**9. November 2023**
Ich sitze hier mit meinem dritten Bier, und der Tag geht mir nicht aus dem Kopf. Anna hat mir heute von ihrem Abend erzählt, und ich merke, wie das alles an mir nagt.
Sie sah auf ihr Handy. Steffi hatte eine Einladung in die Gruppe geschickt: “Mädels, ich erwarte euch Samstag um 18 Uhr im Café Möwe. Wird ein Fest!”
Anna ist vierunddreißig. Zwei Kinder, Tochter Lena und Sohn Felix. Geschieden. Ein Bürostuhl, der ihren Rücken besser kennt als jeder Mann in den letzten drei Jahren. Und dann diese Einladung, die sie strahlen ließ.
“Felix, renn nicht durch den Flur! Lena, zieh Socken an, es zieht!”, rief Anna, das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt.
Am anderen Ende der Leitung plapperte Steffi von Überraschungen und Karaoke.
“Anna, kommst du? Ich verspreche dir, es wird klasse, und ohne dieses ‘ich hab ja Kinder’ von dir.”
Anna schnaubte.
“Deine Kinder. Deine Probleme. Deine Scheidung. Dein Alter… Ich überleg’s mir”, antwortete sie.
Am Samstag kam Tobias, ihr Ex-Mann, zwei Stunden zu spät. Er holte die Kinder am Wochenende ab. Lena weinte, weil sie wollte, dass Mama ihr die Haare flocht “wie bei einer Prinzessin”, und Felix hatte den linken Schuh versteckt. Als Anna endlich den Reißverschluss an ihrem einzigen Kleid zuzog, das noch nicht sackartig aussah, zeigte die Uhr fast sechs.
“Ich fahre. Wenigstens für eine Stunde.”
Im Café spielte Musik. Die Frauen aus der Buchhaltung hatten schon am Sekt genippt, und Sabine aus dem Vertrieb erzählte von ihrem neuen Freund mit einer Stimme, als würde sie ihre Diplomarbeit verteidigen: “Mein Glück, das ihr alle sehen müsst.”
Steffi sah Anna, quietschte auf und stürzte sich in eine Umarmung.
“Du bist gekommen! Wie schön du aussiehst! Setz dich, gleich kommt die Torte.”
Anna setzte sich, nahm ein Glas Saft. Hörte zu. Nickte. Lächelte an den richtigen Stellen.
Lena aus der Nebenabteilung, eine große Blondine mit ewig unzufriedenem Gesicht, beugte sich zu ihr:
“Und wo ist deiner?”
“Geschieden. Seit einem Jahr”, sagte Anna ruhig.
“Oh, Verzeihung. Das wusste ich nicht. Den Kindern geht’s bestimmt schwer, oder?”
Anna trank den Saft aus. Langsame Musik setzte ein, eine bekannte Melodie. Jemand wurde zum Tanzen eingeladen. Anna blieb sitzen. Steffi setzte sich zu ihr, die Jubilarin, schon leicht angeheitert und deshalb ungewohnt ernst.
“Anna, warum so traurig?”
“Ich bin nicht traurig. Ich bin müde.”
“Das ist dasselbe, wenn man vierunddreißig ist, zwei Kinder hat und einen Ex, der nur nach Plan kommt.”
Anna staunte über diese Treffsicherheit.
“Bist du auch geschieden, oder?”
Steffi lachte:
“Nein. Aber ich bin aufmerksam. Hör mal… Ich hab den Sänger gebeten, ein Lied zu spielen. Für dich.”
Anna verstand nicht, nickte aber.
Der Typ am Mikrofon griff in die Saiten. Und dann kam etwas Altes, das lief, als Anna studierte. Ein Lied, zu dem sie und Tobias sich an der Bushaltestelle vor dem Wohnheim geküsst hatten. Blöde Verse über “sag niemals tschüss”. Anna schlug die Hände vors Gesicht. Nicht aus Scham. Sondern weil jemand sich daran erinnerte, wer sie mal gewesen war. Vor den “deinen Kindern”.
“Ich hab das Lied nicht bestellt”, flüsterte sie.
Steffi zuckte mit den Schultern:
“Vielleicht kam das von ihm. Vielleicht gefällst du ihm. Guckst du manchmal in den Spiegel, Anna?”
