„Mutter kommt heute Abend. Für immer. Ich habe es schon geregelt.“
Kerstin hob den Kopf vom Laptop. Sie begriff nicht sofort, was er gesagt hatte. Sie fragte mit einem Blick nach – sah ihren Mann an, der in der Küchentür stand und auf sein Handy starrte, als hätte er gerade etwas Belangloses mitgeteilt. Dass das Brot alle war. Dass auf der Autobahn Stau herrschte.
„Was heißt ‚für immer‘?“
„Genau das.“ Er steckte das Handy endlich ein. „Sie hat Gelenkschmerzen, allein ist es schwer. Wir holen sie hierher.“
Kerstin schloss den Laptop. Langsam, vorsichtig – so, wie man etwas Zerbrechliches schließt, um es nicht zu zerbrechen. Sie arbeitete als Finanzanalystin im Homeoffice, und der Küchentisch war ihr Arbeitsplatz seit neun Uhr morgens. Jetzt war es halb sieben abends.
„Bernd. Wir haben das nicht besprochen.“
„Was gibt es da zu besprechen?“ Er zuckte mit den Schultern – diese Geste, die sie längst hassen gelernt hatte. Leicht, lässig, als ob ihre Worte weniger wogen als Luft. „Sie ist meine Mutter. Soll ich sie etwa im Stich lassen?“
Kerstin stand auf. Ging zum Fenster, blickte in den Hof – dort jagten Kinder einem Ball hinterher, kreischten, fielen hin und sprangen wieder auf. Ein normaler Abend. Nur dass sich in ihrer Brust etwas zusammenzog und nicht lockerlassen wollte.
„Wir haben eine Zweizimmerwohnung“, sagte sie sachlich. „Wo soll sie wohnen?“
„Im Wohnzimmer. Das Sofa ist gut.“
„Das ist mein Arbeitszimmer, Bernd.“
„Du arbeitest in der Küche. Was macht das für einen Unterschied?“
Sie drehte sich um. Sah ihn an – diesen Mann, mit dem sie sechs Jahre verheiratet war. Er stand am Kühlschrank, hatte ihn bereits geöffnet und blickte geschäftig hinein, als wäre das Gespräch beendet. Die Entscheidung getroffen, der Punkt gesetzt, es konnte Abendbrot geben.
So lief das bei ihnen und Ingrid. Die Mutter entschied – der Sohn führte aus. Kerstin war in diesem Schema die Kulisse. Bequem, funktional, leicht austauschbar.
Ingrid erschien um acht Uhr abends mit zwei Koffern und einer großen Tasche voller Töpfe. Kerstin verstand nicht, warum man Töpfe mitbringt, wenn man zu Leuten zieht, die bereits Töpfe haben. Aber sie schwieg.
„Na, da bin ich!“ Die Schwiegermutter trat ein, wie man in die eigene Wohnung kommt nach langer Abwesenheit. Sie sah sich um, verzog die Lippen. „Berndchen, hier liegt Staub auf dem Regal. Siehst du? Genau hier.“
„Mama, du bist gerade erst reingekommen …“
„Ich sag’s nur.“ Sie zog den Mantel aus, warf ihn über die Garderobe, dass die Hälfte auf den Boden rutschte, und ging die Wohnung besichtigen. Kerstin stand im Flur und sah zu, wie diese Frau die Tür zum Schlafzimmer öffnete, ins Bad spähte, die Vorhänge im Wohnzimmer berührte.
„Das Sofa ist zu hart“, teilte Ingrid mit, ohne Kerstin anzusehen. „Bernd, habt ihr eine extra Matratze?“
„Finden wir, Mama.“
„Und hier ist es kalt. Heizt die Heizung schlecht?“
„Sie heizt normal“, sagte Kerstin.
Die Schwiegermutter blickte sie an – zum ersten Mal, seit sie die Schwelle übertreten hatte. Ein langer Blick, abschätzend, wie man auf dem Markt eine welke Gurke mustert.
