Doppelleben – Verborgene Seiten eines ganz normalen Alltags

Doppelleben

Regentage in Hamburg im Oktober sind keine gewöhnlichen Regentage nein, hier hat Regen einen persönlichen Groll. Er kriecht dir in den Kragen, sammelt sich in Schuhen, tropft dir von der Haustür exakt in den Nacken, genau im Moment, in dem du am Klingelknopf stehst. Sabine Margarete Feldmann stand vor einer fremden Tür im dritten Stock eines Altbaus in Winterhude und dachte nur an eines: Zittern die Hände?

Sie zitterten nicht. Das verwunderte Sabine ein bisschen.

Der Summer der Haustür brummte, ohne dass jemand antwortete. Offenbar wollte gerade jemand raus. Sabine hielt die Tür auf, tappte durch das Treppenhaus. Der Aufzug wäre da gewesen, aber sie wollte die zwei Stockwerke zu Fuß gehen. Ein kleines Opfer, um sich selbst etwas zu beweisen.

Wohnung Nummer 27. Seit drei Wochen wusste sie die Nummer, den Namen, das Gesicht das Facebook-Profil hatte alles verraten. Jung, natürlich. Achtundzwanzig erst. Sie hieß Anne. Anne Charlotte Schröder, mit ganzem Namen.

Sabine klopfte. Nicht die Klingel, sondern richtig, mit den Fingerknöcheln. Bestimmt.

Hinter der Tür war es fünf Sekunden lang still. Schritte. Leise, barfuß, beinahe schwebend.

Die Tür öffnete sich.

Sie sahen sich an. Sabine, 53 Jahre alt, im beigen Mantel von Schmeling & Söhne (fiktives Edellabel, das ihr Mann Johannes mal aus Mailand mitgebracht hatte). Und das Mädchen Anne. Zu Hause in schlabberigen Jeans und einfachem grauen Shirt, die Haare zu einem flüchtigen Dutt gebunden.

Hübsch, ja. Sabine musste das ohne Kampf eingestehen. Dieses unangestrengte Schönsein mit achtundzwanzig beneidenswert.

Sie sind Sabine Margarete Feldmann, sagte Anne. Kein Fragezeichen. Eine Feststellung.

Ja, erwiderte Sabine.

Kommen Sie rein.

Das kam unerwartet. Kein Gehen Sie weg. Kein Ich kenn Sie nicht. Keine zugeknallte Tür. Nur dieses einfache Kommen Sie rein, als hätte man sie eingeladen.

Sabine trat ein.

Die Wohnung war klein, aber geschmackvoll. Gute Möbel, kein Protz. Auf dem Fensterbrett ein paar Töpfe mit Grünzeug. An der Wand ein Ausdruck von irgendeinem abstrakten Bild, das Sabine nicht zuordnen konnte. Ein Mandelgeruch lag in der Luft.

Schuhe ausziehen, bitte, sagte Anne und schob ihr Hausschuhe hin.

Es war so gewöhnlich, so deutsch, dass Sabine sich tatsächlich auszog. Sie hängte den triefenden Mantel an einen Haken, den Anne stumm zeigte.

In der winzigen Küche summte der Wasserkessel. Anne drehte sich um.

Tee?

Nein, danke, sagte Sabine. Kurz und höflich.

Sie setzten sich im Wohnzimmer. Anne auf dem Sofa, Sabine im einzigen Sessel. Zwischen ihnen ein runder Tisch, auf dem Magazine lagen, die niemand je zu lesen schien.

Sie sind hier, um zu reden, wieder nur ein Statement.

Ich bin hier, weil das aufhören muss, sagte Sabine fest. Drei Wochen lang hatte sie an diesem Satz gefeilt. Jetzt klang er, wie er sollte.

Anne sah sie an. Keine Angst, keine Kampfansage. Einfach nur ansehen.

Gut, sagte Anne.

Wie gut?

Gut, dass Sie gekommen sind. Ich wollte Sie nämlich selbst mal ansprechen.

Sabine hatte mit Tränen gerechnet, Entschuldigungen, oder mit dieser perfiden, beleidigten Weiblichkeit, die sich hinter Unschuld tarnt. Sie hatte sich auf einen schönen Streit vorbereitet. Konflikte waren ihre Spezialdisziplin.

Sie wollten mit mir sprechen, wiederholte sie skeptisch.

