Hund kehrt nach drei Monaten zu dem Besitzer zurück, der ihn ausgesetzt hatte: Er hatte nicht damit gerechnet, ihn wiederzusehen.

Andreas band sie an einem Pfahl an einer Autobahnraststätte fest, sechzig Kilometer von zu Hause entfernt. Er hatte bewusst einen weit entfernten Ort gewählt, damit sie den Weg zurück nicht fand. Er band sie fest, stellte eine Schale mit Wasser daneben, setzte sich ins Auto und fuhr los. Er drehte sich nicht um. Er sah nicht in den Rückspiegel. Er drehte das Radio lauter und trat aufs Gas, bis die Raststätte nur noch ein Punkt war und hinter einer Kurve verschwand.

Die Hündin hieß Luna. Ein Deutscher Schäferhund, vier Jahre alt, groß, mit einer dunklen Maske im Gesicht und hellem Brustfell. Klug, folgsam, mit Abstammungsurkunde und bestandener Begleithundprüfung. Ein perfekter Hund. Der nicht mehr gebraucht wurde.

* * *

Andreas Wolff, dreiundvierzig Jahre, Bauingenieur. Seine Frau Selina, Tochter Pia – zwölf Jahre alt. Eine Dreizimmerwohnung im Neubau am Stadtrand. Hypothek, Autokredit, ein Wochenendgrundstück, das sie letztes Jahr angefangen hatten zu bebauen und dann liegen ließen, weil das Geld ausging.

Luna hatten sie vor vier Jahren angeschafft, als alles noch einfacher war. Pia hatte seit der ersten Klasse einen Hund gewollt. Sie malte Schäferhunde in ihre Hefte, schaute Videos über Hundeerziehung, klebte Tierheimannoncen an den Kühlschrank.

Andreas gab am Geburtstag seiner Tochter nach. Er fuhr zum Züchter, suchte einen Welpen aus – den ruhigsten des Wurfs, der in der Ecke saß und ihn mit dunklen, ernsten Augen ansah. Er brachte ihn in einem Karton nach Hause. Pia quietschte vor Glück, Selina lächelte, und selbst Andreas, der nie wirklich einen Hund gewollt hatte, spürte etwas Warmes, als der Welpe ihm die Nase in die Hand drückte.

Das erste Jahr war alles gut. Pia ging nach der Schule mit Luna spazieren, brachte ihr Kommandos bei – „Sitz“, „Platz“, „Hier“. Luna begriff sofort, als hätte sie schon gewusst, was von ihr verlangt wurde. Andreas ging abends nach der Arbeit mit ihr – durch den Park, am Teich entlang, am Spielplatz vorbei. Luna lief neben ihm, ohne Leine, keinen Schritt zurück. Nachbarn sagten: „Was für ein erzogener Hund.“ Andreas nickte und empfand so etwas wie Stolz.

Dann fing es an. Nicht plötzlich, nicht wie ein Einsturz, sondern langsam, wie ein Riss in der Mauer, den man zuerst übersieht.

Selina verlor ihren Job. Drei Monate suchte sie eine neue Stelle, fand keine, wurde nervös, gereizt. Die Hypothek drückte. Das Grundstück mussten sie ruhen lassen. Der Autokredit fraß ein Viertel des Gehalts. Und dann noch Luna – Futter, Impfungen, Tierarzt. Keine riesigen Summen, aber jeden Monat, regelmäßig, wie eine weitere Rechnung.

Selina sprach es als Erste aus.

„Vielleicht geben wir sie vorübergehend weg, bis wir wieder auf eigenen Füßen stehen?“

Andreas schwieg. Pia hörte es, fing an zu weinen, rannte in ihr Zimmer. Das Gespräch endete im Nichts.

Aber Selina kam immer wieder darauf zurück. Beim Abendessen, vor dem Schlafengehen, im Auto. Dieselben Worte in unterschiedlichen Variationen: „Wir können es uns nicht leisten“, „Sie braucht gutes Futter, und wir sparen an uns selbst“, „Ich niese wegen der Haare, ich bekomme eine Allergie.“ Die Allergie gab es nicht. Andreas wusste das. Aber er hatte keine Kraft mehr zu widersprechen.

Eines Abends, als Pia bei einer Freundin auf einer Geburtstagsfeier war, stellte Selina ein Ultimatum.

