Wir schauen nur kurz das Gartenhaus an und fahren wieder! – versprach die Schwiegermutter am Freitagabend. Abgereist sind sie am Sonntag. Ich kam am Montag – und hängte ein Vorhängeschloss dran.

—Also, — sagte die Schwiegermutter von der Türschwelle aus, ohne zu grüßen, ohne die Schuhe auszuziehen, — was ist das für ein Saustall in deinem Flur? Menschen wohnen hier, und es sieht aus wie bei Pen-nern!

Käthe antwortete nicht. Sie stand am Küchenfenster, blickte auf den Hof und hielt in der Hand das Telefon, das längst nichts Wichtiges mehr anzeigte – es leuchtete bloß, wie ein Nachtlicht. Ihr Mann Sven lungerte hinter der Mutter herum, mit dem Gesicht eines Menschen, der längst verlernt hatte, eine eigene Meinung zu haben.

Gertrud – so hieß die Schwiegermutter – war eine Frau von monumentaler Erscheinung. Nicht im Sinne von Körpergröße, sondern im Sinne von Anwesenheit: Sie füllte den Raum vollständig aus, restlos, wie ein Möbelstück, das man nirgendwo hinstellen kann. Die gefärbten Haare von der Farbe verbrannter Karamellbonbons, an jedem Finger ein Ring, eine Strickjacke mit Lamé – und das an einem Freitagabend, bei Hitze. Die Lippen zusammengepresst. Die Augen – scharf, schnell, alles bemerkend und allem einen Preis zuweisend.

— Na gut, — sagte sie, schon weicher, mit einer anderen Stimme – der, die Käthe insgeheim den „Heuchelmodus” nannte. — Wir schauen uns nur das Wochenendhaus an und fahren dann wieder. Zeig mal, was da los ist, und dann sind wir gleich zurück. Sven, du hast doch gesagt – für ein paar Stunden?

Sven nickte. Sven nickte immer.

Das Wochenendhaus hatte Käthe von ihrer Oma geerbt – ein Holzhaus in Kleinmachnow, mit einem kleinen Garten, einem alten Apfelbaum und einer Veranda, auf der man morgens Kaffee trinken und der Stille lauschen konnte. Käthe hatte drei Jahre und all das Geld, das sie seit dem Studium gespart hatte, in dieses Haus gesteckt. Neue Böden verlegt. Die Fenster ausgewechselt. Die Wände in genau den Weißton gestrichen, den sie in den Katalogen so lange gesucht hatte. Leinenvorhänge aufgehängt. Eine gusseiserne Badewanne aufgestellt, die sie aus Hamburg hatte herschaffen lassen.

Das war ihr Haus. Nur ihres.

Vor der Heirat – ganz sicher nur ihres. Danach war es irgendwie von selbst so geworden, dass es „unser” hieß, dabei hatte Sven dort nicht einen einzigen Tag mit Pinsel oder Schaufel verbracht.

Am Freitag fuhren sie um sieben Uhr abends los. Käthe fuhr, Gertrud saß hinten und kommentierte die Straße, die anderen Fahrer, die Schilder und das Verhalten der Lastwagen auf der Autobahn. Beim Haus kamen sie an, als es bereits dämmerte.

— Na, — sagte die Schwiegermutter, als sie ausstieg und das Grundstück überflog, — Menschen wohnen auch.

In diesem Satz lag keine Bewunderung. Sondern Neid, verdeckt durch Lässigkeit. Käthe spürte das sofort, wie man den Geruch von Rauch riecht, bevor man das Feuer sieht.

Sie gingen durch das Haus. Gertrud fasste alles an – die Vorhänge, die Arbeitsplatte, das Geschirr im Schrank. Öffnete Schränke. Spähte in die Speisekammer.

— Hier riecht es feucht, — verkündete sie, im Schlafzimmer stehend.

— Hier ist es normal, — erwiderte Käthe.

— Ich sage: feucht. Sven, spürst du das?

Sven zog die Luft durch die Nase und nickte. Natürlich nickte er.

