— Die Umstände passen nicht zusammen. Sie werden von Menschen geschaffen. Sie haben die Umstände geschaffen, unter denen Sie ein Lebewesen auf die Straße geworfen haben. Und jetzt wollen Sie sie ändern, wann es Ihnen passt.

Thomas ging nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Es war ein gewöhnlicher Winterabend, die Stadt lag still unter einer grauen Decke aus Tristesse. Vor dem Supermarkt an der Ecke der Breite Straße bemerkte er eine Hund, der ruhig auf dem Gehweg saß. Ein Mischling, rotbraun, mit einem Blick, der die Verzweiflung eines verlorenen Kindes spiegelte.

Was machst du hier? murmelte Thomas, hielt aber inne. Der Hund hob nur den Kopf, sah ihn an er bat um nichts, er schaute nur.

Vielleicht wartet jemand auf ihn, dachte Thomas und ging weiter.

Am nächsten Tag sah er dieselbe Szene, und auch am Tag darauf. Der Hund schien sich an den Ort gefesselt zu haben. Menschen gingen vorbei, manche warfen ein Stück Brot, andere ein Würstchen.

Warum sitzt du hier? fragte Thomas eines Mal und kniete sich neben das Tier. Wo sind deine Besitzer?

Vorsichtig näherte sich der Hund, drückte seine Nase an Thomas Bein. Ein Schlagstock der Erinnerung traf ihn: Wann hatte er das letzte Mal jemandem die Hand gestreichelt? Seit seiner Scheidung war drei Jahre vergangen, die Wohnung war leer nur Arbeit, Fernseher und ein kalter Kühlschrank.

Du bist meine Lotte, flüsterte Thomas, ohne zu wissen, woher das Wort kam.

Am nächsten Tag brachte er ihr ein paar Würstchen. Eine Woche später stellte er eine Anzeige im Internet: Hund gefunden Besitzer gesucht. Niemand rief zurück.

Ein Monat später, nach einem Nachtdienst als Ingenieur, sah er eine Menschenmenge vor dem Supermarkt.

Was ist passiert?, fragte Thomas eine Nachbarin.

Der Hund wurde von einem Auto erfasst, erklärte sie. Er lag dort einen Monat.

Thomas Herz sank.

Wo ist er jetzt?

In der Tierklinik an der FriedrichEbertAllee. Dort verlangen sie ein Vermögen Wer will das Tier schon, wenn es herrenlos ist?

Ohne ein Wort zu sagen, rannte Thomas zur Klinik. Der Tierarzt schüttelte den Kopf:

Frakturen, innere Blutungen. Die Behandlung kostet viel, und die Überlebenschancen sind gering.

Behandeln Sie ihn, sagte Thomas. Ich zahle, was nötig ist.

Nach der Behandlung nahm er den Hund mit nach Hause. Zum ersten Mal seit drei Jahren füllte sich seine Wohnung mit Leben.

Der Morgen begann nicht mehr mit dem Wecker, sondern mit Lottes leiser Nasenstupser, als wolle sie sagen: Zeit aufzustehen, Herr Thomas. Und er stand auf, lächelnd. Früher begann der Tag mit Kaffee und Nachrichten, jetzt mit einem Spaziergang im Park.

Komm, Mädchen, atmen wir die kalte Luft ein, sagte er, und Lotte wedelte freudig mit dem Schwanz.

In der Tierklinik wurde alles dokumentiert Pass, Impfungen. Offiziell war sie jetzt seine Hündin. Thomas fotografierte jedes Dokument, nur für den Fall.

Kollegen staunten:

Thomas, hast du etwa wieder jung geworden? Du siehst so frisch aus!

Und tatsächlich fühlte er sich wieder gebraucht, zum ersten Mal seit Jahren.

Lotte erwies sich als äußerst klug. Sie verstand ein halbes Wort. Wenn Thomas länger arbeitete, wartete sie an der Tür, sah ihn mit einem Blick an, der sagte: Ich warte auf dich.

Abends spazierten sie lange im Park. Thomas erzählte ihr von der Arbeit, vom Leben. Es klang vielleicht komisch, doch Lotte hörte aufmerksam zu, manchmal leise jaulte, als wolle sie zustimmen.

Weißt du, Lotte, früher dachte ich, allein zu sein sei einfacher. Niemand stört, niemand fordert. Er streichelte ihr den Kopf. Aber es ist wirklich schwer, wieder zu lieben.

Die Nachbarn gewöhnten sich an das Duo. Tante Erika aus dem gegenüberliegenden Haus brachte oft einen Knochen vorbei.

