Die Abfahrt war schon über Lautsprecher angekündigt, da betrat ich den Bahnsteig. Nach einer einwöchigen Dienstreise war ich auf dem Weg nach Hause. Ich stieg in den Liegewagen und fand meinen unteren Platz. Während ich mein Gepäck verstaute, hörte ich jemanden schwer atmend den Gang entlangkommen. Ich drehte mich um: Eine ältere Frau mit einem Rollkoffer, der eher wie ein Rucksack aussah, im Herbstmantel und mit bunten Kopftuch, stand mir gegenüber und versuchte, zu Atem zu kommen.
„Na, das kann ja heiter werden”, dachte ich. „Die Oma wird bestimmt meine Nachbarin sein und gleich um den unteren Platz betteln.” Doch die Frau hatte sich kaum gefangen, da sagte sie: „Schauen Sie mal, junger Mann, ich habe hier wohl den unteren Platz.” Und tatsächlich: Ihr Platz war unten. Sie begann geschäftig, ihre Sachen zu ordnen. Ich sah, dass sie deutlich über siebzig sein musste. „So alt und immer noch unterwegs”, dachte ich, „warum bleibt sie nicht einfach zu Hause?”
Schließlich setzte sie sich auf ihre Liege, die Hände artig auf den Knien, wie eine Schülerin. Weitere Reisende stiegen zu, aber die oberen Plätze in unserem Abteil blieben frei. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich die Fahrt mit einer alten Dame verbringen würde, mit der man nicht viel reden konnte.
Der Zug fuhr ab. Bald erschien die Zugbegleiterin und brachte Bettwäsche. Die Frau machte sich sofort an die Arbeit, breitete das Laken aus und bezog das Kopfkissen. Dann setzte sie sich wieder hin und begann von sich aus zu reden: „So eine Liege bin ich nicht gewohnt. Zu Hause habe ich ein weiches Bett, hier werde ich mir sicher die Rippen wund liegen. Seit meiner Jugend bin ich nicht mehr gefahren und hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal fahren würde.”
Ich nickte und schwieg.
„Ich heiße Gertrud Kessler. Und Sie?” „Martin Weber.” „Schön, Martin. Fahren Sie zu Besuch?” „Warum zu Besuch?”, wunderte ich mich. „Ich komme von einer Dienstreise und fahre nach Hause.” „Ach so. Nach Hause ist gut. Ich fahre auf meine alten Tage aus dem Haus.” Sie verstummte und schaute aus dem Fenster. Ich glaubte, Tränen in ihren Augen zu sehen, obwohl sie nicht weinte. Auf einmal schämte ich mich, dass ich die alte Frau so kühl behandelt hatte.
„Fahren Sie nach Hause oder von zu Hause?”, fragte ich, um meine Unfreundlichkeit wiedergutzumachen. „Von zu Hause, mein Junge, von zu Hause. Dabei sind es nur etwas mehr als vierundzwanzig Stunden Fahrt, aber ich bin unterwegs so unruhig.” „Und zu wem fahren Sie?” „Zu meiner Tochter”, sagte Gertrud Kessler, holte ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Da sollten Sie sich freuen, nicht weinen.” „Ich freue mich doch. Ich habe meine Tochter fünf Jahre nicht gesehen und dachte schon, ich würde sie nie wieder sehen.” „Haben Sie sich aus den Augen verloren?” „Aus den Augen verloren, mein Junge, mit Absicht. Unsere Dickköpfigkeit hat uns in jungen Jahren keine Ruhe gelassen. Der Stolz hat uns daran gehindert, friedlich miteinander zu leben. Als meine Tochter erwachsen wurde, verstanden wir uns immer schlechter. Ich habe sie ohne Vater großgezogen, und es gab viel Streit. Sie heiratete das erste Mal nur, um mich zu ärgern, aber die Ehe hielt nicht. Ich habe sie nicht unterstützt, sondern ihr Vorwürfe gemacht. So zankten wir uns unser Leben lang. Sie hat meine Enkelin gegen mich eingenommen und mir immer widersprochen. Vor fünf Jahren hat sie ihre Wohnung verkauft und ist abgereist, ohne zu sagen, wohin. Ich bin zur Polizei gegangen, wie man heute sagt, und habe Nachforschungen anstellen lassen. Ich hatte solche Angst, denn sie hatte meine Enkelin bei sich.
Später hat sie sich gemeldet, geschrieben, dass es ihr gutgeht, dass sie geheiratet hat, aber ich sollte sie nicht suchen und nie besuchen. Mit dieser Last habe ich all die Jahre gelebt. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass auch ich im Unrecht war. Sie hat vielleicht nicht auf mich gehört und war gekränkt, aber sie ist meine Tochter.
Vor einem Jahr kam ein Brief von Lieselotte, so heißt meine Tochter. Sie schrieb, wo sie wohnt, dass sie von ihrem Mann schon lange geschieden ist, dass sie selbst schon Oma geworden ist, und fragte mich nach meiner Gesundheit. Ich habe die ganze Nacht geweint und zurückgeschrieben, dass ich ohne sie beide nicht leben kann. Dann haben wir telefoniert, uns ausgesprochen und gemerkt, dass wir beide schuld sind.
Meine Enkelin hat ein Kind bekommen, also bin ich Urgroßmutter. Lieselotte hilft ihr, wo sie kann, aber sie hat ihren Beruf und kann nicht verreisen. Sie hat mich eingeladen. Da habe ich mein Häuschen abgeschlossen, der Nachbarin gesagt, sie soll ein Auge darauf haben und ab und zu heizen, wenn es kalt wird. Dann habe ich meine Tasche gepackt und mich entschlossen, meine Tochter zu besuchen. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ich will sie sehen.”
Ich schwieg. Ich dachte an meine Mutter, die ich selten besuchte. Sie lebte in einem Dorf, dort wohnte auch meine ältere Schwester. Ich hatte immer gedacht: Die Schwester kümmert sich schon um Mutter. Aber nach dieser Erzählung spürte ich einen Druck in der Brust. Ich war doch der Sohn, und meine Mutter vermisste mich und wollte mich öfter sehen.
Ich redete die ganze Fahrt mit Gertrud Kessler, und die Zeit verging wie im Flug. Beim Aussteigen half ich ihr vom Wagen. Dabei sah ich eine hübsche Frau, die unruhig zu uns herüberblickte. Ich trat beiseite. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, sahen sich in die Augen, umarmten sich und hielten sich lange fest. Beide weinten. Diese Begegnung war so berührend, dass ich keinen Zweifel hatte: Es wird alles gut zwischen ihnen. Jetzt ganz bestimmt.
Ich ging ein paar Schritte zur Seite. Ich wollte die aufsteigende Rührung in mir herunterschlucken. Überhaupt war mir durch diese Begegnung vieles klar geworden. Ich holte mein Handy heraus und wählte die Nummer meiner Mutter. Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte einfach sagen: „Mama, ich bin da, ich bin angekommen. Am Wochenende erwarte mich zu Besuch.”