Ja. Schon lange. Anne zog die Knie an, griff nach einem Kissen, drückte es, legte es wieder zurück. Kann ich was Merkwürdiges sagen?

Nur zu, nickte Sabine.

Ich will Johannes eigentlich gar nicht.

Sabine schwieg.

Ich meine es klingt hart. Aber ich war nie in ihn verliebt. Er ist ganz praktisch. Das ist sicher nicht nett, aber es ist ehrlich.

Und warum machen Sie das dann?

Anne schwieg, draußen prasselte der Regen kräftiger gegen das Blech auf dem Fensterbrett.

Weil ich Sie studieren wollte.

Mich?

Sie, sagte Anne ganz ruhig, beinahe schulterzuckend. Ich weiß viel über Sie. Ihre Art zu gehen, zu sprechen, Gäste zu empfangen. Ich hab Sie mal bei zwei Empfängen gesehen Johannes hat mich mitgeschleppt, Sie wussten es nicht. Ich hab aus dem anderen Ende des Saals geguckt. Sie waren genau so, wie ich sein möchte.

Sabine wurde ein bisschen schwindlig mehr im Herzen als im Kopf.

Sie wollen ich sein, murmelte sie.

Ich will Ihren Platz. Das ist nicht dasselbe, widersprach Anne. Ihr Haus. Ihr Bild nach außen. Ihre Rolle. Sie sind jemand, den alle sehen, aber den niemand wirklich trifft. Das kann ich nicht. Ich eifere Ihnen nach, aber das ist wie Schwimmen lernen ohne Wasser.

Und was schlagen Sie vor?, fragte Sabine und war selbst überrascht, dass sie ernsthaft fragte.

Wir tauschen, sagte Anne trocken.

Stille.

Regen.

Wir tauschen die Leben, wiederholte sie. Ich nehme Ihren Platz. Johannes merkt es anfangs nicht mal, dazu ist er viel zu beschäftigt. Und Sie gehen.

Wohin gehen?

Ein Haus, Anne stand auf, holte einen Umschlag aus der Schublade, legte ihn auf den Tisch. In der Provence. Ein kleines Steinhaus mit Garten. Johannes hats auf einen Strohmann gekauft. Ich hab die Unterlagen gefunden. Ich denke, das sollte wohl nicht für Sie sein.

Sabine rührte den Umschlag nicht an.

Er weiß davon?

Nein.

Und Sie schweigen?

Ich wartete nur auf den richtigen Moment, sagte Anne und setzte sich dann wieder. Jetzt ist er da. Sie kommen, um mich rauszuwerfen. Ich biete Ihnen einen echten Ausweg. Keine Szenen, keine Anwälte, kein Zank um Besitz. Einfach gehen. Werden Sie wer anders. Leben Sie dort. Ohne Lärm, ohne Termine.

Sabine schaute auf den Umschlag.

22 Jahre mit Johannes. Kein schlechter Mensch, aber einer von denen, denen das Leben in den Schoß fällt. Nicht grob, nicht gemein er sah sie einfach irgendwann nicht mehr, dieses Verschwinden auf Raten. Eben ein schönes Stück Interieur geworden.

Die Villa an der Alster. Haushälterin Gisela, die sie seit 15 Jahren lehrte, wies läuft. Jährliche Veranstaltungen, makellose Outfits, perfekte Sätze und Pausen. Alles richtig. Aber zwischen all dem: eine tiefe, abgenutzte Müdigkeit.

Wie kommen Sie eigentlich an einen gefälschten Pass?, fragte Sabine.

Anne zuckte kaum mit der Wimper.

Ich kenne Leute. Hab das vorbereitet. Auf den Namen Katharina Dietrich, Jahrgang 1962. Einmal Haare etwas färben, und Sie sind auf dem Papier komplett anders. Alles sauber.

Sie haben das ernsthaft geplant.

Zwei Jahre lang, nickte Anne.

Sabine sah sie zum ersten Mal anders an. Kein bisschen Verachtung mehr.

Zwei Jahre

Große Dinge mache ich nie überstürzt, sagte Anne. Fast lächelte sie vorsichtig, wie jemand, der unsicher ist, ob sein Warten endlich vorbei ist.

Sabine nahm den Umschlag, schaute hinein: Fotos vom Haus, auf Standardpapier. Natursteinwände. Grüne Fensterläden. Ein Lavendelgarten. Wie geträumt von jemandem, der mal glücklich war.

Auf wessen Namen läuft es?

