Anna hat ihrem Mann nie vertrautAls sie das geheime Tagebuch fand, bestätigte sich ihr Verdacht endgültig.

Liselotte traute ihrem Mann nie ganz. Deshalb musste sie immer nur auf sich selbst zählen so verlief das ganze Familienleben.

Ihr Ehemann Friedrich war hübsch wie ein Frühlingsmorgen und immer das Herz jeder Runde. Er trank nur mäßig, rauchte nie und war weder ein Sportfreak noch ein Jagdfan. Kurz gesagt: guter Kerl fast ein Prinz.

Dank all dieser Vorzüge vermutete Liselotte, dass ihr Mann außerhalb des heimischen Hauses Trost suchte. Solche Männer finden sich ja nicht jeden Tag. Und die Jägerinnen würden schon von selbst auftauchen

Ein kleines Trostpflaster für Liselottes Sorgen war jedoch die Liebe, die Friedrich für ihren kleinen Sohn hegte. An Friedrich lag nichts mehr als das Herz am Sohn Sebastian. Seine ganze Freizeit widmete er dem Jungen, sodass Liselotte dachte, diese väterliche Leidenschaft reichte aus, um die Ehe zu halten.

In der Schule wurde Liselotte wegen ihrer feuerroten Haare und den Sommersprossen, die ihr Gesicht wie Konfetti bedeckten, immer wieder mit dem Spitznamen Rötschopf gehänselt. Ihre Mutter, eine geborene Schönheit, hatte ihr seit Kindertagen eingetrichtert:

Liselotte, du bist bei mir wie das hässliche Entlein. Entschuldige den Vergleich, aber das ist bittere Wahrheit. Wer sonst sagt dir das ins Gesicht? Nur deine Mutter. Heiraten wird dir niemand abnehmen. Darum musst du dich ganz allein durchsetzen. Lern fleißig, baue dir danach eine Karriere auf und wenn dir irgendwann ein netter Kerl entgegenkommt, mach dich nicht zum Zicken. Sei ihm eine gehorsame Ehefrau.

Dieses Mantra begleitete Liselotte ein Leben lang.

Nach dem Abi mit Goldmedaille ging sie an die Universität, wo sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Sie verstand nicht, warum gerade dieser attraktive junge Mann auf sie aufmerksam geworden war. Später gestand Friedrich ihr, dass sie die einzige Frau war, zu der er den Mut hatte, zu gehen. Liselotte trug nie Schminke, kleidete sich unauffällig und konnte nicht mit den Jungs flirten. Als sie merkte, dass Friedrich ernsthaft um sie buhlte, packte sie die Initiative selbst an man darf schließlich ein Geschenk des Schicksals nicht verpassen! Sie schlug Friedrich vor, sie zu heiraten.

Der junge Mann war zunächst fassungslos über das unverschämte Angebot, doch Liselotte versprach, eine sanfte, demütige und treue Frau zu sein. Die Liebe kommt mit der Zeit, redete sie ihren Verehrer. Nach einigem Zögern willigte er ein, das Leben mit dieser unscheinbaren, aber lebhaften Dame zu teilen. Seine Mutter Gertrud Olegovna war zunächst skeptisch, denn Liselotte wirkte ihr äußert ungeheuer.

Der Sohn ist doch ein Traum schöner als die Sonne, klarer als der Mond. Jede Frau würde um ihn kämpfen! Und dann diese SommersprossenMiesepeterin.

Der erste Besuch war alles andere als glanzvoll.

Liselotte bemerkte Gertruds Missfallen sofort. Tief im Innern wusste sie, dass ein gutaussehender Mann das Familienglück nicht zerstören würde doch ihr Plan, die Ehe zu sichern, war noch nicht aufgegeben. Sie beschloss, ohne Friedrich zu Gertruds Haus zu gehen, um ihr zukünftiges Glück zu retten. Die Schwiegermutter bot ihr Tee an und plötzlich schien Liselotte sogar sympathisch.

Gewöhnt sich langsam , dachte Gertrud überrascht. Liselotte schwor, ihrem Sohn ein treues und gehorsames Herz zu schenken ein Argument, das sämtliche äußeren Mängel überdeckte.

Gertrud war eine alleinstehende Frau; ihr Mann hatte sie und den Sohn vor langer Zeit für eine neue Liebe verlassen. Nach einem Jahr kehrte er, abgemagert und zerschlissen, zurück, doch die Familie hatte ihn nicht wieder aufgenommen. Das war eine schwere Zeit für Gertrud, die sich immer wieder fragte, ob sie dem Schuldigen verzeihen sollte oder ihn noch einmal im Stich lassen.

