßen minutenlang so.
Jule es läuft bei mir auch nicht alles rund.
Klar. Aber du bist wenigstens am Leben. Bei mir ist nur Trümmerhaufen.
Was zerbrochen ist, kann man neu bauen und zwar besser.
Wir redeten lange. Jule gab zu, dass sie total Angst hat, nach dem Scheitern zu versagen, sich verloren fühlt. Das Tim für sie so wirkte wie ein Anker in dieser Zeit Sicherheit, eine Art Ersatz-Familie.
Ich such diese Woche was Eigenes, sagte sie. Versprochen.
Kein Stress. Aber lass uns ein paar klare Regeln machen, okay?
Auf jeden Fall.
Als Tim abends heimkam, herrschte schon entspannte Stimmung. Jule suchte im Internet nach WGs, ich machte Essen.
Hi, kam er schüchtern in die Küche.
Hey.
Karin, wegen gestern Abend…
Ich muss auch was loswerden, ich trocknete meine Hände ab. Tim, wir brauchen Hilfe. Von außen Paartherapie.
Er runzelte die Stirn.
Echt jetzt? Wegen Jule?
Um uns selbst willen. Wir sind kein Paar mehr, nur noch Mitbewohner.
Er schwieg.
Ich will das nicht mehr. Ich will Zukunft, Familie mit Vertrauen, Offenheit. Ohne Ausreden. Wenn du das nicht willst sags klar.
Ich weiß nicht…, murmelte er mit den Händen vor dem Gesicht. Dann endlich: Okay, lass es versuchen.
Zwei Wochen später zog Jule in eine kleine 1-Zimmer-Wohnung ein paar Straßen weiter. Ich half beim Umzug, brachte Geschirr und Bettwäsche mit.
Danke für alles. Und sorry, meinte sie beim Abschied.
Ich auch, dass ich nicht kapiert habe, wies dir wirklich ging, sagte ich.
Mir gehts immer noch schlecht, aber ich weiß ich muss lernen, allein klarzukommen. Wer bin ich, wenn niemand mich rettet?
Ich lächelte: Du bist zu stark dafür. Du schaffst das.
Tim und ich gingen wirklich zur Beratung unangenehm, ehrlich, unfassbar aufwühlend. Da lag so viel vergraben: Enttäuschung, Angst, Unausgesprochenes.
Ich hab Schiss, ein schlechter Vater wie mein Vater zu werden, gestand Tim eines Tages. Ich will dich nicht verletzen.
Und ich fühl mich nie gut genug. Ich versuch immer Super-Ehefrau zu sein, anstatt einfach ich selber.
Wir lernen wieder sprechen. Hinhören. Kein Happy End aber ein Neuanfang. Nicht perfekt, aber ehrlich.
Jule? Jule hat nach einem halben Jahr beim Yoga jemanden kennengelernt. Euphorisch rief sie mich an:
Karin, der ist so anders als Tom! Total ruhig, mega nett!
Ich freu mich für dich, Jule!
Weißt du noch damals, als ich bei euch war?
Logisch.
Das war mein Learning. Aufhören, anderen ihr Leben zu neiden. Endlich meinen eigenen Weg gehen.
Ich lachte: Richtig so, Schwesterherz.
Dann legte ich auf, schaute zu Tim auf die Couch. Er sah auf und grinste.
Woran denkst du?, fragte er.
Ich lächelte: Daran, dass fremde Leben immer besser wirken, bis man das eigene zu schätzen lernt.
Er nickte, hielt mir die Hand hin. Ich setzte mich zu ihm. Nicht perfekt aber unser echtes, eigenes Leben. Und das reicht.





