Ihre Töchter
Gabi, kommst du denn endlich mal vorbei? Wir warten schon so sehnsüchtig! rief Annika zum gefühlt siebten Mal ins Telefon. Sie saß auf einem alten Küchenstuhl, hatte den Hörer ans Ohr gepresst und starrte in die halbdunkle Diele. Hochzeit ist kein Pappenstiel da dreht sich alles im Kreis und rennt einem davon!
Am anderen Ende nur ein unterdrücktes Schnauben.
Als wärs so dringend, unbedingt zu Annis Hochzeit zu kommen Was für ein Fest, dachte Gabi, zog genervt die Augenbrauen hoch und schob die Lippen spöttisch nach vorne. Wie Annika es vor ihrem inneren Auge sah, zuckte Gabriele abwehrend mit den Schultern. Sie weiß ohnehin: Annika ist für sie praktisch niemand. Ja gut, auf dem Papier Schwester, aber ansonsten? Ein Leben lang hat Annika erst an der Mutter, dann an Gabi geklebt wie Kaugummi, hat immer nervös gelächelt.
Nach dem Tod der Mutter war Annika vollends auf Gabi fixiert, hat dauernd angerufen, gefragt wies der Nichte gehe und geredet von “Blut ist dicker als Wasser”. Aber was nützte das? Annika wurde schließlich von einer anderen Mutter geboren. Vater, Herr Peter Krause, hatte damals fast das Weite gesucht vor Wut, nur Gabi, mit ihren neun Jahren, hatte sich ihm hemmungslos ans Bein geklebt, wie in einem schlechten Filmdrama. “Geh nicht, Papi!” schluchzte sie, wirklich herzzerreißend!
Herr Krause blieb, also, das Kind hats gefordert! Und die Sünde der Ehefrau vergisst man nicht so leicht auf Annika wurde von allen Seiten eingedroschen, und Gabi hat fleißig mitgemacht.
Annika? Die hat nie kapiert, weshalb sie “fremd” war, sie brachte Blumen aus dem Garten, legte sie auf Gabys Tisch, kramte Schokolade aus der Jackentasche: Los, iss Mama hat sie für uns beide eingesteckt
Aber Gabi schob die Hand mit den Süßigkeiten weg.
Erwachsen wurde man schließlich, zog aus. Gabi heiratete und verschlug es nach Düsseldorf.
Zur Hochzeit von Gabi hat Annika aus unerfindlichen Gründen geweint. Gabi hatte dafür nur Kopfschütteln: Nun ist das Zimmer ganz Annika, Grund zur Freude! Natürlich hatte Gabi vorher alles mit dem Vater geregelt: Die Wohnung bekommt sie, wenns soweit ist. Und Annika? Naja, eine kleine Laube am Stadtrand von Aachen, total heruntergekommen soll sie schon sehen, was sie davon hat. Die alte Studentenbude im Kaff der Mutter kann sie auch gern haben!
Frau Krause, die Mutter, hätte vielleicht gehen können, als der Mann ihren Fehltritt nie verzieh. Sie wollte aber nicht auch wegen Gabi, das Goldstück. Das Kind wies sie ab, aber wenigstens dabeisein, kleidernähen, füttern Damals galten Scheidungen noch als keine feine Sache. Das hätte Peter gar nicht gebrauchen können, Chef im Ingenieurbüro.
Gut, dass ich sie großgezogen habe vielleicht werden die später mal Freundinnen?, so dachte Irmgard oft.
Bei Gabi kam bald Töchterchen Pauline auf die Welt ein richtiges Prachtmädel. Annika und Irmgard standen mit Blumen vorm Krankenhaus, aber Gabi ließ sie gar nicht ran.
Was soll das, mein Kind? Lass doch die Oma mal die Kleine sehen, stolperte Irmgard über ihre eigenen Worte.
Wenn Annika irgendwann ein Kind bekommt, kannst du hinschauen. Meins nicht. Papa! Trag du Polina! Philipp! rief sie ihrem Mann. Philipp, wir gehen! Wo bleibt das Taxi? Das habe ich doch extra bestellt!