„Na, dir mag es ja reichen. Ich friere.“
Bernd schleppte schon eine alte Decke aus der Abstellkammer. Kerstin ging in die Küche. Setzte sich. Öffnete den Laptop, schloss ihn. Öffnete ihn wieder. Die Zahlen auf dem Bildschirm ergaben keinen Sinn.
Nebenan erzählte Ingrid ihrem Sohn, dass die Nachbarin Klara endlich das Gartengrundstück verkauft habe, und das sei gut so, überhaupt sei es dumm, an Besitz zu hängen, sie selbst gebe alles leicht her. Kerstin dachte, dass die Schwiegermutter in ihrem Leben nie etwas leicht hergegeben hatte. Jede ihrer Gefälligkeiten merkte sie sich jahrelang und präsentierte sie mit Zinsen.
Die erste Woche glich einer langsamen Überschwemmung. Zuerst stieg das Wasser unbemerkt – Knöchel, Knie. Man konnte noch so tun, als sei nichts Besonderes.
Ingrid arbeitete nicht – sie war in Rente und sehr stolz darauf. Den ganzen Tag verbrachte sie auf dem Sofa mit dem Handy, schaute Videos in voller Lautstärke, rief ab und zu ihre Freundinnen an und erzählte ausführlich, mit Nachdruck, fremde Schicksale nach. Sie spülte ihr Geschirr nicht. Räumte die Krümel vom Tisch nicht weg. Einmal fand Kerstin eine ungespülte Pfanne im Spülbecken, in der, dem Geruch nach, gestern noch etwas gebraten worden war.
„Ingrid, könnten Sie bitte Ihr Geschirr selbst spülen?“
„Ich bin müde. Die Gelenke“, antwortete diese, ohne vom Handy aufzusehen.
„Sie waren gerade eine halbe Stunde im Laden unterwegs.“
„Das ist etwas anderes.“
Bernd sagte am Abend zu Kerstin, sie könne ruhig etwas sanfter sein. Die Mutter sei alt, krank, man müsse Verständnis haben. Kerstin hatte Verständnis – sie schwieg. Aber etwas in ihr notierte diesen Moment. Speicherte ihn ab, wie man eine wichtige Datei speichert.
Drei Tage später stellte Ingrid die Möbel im Wohnzimmer um. Sie nahm den Sessel und rückte ihn ans Fenster, den Couchtisch zum Sofa. Kerstin erfuhr davon, als sie ins Wohnzimmer kam, um ihren Kalender zu holen, und feststellte, dass alles anders stand.
„Warum haben Sie umgestellt?“
„So ist es bequemer. Ich brauche Licht zum Lesen.“
„Das ist ein Gemeinschaftsraum.“
„Na und? Ich habe doch nichts weggeworfen.“ Die Schwiegermutter drehte sich nicht einmal um. „Bernd hat nichts dagegen.“
Bernd hatte natürlich nichts dagegen. Bernd hatte noch nie etwas dagegen gehabt, wenn es um seine Mutter ging. Er war in einer Familie aufgewachsen, in der Ingrids Wort Naturgesetz war – wie die Schwerkraft, wie der Wechsel der Jahreszeiten. Es anzufechten war sinnlos.
Kerstin stand mitten im umgestellten Wohnzimmer und dachte daran, dass sie vor einem halben Jahr mit Bernd eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau besichtigt hatte. Ihr hatte sie gefallen – hell, mit großer Küche, Blick auf den Park. Bernd hatte gesagt, zu teuer, wir warten. Jetzt verstand sie: Er hatte es damals schon gewusst. Nur nicht gesagt.
Es war keine spontane Idee gewesen. Es war ein Plan.
Am zehnten Tag fand Ingrid im Kühlschrank Kerstins Joghurt – teuer, extra bestellt, ohne Zucker, mit Probiotika, weil Kerstin auf ihre Ernährung achtete – und aß ihn. Einfach so. Die leere Verpackung stellte sie zurück.
Kerstin öffnete morgens den Kühlschrank, sah die leere Packung, schloss ihn. Stand eine Sekunde. Öffnete ihn wieder – vielleicht hatte sie sich getäuscht. Nein. Leer.