Strohmann, aber ich hab eine Schenkungsurkunde. Blanko unterschrieben von Johannes vor Jahren, als er wieder mal einen Stapel durch die Signatur gejagt hat. Mit Ihrem neuen Namen von Dietrich gehört das juristisch Ihnen.

So einfach unterschreibt er?

Er unterschreibt alles von mir für den Geschäftsbetrieb. Da vertraut er mir blind.

Sabine schaute Anne an.

Sie haben das sehr gründlich gemacht.

Habs versucht.

Warum das alles wirklich?

Anne zögerte kurz.

Ich komme aus einem Kaff, aus Lüneburg. Vater Lagerarbeiter, Mutter Kassiererin. Achtzehn, ein Koffer, Hamburg. Ich kann nie so sein wie Sie von Natur aus. Aber in Ihrem Haus, mit Ihrer Rolle, vielleicht wächst da ja was bei mir. Vielleicht lerne ich Ihre Art.

Das wächst nicht. So funktioniert das nicht, sagte Sabine leise. Ohne Bosheit.

Weiß ich, sagte Anne. Aber ich will es probieren. Meine Entscheidung.

Sie sahen sich lange an. Der Regen ließ leicht nach.

Ich brauche Zeit zum Überlegen, sagte Sabine.

Natürlich, sagte Anne. Wollen Sie jetzt doch Tee?

Sabine sagte plötzlich:

Gern.

Sie tranken Tee. Sprachen kaum. Anne drängte nicht. Sabine blieb einfach. Draußen tobte Hamburgs spätherbstliches Leben, aber hier hatte niemand sie auf dem Plan.

Nach einer Stunde ging Sabine. Mit dem Umschlag.

Sie dachte drei Tage lang nach.

Am dritten Tag rief sie Anne an.

Ich mache es.

Schweigen. Dann:

Ab wann?

Heute.

Anne öffnete wieder, diesmal ganz gelassen. Auf dem Tisch lagen Papiere, Pass auf Dietrich, eine zweite Mappe.

Hier die ausgefüllte Schenkung. Unterschreiben Sie mit Ihrem echten Namen, damits rechtlich gültig ist. Den Rest mache ich beim Notar fertig.

Sabine las alles gründlich. Drei Mal. Anne wartete.

Ist alles korrekt, meinte sie schließlich und signierte.

Anne packte die Papiere weg.

Jetzt muss ich viel lernen wie viel Zeit habe ich?

Ein paar Stunden.

Die waren sonderbar. Sabine führte Anne durch jeden Winkel der Wohnung, erklärte, Anne schrieb alles in ein Notizbuch.

Gisela kommt immer pünktlich um acht. Sie versteht alles, aber bitte und danke sind ihr heilig. Sagen Sie das nie ohne. Sonst ändert sich etwas. Sie werden merken.

Anne notierte.

Johannes kommt zwischen acht und neun abends. Später bedeutet Geschäftstermin. Nie fragen, wo. Essen bereitstellen, ihm Drink einschenken. Zuerst in Ruhe lassen. Zwanzig Minuten. Dann redet er von selbst.

Was trinkt er?

Whisky. Bergquell, seit Jahren seine Hausmarke, importiert er kistenweise. Zwei Fingerbreit, ein Eiswürfel, ohne Wasser.

Nach weiteren Alltagsdetails: Bibliothek, dritte Regalreihe links: neun rote Bücher. Nie anrühren.

Warum?

Ich weiß es nicht. Hab nie gefragt. Man braucht Grenzen. Lässt man sie, wirds einfacher.

Haben Sie die wirklich nie geöffnet?, fragte Anne.

Nie. Nicht einmal in 22 Jahren.

Sie respektieren Grenzen, murmelte Anne, fast anerkennend.

Ich kann mit jemandem leben, ohne mich aufzulösen. Das ist nicht dasselbe.

Es folgten Angaben zu Gisela, den Nachbarn, zum Benehmen auf Empfängen.

Einer ist wichtig: Dr. Armin Kessler. Staatsanwalt. Taucht manchmal unangemeldet bei Johannes auf. Immer etwas auf Distanz bleiben nicht abweisend, aber: Abstand.

Warum?

Merkt alles. Sucht immer Widersprüche.

Anne schrieb weiter.

Dann kam das Thema Kleidung. Sabine holte einen Cardigan aus ihrer Tasche, beige-graue Schurwolle, elegant und unauffällig.

