WIR HABEN SIE ALLE VERURTEILT Mila stand weinend in der Kirche – schon seit fünfzehn Minuten. Für mich war das überraschend. „Was macht diese Tussi hier?“, dachte ich. Genau sie hätte ich hier am allerwenigsten erwartet. Wir kannten uns nicht persönlich, aber ich sah sie oft. Wir wohnen im gleichen Haus, gehen im selben Park spazieren. Ich – mit meinen vier Kindern, sie – mit ihren drei Hunden. Wir alle haben sie immer verurteilt. Wir – das sind ich, die anderen Mütter mit ihren Kindern, die Omas auf den Bänken, die Nachbarn und vermutlich sogar die Passanten. Mila sah immer großartig aus, war modisch gekleidet und schien leichtlebig und selbstbewusst. — Hat schon wieder den Kerl gewechselt, — nörgelte Oma Gertrud auf der Bank vor dem Haus. — Schon den dritten. — Kann sich’s ja leisten, hat ja Geld wie Heu, — stimmte ihre Freundin Frieda zu, während sie neidisch zusah, wie Mila mit dem nächsten „Freund“ in ihre teure ausländische Karre stieg. Friedas Sohn Uwe, 45 Jahre alt, hat es noch nicht mal zu einem gebrauchten Golf gebracht. — Besser wäre, sie würde mal Kinder kriegen, die biologische Uhr tickt schließlich, — mischte sich Opa Heinz ein, sonst immer Gegenpart zu den Omas, aber beim Urteil über Mila waren sie sich einig. Später wurde auf der Bank hämisch getratscht, dass auch der neueste „Typ“ abgehauen sei. „Kein Wunder, die ist halt ’ne Schlampe! Und bei ihr zuhause stinkt’s bestimmt nach Hund!“, war das Fazit. Am meisten mochte sie aber keine von uns – wir Mütter. Während wir – halb verrückt – unseren Kindern hinterherjagten, von Rutsche zu Schaukel, von Busch zu Mülltonne, spazierte sie seelenruhig mit ihren „Kötern“ vorbei und grinste manchmal sogar leicht schadenfroh. So nach dem Motto: Selber Schuld, wenn ihr euch mit dem Nachwuchs abmüht! Ich genieße mein Leben! Und ihr rechnet, ob’s für Marias neue Jacke reicht oder ob die Schuhe noch warten müssen. „Man sieht sofort – die ist garantiert Kinderfrei. Die sind alle so!“, sagte meine Freundin Anja, Mutter von drei Jungs. „Reiche Leute und ihre Spleens – Hund, Katze, Hamster“, bestätigte die mit Zwillingen schwangere Steffi, während sie versuchte, ihre älteste Tochter vom Baum zu holen. „Die will nur Spaß und Reisen, bloß kein Stress. Ich hab seit sieben Jahren keinen Strand mehr gesehen“, seufzte Fünffach-Mama Martina. „Stimmt, stimmt, stimmt“, stimmte ich allen zu, inklusive den Omas auf dem Hof. Und rannte, um meine weinende Marie aufzuheben. „Sie sollte lieber mal Kinder kriegen, statt so viele Hunde zu halten“, rief eine Oma mal laut hinterher. „Kümmert euch um euer eigenes Leben!“, fuhr Mila sie an, wollte noch mehr sagen, schluckte es aber runter und verschwand mit ihren „nervigen Hunden“. „Unverschämt!“, keifte die Oma zurück. …Ich sah Mila noch einen Moment weinend in der Kirche stehen. Dann verließ ich das Gotteshaus. „Warten Sie!“, hörte ich plötzlich hinter mir. „Bitte, warten Sie.“ Mila kam auf mich zu. „Sie sind doch die, die immer mit den vier Mädchen im Park ist?“ „Ja – und Sie mit den drei Hunden.“ „Genau. Darf ich Sie kurz sprechen? Wissen Sie, ich bewundere Sie immer mit Ihren Töchtern, und all die anderen Mütter…“, sagte sie – und errötete. „Sie?!?“ Ich war baff. Am liebsten hätte ich gesagt: „Sie, die doch kinderlos, egoistisch und eingebildet ist!