Der Koffer stand schon an der Tür, während auf dem Herd noch ein kräftiger Eintopf mit Knödeln vor sich hin köchelte. Genau wie er ihn liebte.
Liselotte trocknete mechanisch ihre Hände mit einem Handtuch ab. Sie blickte auf den vertrauten Hinterkopf, das Muttermal hinter dem Ohr, das sie tausendmal geküsst hatte und erkannte ihn nicht mehr.
Gehst du auf Dienstreise? fragte sie.
Nein, Lis. Ich gehe. Das Wort hing in der Küche wie der Geruch von abgebrannten Brötchen.
Wohin?
Woanders hin.
Das Handtuch fiel ihr aus den Händen.
Klaus
Lis, lass die Dramen. Wir wissen beide, dass das längst vorbei ist. Ich habe mich entschieden, du hast es nicht getan.
Vorbei?, lachte sie nervös, fast ängstlich. Morgen ist unser Jubiläum. achtzehn Jahre.
Genau. achtzehn Jahre derselben Suppe.
Der Satz traf sie wie ein Schlag in die Kehle. Sie schnappte nach Luft.
Ich habe die Promotion für dich aufgegeben. Ich hätte alles sein können
Nix hättest du nie sein können, erwiderte er mit einem Lächeln, das nur ein Bedauern verbergen konnte. Restaurator. Wer braucht heute noch alte Altärchen und Staub? Ich habe dir das Leben geschenkt: die Wohnung, das Auto, jedes Jahr das Meer.
Du hast?
Na ja, die Wohnung bleibt meine, aber ich bin kein Tier. Wohn ein oder zwei Monate hier, dann klären wir das.
Sie klammerte sich an die Stuhllehne, die Finger wurden bleich.
Wer ist sie?
Was spielt das für eine Rolle?
Er blickte auf die Uhr.
Lena, zweiunddreißig. Sie lebt, Lis. Sie geht ins Theater, fährt Ski, lacht. Und du hast dich längst zur Haushälterin gemaust, ohne es zu merken.
Liselotte schwieg, ein Kloß fest im Hals.
Klaus packte den Koffer, drehte sich zur Tür und ein kurzer Blick fuhr über sein Gesicht. Keine Reue, nur Ärger wie ein Besitzer, der den alten Hund im Tierheim lässt.
Mach dir keine Sorgen. Dreiunddreißig ist kein Todesurteil. Genieße deine Freiheit, Lis. Du hast sie dir verdient.
Die Tür schloss sich. Der Eintopf kühlte weiter ab.
In der ersten Woche weinte sie nicht. Sie ging durch die Wohnung, als wäre sie ein Museum fremden Lebens: seine Hemden, seine Zahnbürste, eine halb leere Tasse auf dem Tisch.
Am achten Tag rief Heike an.
Liselotte, bist du noch am Leben?
Da brach alles. Sie schluchzte ins Telefon, bis die Nachbarin unten klopfte und fragte, ob alles in Ordnung sei.
Heike ich bin dreiunddreißig. Ich fühle mich leer. achtzehn Jahre habe ich Eintopf gekocht, ich weiß nicht einmal mehr, wann ich zuletzt einen Pinsel gehalten habe
Und was noch?
Woran hast du dich erinnert, warum du die Restaurierung gewählt hast?
Ein Bild aus ihrer Jugend blitzte vor dem inneren Auge: Das Museum der Alten Pinakothek, sie neunzehn, steht vor der Dreifaltigkeit, Tränen in den Augen, weil Menschen solches schaffen und bewahren können.
Ich erinnere mich.
Dann hol dir deine Farben aus dem Schrank. Ich habe sie vor fünf Jahren dort gesehen.
Die Farben lagen in einer Schuhschachtel unter alten Vorhängen: vertrocknet, zur Hälfte hoffnungslos, doch die Pinsel alte Kohlesäulen, die sie einst mit Stipendium gekauft hatte, um auf das Mittagessen zu verzichten waren intakt.
Liselotte setzte sich auf den Boden des Schrankes und weinte, doch diesmal leise.
Am nächsten Morgen schrieb sie sich in kostenpflichtige Kurse an der Kunstakademie Köln ein das letzte Geld, das sie für einen geplanten Urlaub zurückgelegt hatte, der jetzt überflüssig war.