Käthe trat auf die Veranda. Setzte sich. Blickte in den Garten – dort, in der Dunkelheit, erahnte man die Johannisbeersträucher, die sie selbst gepflanzt hatte. Hörte, wie die Schwiegermutter hinten schon telefonierte, jemandem von dem Haus erzählte, von „was für eine Schönheit Svens Frau hier hingezaubert hat”.

Svens Frau. Nicht Käthe. Kein Mensch mit Namen. Ein bloßer Anhang zum Sohn.

— Hör mal, — rief Gertrud aus dem Zimmer, — kann ich meine Schwester morgen mitbringen? Es wird ihr hier gefallen.

Käthe kam nicht dazu zu antworten.

Die Schwester kam am Samstag um elf Uhr morgens. Zusammen mit ihrem Mann, der erwachsenen Tochter und dem Freund der Tochter, dessen Namen Käthe sich nie merkte.

Sie kamen mit leeren Händen.

Das fiel Käthe sofort auf – das Auto, die Leute, der Lärm, das Lachen, und keine einzige Tüte. Kein Brot, keine Wurst, nicht einmal ein paar Tomaten. Einfach Leute, die zum Essen kamen.

Die Schwester der Schwiegermutter – Hannelore – war eine Version von Gertrud, nur lauter. Sie fing sofort an, allen zu erklären, wie man die Veranda hätte bauen sollen, wo der Grill besser stünde und warum der Apfelbaum am falschen Platz gepflanzt war.

— Hast du den selbst gepflanzt? — fragte sie Käthe.

— Nein, der war von meiner Oma.

— Na gut, der Oma sei das verziehen, — sagte Hannelore großzügig.

Käthe ging in die Küche. Holte aus dem Kühlschrank alles, was da war: Käse, Wurst, Eier, Kräuter, die Reste der Nudeln, die sie sich gestern gekocht hatte. Stellte den Wasserkocher an.

Sven kam hinterher.

— Sollen wir vielleicht Grillen? — fragte er.

— Das Fleisch ist im Tiefkühler. Dauert ewig zum Auftauen.

— Dann hol es raus, lass es auftauen.

Käthe sah ihn an. Er blickte aus dem Fenster, wo seine Mutter mit dem Gestus einer Besitzerin Hannelore den Garten zeigte.

— Sven, — sagte Käthe leise. — Du hast versprochen – wir schauen kurz und fahren wieder.

— Na ja… sie sind jetzt schon hier.

— Wer hat sie eingeladen?

— Mama wollte es zeigen…

— Mama wollte. — Käthe wiederholte das langsam, damit er hörte, wie es klang.

Er hörte es nicht. Oder tat so.

Das Fleisch war um drei Uhr aufgetaut. Zu diesem Zeitpunkt hatte Käthe den Tisch auf der Veranda schon gedeckt – mit ihren eigenen Händen, ihren eigenen Lebensmitteln, ihrem eigenen Geschirr, das sie später auch wieder abwaschen würde. Am Tisch saßen sieben Menschen, die sie nicht eingeladen hatte. Alle redeten durcheinander. Gertrud erzählte, wie sie zu DDR-Zeiten zum Wochenendhaus des Werkdirektors gefahren war und das „das noch ein richtiges Wochenendhaus gewesen sei, nicht so wie heute”. Hannelore beklagte sich über die Nachbarn. Der Freund der Tochter starrte auf sein Handy.

Sven lachte. Es ging ihm gut.

Käthe räumte Teller ab.

— Lass das doch später! — winkte die Schwiegermutter ab. — Setz dich, du tust ja wie das Dienstmädchen!

Dienstmädchen. Genau.

Käthe stellte die Teller in die Spüle und ging in den Garten. Stellte sich unter den Apfelbaum, den nicht sie gepflanzt hatte, der aber jetzt ihr gehörte – nach Dokumenten, nach Recht, nach jeder Zeile im Vertrag. Zog das Handy heraus. Schrieb der Freundin: „Sie bleiben über Nacht. Ich kriege keine Luft.” Dann löschte sie es. Schrieb neu: „Sie bleiben. Ich fahre nach Hause.”

Aber sie fuhr nicht.

Weil das ihr Haus war. Wegfahren müssten die anderen.

Am Sonntagmorgen trank Gertrud Tee und erzählte, wie schön es wäre, am nächsten Wochenende wiederzukommen – „mit Übernachtung, richtig, wie sich das gehört”.