Tragen Sie den heute. Mit einem schlichten Rolli, keine Seidenbluse. Johannes mag es nicht übertrieben zuhause.

Anne probierte ihn an. Saß fast perfekt, nur an den Schultern zu breit.

Passt, meinte Sabine. Und: Machen Sie den knalligen Armreif ab. Weg mit dem Ring am Zeigefinger. Ich trage nur meinen Ehering, links, sonst nichts.

Anne gehorchte wortlos.

Die Haare etwas tiefer zusammen. Meine sind heller, aber bei Kunstlicht Halten Sie es so, okay?

Anne nickte.

Gut, fand Sabine. Und dachte kurz, sie sähe ihr eigenes Spiegelbild in fremder Umgebung.

Haben Sie Angst?, fragte Anne plötzlich.

Nein, sagte Sabine. Und meinte es ernst.

Sie bat um das Bad. Nahm den Mantel, zog den seidenen Schal ab ihre Schuhe waren schon draußen. Blieb in Hose und leichter Bluse.

Anne klopfte.

Hier, reichte sie ihr eine dunkelblaue Jacke und fast neue Turnschuhe. Müssten passen.

Sabine warf einen Blick in den Spiegel.

Eine Frau in Sportschuhen und Jacke. Kein Schmuck. Dieser Blick, sorgfältig trainiert, war noch da, aber alles andere anders.

Es fühlte sich besser an als alles in den letzten Jahren.

Sie trat heraus.

Sie gehen so?

Ich gehe so.

Zum Bahnhof Dammtor?

Ja.

Ihr Ticket ist im Umschlag, Nachtzug nach München, von dort Flug weiter. Ausweis und Karte liegen drin. Sind Sie sicher?

Sabine zog die Jacke fest.

Anne, sagte sie. Darf ich Ihnen was sagen? Keine Lektion, nur ein Fakt.

Bitte.

Sie sind schlau. Richtig schlau. Aber das, was Sie in dem Haus suchen das werden Sie dort nicht finden. Das kommt nicht mit Möbeln oder Titel. Entweder es ist in Ihnen oder eben nicht, und es hat nichts mit Geld zu tun.

Weiß ich, flüsterte Anne.

Also warum?

Weil ich es wenigstens versuchen will. Sie verstehen dieses Gefühl, oder? Wenigstens einen Versuch

Sabine schnappte sich das kleine Täschchen, nur das Nötigste drin.

Schlüssel, sagte Anne. Silbern mit rotem Punkt: Haustür. Gelb: Wohnung. Klein: Safe vom Arbeitszimmer. Da ist nichts Dramatisches, Johannes prüft halt manchmal.

Ich weiß, wo mein Safe steht, erwiderte Sabine.

Natürlich. Entschuldigung.

Und noch was: Mein Handy. Sie überreichte das Gerät im grünen Case. Alle Kontakte, Termine, Chats. Schauen Sie rein.

Und Sie?

Ich habe ein neues Handy. Auf Katja Dietrich.

Anne nahm das Handy.

Code?

Sechs Nullen. Seit fünf Jahren gleich.

Sie standen im Flur. Sabine voll angezogen, Anne mit Handy und Cardigan.

Will Ihnen irgendwas wünschen, begann Anne.

Sparen Sie sich das, unterbrach Sabine freundlich. Leben Sie einfach.

Sie ging.

Draußen war der Hamburger Niesel eher eine Lebenseinstellung als Wetter. Sabine lief die Sierichstraße hinunter, in Jacke von jemand anderem, mit fremdem Pass und drehte sich kein Mal um.

Innen war es erstaunlich still.

Nicht leer still.

Sie ertappte sich dabei, wie sie Schaufenster ansah. Einfach so. Leute mit Schirmen. Eine Katze auf dem Fensterbrett im ersten Stock. Eine Straßenlaterne, die leuchtete, obwohl es Tag war. Sachen, für die sie sonst keine Zeit hatte.

Am Bahnhof war viel los. Sie kaufte sich bei einer Bäckerin im blauen Kittel eine heiße Frikadelle. Stand am Fenster, kaute und sah auf die Gleise. Überwürzt, zu dunkel gebraten und phänomenal.

Der Zug fuhr um 23:40 Uhr.

Es war noch Zeit.