Sie ging zum Friseur, ließ die lange Zöpflinie abschneiden, die Klaus seit zwanzig Jahren verboten hatte. Im Spiegel sah sie eine fremde Frau mit scharfen Wangen und lebhaften, entschlossenen Augen.
Na, hallo, lange nicht gesehen, sagte sie zu sich selbst.
Drei Monate Studium Museen, Skizzen, nächtliches Malen zuerst zaghaft, dann selbstbewusster. Die Hände erinnerten sich, das Gedächtnis vergaß nicht.
Im Februar klingelte Heike erneut.
Liselotte, ein Fall. Erinnerst du dich an Arkadius Lippmann, bei dem Miroslav arbeitet? Seine Großmutter ist gestorben, das Erbe liegt in Brandenburg. Alte Ikonen, ein ganzes Regal. Er wollte sie entsorgen
Nicht zulassen!, sprang Liselotte auf. Lass ihn nicht anrühren!
Dachte ich mir vielleicht schaust du dir das mal an? Er zahlt.
Ich schaue morgen.
Die Ikonen waren in einem furchtbaren Zustand: acht Stück, schwarz geworden, lose Teile, Risse. Liselotte beugte sich darüber, ihr Herz pochte laut genug, dass sie es hörte.
Herr Lippmann, flüsterte sie heiser, dieses Stück ich muss es unter einer Lampe untersuchen, aber ich bin mir sicher: 17. Jahrhundert, Norddeutsche Handschrift, sehr wertvoll.
Er zog eine Augenbraue hoch.
Was kostet das?
Die Restaurierung kann ich nicht genau beziffern, aber der Verkauf danach bringt viel.
Und du kannst das?
Sie sah auf die verblassten Gesichter, kaum durch den Ruß hindurch. Sie verstand: das war ihre Chance, die einzige.
Ich schaffe das.
Ein halbes Jahr Arbeit folgte. Sie miete eine winzige Werkstatt am Rand von Berlin der Geruch von Lösungsmitteln war kaum auszuhalten. Sie aß Brot mit Butter, verlor zwölf Kilo, weinte zweimal vor Verzweiflung, als die Arbeit fast scheiterte. Einmal rief sie ihre Dozentin um vier Uhr morgens; diese kam nach einer Stunde mit einer Thermoskanne heißer Suppe.
Schließlich war die erste Ikone befreit, strahlend.
Arkadius Lippmann schwieg lange.
Liselotte, das ist ein Wunder.
Kein Wunder, nur Arbeit.
Er bezahlte das Doppelte. Eine Woche später rief ein Bekannter des Herrn Lippmann an, dann ein Bekannter des Bekannten, dann ein Galerist aus der Neustadt.
Ein Jahr verging, dann noch eins.
Jetzt lebte Liselotte in einer kleinen, aber eigenen Wohnung in Friedrichshain, mit hohen Decken. Ihre Werkstatt lag am Koppelsbach, Aufträge für ein halbes Jahr voraus Arbeiten für zwei Klöster und für die private Sammlung eines bekannten Unternehmers, der in den Wirtschaftszeitungen stets mit Respekt erwähnt wird: Dmitri Sergejewitsch Wolff.
Er kam selbst zur Werkstatt, nicht mit Kurieren. Sitzte am Fenster, beobachtete sie beim Arbeiten, brachte manchmal Kaffee, manchmal nichts.
Ein seltsamer Kunde, Herr Wolff, bemerkte Liselotte.
Ich bin ein seltsamer Mensch. Stört es Sie, wenn ich bleibe?
Nicht im Geringsten.
Vierundvierzig, verwitwet, scharfe, müde Augen, Hände eines Pianisten obwohl er nie Klavier spielte, sondern im Finanzmarkt jonglierte.
Zwischen ihnen war nichts. Noch nicht. Aber Liselotte erwischte sich gelegentlich dabei, wie sie seine Besuche erwartete.
An diesem Abend wollte sie nirgends hingehen. Heike drängte sie jedoch die Jubiläums-Eröffnung einer Galerie in Berlin-Mitte, das ganze Stadtleben, wichtige Kunden, kein Grund, in ihrer kleinen Kammer zu verfallen.
Liselotte zog ein schlichtes schwarzes Kleid an das erste Designer-Kleid, das sie einen Monat zuvor gekauft hatte. Perlenohrringe, ein Geschenk eines dankbaren Kunden. Hohe Absätze, an die sie kaum noch gewöhnt war.