„Entweder der Hund oder ich. Das ist mir ernst, Andreas. Ich halte das nicht mehr aus. In dieser Wohnung fühle ich mich krank. Haare überall, Geruch, dauernd Gassi gehen. Ich möchte normal leben.“

Andreas saß in der Küche und sah Luna an, die zu seinen Füßen lag und an einem Quietschball kaute. Der Ball quietschte bei jedem Biss. Luna störte das nicht. Überhaupt störte sie wenig.

„Gut“, sagte er.

Es war das einzige Wort, das er an diesem Abend sprach.

Er suchte kein neues Zuhause für sie. Er rief nicht im Tierheim an. Er schrieb keine Anzeigen. Denn er wusste: Wenn er anfinge, würde er es sich anders überlegen. Wenn er sähe, wie Luna fremde Menschen ansah, wie sie die Ohren anlegte, wie sie mit den Augen nach ihm suchte – er würde es nicht können.

Also tat er, was er tat.

Am Samstagmorgen sagte er zu Pia, dass er mit Luna zum Tierarzt zur Vorsorgeuntersuchung fahre. Pia streichelte dem Hund über den Kopf und sagte: „Sei brav.“ Luna leckte ihre Hand.

Andreas ließ Luna ins Auto steigen. Sie sprang selbst hinein, auf den Rücksitz, wie gewohnt. Legte sich hin, die Schnauze auf die Pfoten, und sah aus dem Fenster. Er fuhr schweigend. Er schaltete das Radio erst ein, als er die Stadt verlassen hatte.

An der Raststätte hielt er an. Stieg aus, öffnete die hintere Tür. Luna sprang heraus, wedelte mit dem Schwanz – sie dachte, es gäbe einen Spaziergang. Er band die Leine an den Metallpfahl neben dem Müllcontainer. Stellte die Schale hin. Füllte Wasser ein. Luna setzte sich und sah ihn an. Sie winselte nicht. Sie wartete.

Andreas richtete sich auf. Er sah sie an. Ein einziges Mal – lange, vielleicht fünf Sekunden, vielleicht zehn. Dann drehte er sich um, stieg ins Auto und fuhr los.

Er sah nicht in den Rückspiegel. Später dachte er oft darüber nach. Er hätte nachschauen können. Er hätte sehen können, wie sie ihm nachstürzte, wie die Leine sich spannte, wie sie sich wieder hinsetzte und dem Auto nachsah. Aber er tat es nicht. Weil er Angst hatte.

Zu Hause kam er zum Mittagessen an. Selina fragte: „Na?“ Er antwortete: „Erledigt.“ Sie nickte und ging ins Schlafzimmer. Pia kam am Abend zurück und bemerkte es sofort.

„Papa, wo ist Luna?“

„Ich … habe eine gute Familie für sie gefunden. Mit Kindern. Ein Haus im Grünen, ein großer Garten. Dort wird es ihr besser gehen.“

„Welche Familie?! Wir sind ihre Familie! Papa, was hast du getan?!“

Sie schrie, weinte, knallte mit den Türen. Dann schloss sie sich in ihrem Zimmer ein und kam bis zum nächsten Morgen nicht heraus. Selina saß in der Küche und schwieg. Andreas saß im anderen Zimmer und schwieg ebenfalls. Luna lag angebunden an einem Pfahl, sechzig Kilometer entfernt, und wartete.

Ein Monat verging. Dann zwei. Dann drei.

Die Wohnung wurde sauberer. Keine Haare mehr auf dem Sofa, auf dem Teppich, auf der Kleidung. Kein Geruch. Der Quietschball, die Leine, die Schüsseln – alles wurde in die Abstellkammer geräumt, und dann brachte Selina den Müllsack zum Container. Andreas sah den Sack am Müllschlucker, als er aus dem Aufzug trat. Er blieb stehen. Stand. Ging weiter.

Selina fand einen Job – Verkäuferin in einem Sanitärgeschäft, im Zweischichtsystem. Sie hörte auf, über Geld zu reden. Kaufte sich neue Schuhe und ging zum Friseur. Das Leben, fand sie, war wieder in Ordnung.

Pia hörte auf zu weinen, aber sie hörte auch auf, mit ihrem Vater zu reden. Sie war nicht unhöflich, knallte keine Türen. Sie antwortete nur kurz – „ja“, „nein“, „geht so“ – und verschwand in ihr Zimmer. Beim Abendessen saß sie schweigend da und stocherte mit der Gabel im Essen. Vor dem Schlafengehen kam sie nicht mehr, um gute Nacht zu sagen, wie früher. Die Tür zu ihrem Zimmer war immer geschlossen.

