„In diesem Kleid siehst du aus wie eine alte Stute, Ehrenwort!“, verkündete die Schwiegermutter lauthals und ließ ihren Blick über die schweigenden Gäste schweifen. Die Antwort der Schwiegertochter jedoch gefiel ihr ganz und gar nicht.

Hiltrud fuhr mit dem Finger über das Display ihres Smartphones und prüfte den Kontostand. Der Betrag schimmerte so unwirklich, dass sie die Augen schloss und langsam bis zehn zählte.

– Wolfgang? – rief sie zu dem Mann hinüber, der im Flur vor dem Spiegel stand.

Wolfgang zupfte am Kragen seines neuen Hemds.

– Was ist, Hiltrud?

– Willst du das Taxi zum Restaurant von deiner Karte bezahlen?

Er ließ den Kragen los und sah sie schuldbewusst an.

– Hiltrud, fang nicht an. Bei mir ist nur noch ein bisschen Kleingeld drauf. Und unter der Woche muss ich noch das Parkticket zahlen. Bestell du das Taxi.

Hiltrud sperrte den Bildschirm.

Wolfgang wurde heute vierzig. Ein ehrwürdiges Alter. Vor einem halben Jahr hatten sie noch vereinbart, den Tag bescheiden zu Hause zu feiern, zu dritt – sie, er und der Sohn.

Dann hatte sich vor einem Monat Gertrud eingemischt.

Die Schwiegermutter erklärte, der vierzigste Geburtstag ihres einzigen Sohnes sei ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. Man könne nicht in der Küche hocken wie Bettler. Man müsse die Verwandten einladen, einen Saal im Restaurant mieten und allen zeigen, dass Wolfgang es im Leben geschafft hatte.

Als Wolfgang schüchtern einwandte, dass kein Geld für ein Restaurant da sei, sagte Gertrud nur:

– Hiltrud bekommt ein gutes Gehalt. Ihr werdet schon nicht verarmen.

Und Hiltrud gab nach. Sie fand selbst das kleine Restaurant mit guter Küche, stellte das Menü zusammen, zahlte die Anzahlung.

– Wir bestellen ein Taxi, – sagte Hiltrud und zog ihren Mantel an.

Im Restaurant schwirrten die Kellner durch das warme Licht. Der Tisch für fünfzehn Gäste bog sich unter den Vorspeisen. Hiltrud hatte absichtlich ein lockeres Kleid in Sandfarbe angezogen, damit sie nach dem langen Arbeitstag noch Luft holen konnte.

Gegen sechs trafen die Gäste ein. Gertrud kam als Letzte, in Begleitung von Silke, Wolfgangs Schwester. Sie schritt zum Tisch, als hätte man sie zur Audienz bei der englischen Königin geladen.

– Herzlichen Glückwunsch zum Vierzigsten! – verkündete Gertrud laut und drückte ihrem Sohn eine Papiertüte in die Hand.

Wolfgang spähte hinein und strahlte.

– Oh, Mutter, danke! Derselbe Duft!

Hiltrud warf einen Blick auf den Flakon. Der Preis entsprach einem Drittel ihrer Hypothekenrate.

– Für meinen geliebten Sohn ist mir nichts zu teuer, – sagte Gertrud stolz und reichte dem Kellner ihren neuen Mantel mit Pelzkragen.

Dann glitt ihr Blick zu Hiltrud. Das Lächeln verschwand, als hätte jemand den Strom abgedreht.

– Hiltrud, auch Grüße, – sagte sie trocken.

– Guten Abend, Gertrud, – antwortete Hiltrud ruhig.

Gertrud musterte den Raum.

– Nun, was soll ich sagen? – Sie ließ sich am Kopfende des Tisches nieder. – Dunkel ist es hier. Und die Tischdecken sind ziemlich schlicht. Wolfgang, ich habe dir doch das Restaurant „Gutshof“ in der Innenstadt empfohlen. Solche Kronleuchter!

– Mutter, den „Gutshof“ können wir uns nicht leisten, – antwortete Wolfgang leise.

– Ach, hör auf mit dem Gejammer! – Silke strich sich eine Haarsträhne zurecht. – Eure Hiltrud verdient wie ein Fabrikdirektor. Da hättet ihr deinem Bruder einmal ein anständiges Fest ausrichten können.

Hiltrud spürte, wie der Ärger in ihrer Kehle hochstieg, aber sie schwieg. Jetzt war nicht der richtige Moment für eine Abrechnung.

– Greifen Sie zu, Gertrud, – sagte sie und schob der Schwiegermutter die Platte mit der Fischauswahl hin. – Die Küche ist ausgezeichnet.

Gertrud stocherte angewidert in einem Stück Fisch.

– Der Lachs ist ganz blass. Habt ihr den billigen vom Markt genommen?

– Das ist zart gesalzene Forelle vom Küchenchef, – erklärte Hiltrud.