„Ingrid, haben Sie meinen Joghurt gegessen?“
„Welchen Joghurt?“ Die Schwiegermutter blickte unschuldig, fast überrascht. Das beherrschte sie – ein Gesicht zu machen, als werde man zu Unrecht beschuldigt.
„Den weißen, im kleinen Becher. Stand im zweiten Fach.“
„Ich dachte, der ist für alle da.“
„Bei uns ist nichts ‚für alle‘ ohne zu fragen.“
„Ach, stell dich nicht so an.“ Ingrid winkte ab. „Ein Joghurt. Keine große Sache.“
Am Abend sagte Bernd wieder, Kerstin würde sich an Kleinigkeiten aufhängen. Die Mutter habe es nicht absichtlich gemacht. Man müsse sich ans Zusammenleben gewöhnen, das brauche Zeit. Kerstin sah ihn lange an und antwortete nichts.
Sie dachte bereits. Rechnete. Überlegte.
Damit hörten die Übergriffe der Schwiegermutter nicht auf.
Das Parfüm stand seit einem Monat auf dem Schminktisch – französisch, in einem schweren Flakon von der Farbe alten Bernsteins. Kerstin hatte es sich zum Geburtstag gekauft, lange ausgesucht, Proben im Geschäft gerochen, Beschreibungen gelesen. Es war nicht einfach ein Duft – es war eine kleine, persönliche Freude, von denen es in letzter Zeit immer weniger gab.
Eines Morgens war der Flakon nicht mehr auf dem Tisch.
Kerstin fand ihn auf dem Boden im Flur. Genauer: das, was davon übrig war – Scherben, bernsteinfarbene Pfützen auf dem Parkett, ein scharfer Geruch, der den ganzen Flur durchzog und lange nicht verschwand.
Ingrid saß auf dem Sofa mit dem Handy.
„Was ist mit meinem Parfüm passiert?“
„Runtergefallen.“ Kurz, ohne Betonung, wie jemand, dem die Sache völlig egal ist.
„Wie kam es in den Flur?“
„Ich wollte es mir ansehen. Der Flakon war glitschig, er ist mir ausgerutscht.“
Kerstin hockte sich hin, sammelte die Scherben in Zeitungspapier. Ihre Hände waren ruhig – sie selbst wunderte sich über diese Ruhe. Innerlich zog sich etwas zusammen und pulsierte, aber äußerlich keine einzige überflüssige Bewegung.
„Sie haben meine Sachen ohne Erlaubnis genommen.“
„Angesehen, nicht gestohlen.“ Ingrid ließ endlich das Handy sinken, und in ihrem Blick lag jener Ausdruck – leichte Gereiztheit einer Person, die mit Belanglosigkeiten aufgehalten wird. „Was für eine Tragödie. Ein Parfüm. Kauf dir ein neues.“
„Von Ihrem Geld?“
Die Schwiegermutter schwieg. Wandte sich wieder dem Handy zu.
Bernd sagte am Abend, die Mutter habe es nicht absichtlich getan, man solle wertvolle Sachen eben wegräumen. Kerstin speicherte dieses Gespräch im selben inneren Ordner, der mit jedem Tag schwerer wurde.
Den Heißluftherd hatte sie vor zwei Jahren gekauft – lange Rezensionen gelesen, Modelle verglichen, schließlich einen guten deutschen genommen, mit Timer und mehreren Programmen. Sie kochte fast täglich damit: Hähnchenflügel, Gemüse, Fisch. Bernd sagte, das sei das Beste, was sie je für die Küche angeschafft habe.
Am Freitag kam Kerstin vom Büro zurück – einmal die Woche fuhr sie zu Meetings – und roch in der Küche den typischen Geruch von verbranntem Plastik. Der Heißluftherd stand offen auf dem Tisch. Innen war etwas Schwarzes, Nichterkennbares.