Andreas bemerkte es. Jeden Tag bemerkte er es. Und jeden Tag spürte er, wie etwas in ihm, unter den Rippen, zog und zog. Es ließ ihn nicht los.

Er begann um fünf Uhr morgens aufzuwachen – aus Gewohnheit, zur Zeit des ersten Gassigehens. Er lag im Dunkeln und lauschte der Stille. Früher hatte Luna dann schon am Bett gestanden und leise gefiept, ihm die Nase an die Hand gestoßen. Jetzt war es still.

Einmal, im Supermarkt, ging er am Regal mit Hundefutter vorbei und blieb stehen. Er stand eine Minute da, vielleicht zwei. Dann drehte er sich um und ging zur Kasse. Die Kassiererin fragte: „Brauchen Sie eine Tüte?“ Er hörte sie beim ersten Mal nicht.

Er dachte jeden Tag an Luna. Lebte sie noch? Hatte sie jemand an der Raststätte gefunden? Dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen. Er kam nachts um drei, wenn das ganze Haus schlief, setzte sich neben ihn und ging nicht fort bis zum Morgengrauen.

Im September fuhr Andreas zu jener Raststätte. Warum, wusste er selbst nicht. Vielleicht um sich zu überzeugen, dass der Hund nicht mehr da war. Dass ihn jemand mitgenommen, ihm ein neues Leben gegeben hatte.

Der Pfahl stand noch. Keine Schale da. Keine Leine. Niemand da.

Er fragte einen Angestellten der Raststätte – einen jungen Mann in einer roten Jacke.

„Haben Sie einen Hund gesehen? Einen Schäferhund? Angebunden hier, im Sommer.“

Der zuckte mit den Schultern.

„Da war einer, letzten Sommer. Saß drei Tage lang, dann riss er sich los und rannte weg. Ich hab nicht gesehen, wohin. Meine Schicht war vorbei, am Morgen war er nicht mehr da.“

Drei Tage. Drei Tage hatte sie gewartet.

Andreas setzte sich ins Auto und saß lange da, ohne den Motor zu starten. Die Hände auf dem Lenkrad. Die Stirn auf den Händen. Er weinte nicht. Er saß nur da.

Sonntag. Regen von morgens an, fein, kalt, unangenehm. Andreas ging zum Eckladen, um Brot zu holen. Er lief schnell, den Kragen hochgeschlagen, über Pfützen springend.

Vor dem Haus blieb er stehen. Denn vor der Tür, direkt auf dem nassen Beton, lag ein Hund.

Abgemagert. Schmutzig. Mit verfilzten Fellfetzen. Das linke Ohr eingerissen, an der Seite eine lange Kratzwunde, mit Krusten bedeckt. Die Rippen traten so hervor, dass man sie zählen konnte. Die Pfoten schmutzig, abgerieben, mit rissigen Ballen.

Aber das Gesicht. Die dunkle Maske, das helle Brustfell. Und die Augen. Dieselben – dunkel, ernst, die er vor vier Jahren beim Züchter gesehen hatte.

Luna.

Sie lag vor seiner Tür. War sechzig Kilometer zurückgelegt – über die Autobahn, durch Felder, durch Dörfer, durch Wälder, an anderen Menschen vorbei.

Und sie war hierhergekommen. Zu ihm. Zu dem Mann, der sie an einen Pfahl gebunden und weggefahren war.

Andreas stand und starrte. Die Brottüte fiel ihm aus der Hand. Er bemerkte es nicht.

Luna hob den Kopf. Sie sah ihn. Der Schwanz zuckte. Einmal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Sie versuchte aufzustehen, aber die Vorderpfoten rutschten auf dem nassen Beton weg. Sie verharrte. Stand auf. Taumelnd, auf zitternden Beinen, die abgescheuerten Pfoten schwer verlegend, machte sie zwei Schritte und stieß ihm die Nase gegen das Knie. Genau gegen das Knie. Wie jeden Abend, wenn er von der Arbeit kam und im Flur stand, um die Schuhe auszuziehen.

Andreas ließ sich auf die Knie fallen, direkt auf den nassen Beton. Er schlang die Arme um den Hund. Luna drückte sich an ihn, den ganzen schmutzigen, nassen, abgemagerten, zitternden Körper. Sie winselte nicht. Sie drückte sich nur an ihn und stand da. Und atmete schwer, heiser in seinen Hals.