Das Festessen nahm seinen Lauf. Die Gäste aßen, tranken, hielten Reden. Wolfgang wurde gelobt: ein feiner Fachmann, ein ausgezeichneter Familienvater, ein Glückspilz.

Gertrud redete den ganzen Abend. Sie erzählte Anekdoten aus Wolfgangs Kindheit, erfand berufliche Erfolge und erwähnte Hiltrud mit keinem Wort. Für sie war die Schwiegertochter eine Art Servicekraft, deren Aufgabe es war, Saft nachzuschenken und nicht aufzufallen.

Als der Hauptgang serviert wurde, war die Stimmung zum Schneiden dick.

Hiltrud war müde. Sie stand auf, um den Kellner um Tee zu bitten, und als sie zurückkam, traf sie die Stimme ihrer Schwiegermutter wie ein Schlag.

– Und dann dieses Kleid, Hiltrud.

Die Gabeln hörten auf zu klirren. Die Gäste starrten gebannt auf ihre Teller.

Hiltrud blieb mitten auf dem Weg stehen.

– Wie bitte? – fragte sie.

– In diesem Kleid siehst du aus wie eine alte Schachtel, ehrlich! – rief Gertrud und ließ den Blick über die verstummte Runde schweifen.

Wolfgang bekam rote Flecken.

– Mutter, hör auf. Das Kleid ist ganz normal.

– Wolfgang, bei dir ist der Blick getrübt. Ich will nur das Beste für dich, Liebes. Du bist achtunddreißig, aber du ziehst dich an wie eine Frau, die gerade vom Gemüsebeet kommt. Keine Taille, keine Linie. Pure Geschmacklosigkeit!

Silke grinste hinter ihrer Serviette.

Hiltrud ging langsam zum Tisch. Den ganzen Abend hatte Gertrud die Nase gerümpft: die Vorspeisen zu einfach, das Restaurant zu billig, die Frau des Sohnes nicht hübsch genug.

– Mir gefällt es, – sagte Hiltrud ruhig und sah die Schwiegermutter direkt an. – Es ist bequem.

– Bequem! – Gertrud schnaubte. – Eine Frau muss ihren Mann schmücken. Sie muss seine Visitenkarte sein.

Sie richtete sich auf.

– Schau mich an. Ich bin längst in Rente, aber ich halte die Linie. Man muss sich selbst respektieren und nicht irgendeinen Sack aus dem Kaufhaus überstreifen.

Die Gäste wechselten unsichere Blicke. Wolfgangs Onkel starrte in sein Glas, als seien die Bläschen im Mineralwasser das Einzige, was noch zählte.

– Hiltrud, setz dich, hör auf damit, – flüsterte Wolfgang und zupfte sie am Ärmel.

Klar. Wolfgang hielt sich am liebsten im Hintergrund, wenn die Frauen die Dinge klärten. Am liebsten sähe er, dass Hiltrud einfach schwieg und alles ertrug.

Aber heute wollte Hiltrud nicht schweigen. Sie hatte es satt, die Hypothek zu schultern, die Launen der Schwiegermutter zu bezahlen und sich auf eigene Kosten vor allen demütigen zu lassen.

– Gertrud, – Hiltrud stützte sich mit beiden Händen auf die Tischkante. – Woher kommt Ihre Bluse?

– Was hat meine Bluse damit zu tun? – fragte Gertrud verwirrt.

– Sehr viel, – sagte Hiltrud. – Italienische Seide. Dazu die Lederschuhe, die ich gesehen habe, als Sie hereinkamen. Und im Garderobenschrank hängt der neue Mantel mit Pelzkragen. Schöne Sachen, nicht wahr?

– Schön, – Gertrud wurde misstrauisch. – Ich weiß eben, was Qualität ist.

– Auswählen können Sie, – Hiltrud nickte. – Und bezahlen?

Am Tisch hustete jemand. Wolfgang wollte aufstehen.

– Hiltrud, Schluss jetzt, – zischte er.

– Nein, Wolfgang, noch nicht Schluss. – Hiltrud hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. – Wenn wir schon über Stil und Selbstrespekt sprechen, dann lass uns ehrlich sein.

Sie hob die Stimme, sodass alle es hören konnten.

– Diese italienische Bluse, diese Schuhe und den Mantel haben Sie sich letzten Monat gekauft. Für fünfhundert Euro, die ich Ihnen von meiner Quartalsprämie überwiesen habe.

Gertruds Gesicht wurde lang.

– Weil Sie, ich zitiere, „nichts anzuziehen hatten für Ihren Arzttermin, es sei ja eine Schande, so vor den Leuten im Wartezimmer zu erscheinen“, – sagte Hiltrud.

Der Lippenstift auf Gertruds Mund wirkte plötzlich grotesk. Sie suchte in den Gesichtern der Gäste nach Beistand, aber alle starrten mit großer Hingabe auf das kalter werdende Fleisch.

– Ich habe meinen Sohn darum gebeten! – stieß Gertrud hervor.

