Hey, du, ich muss dir unbedingt erzählen, was bei uns gerade los ist das ist echt ein Drama.
PapaLiselotte hat gebeten, nicht zur Hochzeit zu kommen. Sie sagt, sie schämt sich für uns Landleute, flüstert meine Tochter heimlich am Telefon.
Wie kann das sein, Lotta? Ich habe mich mein ganzes Leben darauf gefreut, meine Kleine endlich zu verheiraten, stöhnt mein Mann Heinrich, während er die Zeitung mit leeren Augen anstarrt. Und jetzt ist sie zu schüchtern, uns zu sehen? Das geht gar nicht.
Am nächsten Tag ruft sie dann: Mama, Johann hat mich endlich gefragt, ob ich ihn heiraten will! Ich habe immer davon geträumt, zur Familie seines Vaters zu gehören!
Elisabeth, meine Schwester, freut sich riesig für die Nichte. Unsere Liselotte ist klug, hübsch und hat das gewisse Etwas, meint sie, während wir zusammen im Garten das Gemüse ernten. Nach der Schule träumte Liselotte davon, zur Modelschule in München zu gehen ihr Aussehen und ihre Figur passten ja prima dazu.
Das Geld für die Ausbildung fehlte allerdings, also verkaufte Heinrich ein paar Rinder und Schweine. Das brachte gerade genug Euro, um die Schulgebühren zu decken. Liselotte zog kaum noch ins Dorf zurück; das Stadtleben drehte sie wie ein Wirbelsturm mit. Sie verdiente selbst, nahm an Fotoshootings und Laufstegshows teil. Wir waren stolz, dass sie nun versorgt war.
Johann ist der einzige Sohn eines einflussreichen Chefs, sein Vater gibt ihm praktisch alles, was er will. Liselotte durfte seine Eltern nie kennenlernen, und er lud uns nie ins Stadtleben ein. Immer hieß es, Wir haben ein aufregendes Leben, fliegen ständig ins Ausland.
Elisabeth arbeitet als Hausmeisterin an einer Grundschule und prahlt dort oft mit Fotos von Liselotte.
Lotta, bringt Liselotte ihren Bräutigam nicht mal zu uns, damit wir ihn kennenlernen? Vielleicht schämt sie sich ja vor uns, meckere ich einmal.
Ach, Ella, Liselotte liebt uns doch mit Papa, antwortet sie leicht lächelnd.
Und wann war ihr letzter Besuch? Und ruft sie oft?
Letzte Woche hat sie angerufen, die Hochzeit steht an. Jetzt müssen Papa und ich überlegen, woher das Geld für das Geschenk und die Kleider kommen soll.
—
Liselotte, wann kommst du endlich mit deinem Bräutigam vorbei, damit wir uns kennenlernen? Papa will doch auch was zu essen zubereiten, frage ich sie.
Mama, das ist nicht nötig er trinkt keinen Alkohol. Wir haben keine Zeit, um anzureisen, wir sind mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, sagt sie genervt.
Und wann ist die Hochzeit, meine Kleine? Wir müssen ja auch etwas anziehen und sparen, bohre ich weiter.
Mama, hör zu du sollst gar nicht kommen. Johann kommt aus einer reichen Familie, die Hochzeit wird ein ganzes HighSocietyEvent, und wir haben genug zu tun. Stell dir vor, du und Papa mit euren Schweinen stehen da, während alle in DesignerAnzügen tanzen, wirft sie ein.
Na gut, meine Tochter, wenn du das willst, sage ich, während mein Herz schwer wird.
Heinrich wusste nicht, wie er seinem Sohn die frohe Botschaft überbringen sollte. Er hatte sich so darauf gefreut, seine geliebte Tochter in einem weißen Kleid zu sehen, und das Haus war voller ihrer Bilder. Er erinnerte sich an jedes Datum, an dem ein Foto gemacht wurde, und lächelte jedes Mal, wenn er an Liselotte dachte.
PapaLiselotte hat gesagt, sie kommt nicht, wiederholt Heinrich, während er eine Tasse Wasser einschenkt.
Ich merke, dass sein Herz nicht mehr ganz in Ordnung ist. Heinrich, mach dir keine Sorgen. Wir gehen trotzdem, das ist unser Recht, sage ich ihm.