“ Mir kamen ihre „spöttischen“ Blicke in den Sinn… So lernten wir uns kennen. Wir setzten uns auf eine Bank. Mila erzählte… und weinte. Man sah, wie dringend sie jemanden zum Reden brauchte… …Mila wuchs in einer liebevollen Familie auf, wollte immer viele Kinder. Heiratete aus Liebe, erlitt aber zwei Fehlgeburten. Die Ärzte sagten „unfruchtbar“. Ihr Mann verschwand darum schnell. Auch der zweite Ehemann verließ sie aus demselben Grund, doch vorher folgten jahrelange Behandlungen – fast hätte Mila eine Eileiterschwangerschaft nicht überlebt. Dann kam ein dritter „Freund” – und wieder eine Eileiterschwangerschaft. Der Mann verschwand, sobald das Thema Kind auftauchte. Ihm gefiel Milas Auto, ihr Verdienst, aber ein Kind wollte er nicht. „Ich hätte alles gegeben, um ein Baby zu bekommen!“ „Ich dachte, Sie lieben Hunde“, sagte ich hilflos. „Ja, ich liebe Hunde“, lächelte Mila. „Aber das heißt nicht, dass ich keine Kinder liebe.“ Um nicht so allein zu sein, holte sie sich Teo, dann Mike (den ihr Bekannte vorübergehend da ließen – der blieb dann einfach). Fenja, den dritten Hund, nahm Mila als Welpen im Winter von der Straße mit. Sie konnte ihn nicht leiden lassen. „So eine Hundezucht, sie sollte lieber ein Kind bekommen“, kam mir der Spruch der Oma wieder in den Sinn. „Die Uhr tickt…“, höhnte Opa Heinz. Die Uhr tickte tatsächlich… Mila war bereits 41, sah aber keine 30 aus. Sie entschied: Sie will ein Kind adoptieren. Egal wie alt. Ihr gefiel besonders Kolja, sechs Jahre alt – oder besser gesagt, er mochte sie. „Wirst du meine Mama?“ fragte er. „Ja, werde ich!“, antwortete sie. Doch Kolja durfte nicht zu ihr – seine Mutter, psychisch krank, hatte ihre Rechte noch nicht verloren. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnerte sie sich. „Das Kind braucht eine Familie – und nichts kann getan werden.“ Dann kam Lena, vier Jahre alt. Schon zweimal adoptiert, beide Male zurückgegeben – zu wild, zu schwierig. Jemand im Heim erzählte: Als die zweite „Mama“ sie zurückbrachte, kroch Lena weinend auf Knien hinterher und flehte: „Mama, bitte gib mich nicht wieder ab! Ich verspreche, ich bin brav!“ Als Mila sie kennenlernte, fragte Lena gleich: „Gibst du mich auch wieder weg?“ „Niemals!“, brachte Mila unter Tränen hervor. Mit der Adoption gab es wieder Probleme. Mila sagte nicht, welche. „Aber das ist meine Tochter, für sie werde ich kämpfen!“ An diesem Tag war Mila zum allerersten Mal in der Kirche. „Ich wusste einfach nicht mehr wohin!“, sagte sie. Der Pastor kam, sie redeten lange, und Mila schrieb sich etwas auf. „Es wird alles gut! Mit Gottes Hilfe!“, hörte ich ihn sagen. Und Mila lächelte… Wir gingen zusammen heim. „Sie denken sicher, ich bin arrogant und eingebildet“, sagte Mila. „Aber ich kann einfach nicht mehr jedem alles erklären. Ich bin einfach erschöpft – von all den Urteilen…“ Ich schwieg. Mila lud mich ein, mal mit meinen Mädchen und den Hunden zu ihr zu kommen. Ich sagte zu. Und das werde ich auch tun – nur etwas später. Im Moment schäme ich mich einfach sehr. Und ich frage mich: Warum ist so viel Unsympathie in uns? Warum denken wir immer das Schlechteste über einen Menschen? Und ich wünsche mir so sehr, dass bei Mila, dieser außergewöhnlichen Frau, die wir alle so verurteilt haben, am Ende alles gut wird. Dass Lena sie umarmt, an sich drückt und sagt: „Mama!“ – in dem Wissen, dass sie nie wieder weggegeben wird. Und dass Teo, Mike und Fenja fröhlich um sie herumspringen… Vielleicht geschieht ja doch ein Wunder, und Mila findet einen guten, echten Mann. Und Lena bekommt ein Geschwisterchen. Solche Wunder gibt es doch, oder? Und möge niemand von ihnen je wieder ein schlechtes Wort hören müssen…