Käthe hörte zu, nickte und dachte nur an eines: an das kleine eiserne Vorhängeschloss, das bei ihr zu Hause in der Schreibtischschublade lag.

Sie wusste, wo es war.

Am Montag holte sie es gleich nach der Arbeit aus der Schublade.

Das Schloss war klein – kompakt, schwer, mit einem Bügel aus gehärtetem Stahl. Käthe hatte es vor etwa zwei Jahren gekauft, als sie mit der Renovierung fertig war – aus Angst, dass jemand von der Straße an die Werkzeuge käme. Dann vergessen. Dann gefunden. Dann wieder vergessen.

Jetzt hielt sie es in der Hand und betrachtete es, wie man einen Gegenstand betrachtet, der plötzlich genau richtig ist.

Den Schlüssel für das Gartentor hatte nur sie.

Sie fuhr am Mittwochabend nach Kleinmachnow – allein, nach der Arbeit, gegen sieben. Sagte niemandem Bescheid. Schrieb Sven, sie käme später – er antwortete „ok” und schickte ein Herzchen, weil das einfacher war, als zu reden.

Das Haus stand still, dunkel, roch nach Holz und erkaltetem Gras. Käthe ging durch die Zimmer, öffnete die Fenster, stellte den Wasserkocher an. Setzte sich auf die Veranda und blickte lange in den Garten, wo in der Dunkelheit der Apfelbaum zu erahnen war – er begann sich schon zu füllen, mit kleinen harten Früchten, die erst im August reif würden.

Dann holte sie das Schloss hervor.

Am Gartentor hing bereits eines – alt, locker, mit Spielraum. Man konnte es mit allem Möglichen öffnen, selbst mit einer Haarnadel. Käthe nahm es ab, steckte es in die Tasche und hängte das neue ein. Drehte den Schlüssel zweimal herum. Ruckte am Bügel.

Er gab nicht nach.

Sie ging zurück ins Haus und saß lange am Küchentisch mit einer Tasse Tee, der schon kalt geworden war, während sie nachdachte. Sie dachte nicht daran, ob sie das Richtige tat – das war längst entschieden, es lag auf der Hand, wie dass der Apfelbaum genau dort stand, wo er hingehörte, und keine Hannelore der Welt ihn umsetzen würde. Sie dachte an etwas anderes: daran, was Gertrud sagen würde, wenn sie merkte, dass sie keinen Schlüssel hatte. Daran, wie Sven sagen würde – warum machst du das, Mama wollte doch nur, sie meinten es nicht böse. Daran, dass sie die Worte „nicht böse” schon so oft gehört hatte, dass sie nichts mehr bedeuteten.

Nicht böse – das ist, wenn es einmal passiert.

Wenn es jeden Freitag passiert – das ist einfach so.

Sven rief am Donnerstag an.

— Mama fragt, ob sie am Samstag wieder kommen können.

Käthe schwieg einen Moment.

— Nein, — sagte sie.

— Was heißt nein?

— Diesen Samstag nicht.

— Aber sie…

— Sven. — Sie sprach seinen Namen ohne Betonung aus, ohne den Unterton, den er für Wut halten könnte. Mit Wut konnte er umgehen – er zog ein beleidigtes Gesicht, verstummte, und das Gespräch lenkte sich in eine andere Richtung. — Ich möchte, dass wir uns einigen. Wenn jemand zum Wochenendhaus kommt, will ich es vorher wissen. Nicht am Freitagmorgen, nicht am Tag davor. Vorher.

— Na ja, Mama wusste ja nicht, dass Hannelore…

— Ich rede nicht von Hannelore. Ich rede von einer Regel.

— Was für eine Regel…

— Meine. — Sie hielt kurz inne. — Das ist mein Haus, Sven. Ich habe es gebaut. Ich bezahle dafür. Ich entscheide, wer wann hinkommt.

Eine lange Stille in der Leitung – so lang, dass Käthe in ihr alles sehen konnte, was Sven nicht auszusprechen vermochte: Verwirrung, Ärger, der Wunsch, dass sich alles irgendwie von selbst regeln möge.