Sabine kaufte einen Krimi im Bahnhofsbuchladen. Affairenschmöker, den sie sonst nie gewählt hätte knallbuntes Cover, Frauennamen auf dem Umschlag. Genau so einer, den man früher für peinlich gehalten hätte.

Sie nahm auf einer Bank Platz und las.

Währenddessen, in der Villa an der Alster, stand Anne Charlotte Schröder vorm Spiegel im Schlafzimmer. Neuer Cardigan. Musterte sich lange. Probierte den geraden, ruhigen Blick. Ganz wie Sabine noch nicht perfekt, aber nah dran.

Gisela, die Haushälterin, merkte irgendwas. Madame war anders zurückgekommen. Nicht krank, nicht traurig. Einfach anders. Anderer Duft, schnellere Austeilung. Gisela arbeitete seit 15 Jahren hier Hausherrengeschichten waren nicht ihre Baustelle.

Johannes kommt heute? Anne bemühte sich um Sabines Tonfall.

Hat angerufen, nach neun. Mit Gast.

Wer?

Nicht gesagt.

Anne nickte. Wie Sabine.

Bitte für zwei decken. Whisky, Häppchen.

Mache ich.

Anne wandelte durch das Haus. Sie hatte noch nie hier gewohnt, kannte aber jede Ecke dank Sabines Ausführungen. Trotzdem: Hören ist nicht Sehen.

Bibliothek. Drittes Regal links, die roten Bücher. Anne sah sie an. Rührte sie nicht an. Das war das einzige Tabu, das sie wirklich zu beachten gedachte.

Im Salon überm Kamin hing ein Porträt. Sabine, von vor 15 Jahren, doch unverkennbar. Gleicher Blick, gleiche Haltung. Anne betrachtete es lange.

Ich geb mein Bestes, flüsterte sie.

Johannes kam halb zehn.

Anne hörte die Autotür, stellte sich wie Sabine es beschrieben hatte – dezent in den Türrahmen der Wohnstube. Damit er sie wie zufällig entdeckte.

Die Tür ging auf.

Johannes war groß, schwerer als auf Fotos, graue Schläfen, teurer Mantel bewegte sich wie jemand, der in jedem deutschen Vorstand locker sitzen könnte. Gutes, aber müdes Gesicht.

Hinter ihm folgte Dr. Kessler.

Armin Kessler, Staatsanwalt. Abstand halten.

Er war kleiner, kräftig, mit stechenden Augen. Anfang fünfzig vielleicht. Und fixierte Anne vom ersten Moment.

Sabi, grüßte Johannes routiniert und warf die Schlüssel auf die Ablage, das ist Armin Kessler, du hast ihn schon mal gesehen.

Guten Abend, sagte Anne.

Kessler schwieg zwei Sekunden, dann: Guten Abend, Frau Feldmann.

Salon ist gedeckt, Gisela hat alles vorbereitet, sagte Anne.

Sabine läuft mit Absätzen Anne war noch ungeübt, rutschte leicht aus dem Tritt. Kessler bemerkte es, sie spürte seinen Blick.

Sie saßen beim Whisky, Käse, Wurst. Johannes sprach mit Kessler übers Geschäft, Anne hörte zu so hatte es Sabine geraten: auf Empfängen nimm nie eigenständig das Wort.

Aber Kessler kam schnell auf sie zu.

Frau Feldmann, begann er. Wir sahen uns zuletzt bei den Bauers im Juli oder?

Bauers? Keine Ahnung, im Notizbuch steht nix. Sabine hatte nie von ihnen gesprochen.

Im Juli, wiederholte Anne.

Da erwähnten Sie Unterlagen, die sie mir übergeben wollten? Kessler lächelte. Ein höfliches, unangenehmes Lächeln. Sie wollten sie mir aushändigen.

Anne starrte ihn an.

Johannes hörte auf zu essen.

Armin, begann Johannes.

Nur zur Erinnerung, sagte Kessler. Wir waren so verblieben, Frau Feldmann. Sie sagten, heute sei eine gute Gelegenheit.

Die Salonluft wurde anders.

Anne kannte keine Unterlagen. Sabine hatte nichts davon erwähnt.

Herr Kessler, verzeihen Sie. Ich fühle mich heute nicht wohl. Können wir das Thema verschieben?

Kessler musterte sie. Lange.

Sicher, sagte er. Jeder hat mal einen schlechten Tag.

Aber er ließ sie nicht aus den Augen.

Johannes griff zum Glas, stellte es hin, nahms wieder schaute Anne an, als wollte er sie lesen.