„Was haben Sie darin zubereitet?“
„Kartoffeln.“ Ingrid stand am Herd mit unbeteiligter Miene. „Ich hab’s angestellt und vergessen. Kommt vor.“
„Sie haben die höchste Stufe eingestellt?“
„Ich kenne mich mit diesen Geräten nicht aus. Bei mir zu Hause gibt’s einen normalen Herd.“
Kerstin nahm den Heißluftherd, trug ihn ins Bad, untersuchte ihn. Die Heizspirale war durchgebrannt. Das Gehäuse war auf einer Seite angeschmolzen. Nicht reparabel.
„Ingrid, dieses Gerät hat achtzig Euro gekostet.“
„Und was willst du von mir? Dass ich bezahle?“ In der Stimme der Schwiegermutter lag ein neuer Unterton – nicht bloß Gereiztheit, etwas Schärferes. Fast eine Herausforderung. „Ich bin Rentnerin. Krank. So viel Geld habe ich nicht.“
„Ich will, dass Sie meine Sachen nicht anfassen.“
„Ich bin in meiner Familie!“, rief Ingrid – zum ersten Mal so offen, und Kerstin spürte: Das war das wahre Gesicht. Das, das die Schwiegermutter bisher zurückgehalten hatte. „Bernd ist mein Sohn! Das ist seine Wohnung!“
„Es ist unsere Wohnung. Gemeinsames Eigentum, falls es Sie interessiert.“
Ingrid verstummte. Wieder dieser unschuldige Ausdruck – einer gekränkten, unverstandenen, müden alten Frau. Sie konnte augenblicklich umschalten, wie man einen Sender wechselt.
Bernd, als er es erfuhr, erklärte Kerstin ausführlich, die Mutter habe helfen wollen, sie sei nicht an die Technik gewöhnt, man hätte den Heißluftherd selbst wegräumen sollen. Kerstin hörte zu, sah auf das vertraute Gesicht und dachte: Glaubt er das wirklich? Oder sagt er einfach, was leichter ist?
Sie fand es nie heraus. Wahrscheinlich war es ein und dasselbe.
Der Vorhang im Schlafzimmer war aus Leinen, graublau, mit einem feinen geometrischen Muster. Kerstin hatte ihn extra bestellt – passend zu den Wänden, zur Tagesdecke. Selbst aufgehängt, gerade, mit Ringen, die weich über die Stange glitten.
Sie entdeckte den Riss am Samstagmorgen – lang, schräg, vom oberen Rand fast bis zur Mitte. Als hätte jemand heftig und kräftig daran gezogen.
Ingrid frühstückte in der Küche – aß mitgebrachte Zwiebacke, trank Tee, starrte aufs Handy. Auf die Frage nach dem Vorhang antwortete sie nicht sofort.
„Ich bin an die Stange gestoßen. Der Vorhang hat sich verfangen.“
„Warum waren Sie überhaupt in unserem Schlafzimmer?“
„Ich bin vorbeigegangen, hab reingeschaut. Darf man das nicht?“
„Das ist unser Schlafzimmer.“
„Ach, solche Geheimnisse.“ Ingrid wedelte mit einem Zwieback ab. „Ein Vorhang. Flickst du ihn halt wieder.“
Kerstin verließ die Küche. Ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür, setzte sich aufs Bett. Sie sah den zerrissenen Vorhang an, der schief hing und zu viel Licht hereinließ.
Drei Wochen. In drei Wochen – Parfüm, Heißluftherd, Vorhang. Und das nur das, was sofort auffiel. Wie viel Kleines, Unsichtbares – Umgestelltes, Verschobenes, von fremden Händen Berührtes ohne Erlaubnis?
Kerstin holte das Handy hervor, öffnete die Notizen. Dort stand bereits eine Liste – sie hatte sie in der zweiten Woche begonnen, selbst nicht wissend, wozu. Einfach festgehalten. Datum, was passiert war, Bernds Reaktion. Methodisch, wie ein Arbeitsbericht.
Sie fügte drei neue Zeilen hinzu.
Dann öffnete sie eine andere App – die Suchmaschine. Tippte: Mietpreis Einzimmerwohnung, Stadtteil Berlin-Mitte. Sie sah die Zahlen. Schloss sie. Öffnete sie wieder.