– Aber bezahlt hat nicht der Sohn, – entgegnete Hiltrud. – Das Gehalt Ihres Sohnes reicht gerade für die Hypothek, das Benzin und seine Geschäftsessen.

Silke wollte dazwischenreden.

– Hiltrud, seit wann zählst du fremdes Geld?

– Ich zähle mein Geld, Silke. – Hiltrud schaute sie ruhig an. – Und dieses Festessen, bei dem ihr sitzt, das Restaurant kritisiert und mein Aussehen bewertet, ist bis auf den letzten Cent aus meiner Tasche bezahlt.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören.

– Und das teure Parfüm für Ihren Sohn wurde von dem Geld gekauft, das ich Ihnen letzte Woche für die Zahnbehandlung gegeben habe, – fügte Hiltrud hinzu und sah Gertrud fest an.

Gertrud bekam rote Flecken.

– Wie kannst du es wagen … – murmelte sie.

– Deshalb, – Hiltrud richtete sich auf. – Ich darf ruhig im Kartoffelsack herumlaufen. Ich habe mir meinen Kartoffelsack schließlich selbst gekauft.

Sie nahm ihr Glas Saft.

– Wenn Sie gelernt haben, sich mit Ihrer Rente ordentlich zu kleiden, dann reden wir über meinen Stil. Guten Appetit!

Hiltrud setzte sich gefasst hin.

Gertrud schnappte nach Luft. Sie hatte erwartet, dass der Sohn für sie Partei ergreifen würde. Aber Wolfgang saß nur da, den Kopf gesenkt, und stocherte mit der Gabel in seiner Bratkartoffel.

Da war nichts zu machen. Gertrud zerknüllte ihre Serviette, warf sie auf den Tisch und stand abrupt auf.

– In dieses Haus setze ich keinen Fuß mehr! – stieß sie ins Leere.

Sie drehte sich um und eilte hinaus. Silke warf Hiltrud einen vernichtenden Blick zu und rannte hinterher.

Der Rest des Abends verlief wie in Watte. Die Gäste aßen hastig zu Ende, tranken Tee, verabschiedeten sich steif und verschwanden.

Hiltrud und Wolfgang fuhren schweigend nach Hause.

Eine Woche verging. Das Leben ging weiter. Gertrud rief demonstrativ nicht an. Wolfgang lief ein paar Tage mit gekränkter Miene herum und versuchte, Hiltrud die Schuld zu geben. Aber ihm fehlten die Argumente.

Am Samstagmorgen kochte Hiltrud Kaffee, als auf Wolfgangs Handy eine Nachricht aufploppte. Wolfgang, der am Tisch saß, sah auf und zögerte.

– Hiltrud, – begann er mit schmeichelnder Stimme. – Mutter schreibt. Ihr Kühlschrank ist kaputt. Der Techniker sagt, die Reparatur wird teuer.

Hiltrud trank einen Schluck Kaffee.

– Welch ein Unglück, – sagte sie gleichmütig.

– Wir müssten helfen, – Wolfgang kratzte sich am Hinterkopf. – Kannst du ihr hundertfünfzig Euro überweisen? Ich gebe es dir vom nächsten Gehalt zurück.

– Nein, Wolfgang, das werde ich nicht, – sagte Hiltrud und stellte die Tasse ab.

– Wie bitte? Ihr Essen verdirbt doch!

– Ganz einfach. – Hiltrud sah ihren Mann an. – Deine Mutter hat mir deutlich gesagt, dass ich geschmacklos bin und keinen Selbstrespekt habe. Ich habe beschlossen, ihrem weisen Rat zu folgen.

Sie schaltete die Kochplatte aus.

– Ich habe gestern einen Termin im Salon gemacht, zum Schneiden und Färben. Und am Wochenende fahre ich ins Einkaufszentrum, um neue Kleider zu kaufen. Ich halte die Linie!

Wolfgang blinzelte irritiert.

– Und was ist mit dem Kühlschrank?

– Der Kühlschrank, Schatz, – lächelte Hiltrud, – ist ab jetzt deine Sorge. Such dir einen Nebenjob oder lass dir einen Vorschuss geben. Ihr seid doch Familie, ein Herz und eine Seele. Ich bin sicher, du schaffst das!

Sie nahm ihre Tasse und verschwand im Wohnzimmer. Dabei ließ sie ihren Mann zurück, allein mit den eigenen Gedanken und Gertruds kaputtem Kühlschrank. Wie man sich bettet, so liegt man.

Und was hättest du in dieser Situation getan? Schreib es in die Kommentare und hinterlass ein Like!

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Homy
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„In diesem Kleid siehst du aus wie eine alte Stute, Ehrenwort!“, verkündete die Schwiegermutter lauthals und ließ ihren Blick über die schweigenden Gäste schweifen. Die Antwort der Schwiegertochter jedoch gefiel ihr ganz und gar nicht.
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