WIR HABEN SIE ALLE VERURTEILT

Ich stand heute im Dom und beobachtete, wie Mila weinte. Schon seit einer Viertelstunde. Es überraschte mich wirklich. Was hat denn diese Tussi hier zu suchen?, fragte ich mich. Gerade sie hatte ich in einer Kirche am wenigsten erwartet.

Ich kannte Mila eigentlich nicht persönlich, aber ich sah sie ständig. Wir wohnen im selben Haus und gehen oft im gleichen Park spazieren. Ich mit meinen vier Kindern, sie mit ihren drei Hunden.

Wir alle haben Mila immer beurteilt. Wir das sind ich, die anderen Mütter mit ihren Kindern, die älteren Damen auf den Parkbänken, die Nachbarn und wahrscheinlich sogar die Passanten.

Mila war eine wirklich attraktive Frau, immer modisch gekleidet, scheinbar etwas oberflächlich und sehr selbstbewusst.

Schau mal, schon wieder ein neuer Kerl, murmelte Oma Trude auf ihrem Stammplatz vor dem Haus, wenn Mila mit einem neuen Freund im Arm in ihren teuren Audi einstieg.
Ist schon der Dritte, pflichtete ihr ihre Freundin Else beipflichtend zu und warf einen neidischen Blick auf das teure Auto. Elses Sohn, der 45-jährige Bernd, konnte sich bisher nicht einmal einen gebrauchten VW leisten.
Sie sollte lieber endlich Kinder bekommen, die Uhr tickt, mischte sich Opa Heinrich ein, der ansonsten immer Widerworte gab. Doch beim Thema Mila waren sich alle einig.

Später wurde auf der Bank voller Schadenfreude getratscht, dass auch dieser Freund schon wieder weg war, mit der weisen Schlussfolgerung: Na klar, Schlampe eben! Und bei ihr zu Hause stinkts bestimmt nach Hund!

Aber am schärfsten war unser Urteil: Wir Mütter mit Kindern.

Während wir uns abhetzten, um unsere Kinder von Rutschen, Schaukeln, Büschen, Mülltonnen und unvorhersehbaren Abenteuern fernzuhalten, schlenderte Mila entspannt mit ihren Kötern daher und schien alles locker zu nehmen. Und manchmal sah es so aus, als ob sie uns mit einem spöttischen Lächeln ansah. So nach dem Motto: Ihr habt euch Kinder angetan, viel Spaß dabei. Ich genieße lieber mein Leben. Während ihr euch fragt, ob das Geld für Annas Winterjacke und neue Stiefel reicht, oder ob die Stiefel warten müssen.

Sieht man gleich, dass sie keine Kinder will, sagte meine Freundin Tatjana, Mutter von drei Jungen.
Die Reichen und ihre Macken Hunde, Katzen, Meerschweinchen, meinte Lisa, mit Zwillingen schwanger, während sie versuchte, ihre älteste Tochter von einem Baum zu holen.
Pure Egoistin, die will sich einfach nicht um Kinder kümmern, sondern lieber auf Reisen gehen. Und ich habe das Meer schon sieben Jahre nicht gesehen, stöhnte Marina, fünffache Mutter.
Ja, ja, stimmt, stimmte ich eifrig allen zu, auch den alten Damen vor dem Haus. Und rannte dann wieder zu meiner schreienden Tochter Johanna, die sich das Knie aufgeschlagen hatte.

Hält hier einen ganzen Hundehof, sollte lieber ein Kind bekommen, rief eines Tages eine Oma mit ihrem Enkel ziemlich laut.

Das geht Sie gar nichts an! fuhr Mila sie scharf an. Sie wollte weiterreden, aber biss sich auf die Lippe und ging schweigend mit ihren, zugegeben, wirklich ziemlich lauten Hunden weiter.

Unverschämt, rief die Dame ihr hinterher.

…Ich starrte immer noch auf die weinende Mila im Dom, dann verließ ich das Gotteshaus.