Hinter der Tür hatte Ingrid wieder ein Video in voller Lautstärke eingeschaltet. Eine Stimme aus dem Handy rief fröhlich über Rabatte in irgendeinem Laden. Bernd lachte im Wohnzimmer mit seiner Mutter.
Kerstin saß im Schlafzimmer mit dem zerrissenen Vorhang und zählte. Nicht nur Geld – obwohl das auch. Sie zählte die Tage. Sie zählte sich selbst.
Und etwas in ihr, das lange geschwiegen hatte, begann immer deutlicher zu sprechen.
Alles geschah an einem Sonntag.
Kerstin war morgens ins Einkaufszentrum gefahren – sie brauchte neue Vorhänge fürs Schlafzimmer und wollte sie selbst kaufen, in Ruhe aussuchen, ohne fremde Kommentare. Im Einkaufszentrum war es hell und laut, es roch nach Kaffee und frischem Gebäck aus der benachbarten Bäckerei. Sie ging zwischen den Stoffregalen entlang, fühlte das Material, sah sich die Farben an.
Neben ihr stand ein junges Paar – sie suchten gemeinsam, stritten leise, lachten. Die Frau sagte: „Die hier, guck mal, die sind perfekt.“ Der Mann runzelte die Stirn, stimmte dann zu, und beide lachten wieder.
Kerstin sah ihnen länger zu, als nötig. Dann nahm sie den gewünschten Stoff, ging zur Kasse.
Ihr Handy vibrierte in der Tasche. Bernd.
„Wann kommst du zurück?“
„In einer Stunde. Warum?“
„Mama möchte, dass du noch in den Supermarkt gehst. Sie sagt, du sollst ihre Lieblingspralinen mitbringen. Schreib dir den Namen auf.“
Kerstin blieb mitten im Gang stehen. Um sie herum gingen Leute, jemand stieß mit einem Einkaufswagen gegen sie, entschuldigte sich. Sie bewegte sich nicht.
„Bernd“, sagte sie sehr ruhig. „Das werde ich nicht tun.“
„Kerstin, sie kann doch selbst nicht, die Gelenke …“
„Bernd. Nein.“
Sie steckte das Handy in die Tasche und ging zur Kasse. Bezahlte, trat auf die Straße. Stand einen Augenblick, hielt das Gesicht in die Sonne. Dann holte sie wieder das Handy hervor und öffnete die Notizen.
Die Liste war lang.
Zu Hause war sie um halb zwei. In der Wohnung roch es nach Frittiertem – Ingrid stand am Herd und rührte etwas um, während sie laut mit einer Freundin telefonierte. Auf dem Tisch lagen Kerstins drei Schneidebretter ausgebreitet – alle drei, obwohl für eine Pfanne eines gereicht hätte.
„Das sind meine Bretter“, sagte Kerstin, als sie in die Küche kam.
„Ich benutze sie nur“, warf die Schwiegermutter in den Hörer, womit sie Kerstin meinte, aber mit der Freundin sprach. Dort, am anderen Ende, lachte jemand.
Kerstin räumte die Vorhänge ins Schlafzimmer. Kam in die Küche zurück, stellte den Wasserkocher an. Bernd saß im Wohnzimmer mit dem Laptop und tat so, als arbeite er, aber an den Geräuschen war zu hören, dass er Fußball schaute.
Ingrid beendete das Telefonat, drehte sich zu Kerstin um.
„Ich hab mir überlegt: Das Sofa im Wohnzimmer ist zu klein. Wir brauchen ein neues. Bernd sagt, ihr könnt es euch leisten.“
„Bernd sagt.“
„Na ja. Bei Bauhaus gibt es gute. Ich hab sie auf dem Handy gesehen.“
Kerstin sah die Schwiegermutter an. Dieses Gesicht – selbstbewusst, gewohnt, dass Wünsche erfüllt werden. Sie erinnerte sich an das Parfüm auf dem Boden. Den verbrannten Heißluftherd. Den zerrissenen Vorhang. Die Liste auf dem Handy.
„Ingrid“, sagte sie, „ich möchte, dass Sie eines verstehen. Ich werde kein Sofa kaufen.“
„Wieso nicht?“
„Weil ich es nicht muss.“
Die Schwiegermutter öffnete den Mund, aber Kerstin war schon auf dem Weg ins Wohnzimmer.