Nachts mussten wir den Krankenwagen rufen Heinrich war wirklich sehr aufgebracht.
Weißt du was, Lotta? Wir gehen trotzdem zur Hochzeit und gratulieren. Wir haben das Recht, da zu sein, sage ich entschlossen.
Elisabeth wollte das nicht, aber sie sah, dass ihr Mann nicht aufzuhalten war. Das Datum und das Restaurant zu finden, war kein Problem Johann ist ja ein bekannter Typ, und im Internet gibt es alle Details. Ich bat meine Kolleginnen, das OnlineProgramm zu checken, weil wir zu Hause kein WLAN haben.
Wir liehen uns ein schickes Kleid von einer Freundin, kauften Heinrich einen neuen Anzug und fuhren am Tag der Hochzeit nach München in das Restaurant, wo die Feier bereits in vollem Gange war. Gäste jubelten, das Brautpaar strahlte.
Wir schlichen uns leise mit einem Blumenstrauß in die Halle. Als der Moderator fragte, wer noch gratulieren wolle, rief Heinrich laut: Wir wollen!
Der Moderator lächelte und ließ uns zum Brautpaar gehen.
Johann, Liselotte, wir gratulieren euch zur Gründung eurer Familie! Lebt glücklich, und möge eure Zukunft von Wärme und Zusammenhalt geprägt sein. Und vergesst niemals eure Wurzeln, egal wie hoch ihr fliegt, sagte Heinrich, legte den Blumenstrauß auf den Tisch und nahm die Hand seiner Frau.
Johann schaute überrascht zu Liselotte.
Wer sind diese Leute, Liselotte?
Das sind meine Verwandten.
Heinrich versuchte, sie einzuholen.
Bleibt doch noch, ihr könnt ja hier bleiben! Liselotte hat doch gesagt, sie hat keine Familie mehr, seit die Eltern weg sind.
Wie können das sein? Wir leben doch noch!
Seid ihr Liselottes Eltern? Warum hat sie das gesagt?
Sie schämt sich, weil wir simple Leute sind, ohne viel Geld, und nicht zur oberen Gesellschaft gehören. Darum hat sie uns nicht eingeladen.
Entschuldigt bitte, ich wusste das nicht.
Johann, du bist ein guter Mensch. Behandle Liselotte bitte gut.
Keine Sorge, Schwiegermutter. Wir kommen euch besuchen und klären alles.
Doch drei Monate später kam Liselotte immer noch nicht.
Ich hängte die Wäsche im Vorgarten auf, als plötzlich ein Taxi hielt. Liselotte stieg mit einer Tasche aus. Ich hängte weiter die Wäsche.
Mama, hallo. Ich bin da. Freust du dich?
Hallo. Warum bist du hier?
Was meinst du? Ich bin einfach nach Hause gekommen.
Ach so, nach Hause.
Ist Papa im Haus?
Er liegt auf dem Friedhof.
Was soll das?, Mama!
Das ist kein Scherz. Auch wenn du uns schon begraben hast, unser Vater ist vor zwei Monaten gestorben. Er hat den Druck nicht mehr ertragen können. Ich verzeihe dir das nie. Du hast mir meinen Mann und meine Tochter genommen. Geh weg, hier gibt es keinen Platz mehr für dich.
Liselotte ging ins Haus, doch es war still. Das Bett von Heinrich war leer, die Fotos an der Wand verschwunden. Es sah aus, als hätte sie 17 Jahre nicht mehr hier gewohnt.
Mama, ich konnte nicht früher kommen. Johann und ich waren drei Monate im Ausland, auf einer Insel, das Netz war schlecht. Johann hat mich wegen meiner Lüge gezwungen. Und wir werden uns trennen, wir passen einfach nicht zusammen. Ich will ins Ausland gehen, einen Vertrag bei einer Agentur unterschreiben. Das mit Johann hat nicht geklappt.
Leb wohl, Liselotte.
Sie schloss die Tür und ging.
Ich stand da und weinte. Wie konnte das passieren? Sie war früher immer so gut und lieb. Jetzt gibt es keine Tochter mehr. Ich muss mich daran gewöhnen. Vielleicht ist Einsamkeit besser als so ein Verlust.
Ich schau in das Fenster und denke an die Zukunft.
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