— Du bist egoistisch, — sagte er schließlich. Leise, fast erstaunt.

— Möglich, — stimmte Käthe zu.

Sie erklärte nicht, dass Egoismus das ist, wenn man etwas wegnimmt. Aber wenn man verteidigt, was einem ohnehin gehört, heißt das anders.

Gertrud rief am Sonntag an.

— Ich höre, du wechselst da Schlösser aus.

— Ich habe ein neues Schloss an das Gartentor gehängt, ja.

— Gibst du mir einen Schlüssel?

— Nein.

Pause.

— Nein, — wiederholte Käthe so ruhig, wie sie am Vortag mit Sven gesprochen hatte. Sie entdeckte, dass dieses Wort mit jedem Mal leichter wurde – wie ein Muskel, den man endlich zu benutzen beginnt. — Wenn Sie kommen wollen, reden wir vorher, und ich schließe auf. Aber Schlüssel gibt es nicht.

— Du… — Gertrud schien kein Wort zu finden. — Das ist doch auch Svens Wochenendhaus!

— Sven kennt meine Nummer.

Sie legte auf.

Nicht grob. Nicht mit einem Knall. Einfach so – weil das Gespräch beendet war.

Am nächsten Freitag fuhr sie allein nach Kleinmachnow.

Öffnete das Schloss mit ihrem Schlüssel.

Brühte Kaffee, trat auf die Veranda, lauschte, wie im Nachbargarten ein Specht klopfte – eine Seltenheit für diese Gegend, ein zufälliger Gast. Las das Buch, das sie seit Februar aufgeschoben hatte. Gegen Mittag kam die Nachbarin Tamara vorbei – brachte ein Glas Himbeermarmelade, saß eine halbe Stunde, unterhielt sich darüber, dass der Sommer trocken sei und die Äpfel klein würden, aber süß. Ging wieder. Käthe kehrte zu ihrem Buch zurück.

Am Abend kam Sven.

Er rief vorher an – eine Stunde vorher. Das war das erste Mal.

Sie öffnete ihm das Gartentor, und sie saßen lange auf der Veranda, fast schweigend – nicht weil sie böse waren, sondern weil es noch nichts zu bereden gab. Alles Wichtige war bereits gesagt, und dass Sven kam und eine Stunde vorher anrief – das war auch ein Gespräch, nur ohne Worte.

Er wusch selbst das Geschirr nach dem Abendessen.

Käthe bemerkte es, sagte aber nichts.

Manchmal reicht es, es einfach zu bemerken.

Das Schloss hing am Gartentor – klein, kompakt, aus dunklem Metall, fiel gar nicht auf. Käthe sah es jedes Mal, wenn sie kam. Es war kein Symbol. Keine Rache. Keine Ansage.

Es war einfach ein Schloss.

An ihrem Gartentor. An ihrem Haus.

Und der Schlüssel lag nur in ihrer Tasche – genau dort, wo er von Anfang an hätte sein sollen.

Der August kam heiß und still.

Die Äpfel füllten sich, wie Tamara es vorhergesagt hatte – klein, hart, mit jenem besonderen Duft, den nur alte Gartenapfelbäume haben, die nie mit Chemie behandelt wurden. Käthe kam jetzt jeden Freitag, manchmal donnerstags, wenn die Arbeit früher endete. Öffnete das Schloss, stellte den Wasserkocher an, setzte sich auf die Veranda und spürte etwas so Einfaches und lange Vergessenes, dass sie lange kein Wort dafür fand. Dann fand sie es: Frieden. Nicht Stille, nicht Einsamkeit – eben dieser Frieden, der einkehrt, wenn der Raum um einen herum endlich einem selbst gehört.

Sven kam samstags. Er rief eine Stunde vorher an, manchmal zwei. Einmal brachte er einen Grill mit, den er ohne zu fragen gekauft hatte und verlegen aus dem Kofferraum lud, mit der Erklärung, er habe schon lange einen gewollt, das sei ein gutes Teil, Edelstahl, rostet nicht. Käthe sah ihn an, diesen unsinnigen Grill, seinen Hinterkopf, den sie seit sechs Jahren auswendig kannte, und dachte: na also. Irgendwann musste es ja anfangen.