Er weinte. Auf den Knien, in einer Pfütze, vor den Augen des ganzen Hofes. Er weinte, wie er nicht einmal auf der Beerdigung seiner Mutter geweint hatte. Die Tränen kamen lautlos, ohne Ton, liefen ihm nur über die Wangen und tropften auf das schmutzige Fell.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Es tut mir leid. Verzeih mir.“

Luna leckte ihm über die Wange. Mit der nassen, warmen Zunge.

Im Aufzug drückte sie sich an sein Bein und zitterte fein.

Selina öffnete die Tür. Sie sah es. Wurde blass.

„Andreas, das ist …“

„Das ist Luna“, sagte er. Und seine Stimme klang so, dass Selina zurücktrat und nichts weiter sagte.

Aus dem Zimmer rannte Pia. Sie sah den Hund. Blieb im Flur stehen. Dann ließ sie sich langsam, wie im Traum, auf den Boden sinken und streckte die Arme aus.

„Luna … Luna …“

Der Hund ging zu ihr. Pia umarmte ihn, vergrub ihr Gesicht im schmutzigen Fell und weinte. Laut, schluchzend.

Andreas stand im Flur und sah seine Tochter und den Hund an. Dann ging er in die Küche, holte einen Topf aus dem Schrank, füllte Wasser, stellte ihn auf den Boden. Luna trank lange, gierig, planschte dabei. Er öffnete den Kühlschrank, fand Hähnchenbrust, wärmte sie auf, zerteilt sie in Stücke und legte sie auf einen Teller. Die Hundeschüssel gab es schon lange nicht mehr im Haus.

Luna fraß langsam. Sorgfältig, wie immer. Dann legte sie sich zu seinen Füßen auf den Boden.

Selina stand in der Küchentür, die Arme verschränkt, und schwieg. Die Lippen zusammengepresst, das Gesicht weiß. Dann sagte sie leise:

„Sie ist doch ganz krank. Sieh sie dir an. Sie braucht einen Tierarzt.“

„Morgen früh fahren wir in die Klinik. Jetzt soll sie essen und sich ausruhen.“

Selina schwieg. Sie sah Luna an, die zu Andreas‘ Füßen lag und schwer atmete. Dann nickte sie und ging ins Schlafzimmer. Kein Wort über Haare. Kein Wort über Geruch. Kein Wort über die Allergie, die es nie gegeben hatte. Vielleicht hatte auch sie in diesen drei Monaten etwas begriffen. Vielleicht hatte sie gesehen, was aus ihrer Tochter geworden war. Vielleicht hatte sie gesehen, was aus ihrem Mann geworden war. Oder vielleicht hatte sie dem Hund einfach in die Augen geschaut und nichts zu sagen gewusst.

Pia brachte aus ihrem Zimmer eine Decke. Legte sie in die Ecke des Flurs. Luna kroch auf die Decke und rollte sich zusammen. Pia legte sich daneben, direkt auf den Boden, den Arm um den Hund. Andreas deckte beide mit einer zweiten Decke zu.

Dann ging er auf den Balkon. Der Regen hatte aufgehört. Es roch nach nassem Laub und Erde. Ein Oktoberabend, dunkel, mit gelben Laternen entlang des Hofes.

Er holte sein Handy heraus. Öffnete den Browser. Tippte ein: „Tierklinik 24h Notdienst“. Er fand die Nummer, speicherte sie. Dann tippte er: „Futter für unterernährte Hunde“. Dann: „Wie behandelt man Wunden bei Hunden zu Hause?“

Aus dem Zimmer kam Pias Stimme. Sie sprach mit Luna. Etwas über die Schule, über eine Freundin, darüber, dass sie morgen Gassi gehen würden, aber nur kurz, damit sie nicht zu müde würde. Luna hörte zu. Sie hatte immer gut zuhören können.

Andreas schloss das Handy. Kehrte in den Flur zurück. Setzte sich auf den Boden neben seine Tochter und den Hund. Legte seine Hand auf Luna. Unter der Handfläche spürte er die Rippen, die warme Haut, den unregelmäßigen Atem.

„Nie wieder“, sagte er. Nicht zu Pia, nicht zu Selina, nicht zu sich selbst. Zu Luna. „Hörst du? Nie wieder.“

Luna öffnete die Augen. Sah ihn an. Dieselben Augen – dunkel, ernst, ohne Vorwurf. Sie wedelte mit dem Schwanz. Einmal, ganz kurz. Und schloss die Augen wieder.

Sie hatte ihm vergeben, noch bevor er ausgesprochen hatte.