Warten Sie! hörte ich plötzlich hinter mir. Moment, bitte!

Mila lief mir auf dem Kirchengelände nach.

Sind Sie nicht die Frau, die immer mit vier Mädchen im Park spazieren geht?

Ja Und Sie mit den drei Hunden.

Genau. Darf ich etwas fragen? Sehen Sie, ich beobachte Sie und Ihre Töchter oft, auch die anderen Mütter und bin immer ganz gerührt, gestand sie und errötete.

Sie?! Ich war ehrlich überrascht. Und musste mich beherrschen, nicht zu sagen: Also, Sie doch nicht Sie, die Egoistin! Ich dachte an ihre scheinbar ironischen Blicke

So lernten wir uns kennen. Wir setzten uns auf eine Bank. Mila redete und weinte. Ich sah, wie sehr sie jemanden brauchte, dem sie sich anvertrauen konnte

…Mila wuchs in einer liebevollen Familie auf. Seit sie denken kann, wollte sie selbst viele Kinder. Sie heiratete aus Liebe. Doch nach zwei Fehlgeburten und der Diagnose Unfruchtbarkeit verschwand ihr geliebter Mann schnell.

Aus ähnlichem Grund ging auch der zweite Partner. Mila versuchte lange, eine Lösung zu finden, bis sie fast an einer Eileiterschwangerschaft starb.

Dann kam der dritte Freund. Und wieder eine Eileiterschwangerschaft. Aber der verschwand sofort, als er nur vom Thema Kind hörte. Ihm gefiel Milas schönes Auto, dass sie so erfolgreich war, aber Kinder passten nicht in seine Pläne.

Ich hätte alles gegeben, um endlich ein eigenes Kind zu haben!

Ich dachte, Sie mögen einfach Hunde, sagte ich etwas verlegen.

Ja, Hunde liebe ich wirklich, lächelte Mila. Aber das heißt doch nicht, dass ich Kinder nicht liebe.

Um sich weniger einsam zu fühlen, holte sich Mila Lena, eine aufgeweckte Labradorhündin aus dem Tierheim. Dann baten Bekannte sie, auf Max aufzupassen, solange sie die Wohnung renovierten. Er blieb für immer. Fritzi, ihren kleinen Mischling, fand Mila im Winter halb erfroren auf der Straße. Sie konnte ihn einfach nicht zurücklassen.

Hunde statt Kinder, dachte ich an die Bemerkung der Großmutter mit ihrem Enkel zurück.

Die Uhr tickt, hörte ich Opa Heinrichs Worte nachhallen.

Die Uhr tickte wirklich. Mila war bereits einundvierzig, sah aber höchstens wie Mitte dreißig aus.

Schließlich entschied sie sich, ein Kind aus dem Heim aufzunehmen. Groß oder klein, völlig egal. Sie hatte ein gutes Gefühl bei dem sechsjährigen Paul. Oder besser: Zuerst hatte Paul ein gutes Gefühl bei Mila. Er trat zu ihr und fragte: Willst du meine Mama sein? Ja, antwortete sie ohne Zögern.

Egoistin!, erinnerte ich mich an Marinas Seufzen.

Doch Paul gab man Mila nicht. Die leibliche Mutter war schizophren, aber nicht entmündigt. Mila erzählte:

Das hat mir das Herz gebrochen. Ich verstehe es nicht Ein Kind braucht doch dringend eine Familie.

Dann tauchte die vierjährige Leonie auf. Das Mädchen war schon zweimal zurückgebracht worden, ihr Temperament war einfach zu wild.

Einmal erzählte jemand, wie Leonie am Rock der zweiten Mutter hing und schrie: Mama, gib mich nicht wieder weg! Ich machs ab jetzt besser!

Als Mila sie kennenlernte, fragte sie Leonie sofort: Gibst du mich auch wieder zurück? Niemals!, presste Mila unter Tränen hervor.

Aber bei der Adoption von Leonie gab es wieder Probleme. Mila wollte nicht ins Detail gehen. Sie ist meine Tochter, und ich werde kämpfen!

An diesem Tag war Mila zum ersten Mal im Leben in der Kirche. Ich wusste einfach nicht mehr, wo ich noch hingehen sollte., sagte sie.

