Liebes Tagebuch,
heute war ich zu einem Klassentreffen nach dreißig Jahren ein ganzes halbes Jahrhundert, das wir in der Grundschule in München verbracht haben. Ich hatte beschlossen, hinzugehen, um meine alte Lieblingslehrerin, Frau Tanja Schneider, zu begrüßen. Das Treffen war überraschend emotional; auch die Jungs aus der Parallelklasse erschienen. Mein Herz schlug schneller, als ich Vitali erblickte mein heimliches Liebesgeheim aus der Schulzeit! Der große, leicht ergraute Mann mit gepflegtem Schnurrbart erinnerte kaum an den schelmischen Burschen, den ich damals kannte, aber die Augen waren dieselben: lebhaft, funkelnd.
Die Aula war laut, nach den Begrüßungen standen alle in Gruppen und plauderten. Ich setzte mich, überwältigt von der Erinnerung, als er auf mich zukam.
Ich war immer die unauffälligste im Klassenraum, zumindest hielt ich das für mich. Neidisch schaute ich auf die blonden, blauäugigen Klassenkameradinnen. Du wirst noch aufblühen, meine Liebe, tröstete mich meine Mutter einst. Ich habe erst mit sechzehn Jahren begonnen, mich wie eine Dame zu fühlen. Also warte nicht, du wirst noch die Herzen der Jungen erobern. Und ich antwortete nur mit gesenktem Blick, obwohl meine grünen Augen das Gegenteil verrieten.
Im Spiegel sah ich mein jüngeres Ich, das immer noch von Vitali träumte sportlich, groß, fröhlich. Sein Mut im Spiel war oft mehr Übermut. Beim Sportunterricht beobachtete ich ihn beim Basketball: sein Elan steckte das ganze Team an, sodass wir immer gewannen. Selbst wenn Vitali nicht besonders gut aussehe, mochte ich ihn doch; doch seine strahlende Erscheinung ließ mir keine Chancen, mit ihm befreundet zu werden. Seine Freunde umkreisten ihn ständig ich konnte nicht durch die Menge.
Selbst in den kurzen Flurphasen während der Pausen war jede Begegnung mit ihm ein kleines Fest für mich. Doch meine Unsicherheit kehrte zurück, sobald ich in seiner Nähe stand: ich sah ihn, wandte sofort den Blick ab. Niemand erfuhr von meiner Kindheitsverknalltheit, doch ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wüsste davon, und ich errötete bei dem Gedanken, dass meine Klassenkameraden oder gar Vitali selbst darüber spotten könnten.
Ich beschloss, den hübschen Jungen zu vergessen, ihn aus meinem Blickfeld zu verbannen und nicht mehr an ihn zu denken. Am Anfang gelang das kaum, doch mein Wille half mir, Ruhe zu finden, und ich begann, stolz auf mich zu sein. Das Wichtigste ist, nicht zu nah an ihn heranzugehen, flüsterte ich mir selbst zu und bog mich, sobald ich ihn in der Schule sah, sofort zur Seite oder schlüpfte zwischen anderen Kindern hindurch.
Zwei Jahre vergingen. Ich lernte gut, wuchs heran und verlor meine Schüchternheit, denn die Prophezeiungen meiner Mutter erfüllten sich: Aus dem schüchternen Mädchen wurde ein zierliches, elegantes Fräulein, fast über Nacht. Nach der achten Klasse wechselte ich auf das Berufskolleg. Was Vitali und die anderen Klassenkameraden angeht, erfuhr ich nur selten von meiner ehemaligen Klassenlehrerin, Frau Tanja, die zufällig in meiner Straße wohnte.
An den Schulabenden ging ich nie hin; unsere Klasse war nie besonders eng, und ich hatte kaum Schulfreunde. Nur einmal, zum Jubiläum von Frau Tanja, entschied ich mich, ebenfalls zu kommen, um die geliebte Lehrerin zu ehren schließlich waren dreißig Jahre seit unserem Abschluss vergangen!
Das Treffen war rührend, weil viele alte Gesichter sich selten gesehen hatten. Auch die Jungs aus der Parallelklasse erschienen. Ich erstarrte, als ich Vitali sah: ein großer, stattlicher Mann, leicht ergraut, mit eleganter Bärte. Nur seine Augen blieben die gleichen freudig, funkelnd. Die Aula tobte, nach den Glückwünschen an Frau Tanja standen alle in kleinen Gruppen, umarmten sich, redeten. Ich setzte mich, völlig überrascht, als er auf mich zuging.
Er lächelte breit und sagte:
Da ist ja mein heimliches Schul-Liebe Liselotte.
Er küsste meine Hand, als wäre kein Jahrzehnt vergangen. Ich wurde rot.
Liebe? Ich? staunte ich. Wie kommt das erst jetzt?
Wir lachten beide. Natürlich hatten wir inzwischen Familien und Kinder. Vitali erzählte von seiner Arbeit, seiner Ehe und seinem Sohn.
Ich habe auch einen Sohn, antwortete ich, fast träumerisch.
Dann sah ich ihn an und fragte plötzlich:
Sag mir, warum? Warum mochtest du mich? Ich war doch still und zurückhaltend und nicht besonders hübsch.
Er erwiderte nachdenklich:
Genau das war es. Du wolltest nicht wie alle anderen sein, hast immer den Kopf stolz erhoben. Ich hätte nie gedacht, dich anzusprechen. Du warst stolz und das hat mich fasziniert. Jetzt ist es nur noch süße Erinnerung an die Jugend.
Ich sagte:
Du hast mir genauso gefallen, aber ich konnte nie durch die Menge deiner Freunde brechen. Ich hätte nicht den ersten Schritt gemacht. Es war doch nur ein kindliches Schwärmen.
Vitali lächelte nachdenklich:
Vielleicht haben wir etwas in unserem Leben verpasst.
Ich lachte:
Vielleicht treffen wir uns im nächsten Leben.
Ich werde deine grünen Augen suchen, flüsterte er traurig und lächelte.
Plötzlich rief jemand:
Mama! Wir sind mit Papa da, wie du es wolltest.
Ein junger Mann drängte sich durch die Menge zu uns.
Darf ich vorstellen, das ist mein Sohn, sagte ich.
Er reichte Vitali die Hand, und Vitali, nun Vitali Jürgen, erwiderte die Geste. In seinem Blick lag Überraschung, Zärtlichkeit und ein wenig Verwirrung. Ich winkte ihm zu und ging zur Tür. Draußen holte mich Vitali ein letztes Mal ein.
Hör zu, Liselotte, sagte er mit tränenerfüllten Augen, danke dir
Wofür? fragte ich verwirrt.
Für deinen Sohn. Ein weiterer Vitali wächst heran. Danke für das Erinnern.
Ich nickte, stieg ins Auto und setzte mich auf den Rücksitz. Mein Mann fragte:
Wie war es?
Schön, antwortete ich. Viele kamen. Es war nett, aber auch ein wenig traurig. Die Zeit ändert uns Ich bin froh für Frau Tanja, sie war eine wunderbare Lehrerin. Gott gebe ihr noch viel Gesundheit für kommende Generationen von Schülern.
Jetzt, während ich das Fahrzeug verlasse und die kühle Abendluft spüre, denke ich daran, wie manche Erinnerungen wie alte Fotos im Album bleiben leicht vergilbt, aber immer noch voller Wärme.
Bis bald,
LiselotteVielleicht wird das nächste Klassentreffen wieder ein Kapitel meiner Geschichte, das ich mit einem Lächeln im Herzen schreiben werde.