Der Schwiegersohn wurde hektisch, winkte den Fahrer heran, aber Einfahrt ins Klinikgelände ging nicht Vorschrift ist Vorschrift. Also musste Gabi mühsam selbst zum Tor wackeln, den Bauch mit einer Hand haltend, Philipp neben sich, aber der schien es eilig zu haben und bekam gleich eine Standpauke.
Gabi! Irmgard eilte gegen alle Widerstände heran, umarmte ihre Tochter. Egal, wie du denkst Ich hab dich lieb, Kind. Wenn ich helfen kann, bitte, ruf an. Und hier von Annika und mir, ein bisschen Geld. Kauf Pauline was Schönes.
Gabi riss die Banknoten aus der Hand, zählte ab.
Wetten, Annika kriegt mehr, wenn sie mal ein Kind hat? zischte sie. Philipp! Wo bist du?
Philipp entschuldigte sich mit Blicken bei Irmgard. Tja.
Annika, Herr Krause und Irmgard lebten weiterhin zusammen. Eher wie Mitbewohner vom alten Herrn als Familie. Er fuhr oft nach Düsseldorf zu Gabi, brachte Pauline Geschenke, blieb bis zum Abend und erzählte Irmgard später, wie niedlich Pauline gespielt habe, wie sehr Gabi ihm vertraue: Sogar auf den Arm nehmen darf ich sie! Und ein Fahrrad kaufen darf ich auch! Meine Gene, meine!
Irmgard hörte zu, den Blick gen Fenster. Von ihr nahm Gabi keine Geschenke: kein Deckchen, keine Rassel, kein Nadelkissen. Nicht mal Besuche waren erlaubt. Nur heimlich, wenn sie mit Philipp alles absprach, sah sie ihre Enkelin aus dem Park heraus beim Spaziergang mit Gabi, schob den Kinderwagen missmutig durch die Gegend. Laut Gabi war es überall zu laut, es roch zu sehr nach Rauch und es war sowieso zu langweilig. Pauline sei anstrengend, Gabi hätte Lust, ins Theater zu gehen oder durch die Galeria zu bummeln, aber Pauline ließ die Mutter keine Sekunde allein.
Als Pauline zwei war, klingelte Gabi eines Tages bei der Mutter durch.
Was ist los, Gabi? fragte Irmgard und machte gleich einen Freudensprung.
Ach, was soll sein, in der Spießervorstadt passiert eh nix. Ich muss was erledigen, Philipp ist auf Dienstreise, Papa kann auch nicht. Also, kannst du mal auf Pauline aufpassen? Dann bist du auch mal zu was nütze!
So hatte auch schon Herr Krause immer zu Irmgard gesagt: Wenigstens zu irgendwas taugts du, Irmi! Gabi gefiel das, das traf.
Also, kommst du? jetzt klang es weicher.
Natürlich! Bleibt Pauline denn bei mir? Sie kennt mich doch kaum! Irmgard zögerte.
Ach, die wird kurz weinen und bleibt dann! Morgen um neun!
Ob Irmgard dafür Termine absagt, bei der Hausärztin, die sie seit Wochen nicht erreicht hat? Nicht Gabis Problem. Sie wollte Oma sein, dann bitte schön!
Herr Krause grinste nur: Pauline ist schwierig du schaffst das eh nicht. Und Gabi bittet dich nie wieder. Er hätte gekonnt, aber “Arbeit”.
Ach komm, mit etwas Herz klappt das immer, Annika legte Irmgard den Arm um die Schultern. Und wie stehts mit deinem Arzttermin?
Verschieb ich. Helfen ist wichtiger.
Irmgard kam früh, brachte Eintopf und Kuchen mit weil Herr Krause schimpfte, Gabi habe nie Zeit zum Kochen. Pauline lächelte, zeigte brav ihre Spielsachen, sie gingen auf den Spielplatz und Irmgard sang ihr abends Schlaflieder vor.
In Paulines Mittagschlaf räumte Irmgard die Küche, spülte ab, wischte durch. Gabi hatte es scheinbar immer eilig, Haushalt hat keiner beigebracht, Irmgard hat als Sündenbock immer alles alleine gemacht, hielt das für ihre Buße.
Wann soll ich das alles erledigen, Mama? Pauline will nicht in die Kita, Philipp arbeitet durch. Soll ich mich aufteilen?! verteidigte sich Gabi später.