Ein Pfarrer kam und sprach lange mit ihr. Mila schrieb sich etwas auf.

Es wird sich alles fügen! Mit Gottes Hilfe! hörte ich seine Worte, und ich sah, wie Mila endlich lächelte

Wir gingen gemeinsam nach Hause.

Sie denken bestimmt, ich sei arrogant und überheblich, sagte Mila auf dem Weg. Aber ich habe einfach keine Kraft mehr, immer wieder alles zu erklären. Und ich musste mir schon so viel anhören

Ich schwieg.

Mila lud mich ein, mal mit den Kindern und Hunden bei ihr vorbeizuschauen zum Spielen. Ich versprach, es zu tun. Und ich werde es wirklich tun. Aber nicht gleich.

Vorher muss ich mich meiner Scham stellen.

Und ich frage mich die ganze Zeit: Woher kommt all dieser Dreck in uns? In mir? Warum ist es so leicht, über eine Person Schlechtes zu denken?

Ich wünsche Mila, dieser besonderen Frau, die wir alle verurteilt haben, dass alles gut wird. Dass Leonie sie umarmt, sich an sie schmiegt, Mama! sagt und weiß, dass nun niemand mehr sie wegschickt. Und dass Lenas, Max’ und Fritzis tapsige Pfoten fröhlich durchs Wohnzimmer rennen.

Vielleicht geschieht sogar ein Wunder und Mila findet einen guten Mann, und Leonie bekommt einen Bruder oder eine Schwester. Solche Dinge passieren doch manchmal, oder?

Und dass niemand ihnen jemals wieder ein böses Wort hinterherwirftManchmal, wenn ich Mila jetzt im Park sehe, winkt sie mir zu. Ihre Hunde tollen durch das Gras, und sie lacht mit den Kindern mit meinen, bald vielleicht auch mit Leonie. Mit jedem Gruß, jedem Lächeln wachsen kleine Brücken über Gräben, die wir selbst gegraben haben.

Die alten Damen auf der Bank sprechen inzwischen leiser, wenn Mila vorbeikommt. Manchmal höre ich sie flüstern: So nett ist sie eigentlich Auch Marina hat aufgehört, schlecht zu reden; Lisa bringt ihr selbstgemachte Marmelade vorbei. Vielleicht, denke ich, braucht es nur den Mut, einmal zuzuhören und unser Urteil verwandelt sich in Verständnis.

Neulich habe ich meine Töchter gebeten, doch mal mit Mila und den Hunden spazieren zu gehen. Sie kamen später nach Hause, aufgeregt und voller neuer Geschichten. Mein Jüngstes zeigte mir ein selbstgebasteltes Armband, das Mila ihr schenkte. Sie hat gesagt, wir dürfen immer wiederkommen, flüsterte sie glücklich.

Mit jedem Tag bröckeln die Vorurteile, die wir so eifrig gebaut haben. Ich weiß jetzt: Es ist nie zu spät, sich selbst zu hinterfragen. Oder sich zu entschuldigen.

Vielleicht sitzt Leonie schon bald frühmorgens mit warmem Kakao bei Mila am Küchentisch und fragt: Bleiben wir für immer zusammen, Mama? Und Mila wird ihr die Hände drücken und sagen: Für immer und ewig, mein Schatz.

Und während draußen Lenas Schwänzchen wedelt und irgendwo ein Nachbar ein Fenster schließt, bin ich ganz sicher: Das Urteil, das wirklich zählt, ist das, das wir über unser eigenes Herz sprechen. Und vielleicht, wenn wir unser Herz öffnen, geschehen tatsächlich Wunder mitten im grauen Alltag, mitten unter uns.