Allein einen Sohn zu erziehen, war kein Zuckerschlecken! Deshalb gab Gertrud schließlich den Wunsch ihres Lieblingssohns nach Liselotte ihren Segen. Sie verstand, dass Liselotte jede noch so holprige Straße nehmen würde, um zu Friedrich zu gelangen. Und so segnete sie die Ehe.

Ein Jahr später kam ihr Sohn Sebastian zur Welt. Er war ein Bild des Vaters, ein Grund zur Freude für Gertrud. Friedrich schwebte wie ein verliebter Schmetterling um den Kleinen, Sebastian wurde zum Mittelpunkt seines Lebens.

Doch die Liebe zu seiner Frau blieb aus. Auch Liselotte verspürte keine Leidenschaft für Friedrich; ihr Alltag war ruhig und gleichmäßig. Sie wusch und bügelte seine Hemden, kochte und küsste ihn nachts auf die Wange. Friedrich gab ihr das gesamte Gehalt, schenkte Blumen zum Geburtstag und küsste sie morgens ebenfalls eher ein Ritual als echte Liebe.

Nach fünf Jahren fand Friedrich endlich das, wonach er gesucht hatte aber nicht in seiner eigenen Familie. Es war eine himmlische Schönheit namens Brigitte. Sie war ein Engel auf Erden, unwiderstehlich. Friedrich konnte ihren Reizen nicht widerstehen; Brigitte erwiderte seine Gefühle. Halbe Jahre trafen sie sich in Cafés, auf Bänken oder bei Freunden. Das geheime Treffen zermürbte ihn, er log immer öfter vor Liselotte. Sebastian sah seinen Vater immer öfter genervt denn fröhlich.

Brigitte stellte klare Bedingungen:

Du hast keine Chance bei mir, Friedrich. Entweder du heiratest mich, oder wir bleiben Freunde. Ich habe keine Lust, alt zu werden und alleine zu sein.

Friedrich war ratlos. Er wollte Brigitte nicht verlieren, doch sein Sohn war ihm ebenfalls heilig. An Liselotte dachte er kaum als wäre sie gar nicht da. Als Sebastian fünf Jahre alt war, packte Friedrich seine Koffer und verließ die Familie.

Liselotte erinnerte sich immer wieder an das, was ihre Mutter ihr einst gesagt hatte. Die Worte hatten damals wehgetan, doch jetzt schien ihnen ein tiefer Sinn zuzufallen. Sie würde den Weg ihres Mannes überleben, ohne dramatisch vom Hochhaus ins tiefe Tal zu springen.

Der Abschied schnitt ihr ein Stück vom Herzen ab, das tief in ihr innerstes Versteck fiel und dort wartete, bis das Glück wieder flatterte wie ein freier Vogel, der sich niederlässt, wo er mag.

Am Abschiedstag sagte Liselotte zu Friedrich:

Denk dran, die Tür steht immer offen. Aber komm nicht zu spät zurück. Sebastian liebt dich sehr. Lass ihn nicht leiden.

Friedrich schob sich sechs Monate lang zwischen Sohn und Brigitte hinundher. Liselotte bewahrte die Zahnbürste ihres ExMannes in einem kleinen Becher im Bad auf. Jedes Mal, wenn Friedrich zum Waschen kam, blickte die Bürste ihm traurig in die Augen ein stummes Mahnmal. Einmal verstaute er die Bürste in seiner Tasche, um sie loszuwerden, doch beim nächsten Besuch fand er dort eine neue, glänzende Bürste.

In der Küche wartete stets seine Lieblingskaffeetasse, im Flur die Hausschuhe, bereit für den Mann, der nicht mehr nach Hause wollte. All diese kleinen Dinge kratzten an Friedrichs Gewissen. Er wollte schnell mit Sebastian spielen und dann verschwinden. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum er die Familie verließ; eine unsichtbare, unbezwingbare Kraft zog ihn zu Brigitte.

Tag für Tag stellte er sich dieselben Fragen: Wie soll ich meinen Liebsten nicht wehtun? Wer zeigt mir den Ausweg? Keine Antwort kam.

Vielleicht hätte Liselotte ihn am Tor aufhalten können, die Trennungskonkubine verfluchen und Friedrich zur Strecke bringen können doch sie schwieg gütig. Jedes Mal, wenn Friedrich ging, nachdem er mit Sebastian gespielt hatte, flüsterte sie leise: Komm zurück, Friedrich. Vergiss uns nicht.