Gabi bestellte die Mutter immer öfter Putzfrau, Köchin und Babysitter in einem.
Wenn’s dir zu anstrengend ist, komm eben nicht. Zu Annika wärst du schon längst gestapft, oder? stichelte sie noch hintenherum.
Und Irmgard gab auf. Schon wieder Arzttermin gestrichen.
Annika wohnte jetzt in Münster, in der alten Wohnung der Großeltern, arbeitete als Ingenieurin im Werk. Sie war immer noch Single, obwohl Freier da waren.
Ich wünschte, bei dir würde es auch endlich klappen, Kind Irmgard seufzte bei ihren Besuchen. Vielleicht darf ich ja doch nochmal Enkel haben…
Ach Mama, ich bin erst siebenundzwanzig! Alles wird gut. Aber jetzt noch keine Kinder.
Irmgard besuchte Annika. Die holte sie am Bahnhof ab, setzte sie ins Taxi, kuschelte sich hinten an die Mutter und sog den vertrauten Jasmin-Parfümduft ein. Bei Annika in Münster war es frei und herzlich, keine Nörgelei, keine moralisierenden Vorwürfe.
Mama, warum bleibst du bei Vater? Und Gabi und Pauline? Zieh doch zu mir! Du wirst da immer schlecht behandelt!
Annika trank ein Glas Wein, wurde mutiger, wollte, dass allen gut geht ihrer Mutter vor allem.
Und die Arbeit? Und Gabi? Und deine Großeltern? Und Papa muss doch auch versorgt werden. Das ist Familie. seufzte Irmgard. Sie wollte gebraucht werden, irgendwer musste sich kümmern. Wer sonst bügelt Vaters Hemden, kocht, holt ihn abends ab?
Und hast du mal überlegt, dass Vater und Gabi dich nur benutzen? Wann hast du zuletzt was für dich gemacht? Im Kino? Eis gegessen? Operette geschaut?
Ach, das kommt noch. Jetzt muss ich erst für andere da sein!
Und warum? Annika wurde ungehalten.
Weil ich schuld bin, und weil es recht ist so flüsterte Irmgard. Nein, du kannst nichts dafür, du bist mein Kind. Ich hab dich so lieb wie Gabi!
Annika schüttelte den Kopf: Du wirst bei mir einziehen. Und, sag, gehst du zum Arzt?
Ach Kind, lass das, mir gehts doch gut Hab doch keine Zeit, nur Ausreden Irmgard redete drumherum, aber Annika hatte entschieden.
Herr Krause reagierte giftig, als er vom Umzug hörte. Nichts von ihm würde sie erwarten dürfen, sie sei eine Ratte, Annika ebenso.
Wozu diese Feindseligkeit? fragte Irmgard leise. Warum hast du mich nicht längst rausgeworfen? Hättest du damals einfach Konsequenzen gezogen
Verzeihen? Lustig. So jemanden wie dich benutzt man nur. Du wirst ewig büßen, hast du gehört?
Er packte sie grob, schüttelte sie. Dann wandte er sich ab. Irmgard zog am Abend aus. Gabi meinte nur:
War ja klar. Wir sind lange schon keine Familie mehr. Gute Reise. Philipp! Die Mutter geht zu Annika. Keine Ahnung, wies dann weitergeht. Schick keine Geschenke an Pauline, sie wird sich eh nicht erinnern!
Danach heulte Gabi, Herr Krause tröstete und erklärte, Gabi müsse sich jetzt kümmern. “Willst du die Wohnung, dann streng dich an!”
Herr Krause stapelte schmutziges Geschirr in der Spüle auf sauber essen, dann alles wegschmeißen oder schrubben. Die Hälfte warf er am Ende weg.
Gabi kam tags drauf zum Putzen. Pauline blieb in der Kita. Am Ende bekam sie alles vertraglich bestätigt Annika ging leer aus.
Annika ging mit Irmgard zum Arzt zu spät. Das Herz war schwach, viel zu spät
Sie hätten früher kommen sollen, nickte der Kardiologe. Sie müssen auf sich achten.
Irmgard wusste es, hatte nur immer anderes zu tun.