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Homy
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WIR HABEN SIE ALLE VERURTEILT Mila stand weinend in der Kirche – schon seit fünfzehn Minuten. Für mich war das überraschend. „Was macht diese Tussi hier?“, dachte ich. Genau sie hätte ich hier am allerwenigsten erwartet. Wir kannten uns nicht persönlich, aber ich sah sie oft. Wir wohnen im gleichen Haus, gehen im selben Park spazieren. Ich – mit meinen vier Kindern, sie – mit ihren drei Hunden. Wir alle haben sie immer verurteilt. Wir – das sind ich, die anderen Mütter mit ihren Kindern, die Omas auf den Bänken, die Nachbarn und vermutlich sogar die Passanten. Mila sah immer großartig aus, war modisch gekleidet und schien leichtlebig und selbstbewusst. — Hat schon wieder den Kerl gewechselt, — nörgelte Oma Gertrud auf der Bank vor dem Haus. — Schon den dritten. — Kann sich’s ja leisten, hat ja Geld wie Heu, — stimmte ihre Freundin Frieda zu, während sie neidisch zusah, wie Mila mit dem nächsten „Freund“ in ihre teure ausländische Karre stieg. Friedas Sohn Uwe, 45 Jahre alt, hat es noch nicht mal zu einem gebrauchten Golf gebracht. — Besser wäre, sie würde mal Kinder kriegen, die biologische Uhr tickt schließlich, — mischte sich Opa Heinz ein, sonst immer Gegenpart zu den Omas, aber beim Urteil über Mila waren sie sich einig. Später wurde auf der Bank hämisch getratscht, dass auch der neueste „Typ“ abgehauen sei. „Kein Wunder, die ist halt ’ne Schlampe! Und bei ihr zuhause stinkt’s bestimmt nach Hund!“, war das Fazit. Am meisten mochte sie aber keine von uns – wir Mütter. Während wir – halb verrückt – unseren Kindern hinterherjagten, von Rutsche zu Schaukel, von Busch zu Mülltonne, spazierte sie seelenruhig mit ihren „Kötern“ vorbei und grinste manchmal sogar leicht schadenfroh. So nach dem Motto: Selber Schuld, wenn ihr euch mit dem Nachwuchs abmüht! Ich genieße mein Leben! Und ihr rechnet, ob’s für Marias neue Jacke reicht oder ob die Schuhe noch warten müssen. „Man sieht sofort – die ist garantiert Kinderfrei. Die sind alle so!“, sagte meine Freundin Anja, Mutter von drei Jungs. „Reiche Leute und ihre Spleens – Hund, Katze, Hamster“, bestätigte die mit Zwillingen schwangere Steffi, während sie versuchte, ihre älteste Tochter vom Baum zu holen. „Die will nur Spaß und Reisen, bloß kein Stress. Ich hab seit sieben Jahren keinen Strand mehr gesehen“, seufzte Fünffach-Mama Martina. „Stimmt, stimmt, stimmt“, stimmte ich allen zu, inklusive den Omas auf dem Hof. Und rannte, um meine weinende Marie aufzuheben. „Sie sollte lieber mal Kinder kriegen, statt so viele Hunde zu halten“, rief eine Oma mal laut hinterher. „Kümmert euch um euer eigenes Leben!“, fuhr Mila sie an, wollte noch mehr sagen, schluckte es aber runter und verschwand mit ihren „nervigen Hunden“. „Unverschämt!“, keifte die Oma zurück. …Ich sah Mila noch einen Moment weinend in der Kirche stehen. Dann verließ ich das Gotteshaus. „Warten Sie!“, hörte ich plötzlich hinter mir. „Bitte, warten Sie.“ Mila kam auf mich zu. „Sie sind doch die, die immer mit den vier Mädchen im Park ist?“ „Ja – und Sie mit den drei Hunden.“ „Genau. Darf ich Sie kurz sprechen? Wissen Sie, ich bewundere Sie immer mit Ihren Töchtern, und all die anderen Mütter…“, sagte sie – und errötete. „Sie?!?“ Ich war baff. Am liebsten hätte ich gesagt: „Sie, die doch kinderlos, egoistisch und eingebildet ist!