„Bernd, wir müssen reden.“
Er klappte den Laptop zu – also doch Fußball, sie hatte es richtig erraten – und sah sie mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes an, der sich bereits vor dem Gespräch müde fühlte.
„Kerstin, wenn es um das Sofa geht …“
„Es geht um alles.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, legte die Hände auf die Knie. „Ich möchte, dass du mir ehrlich auf eine Frage antwortest.“
„Na schön.“
„Hast du vor, irgendetwas zu ändern?“
Er schwieg. Lange – länger, als für eine ehrliche Antwort nötig. Dann sagte er:
„Mutter ist krank. Ich kann sie nicht rauswerfen.“
„Ich verlange nicht, dass du sie rauswirfst. Ich verlange, dass du mein Mann bist und nicht in erster Linie ihr Sohn.“
„Sie ist meine Mutter, Kerstin. Verstehst du, was das bedeutet?“
„Und ich bin deine Frau. Verstehst du, was das bedeutet?“
Er wandte den Blick ab. Klappte den Laptop wieder auf.
Das war es. Das war die Antwort.
Sie packte seine Sachen methodisch, ohne Hast, wie jemand, der eine längst getroffene Entscheidung ausführt. Nahm aus dem Schrank – Hemden, Jeans, Trainingsanzüge – und stapelte sie auf dem Bett. Dann holte sie aus der Abstellkammer den großen Koffer, denselben, mit dem sie vor drei Jahren nach Barcelona gefahren waren. Öffnete ihn, begann einzupacken.
Bernd erschien in der Schlafzimmertür, sah es und erstarrte.
„Was machst du da?“
„Ich packe dich zusammen.“
„Wie meinst du das?“
„Genau so.“ Sie nahm seinen Sakko vom Bügel, legte es sorgfältig zusammen. „Du willst mit deiner Mutter leben – leb mit ihr. Aber nicht hier.“
„Kerstin, ist das dein Ernst?“
„Völlig.“
Er stand da und sah zu, wie sie seine Kleidung in den Koffer legte. Sie beeilte sich nicht, warf nichts hinein – packte ordentlich, wie sie es konnte. In einem Moment trat er einen Schritt vor, aber sie sah ihn so an, dass er stehen blieb.
„Das ist unsere Wohnung“, sagte er schließlich. „Ich gehe nirgendwo hin.“
„Dann geht sie. Entscheide dich.“
Nebenan hatte Ingrid den Fernseher eingeschaltet. Laut, wie immer. Eine Talkshow, in der alle durcheinanderschrien.
Bernd schwieg.
Kerstin schloss den Koffer, stellte ihn an die Wand. Nahm seine Jacke vom Stuhl, legte sie oben drauf. Dann ging sie an ihm vorbei in den Flur, zog ihre Schuhe an und öffnete die Wohnungstür.
Weit. Bis zum Anschlag.
„Bernd“, rief sie aus dem Flur. „Ich habe die Tür aufgemacht.“
Er kam aus dem Schlafzimmer. Sah den Koffer zu ihren Füßen, die offene Tür, ihr Gesicht – ruhig, ohne Tränen, ohne Zittern in der Stimme. Das, schien es, erschreckte ihn am meisten.
Aus dem Wohnzimmer lugte Ingrid hervor. Sie sah den Koffer, die offene Tür, Kerstin.
„Berndchen“, sagte sie mit einem Ton, wie man zu Kindern spricht: Hör nicht auf die Fremden, komm zu mir.
Und er machte einen Schritt. In ihre Richtung.
Kerstin beobachtete diesen Schritt – klein, fast unscheinbar. Aber er sagte sehr viel.
„Gut“, sagte sie leise. „Dann geht ihr beide.“
Bernd drehte sich um – in seinen Augen blitzte etwas auf, wie Angst oder eine Einsicht, die zu spät kam.