Annika blieb bis zum Schluss bei ihr, badete sie in Sorge, fuhr sie an die Ostsee, gab sich die größte Mühe, noch irgendwas zu retten.
Irmgard lebte noch ein paar Jahre, mit Atemnot und bellendem Husten. Sie schlief im Sitzen, Annika wachte am Bett.
So war es bis zum Schluss. Irmgard ging leise, im Schlaf.
Am Morgen ging Annika wie immer ins Zimmer, zog die Vorhänge auf, plauderte vom schönen Sonnenaufgang, bemerkte nur, dass niemand antwortete
Die Vase fiel vom Fensterbrett, Annika trat in die Scherben, ohne Schmerz zu spüren.
Gabi Mutter ist tot, flüsterte sie ins Telefon. Kannst du mir helfen? Ich fühle mich hilflos.
Was? Annika, was redest du? Ich kann nicht, Pauline ist krank, wir warten auf den Arzt.
Gabi, du hast nicht verstanden Mutter ist nicht mehr da Annika weinte, das Gesicht verzog sich ins Greisenhafte.
Ruf den Vater an. Ich habe keine Zeit, sagte Gabi und legte auf.
Was ist denn? tönte es aus Philipps Zimmer. Soll ich beim Arzt für Pauline warten?
Ja ja, warte du. Gabi war seltsam wütend. Mutter käme gelegen, sie hatte Karten fürs Theater und Pauline ist krank. Aber Mama ist nicht mehr da, ist ja lieber zu Annika gezogen. Sollen die doch zusehen, wie sie klarkommen!
Wer stirbt da? fragte Philipp entgeistert.
Deine Schwiegermutter.
Zwei Tage später, morgens, stand Philipp bereit zum Gehen.
Wohin?
Ich fahre zu Annika. Sie ist da ganz alleine wegen der Beerdigung. Ich kann den Vater mitnehmen.
Herr Krause fuhr tatsächlich mit. Im Auto schwieg er, dann wurde er redselig:
Philipp, du musst Gabi und auch mich verstehen. Irmgard, meine Frau, fuhr damals zur Fortbildung, hat ihren Jugendfreund getroffen, naja Dann kam Annika. Ich konnte sie nicht wegschicken. Irmgard hat gebettelt und geweint Also haben wir die Tochter behalten. Aber lieben konnte ich sie nicht. Und Gabi merkte alles. Sie war auch gegen die Mutter. Richtig so, finde ich.
Warum haben Sie sich nicht scheiden lassen? fragte Philipp erschrocken.
Weil das unschön gewesen wäre, und für Gabi unmöglich. Sie sollte bei uns bleiben. Und Irmgard was hätte sie schon ohne mich? Die hätte am Hungertuch genagt. Als bei der Arbeit rauskam, dass sie schwanger war, wurde sogar gratuliert, Glückwünsche für mich! Irmgard musste sich geschämt haben. Eine Sünderin! So steht es in der Bibel! Nachts habe ich ihr immer gesagt, was sie ist.
Philipp verzog das Gesicht.
Weshalb fahren Sie dann heute hin?
Gehört sich so. Sollen die Nachbarn nicht reden.
Philipp sagte nichts mehr. Er dachte darüber nach, was er gemacht hätte, wenn Gabi mal “fremd” gegangen wäre. War das alles? Nach außen tadellos und innen brannte die Hölle.
Sie verstehen das nicht, Philipp. Ihr seid anders aufgewachsen. Als hätte Herr Krause Gedanken lesen können. Unsere Regeln waren klar. Fürs Ansehen, für die Tochter.
Der Tag der Beisetzung war unerwartet sonnig.
Wenigstens jetzt kriegt sie noch Wärme, Annikas Stimme war dumpf. Sie war so lange nicht draußen
Mein Beileid, Annika, sagte Philipp und brachte Blumen. Wie gehts dir?
Oh, hallo War Gabi da? Wie gehts Pauline? Was hat der Arzt gesagt?
Alles halb so wild, nur eine Erkältung. Entschuldige Gabi, sie Philipp verstummte. Vielleicht wäre Schweigen besser gewesen.