Brigitte empfand das ständige Gerangel um Sebastian als belastend. Sie warnte Friedrich:

Wenn ich von dir gehe, dann nur wegen deinem Lieblingskind. Du kümmerst dich mehr um ihn als um mich.

So ging das Jahr für Jahr weiter.

Freundinnen tuschelten:

Gott sei dank, du hättest längst heiraten sollen! Warum wartest du noch? Dein Sohn braucht einen Vater, kein Urlauber! Und du bist noch jung! Vergiss Friedrich!

Liselotte hörte die Predigten, seufzte und schwieg. Mit der Zeit hörten die Freundinnen auf, sie zu drängen; man hatte sich daran gewöhnt, dass sie allein war.

Die Zeit verging unerbittlich. Friedrich besuchte Sebastian kaum noch. Vater und erwachsener Sohn trafen sich gelegentlich auf neutralem Boden. Sebastian schloss die Schule ab, und Liselotte erkannte endgültig, dass ihr Mann nie zurückkehren würde zwölf Jahre waren vergangen.

Sie setzte einen fetten Punkt hinter dieses Kapitel und hörte auf zu warten. Noch voller Kraft, beschloss sie, ein zweites Kind zu bekommen. Sie nahm ein Ticket und flog in warme Gefilde. Dort erlebte sie eine kurze, unverbindliche Romanze ganz ohne Pflichten, nur ein bisschen Sonne und ein paar flüchtige Küsse.

Neun Monate später brachte Sebastian eine kleine Schwester zur Welt: Maja.

Alle Freundinnen waren, gelinde gesagt, erstaunt über Liselottes Entschluss. Sie standen vor dem Krankenhaus, bereit, die frischgebackene Mama zu begrüßen. Liselotte kam erschöpft, aber glücklich, mit einem in rosa Bändern verpackten Bündel in den Händen.

Hallo, Mädels! Liebt meine Maja und verwöhnt sie, bitte! lächelte sie.

Eine Freundin neckte sie:

Und wie soll ich dich mit Nachnamen nennen?

Das kommt erst später, schnippte Liselotte.

Kein Spott konnte ihre Freude trüben. Ihr Leben drehte sich nun völlig um Maja.

Sebastian war der erste, unverzichtbare Helfer. Er liebte seine kleine Schwester. Fragen zum leiblichen Vater stellte Maja nie ihre Mutter war einfach zu glücklich.

Als Maja im Kindergarten war, drei Jahre alt, lernten die anderen Kinder, dass es nicht nur Mütter, sondern auch Väter geben kann. Maja nannte Sebastians Vater gern Papa Sebastian. Das war gleichermaßen komisch und herzerwärmend.

Eines Abends klingelte es an Liselottes Tür. Maja rannte zur Tür und rief: Das ist mein Papa!

Liselotte sah durch den Türspion und entdeckte Friedrich! Sie öffnete die Tür einen Spalt breiter.

Darf ich reinkommen, Liselotte? stapfte der unerwartete Gast herein.

Komm herein, wenn du willst, antwortete Liselotte, kaum verbergend, wie überrascht sie war.

Friedrich stellte zwei prall gefüllte Taschen beiseite und legte seinen Rucksack ab. Maja stürzte sich in die Arme des fremden Mannes:

Mama, das ist doch mein Papa, oder?

Liselotte, Tränen in den Augen, sagte:

Ja, Maja, das ist dein Vater.

Friedrich nahm das Mädchen hoch, küsste die sommersprossige Nase und strich ihr goldiges Haar:

Hallo, mein kleiner Räuber!

Dann wandte er sich an Liselotte, küsste ihre Hand fest und flehte:

Danke, Liselotte! Verzeih mir, bitte.

Liselotte griff sanft, aber bestimmt nach Friedrichs Ellbogen, sodass er nicht auf die Knie gehen konnte.

Willkommen zurück, mein bitterer Honig! Du warst 17 Jahre weg, aber keine Vorwürfe. Wer das Alte aufgräbt Wir brauchen jetzt einen Vater.

Sebastian stand daneben, die Augen weit offen vor Staunen, und lächelte.

Wochen später rief Liselotte ihre neugierige Freundin an und sagte:

Du wolltest den Namen meiner Tochter wissen? Sie heißt Maria FriedrichKoch, und das ist endgültig.

So endete die Geschichte ein bunter Mix aus Irrungen, Trost und einem Hauch ironischer Glückseligkeit.

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Homy
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