Sie tat es nicht. Aber jetzt hob sie den Kopf. Der Typ am Mikrofon lächelte. Fremd. Jung. Nichts wissend von ihrem Leben. Anna wischte sich mit einer Serviette über die Wangen, nahm ein Glas Sekt und lächelte zurück. Nicht dieses Bürolächeln, sondern ein echtes.
Später schickte sie Tobias eine Nachricht: “Ich komme später. Die Kinder bleiben heute Nacht bei dir. Das ist nicht verhandelbar.”
Und sie atmete aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit richtig tief.
Die Torte kam genau um neun. Anna aß zwei Stücke und zählte keine Kalorien. Steffi flüsterte ihr ins Ohr:
“Weißt du, ich hab dich eingeladen, weil du die Einzige warst, die meinen Bericht in der Besprechung nicht zerpflückt hat.”
“Dein Bericht war in Ordnung”, zuckte Anna mit den Schultern.
“Eben. Du bist die Einzige, die wirklich zuhört. Und nicht nur so tut.”
Anna kam gegen Mitternacht nach Hause. Die leere Wohnung roch nach Stille. Zuerst wollte sie weinen, weil Felix’ Socken nicht im Flur verstreut lagen und Lenas Haarband nicht in der Küche lag.
Aber dann zog sie das Kleid aus, machte sich Tee, setzte die Kopfhörer auf und spielte genau dieses Lied. Und begriff, dass Zuhause nicht nur der Lärm kleiner Füße ist. Sondern auch diese Stille, in der man sich endlich selbst hören kann.
“War gar kein schlechter Abend”, dachte Anna und schlief mit einem Lächeln ein.
Am Morgen kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: “Sind Sie heute bei der Präsentation? Ich bin der Sänger aus dem Café – Christian. Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen? Einfach so, ohne Grund.”
Anna sah auf ihr Handy und tippte: “Ich komme. Kaffee schwarz, ohne Zucker. Und danke für das Lied.”
Die ersten zwei Wochen waren wie im Film. Christian traf Anna nach der Arbeit mit einem Blumenstrauß. Er sang für sie im Café, wenn wenig los war, und sah sie an, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Anna schmolz dahin. Und verschwand.
Erst einmal die Woche. Dann jeden zweiten Tag. Dann hörte ihre Mutter auf, ihre Unzufriedenheit zu verbergen.
“Anna, bei wem lässt du die Kinder? Ich hab selbst zu tun. Du hast schließlich Arbeit.”
“Mama, ich fleh dich an, Felix schläft schon, Lena hat die Hausaufgaben gemacht. Ich bin nur zwei Stunden weg.”
“Nur zwei Stunden… Die ganze Woche nur zwei Stunden. Ich kenne diese ‘zwei Stunden’. Ein Mann?” Anna schwieg.
“Und wo kommt der her? Aus diesem Café?” Ihre Mutter verzog den Mund. “Ein Kneipensänger… Anna, du bist eine kluge Frau, mit vierunddreißig und zwei Kindern greifst du nach jedem, der dich freundlich ansieht. Aber die sind alle gleich. Heute singt dir einer was vor, morgen einer anderen.”
“Mama, hör auf!”, Anna warf ihre Tasche aufs Sofa. “Du kennst ihn nicht.”
“Und du… wie lange kennst du ihn… einen Monat? Zwei? Ich hab genug Männer gesehen in meinem Leben”, und sie knallte die Tür.
Christian war anders. Er wusste, wie Lena hieß und dass Felix Angst im Dunkeln hatte. Er sagte, er hätte nichts gegen Kinder, er würde sich überlegen, wie sie das Leben gestalten könnten.
Anna glaubte fast daran.
An dem Abend beschloss sie, ihn zu überraschen. Christian hatte gesagt, er würde bis zehn spielen, danach sei er frei. Anna ließ die Kinder bei ihrer Mutter, die mit den Augen rollte, aber nicht nein sagte, und fuhr ohne Voranmeldung ins Café. Sie betrat den Raum. Lächelte dem bekannten Barkeeper zu. Sah zur Bühne.
Christian war nicht dort.
Er stand an einer Säule und tanzte. Kein Walzer, sondern einfach albern, aber im Takt zur Musik, mit einer schönen Frau. Groß. Schlank. In einem engen Kleid, das so viel gekostet haben musste wie Annas Monatsgehalt. Ihre Haare waren perfekt frisiert, ihr Lachen laut und unbeschwert.
Christian lachte auch. Und dann nahm er ihre Hand, und sie verschwanden hinter der Tür mit dem Schild “Personal”.