Du trinkst nicht?

Kopfschmerzen.

Normalerweise Whisky beim Gespräch.

Heute nicht.

Pause.

Der Cardigan der ist neu?

Wie bitte?

Dein Cardigan. Hab den noch nie gesehen.

Ist neu. Gerade gekauft.

Johannes guckte. Kessler guckte.

Anne spürte unter dem teuren Cardigan das billige graue Shirt auf der Haut jenes, mit dem sie drei Tage zuvor Sabine die Tür aufmachte. Sie hattes einfach drunter gelassen. Sabine hatte nichts dazu gesagt. Vielleicht war das ein Fehler.

Johannes bemerkte es. Er sah nicht das Shirt, aber er merkte irgendwas. An ihrer Haltung, am Glas, das sie nicht trank, an der Bemerkung zu den Bauers.

Armin, lass uns allein, sagte Johannes, ohne den Blick von Anne zu wenden.

Kessler erhob sich wortlos. Ging Richtung Bibliothek, als sei das Haus sein zweites Zuhause.

Jetzt waren sie zu zweit.

Sabi, sagte Johannes.

Anne sah ihn an.

Du hast den Ring an der falschen Hand.

Sie sah hinunter: Sabines Ehering war immer rechts am Ringfinger getragen worden. Anne hatte ihn links gesteckt, so wie sie ihren immer trug.

Hab ihn nur umgesteckt

Du hast den nie umgesteckt. In 22 Jahren nicht.

Stille.

Wo ist Sabine? Er fragte ganz ruhig.

Anne schwieg.

Wo ist meine Frau?

Da vibrierte neben ihr der grüne Sabines Handy. Nachricht auf dem Bildschirm.

Anne hob das Telefon.

Text von Sabine:

Anne. Sie wissen jetzt vermutlich, dass Kessler nicht zufällig kam. Das war Teil der Abmachung. Die Unterlagen, auf die er anspielt, sind Unterlagen zu Johannes Finanzen, die ich zwei Jahre gesammelt habe. Er hat sie längst. Die Schenkung, die du heute unterschrieben hast, gibt mir Rechte am Haus und weiteren Anlagen, die auf den Strohmann laufen. Johannes hat das Geld auf ein Konto überwiesen, das ich kontrolliere er dachte, es sei Routine. Du hast deine Rolle ehrlich gespielt. Ich danke dir. Das Haus in der Provence gebe ich dir nicht, tut mir leid. Aber die Villa bleibt dir erst mal, solange Johannes sortiert. Du wolltest es versuchen nun hast du Zeit. Ich bin längst über die Grenze. Alles Gute. S.

Anne las zweimal. Sah Johannes an.

Er erwiderte den Blick.

Kessler tauchte in der Tür auf, schwieg.

Da passierte etwas Kurioses: Anne lachte. Still zuerst, dann schallend. Lachen, wie es nur geht, wenn man fair besiegt wurde.

Johannes starrte sie an Verwunderung, Kälte, dann das Begreifen, das langsam wird wie Sonnenaufgang.

Sabine war das, sagte er. Keine Frage.

Sabine Margarete Feldmann, bestätigte Anne. Ja sie.

Kessler lächelte fast.

Währenddessen fuhr der Nachtzug nach München durch die dunkle Marsch. Im Abteil saß eine Frau mit kleinem Gepäck, in dunkelblauer Jacke und Turnschuhen. Haare offen, auf dem Schoß ein billiger Krimi.

Sabine Margarete Feldmann. Oder Katharina Dietrich. Oder einfach eine Frau, die gerade tut, was sie will.

Niemand auf der Nachbarliege. Sie legte die Beine hoch. Machte es sich bequem.

Im Jackentasche lag ein kariertes Herrenhemd von Johannes. Sie hatte es mitgenommen, letzten Gang durchs Schlafzimmer. Nicht, weil es nötig war, sondern einfach so. Dinge, die einen Sinn erst später enthüllen.

In ebenjenem Hemd war Johannes mal zu spät nach Hause gekommen und hatte sie belogen. Sabine wusste es sofort, schwieg aber, räumte das Hemd korrekt weg.

Jetzt war es warm in ihrer Tasche.

Warum sie es mitgenommen hatte? Vielleicht zum Wegwerfen, auf irgendeinem Feldweg, einem Lavendelbusch. Vielleicht einfach als Beweis, dass sie gehen kann.