Was für ein hübscher Hund, sagte sie. Man merkt, er ist lieb.

Ein Monat verging, dann ein zweiter. Thomas dachte sogar darüber nach, eine Seite in den sozialen Medien zu erstellen, um Fotos von Lotte zu posten. Ihr rotbraunes Fell glänzte im Sonnenlicht wie flüssiges Gold.

Dann passierte etwas Unerwartetes. Während eines gewöhnlichen Spaziergangs im Park schnupperte Lotte an einem Busch, Thomas las auf seinem Handy.

Heidi! Heidi!

Ein junges, sportlich gekleidetes Mädchen in dreißig Jahren kam auf sie zu, blond und stark geschminkt.

Entschuldigung, sagte Thomas, Sie irren sich. Das ist mein Hund.

Das Mädchen blieb stehen, die Arme verschränkt.

Was meinen Sie damit? Das ist meine Hündin Gerda! Vor einem halben Jahr habe ich sie verloren!

Thomas war fassungslos.

So ist es! Sie ist aus unserem Haus entlaufen, ich habe überall gesucht! Und Sie haben sie gestohlen!

Wie bitte?, fuhr Thomas fort. Ich habe sie vor dem Supermarkt gefunden. Sie saß dort einen Monat ohne Besitzer!

Das Mädchen trat näher.

Warum saß sie dort? Weil sie verloren war! Ich liebe sie! Wir haben extra einen reinrassigen Hund gekauft!

Thomas blickte Lotte an.

Das ist ein Mischling, sagte er.

Ein Mischling! Aber sie ist teuer!, platzte das Mädchen heraus.

Thomas stand auf. Lotte drückte sich an seine Beine.

Zeigen Sie mir die Papiere, verlangte er.

Welche Papiere?, fragte das Mädchen verwirrt.

Den Tierpass, Impfzeugnisse, alles, was Sie haben.

Sie suchte in ihrer Tasche, Hände zitternd, und zog einen Ausweis hervor.

Der Polizist, Hauptkommissar Braun, kam dazu. Er war ein ruhiger, gründlicher Mann, den Thomas aus früheren Projekten kannte.

Erzählen Sie, was passiert ist, bat er.

Das Mädchen begann hastig zu reden: Das ist meine Gerda! Wir haben sie vor sechs Monaten für zehntausend Euro gekauft! Sie ist weggelaufen, und ich will sie zurück!

Thomas zeigte die Unterlagen aus der Klinik, die Behandlung nach dem Unfall, den Pass und die Quittungen für Futter und Spielzeug.

Der Polizist prüfte die Dokumente.

Sie haben die Unterlagen?, fragte er das Mädchen.

Ja, alles zu Hause. Aber das ändert nichts!, rief sie.

Er wandte sich zu Thomas.

Nach den Papieren gehört der Hund dem Herrn Vornamen Thomas, der ihn aufgenommen und behandelt hat. Rechtslich gibt es keinen Zweifel.

Das Mädchen schluchzte.

Ich habe sie doch nur aus Verzweiflung zurückgelassen, weil mein Mann die Wohnung nicht mit einem Hund teilen wollte. Jetzt bin ich allein, und ich will sie zurück.

Thomas sah sie an: Man wirft keinen geliebten Hund weg.

Der Polizist nickte und ging.

Thomas kniete sich zu Lotte, umarmte sie.

Alles gut, meine Kleine. Du bist jetzt für immer bei mir.

Lotte schaute ihn an, und er sah dort nicht nur Dankbarkeit, sondern reine, bedingungslose Liebe.

Kommen wir nach Hause?, fragte er.

Lotte bellte freudig und lief neben ihm her.

Auf dem Weg nach Hause dachte Thomas nach: Die Frau hatte recht, dass Umstände sich ändern können Jobverlust, Geldknappheit, Trennung. Aber manche Dinge darf man nie verlieren: Verantwortung, Mitgefühl und die Fähigkeit zu lieben.

Zuhause legte Lotte sich auf ihr Lieblingskissen, Thomas machte Tee und setzte sich zu ihr.

Weißt du, Lotte, sagte er nachdenklich, vielleicht war das alles ein Segen. Wir brauchen einander, und das ist das Wichtigste.

Lotte schloss die Augen, zufrieden.

So lernte Thomas, dass das Herz erst dann wirklich wärmt, wenn man es teilt und dass echte Bindungen mehr wert sind als Geld und Besitz.

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Homy
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Doppelleben – Verborgene Seiten eines ganz normalen Alltags