Hilflosigkeit und Verwirrung

Hilflosigkeit und Verwirrung

Gertraud verließ die Kirche traurig, doch mit einem Hauch von Hoffnung. Mit Tränen in den Augen hatte sie Gott um ein Kind gebeten. Seit über zehn Jahren lebte sie mit ihrem Mann Wolfgang, doch eine Schwangerschaft blieb aus. Also ging sie beten, flehte, bettelte. Zehn Jahre Ehe und kein Kind.

Wie viele Tränen hatte sie vergossen, wie viele Ärzte besucht? Doch die Antwort war immer dieselbe:

Sie sind gesund, das passiert manchmal, Sie müssen Geduld haben Die Zeit ist noch nicht gekommen.

Aber wie lange noch, Wolfgang? Wie lange?, fragte sie ihren Mann. Ohne Kind ist unsere Familie nicht vollständig.

Auch Wolfgang litt darunter. Er träumte von einem Erben, zumal sein Geschäft erfolgreich lief. Sie lebten in Wohlstand, mangelte es an nichts nur ein Kind fehlte.

Gertraud, was hältst du davon, ein Kind aus dem Waisenhaus zu nehmen? Ein Kleines, das wir großziehen können, schlug Wolfgang vor.

Nein, Wolfgang. Ich will selbst ein Kind zur Welt bringen. Warum sagen die Ärzte, ich sei gesund?

Doch dann ob aus Gottes Gnade oder weil die Zeit gekommen war wurde Gertraud schwanger. Die Freude kannte keine Grenzen. Die Schwangerschaft verlief schwer, doch sie hielt alles aus, nur um ihr lang ersehntes Kind zu bekommen.

Lukas kam schmächtig zur Welt, war oft krank, doch seine Eltern hüteten ihn wie einen Schatz, pflegten ihn Tag und Nacht. Sie beschützten ihn vor allem, hielten ihn sogar von anderen Kindern fern, nur damit er nicht krank wurde. Gertraud spazierte mit ihm weit weg von Spielplätzen.

Lukas bekam nur das Beste: Mit vier Jahren hatte er ein Tablet, und als er eingeschult wurde, bekam er ein teures Handy. Jeder Wunsch wurde erfüllt. Doch je älter Lukas wurde, desto unerträglicher wurde sein Charakter.

Wolfgang war ständig auf Arbeit, Gertraud blieb zu Hause, brachte Lukas zur Schule, holte ihn ab, kochte, was er verlangte. Wenn sie einmal etwas anderes zubereitete, empörte er sich:

Was ist das für ein Mist? Das esse ich nicht! Ich will keine Kartoffelsuppe!, und dann schüttete er das ganze Salz in den Teller, verlangte seine Lieblingssuppe.

Lukas war dreizehn, in der Pubertät, und völlig unkontrollierbar. Gertraud sprach mit Wolfgang darüber, doch der beruhigte sie:

Gertraud, es ist nur eine Phase. Warte ab, das geht vorbei.

Eines Tages kam Wolfgang von der Arbeit und sagte gleich an der Tür:

Sohn, ich habe dir ein neues Handy gekauft. Lukas kam aus seinem Zimmer, nahm die Schachtel entgegen und eine Minute später schrie er:

Was ist das denn? Ich hab dir gesagt, ich will das andere Modell! Nur Loser haben so eins. Wollt ihr, dass mich alle auslachen? Er holte aus und warf das Handy aus dem Zimmer, knallte die Tür zu.

Die Eltern tauschten ratlose Blicke.

Hab ich dir nicht gesagt?, fragte Gertraud. Wolfgang wusste keine Antwort.

Genauso war es mit Kleidung, Schuhen sie kauften nichts mehr ohne ihn, sonst gab es einen Wutanfall. Doch dann rief Lukas’ Klassenlehrerin an und bat Gertraud in die Schule.

Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Was hat Lukas jetzt wieder angestellt?, fragte sie sich, ohne ihn selbst zu fragen.

Guten Tag, Frau Schneider, sagte die Lehrerin. Danke, dass Sie gekommen sind. Wir müssen über das Verhalten Ihres Sohnes sprechen. Lukas beleidigt Lehrer, stört den Unterricht, und wenn man ihn tadelt, grinst er nur und droht mit Beschwerden. Er lässt Mitschüler an seinem Handy spielen und verlangt dann Geld dafür oder dass sie seine Hausaufgaben machen.

Gertraud hätte am liebsten den Boden verschluckt. Sie stand da, rot wie eine Tomate, ihr brannte das Gesicht.