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Homy
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Hund kehrt nach drei Monaten zu dem Besitzer zurück, der ihn ausgesetzt hatte: Er hatte nicht damit gerechnet, ihn wiederzusehen.
WIR HABEN SIE ALLE VERURTEILT Mila stand weinend in der Kirche – schon seit fünfzehn Minuten. Für mich war das überraschend. „Was macht diese Tussi hier?“, dachte ich. Genau sie hätte ich hier am allerwenigsten erwartet. Wir kannten uns nicht persönlich, aber ich sah sie oft. Wir wohnen im gleichen Haus, gehen im selben Park spazieren. Ich – mit meinen vier Kindern, sie – mit ihren drei Hunden. Wir alle haben sie immer verurteilt. Wir – das sind ich, die anderen Mütter mit ihren Kindern, die Omas auf den Bänken, die Nachbarn und vermutlich sogar die Passanten. Mila sah immer großartig aus, war modisch gekleidet und schien leichtlebig und selbstbewusst. — Hat schon wieder den Kerl gewechselt, — nörgelte Oma Gertrud auf der Bank vor dem Haus. — Schon den dritten. — Kann sich’s ja leisten, hat ja Geld wie Heu, — stimmte ihre Freundin Frieda zu, während sie neidisch zusah, wie Mila mit dem nächsten „Freund“ in ihre teure ausländische Karre stieg. Friedas Sohn Uwe, 45 Jahre alt, hat es noch nicht mal zu einem gebrauchten Golf gebracht. — Besser wäre, sie würde mal Kinder kriegen, die biologische Uhr tickt schließlich, — mischte sich Opa Heinz ein, sonst immer Gegenpart zu den Omas, aber beim Urteil über Mila waren sie sich einig. Später wurde auf der Bank hämisch getratscht, dass auch der neueste „Typ“ abgehauen sei. „Kein Wunder, die ist halt ’ne Schlampe! Und bei ihr zuhause stinkt’s bestimmt nach Hund!“, war das Fazit. Am meisten mochte sie aber keine von uns – wir Mütter. Während wir – halb verrückt – unseren Kindern hinterherjagten, von Rutsche zu Schaukel, von Busch zu Mülltonne, spazierte sie seelenruhig mit ihren „Kötern“ vorbei und grinste manchmal sogar leicht schadenfroh. So nach dem Motto: Selber Schuld, wenn ihr euch mit dem Nachwuchs abmüht! Ich genieße mein Leben! Und ihr rechnet, ob’s für Marias neue Jacke reicht oder ob die Schuhe noch warten müssen. „Man sieht sofort – die ist garantiert Kinderfrei. Die sind alle so!“, sagte meine Freundin Anja, Mutter von drei Jungs. „Reiche Leute und ihre Spleens – Hund, Katze, Hamster“, bestätigte die mit Zwillingen schwangere Steffi, während sie versuchte, ihre älteste Tochter vom Baum zu holen. „Die will nur Spaß und Reisen, bloß kein Stress. Ich hab seit sieben Jahren keinen Strand mehr gesehen“, seufzte Fünffach-Mama Martina. „Stimmt, stimmt, stimmt“, stimmte ich allen zu, inklusive den Omas auf dem Hof. Und rannte, um meine weinende Marie aufzuheben. „Sie sollte lieber mal Kinder kriegen, statt so viele Hunde zu halten“, rief eine Oma mal laut hinterher. „Kümmert euch um euer eigenes Leben!“, fuhr Mila sie an, wollte noch mehr sagen, schluckte es aber runter und verschwand mit ihren „nervigen Hunden“. „Unverschämt!“, keifte die Oma zurück. …Ich sah Mila noch einen Moment weinend in der Kirche stehen. Dann verließ ich das Gotteshaus. „Warten Sie!“, hörte ich plötzlich hinter mir. „Bitte, warten Sie.“ Mila kam auf mich zu. „Sie sind doch die, die immer mit den vier Mädchen im Park ist?“ „Ja – und Sie mit den drei Hunden.“ „Genau. Darf ich Sie kurz sprechen? Wissen Sie, ich bewundere Sie immer mit Ihren Töchtern, und all die anderen Mütter…“, sagte sie – und errötete. „Sie?!?“ Ich war baff. Am liebsten hätte ich gesagt: „Sie, die doch kinderlos, egoistisch und eingebildet ist!