„Kerstin …“
„Dein Koffer steht im Flur. Den Rest kannst du jederzeit abholen, wenn ich nicht da bin.“ Sie zog das Handy heraus, ohne ihn anzusehen. „Ich melde mich wegen der Unterlagen bei dir.“
Ingrid öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Etwas in Kerstins Stimme, in ihrer Haltung, in der Art, wie sie an der offenen Tür stand, ließ keinen Raum für Verhandlungen. Die Schwiegermutter spürte, wo Druck wirkte und wo nicht. Hier wirkte er nicht.
Bernd nahm den Koffer. Langsam, wie im Traum. Ingrid zog den Mantel an – stumm, mit zusammengepressten Lippen, mit der Miene einer zutiefst beleidigten Person.
Sie gingen.
Kerstin schloss die Tür. Drehte den Schlüssel um. Stand einen Augenblick in der Stille des Flurs – einer echten Stille, ohne Fernseher, ohne fremde Stimmen, ohne den Geruch fremden Essens.
Dann ging sie in die Küche, stellte den Wasserkocher an, öffnete den Laptop.
Draußen lebte der sonntägliche Alltag einer deutschen Stadt. Irgendwo schrien Kinder, Autos fuhren vorbei, jemand lachte im Treppenhaus des Nachbarhauses.
Kerstin goss sich Tee ein, umschloss die Tasse mit beiden Händen und sah aus dem Fenster.
Zum ersten Mal seit einem Monat war ihr ruhig zumute.
Drei Wochen waren vergangen.
Kerstin hatte den Tisch aus dem Wohnzimmer wieder ans Fenster gerückt – dorthin, wo er vor all dem gestanden hatte. Neue Vorhänge im Schlafzimmer aufgehängt. Sich ein anderes Parfüm gekauft – heller, mit Noten von weißem Tee und Zedernholz. Auf den Schminktisch gestellt.
Bernd hatte einmal geschrieben – kurz, ohne Großbuchstaben, wie Leute schreiben, denen es unangenehm ist: „können wir reden?“ Sie antwortete nicht sofort. Dann schrieb sie: „Über den Anwalt.“ Er schrieb nicht mehr.
Ingrid rief einmal an. Begann mit Kränkung, ging zu Klagen über die Gelenke über, teilte dann mit, dass Kerstin die Familie zerstört habe und dafür bestraft werde. Kerstin hörte eine Minute zu, dann sagte sie: „Ingrid, rufen Sie mich nicht mehr an.“ Und legte auf.
Das Handy blieb stumm.
Abends arbeitete sie an ihrem Schreibtisch am Fenster – in der Stille, mit einer Tasse Tee, mit leiser Musik. Manchmal blieb sie bis spät – nicht weil sie musste, sondern weil sie wollte. Weil es ihr Abend war, ihr Schreibtisch, ihre Stille.
Am Freitag schrieb ihr Kollege Dietmar im Arbeitschat: „Es gibt ein gutes Café in der Friedrichstraße, gehst du da hin?“ Sie überlegte eine Sekunde und antwortete: „Nein. Aber man könnte es mal probieren.“ Sie trafen sich am Samstag, saßen zwei Stunden, redeten über Arbeit und über Städte, darüber, wo man gerne leben würde. Nichts Besonderes – und gerade deshalb war es leicht.
Nach Hause kam sie in der Abenddämmerung. Öffnete die Tür, ging in die Wohnung, schaltete das Licht ein.
Alles stand an seinem Platz.
Ihrem Platz.
Sie zog die Jacke aus, hängte sie an den Haken – den rechten, weil es für sie bequemer war, und nicht, weil jemand anders es für sie entschieden hatte. Ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Dort stand ein Joghurt – weiß, im kleinen Becher, im zweiten Fach.
Unberührt.
Kerstin nahm ihn, öffnete ihn, stellte sich ans Fenster. Hinter der Scheibe leuchteten die Fenster der gegenüberliegenden Häuser auf, die Stadt wechselte in den Abendmodus, leise und gleichmäßig.
Sie aß den Joghurt ganz auf. Langsam, mit Genuss.
Und lächelte – einfach so, ohne Grund, oder mit allen Gründen auf einmal.