Über Gertrud sprachen sie nicht. Das war eine unausgesprochene Regel geworden – nicht weil es verboten war, sondern weil es keinen Sinn ergab: alles war gesagt, die Positionen abgesteckt, und dahin zurückzukehren hieße, an dem zu kratzen, was sich, so schien es, allmählich schloss.

Die Schwiegermutter rief Anfang August an – wieder, als ob nichts gewesen wäre, mit derselben monumentalen Sicherheit, mit der sie früher in fremde Flure trat, ohne die Schuhe auszuziehen.

— Hannelore und ich würden gern am nächsten Sonntag kommen. Sven sagt, du verlangst jetzt eine Woche Vorwarnung.

— Ich bitte darum, — verbesserte Käthe. — Nicht verlangen. Bitten.

— Na gut, bitten. Darf ich?

Käthe schwieg – nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil sie wirklich überlegte. Am nächsten Sonntag wollte sie die Randsteine entlang des Wegs streichen und wünschte sich Ruhe. Aber endlos in der Verteidigung zu bleiben, war auch nicht ihr Ziel. Das Ziel war ein anderes: Ordnung. Kein Krieg.

— Nächsten Sonntag habe ich zu tun, — sagte sie. — Übernächsten Sonntag – gern. Aber Hannelore soll Bescheid sagen, ob sie kommt oder nicht. Ich muss wissen, wie viele wir sind.

Gertrud schwieg. In diesem Schweigen hörte Käthe den Kampf – zwischen der Gewohnheit, Druck auszuüben, und dem neuen, noch unbekannten Gefühl, dass es hier nichts zu drücken gab.

— In Ordnung, — sagte sie schließlich. Trocken, ohne Wärme, aber – sie sagte es.

Übernächsten Sonntag kamen sie zu zweit – Gertrud und Hannelore, ohne Männer, ohne junge Leute. Käthe empfing sie am Gartentor. Öffnete das Schloss mit ihrem Schlüssel, ließ sie vor, ging hinterher.

Auf der Veranda war der Tisch gedeckt: Tee, Tamaras Marmelade, ein Apfelkuchen, den Käthe selbst gebacken hatte – zum ersten Mal in ihrem Leben, nach einem Rezept aus Omas Notizbuch, das sie im Mai in der Speisekammer gefunden hatte. Der Kuchen war an einer Seite etwas angebrannt und leicht schief, roch aber gut.

— Selbst gebacken? — fragte Hannelore.

— Selbst.

— Na so was, — sagte sie ohne Ironie. Nur – sie staunte.

Gertrud saß aufrecht da, wie immer, und blickte in den Garten. Die Ringe blitzten in der Sonne. Die Jacke heute ohne Lamé – schlicht, aus Leinen, hell. Vielleicht die Hitze. Vielleicht etwas anderes.

— Bald sind die Äpfel reif, — sagte sie.

— Ende August, schätze ich.

— Hannelore und ich können Marmelade kochen. Wenn du willst – helfen wir.

Käthe sah sie an. Gertrud blickte nicht zurück – sie sah den Apfelbaum an, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, den Käthe noch nie gesehen hatte: ohne zusammengepresste Lippen, ohne schnell taxierende Augen. Einfach – eine ältere Frau, die einen fremden Garten ansah und an etwas Eigenes dachte.

— Vielleicht, — sagte Käthe.

Sie sagte nicht „ja”. Aber auch nicht „nein”.

Sven kam am Abend, als die Mutter und die Tante sich schon zum Gehen fertig machten. Sie kreuzten nicht Käthes Blicke, sprachen die Vergangenheit nicht an, setzten keine Punkte aufs I – sie tranken einfach Tee, sprachen über Äpfel, über den trockenen Sommer, darüber, dass man nächstes Jahr entlang des Zauns Erdbeeren pflanzen sollte. Käthe hörte zu und antwortete – kurz, ruhig, ohne jene innere Anspannung, die früher den ganzen Tag nach ihren Besuchen in ihr gesessen hatte, wie ein Splitter.

Als sie abfuhren und Sven zum Abschied das Gartentor hinausging, war Käthe allein auf der Veranda.