“ Mir kamen ihre „spöttischen“ Blicke in den Sinn… So lernten wir uns kennen. Wir setzten uns auf eine Bank. Mila erzählte… und weinte. Man sah, wie dringend sie jemanden zum Reden brauchte… …Mila wuchs in einer liebevollen Familie auf, wollte immer viele Kinder. Heiratete aus Liebe, erlitt aber zwei Fehlgeburten. Die Ärzte sagten „unfruchtbar“. Ihr Mann verschwand darum schnell. Auch der zweite Ehemann verließ sie aus demselben Grund, doch vorher folgten jahrelange Behandlungen – fast hätte Mila eine Eileiterschwangerschaft nicht überlebt. Dann kam ein dritter „Freund” – und wieder eine Eileiterschwangerschaft. Der Mann verschwand, sobald das Thema Kind auftauchte. Ihm gefiel Milas Auto, ihr Verdienst, aber ein Kind wollte er nicht. „Ich hätte alles gegeben, um ein Baby zu bekommen!“ „Ich dachte, Sie lieben Hunde“, sagte ich hilflos. „Ja, ich liebe Hunde“, lächelte Mila. „Aber das heißt nicht, dass ich keine Kinder liebe.“ Um nicht so allein zu sein, holte sie sich Teo, dann Mike (den ihr Bekannte vorübergehend da ließen – der blieb dann einfach). Fenja, den dritten Hund, nahm Mila als Welpen im Winter von der Straße mit. Sie konnte ihn nicht leiden lassen. „So eine Hundezucht, sie sollte lieber ein Kind bekommen“, kam mir der Spruch der Oma wieder in den Sinn. „Die Uhr tickt…“, höhnte Opa Heinz. Die Uhr tickte tatsächlich… Mila war bereits 41, sah aber keine 30 aus. Sie entschied: Sie will ein Kind adoptieren. Egal wie alt. Ihr gefiel besonders Kolja, sechs Jahre alt – oder besser gesagt, er mochte sie. „Wirst du meine Mama?“ fragte er. „Ja, werde ich!“, antwortete sie. Doch Kolja durfte nicht zu ihr – seine Mutter, psychisch krank, hatte ihre Rechte noch nicht verloren. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnerte sie sich. „Das Kind braucht eine Familie – und nichts kann getan werden.“ Dann kam Lena, vier Jahre alt. Schon zweimal adoptiert, beide Male zurückgegeben – zu wild, zu schwierig. Jemand im Heim erzählte: Als die zweite „Mama“ sie zurückbrachte, kroch Lena weinend auf Knien hinterher und flehte: „Mama, bitte gib mich nicht wieder ab! Ich verspreche, ich bin brav!“ Als Mila sie kennenlernte, fragte Lena gleich: „Gibst du mich auch wieder weg?“ „Niemals!“, brachte Mila unter Tränen hervor. Mit der Adoption gab es wieder Probleme. Mila sagte nicht, welche. „Aber das ist meine Tochter, für sie werde ich kämpfen!“ An diesem Tag war Mila zum allerersten Mal in der Kirche. „Ich wusste einfach nicht mehr wohin!“, sagte sie. Der Pastor kam, sie redeten lange, und Mila schrieb sich etwas auf. „Es wird alles gut! Mit Gottes Hilfe!“, hörte ich ihn sagen. Und Mila lächelte… Wir gingen zusammen heim. „Sie denken sicher, ich bin arrogant und eingebildet“, sagte Mila. „Aber ich kann einfach nicht mehr jedem alles erklären. Ich bin einfach erschöpft – von all den Urteilen…“ Ich schwieg. Mila lud mich ein, mal mit meinen Mädchen und den Hunden zu ihr zu kommen. Ich sagte zu. Und das werde ich auch tun – nur etwas später. Im Moment schäme ich mich einfach sehr. Und ich frage mich: Warum ist so viel Unsympathie in uns? Warum denken wir immer das Schlechteste über einen Menschen? Und ich wünsche mir so sehr, dass bei Mila, dieser außergewöhnlichen Frau, die wir alle so verurteilt haben, am Ende alles gut wird. Dass Lena sie umarmt, an sich drückt und sagt: „Mama!“ – in dem Wissen, dass sie nie wieder weggegeben wird. Und dass Teo, Mike und Fenja fröhlich um sie herumspringen… Vielleicht geschieht ja doch ein Wunder, und Mila findet einen guten, echten Mann. Und Lena bekommt ein Geschwisterchen. Solche Wunder gibt es doch, oder? Und möge niemand von ihnen je wieder ein schlechtes Wort hören müssen…