Bitte, Frau Schneider, bringen Sie Ihren Sohn zur Vernunft, bat die Lehrerin schließlich.

Gertraud versprach es und entschuldigte sich für Lukas. Auf dem Heimweg dachte sie: Immer öfter fürchtete sie, die Geduld zu verlieren, ihm eine Ohrfeige zu geben.

Wo habe ich falsch gehandelt? Wo habe ich ihn verloren? Wir lieben ihn doch. Kann Fürsorge und Liebe wirklich so viel Grausamkeit hervorrufen? Lukas war aggressiv, respektlos, unerträglich grob dabei war er so sehnlichst erwünscht gewesen.

Sie konnten nicht einmal mit ihrem einzigen Sohn umgehen.

Nebenan wohnte eine Familie mit vier Kindern. Nie hörte man Geschrei, die Kinder waren ruhig und höflich. Die beiden Ältesten halfen Gertraud sogar, ihre Einkäufe nach Hause zu tragen. Einmal hatte sie die Nachbarin gefragt:

Wie schaffst du das?

Ganz normal, antwortete diese. Mein Mann kommt selbst aus einer großen Familie und sagt immer: Viele Kinder bringen Frieden ins Haus. Und er hat recht sie helfen einander. Es ist gar nicht so schwer.

Gertraud hörte zu und beneidete die Nachbarin im Stillen, denn nie hatte sie ein böses Wort aus deren Haus gehört.

Lukas kam nach Hause, warf seinen Rucksack in den Flur, trat seine teuren Turnschuhe von den Füßen.

Die Schule nervt! Die Lehrer nerven! Mama, ich hab dir doch gesagt, meine Zimmertür bleibt zu! Was machst du hier überhaupt? Gertraud schwieg.

Noch immer hallte das Gespräch mit der Lehrerin in ihr nach, und nun kam Lukas schlecht gelaunt heim. Sie hatte keine Kraft mehr für seine Launen. Immer dieselbe Wut, immer waren die anderen schuld.

Sie deckte den Tisch, doch Lukas kam nicht. Sie ging in sein Zimmer da stand er, schnitt demonstrativ seine teure Lederjacke mit einer Schere entzwei, grinste sie höhnisch an.

Ihre Augen weiteten sich.

Da, nimm das. Warst in der Schule, hast mit der Lehrerin geredet? Na dann hör dir das an! Die Jacke war zu teuer? Dann kauf mir eine neue und zwar noch teurer!

Er schnitt weiter, vor ihren Augen. Gertraud hielt es nicht mehr aus sie gab ihm eine Ohrfeige. Er packte sich an die Wange, und sie bereute es sofort, wollte ihn in die Arme nehmen. Doch sein Gesichtsausdruck erschreckte sie er war voller Hass.

Ach so? Na warte ab!

Er griff zum Telefon, wählte die Polizei.

Kommt schnell, meine Mutter schlägt mich! Ja, meine eigene Mutter! Adresse? Schreiben Sie auf

Als der Polizist eintrat, war er verwirrt. Er sah Gertraud, Lukas, die gut eingerichtete Wohnung und sagte:

Ich glaube, ich bin falsch hier?

Nein! Ich habe angerufen!, brüllte Lukas. Sie hat mich geschlagen! Ich will, dass sie bestraft wird!

Der Polizist hatte schon viel gesehen betrunkene Eltern, schmutzige, hungrige Kinder. Aber das hier verblüffte ihn.

Ihr habt wohl gestritten, oder? Das klärt ihr besser selbst. Er wollte schon gehen.

Nein!, kreischte Lukas. Ich kenne meine Rechte! Wenn du gehst, zeige ich dich an!

Der Polizist stutzte, sah Gertraud an.

Nehmen Sie ihn mit, sagte sie müde. Vielleicht ändert sich dann etwas

Kurze Zeit später kam Lukas zurück und grinste:

Jetzt tanzt ihr nach meiner Pfeife. Wolfgang war inzwischen da und wusste Bescheid.

Lukas verlangte, dass seine Mutter bestraft würde.

Am nächsten Tag kamen Jugendamtmitarbeiter, verwundert über den Konflikt in dieser wohlhabenden Familie. Doch als Lukas verlangte, seine Mutter zu bestrafen, und sie Gertrauds blasses Gesicht sahen, verstanden sie.

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Homy
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Hilflosigkeit und Verwirrung
Vater.. Anna hat gebeten, nicht zur Hochzeit zu kommen..