**Die Heimkehr**
Markus schnallte sich an und rückte mechanisch die Rückenlehne zurecht. Er flog oft zu oft, wenn er ehrlich war. Einmal im Monat, manchmal häufiger: Konferenzen, Meetings, kurze Dienstreisen, die ihm den Kopf genauso wirbelig machten wie billiger Whisky. Diesmal war alles besonders alltäglich: zwei Tage Verhandlungen, Unterschriften, ein Abendessen mit Geschäftspartnern und dann zurück nach Berlin.
Der einzige Unterschied: die Richtung. Das Flugzeug flog nicht nach Spanien oder München, sondern in ein kleines Städtchen im Süden, wo er geboren worden und vor zwanzig Jahren weggelaufen war. Seitdem war er nur zweimal dort gewesen bei der Beerdigung seines Vaters, dann am Grab seiner Mutter. Beide Male wollte er schnell zurück, zum Lärm der Hauptstadtstaus, zu seinen Projekten, zu einem Leben, in dem keine Zeit zum Nachdenken blieb.
Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Gestern hatten er und seine Kollegen in einer Bar gesessen und über irgendeine Präsentation gestritten. Jemand war betrunken geworden und hatte 99 Luftballons auf der Gitarre gespielt. Komisch, aber genau diese Melodie blieb Markus im Kopf und zog sich nun leise durch das Brummen der Triebwerke. Er lächelte sogar ein wenig.
Entschuldigung, möchten Sie Saft oder Wasser? Die Stewardess beugte sich über ihn. Ihr Lächeln war standardisiert, einstudiert.
Wasser, bitte.
Sie reichte ihm einen Plastikbecher, er nickte. Das Wasser war warm, als hätte es in der Sonne gestanden. Aber er hatte Durst.
Der Nachbar rechts murmelte etwas vor sich hin, während er in einer Zeitschrift blätterte.
Wahnsinnige Preise, oder? Er hob den Blick.
Schon immer, antwortete Markus. Die verkaufen hier Uhren zum Preis eines Hauses.
Beide grinsten, und für einen Moment fühlte es sich leicht an, fast wie zu Hause.
Das Flugzeug flog ruhig, sanft schaukelnd. Irgendwo vorn weinte ein Baby, doch die Mutter beruhigte es schnell. Jemand klickte mit dem Leselicht über sich, als versuche er, den Schein der Lampe einzufangen. Ein Mädchen auf der anderen Seite des Gangs kicherte über ein Video der Bildschirm ihres Handys beleuchtete ihr Gesicht mit weißem Licht, wodurch sie jünger wirkte, als sie war.
Markus drehte den Kopf zum Fenster. Er erwartete, wenigstens ein schwaches Licht eines Dorfes unten zu sehen, eine Straße, einen blinkenden Stern. Doch hinter dem Glas breitete sich nur eine gleichmäßige, undurchdringliche Dunkelheit aus. So dicht, als wäre eine schwarze Matte gegen die Scheibe gepresst.
Finster, was? Der Nachbar sprach wieder, blickte über seine Schulter. Man sieht die Hand vor Augen nicht.
Markus zuckte mit den Schultern:
Na ja es ist Nacht.
Doch in seiner Brust regte sich etwas Zähes, Unangenehmes. Das war keine Nacht. Die Nacht atmet immer. Dies hier war Leere.
Automatisch griff er zum Handy. Der Bildschirm flackerte, das Netzsymbol verschwand. Nichts.
Natürlich, im Flugzeug. Was hatte er erwartet? Er vergaß das immer. Trotzdem blieb die Gewohnheit nach dem Bildschirm zu greifen, in der Hoffnung, eine Nachricht von seinem Sohn zu sehen. Schick mir wenigstens einen Smiley, dachte er und, sich selbst belächelnd, sperrte er den Bildschirm.
Auch kein Empfang? Die Stimme des Nachbarn wieder.
Nein, nickte Markus. Sollte hier auch nicht.
Stimmt, antwortete der andere und vertiefte sich wieder in die Zeitschrift. Diesmal betrachtete er eine Anzeige für teure Jacken, strich mit dem Finger über das glänzende Papier, als könnte er den Stoff spüren.