Der Zug rollte.

Sabine schlug den Krimi auf und las.

Kein Gedanke an Johannes. Kein Gedanke an Anne. Kein Sorgen um morgen. Nur ein Ermittler, der konsequent Einschlafprobleme hat und das fühlte sich jetzt genau richtig an.

Seite 201 war wichtig. Sabine legte das Buch weg, sah raus. Draußen nur Nacht. Irgendwo hinter dem Glas lag Deutschland, Felder, Wälder.

Sie dachte kurz an Frankreich.

Vor Jahren, eine Reise mit Johannes in die Provence. Er hatte Meetings, sie folgte ihm. Ein Tag, ganz allein, Spaziergang durch ein Dorf, Café-Besuch, ein alter Mann verkauft ihr einen Tonkrug. Mit nach Hamburg, in der Küche Johannes fragte nie nach diesem Krug.

Er steht noch heute in der Villa, auf der Fensterbank.

Na, lass ihn stehen.

Sabine schloss das Buch, zog die Jacke über sich wie eine Decke und ignorierte das Bordbett.

Vorbei flitzte ein beleuchteter Haltepunkt Sekunde, fort.

Sie dachte: So ist das Leben auch. Man sieht etwas Aufflackerndes, meint, das sei wichtig aber das Entscheidende beginnt vielleicht erst jetzt.

Sie war 53. Im Pass stand Dietrich. Vor ihr Flieger, Zug, gemieteter Renault ins Steinhaus mit grünen Läden. Niemand kannte sie dort, keine Verpflichtung.

Früher klang das beängstigend. Jetzt war es: Stille.

Sie schloss die Augen.

In der Alstervilla saß Johannes Feldmann indessen und betrachtete Sabines Handy in fremden Händen. Kessler war gegangen. Anne hatte nicht gehört, was der sagte.

Johannes und Anne. Er mit Whisky, sie ohne.

Das war lange geplant, murmelte er.

Eigentlich nicht, gab Anne ehrlich zu. Ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Jetzt weiß ich, dass ich danebenlag.

Er schaute sie an.

Wie heißen Sie wirklich?

Anne. Anne Charlotte Schröder.

Woher?

Lüneburg.

Er nickte.

Sabine wusste immer alles, sagte er zu sich selbst. Einfach alles. Zwanzig Jahre? Sie hat es einfach verdrängt.

Sie hat nicht auf Ihr Scheitern gewartet, sagte Anne. Sie hat auf ihren eigenen Moment gewartet, wo sie wirklich gehen wollte. Das ist ein Unterschied. Sie hat es mir so gesagt: Wichtiges passiert, wenn man plötzlich selbst handelt.

Johannes schwieg eine Weile.

Und Sie? Was machen Sie jetzt?

Keine Ahnung. Ich werde versuchen, hier zu leben. Kurz.

Kurz?

Bis Sie sich sortiert haben. Ich mache keinen Ärger.

Braucht Gisela was für morgen?

Nein, sie macht das.

Dann gute Nacht, Johannes.

Anne ging die Treppe hinauf. Johannes hielt sie nicht auf.

Gästezimmer klein, Blick in den Garten. Nicht für die Hausherren, sondern Übernachtungsgäste. Anne legte sich aufs Bett. Dachte an die Frau im Zug Sabine, die langsam und gründlich alles abgewickelt hatte, an Gisela, an das bitte und danke, den alten Mantel, jetzt fremde Jacke.

Sie dachte: Eigentlich ist Freiheit nicht Geld oder Status. Freiheit ist das hier in Fremdem einfach loslaufen und nicht zurückblicken.

Ob sie neidisch ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Beides wahrscheinlich.

Am nächsten Morgen kam Gisela wie immer um acht.

Anne stand schon mit Teetasse in der Küche, schaute in den grauen, verschlafenen Garten ein paar Apfelbäume, irgendein Strauch, der im Sommer vermutlich blüht.

Guten Morgen, sagte Anne.

Gisela blieb im Türrahmen.

Morgen, Frau Feldmann.

Pause.

Ich heiße Anne, meinte Anne.

Gisela blickte sie an. Ruhig, weise, 60 Jahre alt, Hände einer, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat.

Gut, sagte sie. Anne.

Und das wars. Kam in die Küche, bereitete Frühstück zu wie seit 15 Jahren.

Anne dachte: Das hier ist echt Gisela, die sich nicht verstellt. Einfach macht.