Dmitri Wolff fuhr selbst, ohne Chauffeur, zur Werkstatt.
Sie strahlen heute, sagte er.
Sie lachte, zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich.
Im Saal summten Gespräche, Champagner floss. Liselotte stellte sich vor ein Gemälde von Max Liebermann, tat so, als würde sie es studieren, atmete tief durch.
Plötzlich drehte sich jemand um.
Klaus stand dort, gealtert, graue Schläfen, dunkle Ringe unter den Augen, ein Glas in der Hand, die Hand leicht zitternd. Neben ihm eine junge, schlanke Frau Lena die genervt auf seinem Arm baumelte.
Klaus, lass uns gehen, mir wird langweilig, sagte sie.
Warte, Lena, antwortete er.
Er sah Liselotte an, erkannte sie kaum.
Bist du das? Du bist?
Hallo, Klaus.
Du wie hast du dich verändert?
Die Zeit vergeht.
Lena zog Klaus am Ärmel.
Wer ist das?
die ehemalige Ehefrau.
Lena musterte Liselotte von Kopf bis Fuß von den Schuhen bis zu den Ohrringen.
Freut mich. Ich geh zur Bar.
Sie schritt davon, Absätze klapperten.
Nur sie beide blieben übrig, mitten im Raum, von Menschen umgeben, doch allein.
Was führt dich hierher?
Ich arbeite. Ich bin Restauratorin.
Restaurator?, fluchte er. Im Ernst?
Im Ernst.
Lis, kam er näher, roch nach Whisky. Ich muss dir sagen: Ich war ein Idiot.
Sie schwieg.
Lena ist ein Alptraum. Sie kann nicht einmal ein Spiegelei braten. Immer nur Clubs, Resorts, Restaurants. Ich bin müde, Lis.
Verstehe ich.
Ich lasse mich scheiden. Schon eingereicht. Er packte ihr die Hand. Lass es noch einmal versuchen. Du hast mich immer geliebt. Immer.
Liselotte sah auf seine Finger fremd, einst die vertrautesten. Sie ließ die Hand langsam los.
Klaus, erinnerst du dich an deine letzten Worte?
Er runzelte die Stirn.
Du sagtest genieße deine Freiheit.
Lis, ich wollte nicht
Warte. Ich möchte dir danken, ohne Ironie. Er sah verwirrt.
Du hast mir tatsächlich Freiheit geschenkt. Ich konnte sie lange nicht auspacken wie ein Geschenk, das man nicht öffnen will. Und dann habe ich es geöffnet. Innen lag ich selbst, die Frau, die ich vor achtzehn Jahren begraben hatte.
Lis
Danke. Und nein, ich komme nicht zurück.
Warum nicht? Ich habe Wohnung, Geld, alles
Ich sorge jetzt selbst für mich.
In diesem Moment trat Dmitri Wolff, ruhig, leise, mit zwei Gläsern, ein.
Liselotte, sind Sie bereit? Der Sammler aus Hamburg wartet.
Ja, natürlich. Sie nahm seine Hand.
Klaus blickte ihr nach, sah, wie Dmitri ihr respektvoll die Hand reichte, wie ein Gentleman in teurem Anzug.
Lena schimpfte leise an der Bar, doch er hörte es nicht.
Liselotte drehte sich kurz zum Ausgang, winkte nur leicht, wie man einem alten Bekannten, mit dem man friedlich auseinandergegangen ist, zuwinkt.
Der Sammler, ein grauhaariger Mann mit kindlich blauen Augen, hieß Boris Naumann. Er küsste die Hand altmodisch, verbeugte sich, rief Madame ohne Spott.
Dmitri hat von Ihren Wundern erzählt. Ich habe nicht geglaubt, bis ich die MuttergottesUmarmung aus dem 18.Jahrhundert sah. Erinnern Sie sich?
Liselotte nickte. Es hatte ein halbes Jahr gekostet.
Haben Sie sie gekauft?
Ich. Und ich will noch mehr. Ich habe etwas Delikates.
Sie gingen zum Fenster. Dmitri blieb lässig an der Säule, doch in seiner Nähe spürte Liselotte eine seltsame Wärme. In ihrem Blick sah sie, dass Klaus immer noch vor dem Bild von Max Liebermann stand, allein. Lena war bereits gegangen, wohl mit einem lauten Wort.