Hinter dem Zaun flüsterten Stimmen, dann schlug eine Autotür, dann war es still. Die Abendsonne lag in langen orangefarbenen Streifen auf den Dielen der Veranda. Irgendwo im Nachbargarten klopfte wieder ein Specht – vielleicht ein anderer, vielleicht derselbe zufällige Gast, der sich irgendwie festgesetzt hatte.

Käthe saß da und dachte, dass nichts endgültig gelöst war. Gertrud war kein anderer Mensch geworden. Sven hatte sich nicht plötzlich in einen Mann verwandelt, der seiner Mutter „nein” sagen konnte – er fing erst an, mühsam, Wort für Wort, es zu lernen. Hannelore fand immer noch, der Apfelbaum stehe am falschen Platz. All das war nicht verschwunden.

Aber etwas hatte sich verändert.

Das Schloss hing am Gartentor – klein, aus dunklem Metall, fast unsichtbar. Der Schlüssel lag in der Tasche. Und als Sven vom Weg zurückkam und sich neben sie setzte, und sie lange schweigend zusahen, wie das Licht über dem Garten verlosch – da fühlte sich dieses Schweigen anders an. Nicht das, in dem unausgesprochene Kränkungen lauern. Sondern eines, in dem es einfach gut war.

Käthe schenkte sich den kalten Tee ein und dachte, dass sie Ende August, wenn die Äpfel reif waren, vielleicht Gertrud anrufen würde. Selbst. Als Erste. Und sagen: Kommen Sie – Marmelade kochen.

Vielleicht.

Wenn sie wollte.

Weil das ihr Haus war, ihr Apfelbaum und ihre Wahl, wem sie das Gartentor öffnete.

Der Schlüssel lag in der Tasche.

Dort, wo er hingehörte.

Ende August fielen die Äpfel doch von selbst.

Nicht alle – nur die, die am Rand hingen, dicht am Zaun, wo am längsten Schatten lag. Käthe fand sie am Samstagmorgen, als sie mit dem Kaffee auf die Veranda trat: drei Äpfel im Gras, leicht angedrückt, aber ganz.

Sie hob einen auf. Biss hinein, ohne Messer.

Tamara hatte nicht gelogen – klein, aber süß.

Sven schlief an jenem Morgen noch. Er war spät gekommen, müde, und Käthe weckte ihn nicht – sollte er. Sie saß allein, hörte, wie hinter dem Zaun der fremde Garten seinen Morgen begann, und dachte, dass September schon bald da sein würde und dass es hier dann anders riechen würde – nach welkem Laub, nach kalter Erde, nach jenem besonderen Duft des Endes, der irgendwie nie traurig ist.

Gertrud hatte sie nicht angerufen. Nicht aus Wut – einfach nicht angerufen, das war alles. Vielleicht würde sie nächstes Jahr anrufen. Vielleicht auch nicht. Auch das war ihr Recht – sich nicht zu beeilen, nichts zu schließen und nicht zu öffnen, bevor sie selbst fühlte, dass sie bereit war.

Sven kam gegen zehn auf die Veranda – ungekämmt, mit einem Abdruck des Kissens auf der Wange, einer Tasse in der Hand, die er sich selbst eingeschenkt hatte, ohne zu fragen, wo was stand. Also hatte er es sich gemerkt. Also war er oft genug hier gewesen.

Er setzte sich neben sie. Sah in den Garten.

— Die Äpfel fallen, — sagte er.

— Ich weiß.

— Man müsste sie aufsammeln.

— Später.

Sie schwiegen. Ein gutes Schweigen.

Käthe trank ihren Kaffee aus, stellte die Tasse auf das Geländer und sah zu dem Schloss hinüber – man konnte es von hier, von der Veranda aus, sehen, wenn man wusste, wohin man schauen musste. Dunkel, kompakt, zuverlässig.

Einfach ein Schloss.

An ihrem Gartentor.

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Homy
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Eine kleine Silvestergeschichte: Wie eine pensionierte Lehrerin zufällig eine Kiste Sekt im REWE gewinnt – und damit nicht nur ihre Nachbarn, den Kater Felix und sich selbst, sondern das ganze Haus an Silvester überrascht