Gisela Sabine ist weg.

Ich weiß, sagte Gisela, drehte sich nicht um.

Sie wissen es?

Sie hat sich gestern früh verabschiedet. Gesagt, ich soll weiterarbeiten, solange das Haus steht. Nach kurzem Schweigen: Sie hat Geld dagelassen, und ein Brief. Für sechs Monate.

Anne schwieg.

Sie war eine gute Chefin. Anspruchsvoll, aber fair, sagte Gisela sachlich.

Ja, stimmte Anne zu. Wahrscheinlich.

Gisela stellte das Frühstück hin wie immer akkurat: Kaffee, Toast, Käse.

Setzen Sie sich. Sonst wirds kalt.

Anne gehorchte.

Sie kaute Toast an einem fremden Tisch, in einem Haus, das ihr nicht gehörte und dachte: Zwei Jahre habe ich geplant, jemand anderes zu werden. Jetzt bin ich einfach nur ich an einem anderen Tisch.

Vielleicht ist das auch schon was.

Im Zug wachte Sabine früh auf. Draussen graues Licht, München. Sie wusch sich im engen Abteil-WC, betrachtete sich im fleckigen Spiegel. Sie war irgendeine Durchschnittsfrau genau richtig so.

Richtung Flughafen, die Straßen noch leer, der Taxifahrer wortkarg. Sabine betrachtete München, war oft hier aber immer mit Johannes, nie so.

Jetzt allein. In Jacke, mit kleiner Tasche.

Check-in fand sie flott. Flug nach Nizza, drei Stunden.

Sie holte sich einen großen Kaffee, setzte sich ans Fenster.

Holte ihr neues Handy hervor. Karte von Südfrankreich. Fand das Dorf, die Gässchen, den Sonntagsmarkt, die Weinreben

Dort kennt sie keiner.

Sie ist niemand.

Katharina Dietrich, Jahrgang 62, Ruheständlerin, liebt Stille das würde sie erzählen. Oder gar nix.

Sie trank Kaffee, schaute hinaus.

Flugzeuge hoben ab andere, nicht ihres. Sie schaute ihnen nach und lächelte.

Nicht breit. Still. Wie Leute, die endlich nichts mehr beweisen müssen.

Das erste Mal seit zehn Jahren. Oder seit 22.

Flieger weg. Sabine schlug den Krimi auf Seite 201 auf. Zeit zu überlegen, was damit anzufangen war.

Sie las. Trank. Ließ sich Zeit.

Zwei Stunden hatten sie noch.

Zeit zum Lesen. Zum Nachdenken. Einfach sitzen. Andere Flieger starten und landen sehen.

Ein ganz normaler Tag.

Und genau das machte ihn besser als viele zuvor.

Dann kam das Boarding.

Eine Frau in blauer Jacke packte das Buch weg, griff die Tasche und ging zum Gate. Gerade, nicht hastig die Haltung einer, die weiß: Keiner wartet, keiner verfolgt. Und das macht die Schritte auf einmal leicht.

Im Flugzeug bat sie um einen Fensterplatz.

Bekam ihn.

Start. Wolken. Dann: Sonne. Südlich, nicht hanseatisch verhalten echtes Licht, das einfach da ist.

Sabine lehnte die Stirn an die Scheibe.

Unten lag Deutschland. Dann nicht mehr. Dann Europa im Patchwork Felder, Wälder, Flüsse.

Sie weinte nicht. Sie wollte einfach nur schauen.

Sie schaute.

Nach dreieinhalb Stunden das Mittelmeer. Dann Auto, fremde Landstraße, Steinhaus im Grün, Garten.

Sie wusste nicht, was folgt.

Erstmals machte das keinen Kummer.

Im Jackentasche das karierte Hemd. Vielleicht morgen verbrennen? Oder doch nicht?

Vielleicht nur an einen Ast hängen und sehen, was der Wind damit macht.

Das Flugzeug flog weiter. Die Sonne schien.

Sabine schloss die Augen.

Darfs Wasser sein?, fragte die Flugbegleiterin.

Bitte, antwortete Sabine. Und lächelte.

So beginnt das wohl ein neues Leben. Nicht als Knalleffekt, nicht als Facebook-Post. Sondern einfach mit einem bitte. Zu jemandem Fremden, im Flugzeug, Richtung Unbekannt. Und plötzlich hat man keine Angst mehr.

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Homy
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