Ich habe eine Ikone, flüsterte Boris. Aus Nürnberg, 16.Jahrhundert. Ihre Geschichte ist undurchsichtig.
Liselotte spannte die Schultern.
Gestohlen?
Nein, sie wurde in den 1920erJahren exportiert, dann nach NewYork. Vor zwei Jahren legal auf einer Auktion gekauft, jetzt will ich sie zurück nach Deutschland, im Originalzustand. Im 19.Jahrhundert wurde sie stark umgestaltet. Darunter liegt ein echtes Meisterwerk.
Warum das?
Boris schwieg einen Moment.
Meine Großmutter war Nürnbergerin. Ihr Vater, ein Pfarrer, wurde 1937 hingerichtet. Ich suche diese Ikone seit vierzig Jahren. Jetzt habe ich sie gefunden.
Liselotte spürte ein Ziehen im Auge.
Ich nehme sie an.
Die Arbeit an der Nürnberger Ikone sollte einen Monat nach Genehmigungen beginnen. Bis dahin ging das Leben weiter.
Am Montagmorgen fand Liselotte vor ihrer Tür einen Brief, ohne Briefmarke, in krakeliger Handschrift:
Lis, wir müssen reden. Nicht telefonisch. Mittwoch, 19Uhr, Café am Kottbusser Tor. Wenn du nicht kommst, verstehe ich das. Aber bitte.
Sie starrte das Papier, zerknüllte, glättete, zerknüllte wieder.
Mittwoch kam. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht, um ein Kapitel zu schließen nicht das des Galeriekontexts, sondern das des wahren Lebens.
Klaus saß bereits am Ecktisch, eine Tasse Tee unberührt. Er stand auf, als sie kam, unbeholfen.
Danke, dass du gekommen bist.
Ich habe zwanzig Minuten.
Ich halte mich kurz. Er packte die Tasse. Lis, ohne Lena, ohne Publikum Ich habe damals in der Galerie etwas Falsches gesagt. Wie sollte es sein?
Wie?
Er hob die Augen. In ihnen flackerte echte Angst die Angst, wenn man erkennt, dass man etwas Unwiderrufliches getan hat.
Ich habe Mist gebaut, den ich nicht mehr aufräumen kann.
Ja.
Was ja?
Ja, Mist. Sie sagte es ohne Groll, schlicht. Warum hast du gefragt?
Er schwieg, zog eine abgenutzte Samtkiste aus der Jacke, die Liselotte sofort erkannte.
Der Ring deiner Großmutter, hauchte sie.
Erinnerst du dich?
Der Ring, ein kleiner Smaragd, den Klaus vor achtzehn Jahren zu ihrer Verlobung geschenkt hatte. Dann wieder zurückgefordert zur Aufbewahrung, für zukünftige Kinder, die nie kamen. Jetzt lag er bei ihm.
Ich will ihn dir zurückgeben. Er gehört dir.
Nimm ihn. Das ist kein Angebot. Ich habe damals in der Galerie gesehen, wie du mit Wolff, seine Stimme zitterte. Liebst du ihn?
Liselotte dachte nach, hörte ehrlich zu.
Weiß nicht. Vielleicht, wenn die Zeit es zulässt.
Klaus nickte schwer.
Sie sah ihn zum ersten Mal nicht mehr den Besatzer, nicht mehr den Verräter, sondern einen müden Mann mittleren Alters, der die wichtigste Partie verloren hatte. Und plötzlich war das nicht mehr schmerzhaft, sondern menschlich.
Klaus. Nimm den Ring nicht. Gib ihn meiner Nichte, oder bring ihn zur Kirche.
Ein Wort noch. Und das wars.
Gut.
Danke, dass du gegangen bist.
Er sah verwirrt.
Wenn du nie gegangen wärst, hätte ich bis sechzig Eintopf gekocht und dich heimlich gehasst, mich selbst gehasst. Jetzt hasse ich nichts mehr.
Ein leiser Tränenstrom rollte über sein Gesicht, er wischte ihn nicht ab.
Alles Gute, sagte Liselotte. Pass auf dich auf.
Sie zog ihren Mantel an, drehte sich zur Tür, wo Klaus mit gesenktem Kopf saß, die Schultern leicht zuckLiselotte ging hinaus in die kühle Berliner Nacht, bereit, ihr eigenes Leben zu malen.