“ Mir kamen ihre „spöttischen“ Blicke in den Sinn… So lernten wir uns kennen. Wir setzten uns auf eine Bank. Mila erzählte… und weinte. Man sah, wie dringend sie jemanden zum Reden brauchte… …Mila wuchs in einer liebevollen Familie auf, wollte immer viele Kinder. Heiratete aus Liebe, erlitt aber zwei Fehlgeburten. Die Ärzte sagten „unfruchtbar“. Ihr Mann verschwand darum schnell. Auch der zweite Ehemann verließ sie aus demselben Grund, doch vorher folgten jahrelange Behandlungen – fast hätte Mila eine Eileiterschwangerschaft nicht überlebt. Dann kam ein dritter „Freund” – und wieder eine Eileiterschwangerschaft. Der Mann verschwand, sobald das Thema Kind auftauchte. Ihm gefiel Milas Auto, ihr Verdienst, aber ein Kind wollte er nicht. „Ich hätte alles gegeben, um ein Baby zu bekommen!“ „Ich dachte, Sie lieben Hunde“, sagte ich hilflos. „Ja, ich liebe Hunde“, lächelte Mila. „Aber das heißt nicht, dass ich keine Kinder liebe.“ Um nicht so allein zu sein, holte sie sich Teo, dann Mike (den ihr Bekannte vorübergehend da ließen – der blieb dann einfach). Fenja, den dritten Hund, nahm Mila als Welpen im Winter von der Straße mit. Sie konnte ihn nicht leiden lassen. „So eine Hundezucht, sie sollte lieber ein Kind bekommen“, kam mir der Spruch der Oma wieder in den Sinn. „Die Uhr tickt…“, höhnte Opa Heinz. Die Uhr tickte tatsächlich… Mila war bereits 41, sah aber keine 30 aus. Sie entschied: Sie will ein Kind adoptieren. Egal wie alt. Ihr gefiel besonders Kolja, sechs Jahre alt – oder besser gesagt, er mochte sie. „Wirst du meine Mama?“ fragte er. „Ja, werde ich!“, antwortete sie. Doch Kolja durfte nicht zu ihr – seine Mutter, psychisch krank, hatte ihre Rechte noch nicht verloren. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnerte sie sich. „Das Kind braucht eine Familie – und nichts kann getan werden.“ Dann kam Lena, vier Jahre alt. Schon zweimal adoptiert, beide Male zurückgegeben – zu wild, zu schwierig. Jemand im Heim erzählte: Als die zweite „Mama“ sie zurückbrachte, kroch Lena weinend auf Knien hinterher und flehte: „Mama, bitte gib mich nicht wieder ab! Ich verspreche, ich bin brav!“ Als Mila sie kennenlernte, fragte Lena gleich: „Gibst du mich auch wieder weg?“ „Niemals!“, brachte Mila unter Tränen hervor. Mit der Adoption gab es wieder Probleme. Mila sagte nicht, welche. „Aber das ist meine Tochter, für sie werde ich kämpfen!“ An diesem Tag war Mila zum allerersten Mal in der Kirche. „Ich wusste einfach nicht mehr wohin!“, sagte sie. Der Pastor kam, sie redeten lange, und Mila schrieb sich etwas auf. „Es wird alles gut! Mit Gottes Hilfe!“, hörte ich ihn sagen. Und Mila lächelte… Wir gingen zusammen heim. „Sie denken sicher, ich bin arrogant und eingebildet“, sagte Mila. „Aber ich kann einfach nicht mehr jedem alles erklären. Ich bin einfach erschöpft – von all den Urteilen…“ Ich schwieg. Mila lud mich ein, mal mit meinen Mädchen und den Hunden zu ihr zu kommen. Ich sagte zu. Und das werde ich auch tun – nur etwas später. Im Moment schäme ich mich einfach sehr. Und ich frage mich: Warum ist so viel Unsympathie in uns? Warum denken wir immer das Schlechteste über einen Menschen? Und ich wünsche mir so sehr, dass bei Mila, dieser außergewöhnlichen Frau, die wir alle so verurteilt haben, am Ende alles gut wird. Dass Lena sie umarmt, an sich drückt und sagt: „Mama!“ – in dem Wissen, dass sie nie wieder weggegeben wird. Und dass Teo, Mike und Fenja fröhlich um sie herumspringen… Vielleicht geschieht ja doch ein Wunder, und Mila findet einen guten, echten Mann. Und Lena bekommt ein Geschwisterchen. Solche Wunder gibt es doch, oder? Und möge niemand von ihnen je wieder ein schlechtes Wort hören müssen…
Widerstrebend packe ich meine Koffer und fahre mit meinem Sohn zu meiner Mutter – weil mein Mann Felix kurzerhand seine Cousine Anna, deren Mann Tobias und ihre beiden Kinder, Lina und Ben, ohne Absprache in unser Schlafzimmer einquartiert hat