Ich bin nicht böse. Ich versteh nur einfach nicht. Mama hat uns beide geliebt, ganz sicher. Selbst kurz davor haben wir über alte Urlaube gelacht, Gabi hat sich da an den Steinen das Knie aufgeschlagen und Mama hat sie getragen, obwohl sie groß war. Und in der Schule Mama hat uns nie für Noten bestraft, nur für Anstrengung gelobt. Warum hasst Gabi uns so?
Sie warf einen Blick auf den schwankenden Herr Krause. Er stand am Grab, steckte und zog nervös die Hände in die Taschen, ließ die mitgebrachten Blumen bei irgendeinem anderen Grab liegen.
Nachher lud Annika Philipp zu sich ein, aber der musste zurück zur Familie.
Annika ging zur Bushaltestelle.
Herr Krause döste im Auto, als Philipp einstieg.
Was, schon fertig? Scheußliche Beerdigung. Fahr los.
Herr Krause, Sie haben nicht mal mit Annika geredet, nicht mal aus Anstand. Haben Sie überhaupt ein Herz?
Und du? Hau doch selber ab zu ihr! Du hältst es doch bei uns aus, weils die Wohnung gibt. Daran denkst du.
Philipp ballte die Fäuste, stellte den Motor ab, stieg aus und riss die Beifahrertür auf.
Sie steigen jetzt aus.
Was?
Wie gesagt.
Herr Krause stieg stur aus, setzte Hut und Handschuhe auf und verschwand. Er würde schon Mittel und Wege finden.
Philipp fuhr zu Annika.
Sie saßen in der Küche, Annika rührte geistesabwesend den Zucker in den Tee.
Ich kann das alles nicht, Philipp. Beerdigungen, Loslassen macht das irgendwann weniger weh? Weißt du das?
Philipp wusste es nicht, seine Eltern lebten beide.
Erzählen Sie mir von Irmgard bitte, bat er. Ich wüsste gern mehr.
Annika erzählte. Es fühlte sich an, als wäre die Mutter noch da.
Mama schrieb auch Gedichte. Ich habe Hefte, willst du lesen? Ich mache noch Tee. Du hast Hunger, oder?
Philipp fuhr spätabends zurück. Irmgard war eine besondere Schwiegermutter gewesen. Wusste er bis heute nicht. Und Gabi hatte keine Ahnung.
Annika verlobte sich eineinhalb Jahre nach dem Tod der Mutter. Ihr Igor, ein paar Jahre älter und sehr vornehm, machte ihr einen Antrag.
Beim Ringekauf konnte Annika es kaum glauben, kniff sich wiederholt in den Arm. Igor schlug den August für die Feier vor, zur besten Erntezeit im Schrebergarten der Eltern.
Gabi mit Familie war eingeladen. Annika rief sie zehnmal an, bat sie eindringlich.
Ach Annika, Pauline hat so viele Kurse und ich muss noch zum Friseur. Zeig mir dann bitte die Fotos. Aber Gabi kam nicht.
Umso überraschender: Als Annika und Igor aus dem Standesamt traten, stand Philipp da mit Pauline an der Hand. Das Mädchen bestaunte Annika im Kleid, strich andächtig den Schleier.
Glückwunsch! Gut, dass wirs noch geschafft haben! Philipp drückte Igor die Hand, nickte Annika zu.
Pauline, gib Tante Annika mal die Blumen!
Das Mädchen reichte den Strauß. Annika lächelte, bedankte sich. Paulines Gesicht erinnerte sie sehr an Irmgard.
Wenigstens wo Kinder und Enkel lachend uns wiederholen, ist Abschied zu ertragen, dachte Annika. In diesem Moment hob Igor sie auf den Arm und drehte sich. Menschen, Bäume, Fluss, Sonne alles wirbelte vorbei. Annika war glücklich. Zum ersten Mal im Leben richtig, ohne Angst, ohne Sorgen.
Annika? Gabis Stimme klang fast traurig, als sie abends anrief. Darf ich zu euch kommen?
Ist etwas passiert? Annika legte den Finger auf Igors Mund, runzelte die Stirn.
Nein. Aber Philipp hat mir Mamas Hefte gezeigt, mit Gedichten. Ich vermisse sie Darf ich kommen?
Annika sagte ja. Vielleicht wird ja doch noch alles gut. Sie hätte es sich so gewünscht.