Das Flugzeug schwankte leicht, als hätte jemand von unten gepustet. Nichts Ungewöhnliches, nur eine Luftlöcher, sagte sich Markus. Doch der Becher mit Wasser zitterte, und die Wellen an der Oberfläche waren zu gleichmäßig, als würde ein unsichtbarer Finger darauf trommeln.
Aus der Reihe nebenan drang eine Unterhaltung:
Bist du sicher, dass sie uns abholen? Eine Frauenstimme.
Klar, ich habe angerufen. Sie sagten, sie warten direkt am Ausgang.
Das Wort warten blieb in seinem Kopf hängen. Markus presste die Stirn erneut gegen das Fenster. Immer noch nichts. Kein Funke. Kein Lichtstreifen. Nur schwarzer Stoff, der das Flugzeug umhüllte.
Plötzlich dachte er an seine Mutter. Die gleiche, die seit über zehn Jahren auf dem alten Friedhof außerhalb der Stadt lag. Er erinnerte sich, wie er an jenem Tag in schwarzem Mantel am Grab stand und wie seltsam es war, auf die Erde zu blicken, während in seinem Kopf noch ihr Lachen erklang. Und jetzt, durch das Fenster starrend, hörte er für eine Sekunde fast dieses Markuslein und zuckte zusammen wie von einem Stromschlag.
Alles okay? Der Nachbar unterbrach ihn wieder.
Markus blinzelte. Lächelte:
Hab nur an was gedacht.
Ach so, sagte der Nachbar. Hauptsache, du denkst nicht an Turbulenzen.
Er versuchte zu lesen, doch die Worte blieben nicht in seinem Kopf. Die Zeilen verschwammen, die Buchstaben verklebten, und er bemerkte, dass er nicht ins Buch, sondern in die dunkle Scheibe neben sich starrte. Draußen Schwärze. Normal, sollte man meinen. Er winkte ab: Nacht ist Nacht. Was sollte da sonst sein?
Der Nachbar blätterte die Zeitschrift um und schnaubte leise:
Sechstausend Euro für ne Uhr. Für das Geld kriegst du nen Golf.
Mhm, sagte Markus. Er lächelte höflich, obwohl es nicht lustig war.
Von der anderen Gangseite kam eine Frauenstimme:
Sie sagte: Wart auf uns zum Mittagessen.
Und gleich darauf eine zweite, höhere:
Meine auch: Wart auf uns zum Mittagessen.
Zufall, natürlich. Nur zwei Passagiere, die denselben Satz wiederholten. Doch bei diesem Wart wurde es kalt in seiner Brust, als hätte jemand eine Tür geöffnet und Zugluft hereingelassen. Er starrte wieder aus dem Fenster.
Die schwarze Scheibe spiegelte sein Gesicht blass, müde. Keine Wolke, kein Licht unten. Nur gleichmäßige Finsternis, so dick, dass es schien, streckte man die Hand aus, würden die Finger darin spurlos verschwinden.
Finster, was? Der Nachbar sprach erneut, blickte von der Zeitschrift auf. Man sieht die Hand vor Augen nicht.
Nacht, erwiderte Markus. Wie immer.
Er sagte es laut, doch innerlich klangen die Worte anders: Die Nacht lebt immer. Diese hier war wie tot.
Er legte das Buch auf die Knie, trank noch einen Schluck des warmen Wassers und rollte mit den Augen: Ein volles Flugzeug, und doch fühlte es sich an, als säße man im Keller.
Im Gang knarrte wieder der Servierwagen. Die Stewardess beugte sich zum nächsten Sitzreihe:
Kaffee oder Tee?
Eine Frau hob ihren Plastikbecher:
Tee, danke. Und Zitrone, wenn möglich.
Ihre Begleiterin grinste:
Ich auch mit Zitrone.
Beide sprachen die Worte mit derselben Betonung, als hätten sie es geübt. Markus dachte kurz, er hätte sich verhört, doch das Mädchen mit den Kopfhörern kicherte und wiederholte mit piepsiger Stimme:
Mit Zitrone, mit Zitrone
Der Nachbar hörte auf zu blättern, runzelte die