Anna stand mitten im Raum. Jemand rempelte sie an, entschuldigte sich. Die Musik spielte weiter.
“Alle gleich”, fielen ihr die Worte ihrer Mutter ein.
Sie drehte sich um und ging. Schmiss die Tür nicht zu. Weinte nicht. Stieg einfach ins Taxi und nannte die Adresse. Vor dem Haus stand Tobias. In seiner alten Jacke, mit Augenringen, wütend und zerzaust.
“Anna! Warum gehst du nicht ans Telefon? Deine Mutter ruft mich seit einer halben Stunde an! Dein Vater ist im Krankenhaus. Herzinfarkt. Sie hat die Kinder allein zu Hause gelassen und mich gebeten, zu ihnen zu kommen.”
Anna griff sich ans Herz.
“Was? Wie? Er ist doch…”
“Ich weiß auch nicht. Ruf ein Taxi. Ich pass auf die Kinder auf.”
Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer ihrer Mutter. Die schluchzte ins Telefon.
“Papa liegt auf der Intensivstation. Komm sofort.”
“Ich bin schon unterwegs. Mama, wird er wieder?”
“Die Ärzte sagen nichts.”
Die ganze Nacht saßen sie und ihre Mutter auf dem Krankenhausflur. Gegen acht Uhr morgens kam ein erschöpfter Arzt aus der Tür.
“Die Krise ist überstanden. Ihr Mann ist zäh. Noch eine halbe Stunde, und ich hätte keine Garantie übernehmen können. Aber jetzt wird alles gut. Ruhe, Diät, kein Stress.”
Die Mutter brach in Tränen aus. Anna umarmte sie, und so standen sie da, zwei Frauen, die fast den wichtigsten Mann in ihrem Leben verloren hätten. Auf der Rückfahrt im Taxi sah Anna aus dem Fenster. Die Morgensonne brach durch die Häuserblocks. Sie erinnerte sich, wie Christian ihre Wange gestreichelt hatte, vom Meer und von Reisen sprach. Lächerlich. Meer… Und ihr Vater lag auf der Intensivstation, während sie im Café war.
“Genug mit den verrückten Partys.”
Zu Hause war Tobias, auch wach, das sah man ihm an.
“Tobi”, sagte sie leise. “Danke, dass du gekommen bist, dass du bei den Kindern warst.”
Tobias schwieg eine Minute. Dann sprach er, unbeholfen, wie immer, wenn es um Gefühle ging.
“Anna, ich ohne dich… Die Kinder brauchen einen Vater. Und nicht nur am Wochenende. Also, lass uns wieder zusammenziehen. Von vorn anfangen, wie früher. Du bist müde. Die Kinder vermissen dich. Und ich vermisse das Zuhause, dein Meckern, wenn ich die Schuhe nicht ausgezogen hab.”
Anna lachte unter Tränen.
Sie ging zu ihm und vergrub sich an seiner Schulter. Sie nahm seine Hand. Rau, vertraut, warm. Nicht die Hand, die ein Mikrofon hielt und vom Meer sprach. Sondern die, die den Kinderwagen schob, die Reifen an ihrem Auto wechselte.
“Lass es uns versuchen”, sagte Anna. “Aber wenn du wieder deine Tasse nicht spülst, erschlag ich dich mit dem Kissen.”
“Abgemacht.”
Die Kinder kamen aus dem Zimmer gerannt, Felix klammerte sich an Tobias, schrie: “Papa!” Lena schaute erst weg, kam dann aber doch und sagte leise:
“Bleibst du? Für lange?”
Tobias hockte sich hin:
“Für immer, Lena. Wenn ihr mich nehmt.”
Am Abend, als die Kinder schliefen, wusch Tobias das Geschirr. Anna holte ihr Handy und löschte den Chat mit Christian. Keine einzige Nachricht war je gekommen.
“Meine Mutter hatte recht”, dachte Anna. “Aber in einem nicht. Es liegt nicht am Alter. Nicht an den Kindern. Und nicht an der Scheidung. Sondern daran, wen man wählt. Ich habe schöne Versprechen gewählt. Aber ich hätte müde Augen und eine schmutzige Tasse im Spülbecken nehmen sollen.”
Sie ging zu Tobias, umarmte ihn von hinten, vergrub die Nase in seiner Schulter.
“Was ist?”, fragte er.
“Nichts. Nur gut, dass du da bist.”
Und das war mehr als alle Lieder der Welt.





