Versteckt in der Speisekammer, als ihr Sohn zurückkehrte, erstarrte Vera beim Lauschen seines TelefonatsPlötzlich hörte sie ein Flüstern, das ihr Herz schneller schlagen ließ.

Greta schlüpfte in den Spind des Vorratsraums, kaum eine Sekunde bevor das Schloss des Tores drehte. Sie drückte ihren Rücken gegen das Regal voller Gläser, tastete von innen nach dem Türgriff und zog ihn so weit, dass nur ein schmaler Schlitz von fingertiefer Breite blieb.

Ihr Atem kam keuchend, die Hand verkrampfte sich um den Mund, weil im Flur eine gespenstische Stille herrschte jedes Geräusch hätte sich wie ein Donnerschlag durch die Wohnung ausgebreitet.

Die Eingangstür krachte auf.

Hans hustete, trat in den Flur. Durch den Schlitzen sah Greta seine Hände: zwei weiße Plastiktüten, schwer beladen, die Schnüre der Griffe wucherten in seine Finger.

Mama!, rief er. Bist du zu Hause?

Greta presste ihre Hand fester an den Griff.

Seit fünf Jahren lebte Greta allein. Als ihr Mann plötzlich verstarb so wie es oft bei denen geschieht, die ihr Leiden nicht aussprechen zerbrach ihr Herz und alles fiel still.

Das erste Jahr ohne ihn war das schwerste: nicht das Leid selbst, sondern die absolute Stille in der Wohnung trieb sie an den Rand des Wahnsinns. Hans lachte vor dem Fernseher, sodass jedes Wort in der Küche mitdröhnte.

Im Bad sang er lauthals, verdrehte sowohl Text als auch Melodie, und schämte sich nie. Jetzt, mit verschlossener Badezimmertür, drang nur das Rauschen der Rohre zu Greta, ein Geräusch so laut, dass es ihr fast das Gehör raubte.

Die Tochter Anke kam aus Hamburg in den ersten Tagen. Zwei Wochen blieb sie: putzte, kochte, legte sich nachts ans Bett ihrer Mutter und war einfach da, ohne Gespräche zu verlangen.

Das war ein Geschenk.

Der Sohn jedoch erschien weder damals noch später. Klaus war schon elf Jahre fort, und Greta hatte längst aufgehört, laut zu erklären, warum, während sie innerlich die Geschichte immer wieder wie eine kratzige Schallplatte drehte.

Sein Weggang war schmerzhaft und wirr, wie es üblich ist, wenn die Wahrheit zu lange unter dem Teppich verborgen bleibt. Klaus war von klein auf schwer zu handhaben: impulsiv, hitzköpfig, mit Wutausbrüchen über jede Kleinigkeit.

In der Schule schleppte er sich kaum durch, wiederholte die sechste Klasse und verließ sie mit mickrigen Zeugnissen. Seine Schwester Eva war das komplette Gegenteil: ruhig, fleißig, brachte stets Bestnoten nach Hause.

Klaus war wütend auf Eva, schnappte bei Kritik zu, und Hans verlor manchmal die Beherrschung, obwohl er sich bemühte, zurückhaltend zu bleiben.

Als Klaus neunzehn wurde, schickte Hans ihn für den Sommer zu seiner Mutter, der alten Frau Claudia, ins Dorf bei Leipzig. Man dachte, er solle mit den Händen arbeiten, die Erde riechen, ein wenig frische Luft von der Großstadt bekommen.

Claudia war eine direkte Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm und es nicht für nötig hielt, etwas zu verbergen. Als Klaus im Garten etwas vermasselte, schickte sie ihm kalt zurück:

Was soll ich von dir erwarten, du Anfängling?

Klaus kehrte noch am selben Tag nach Berlin zurück. Er stellte die Tasche im Flur ab, ging in die Küche, setzte sich und fragte fast flüsternd:

Ist das wahr?

Greta sah Hans an. Hans sah sie an.

Sie hatten lange darauf gewartet, es ihm selbst zu sagen, sobald der richtige Moment kam, doch immer wieder verschoben, überzeugt voneinander, dass es noch zu früh sei, dass er noch ein wenig heranwachsen müsse.

Wahrheit, sagte Greta. Wir nahmen dich aus dem Kinderkrankenhaus, als du acht Monate alt warst. Du schrießt laut, fülltest das Zimmer mit Schreien, aber als du uns sahst, verstummtest du und starrtest mich an.

Dann sag ich zu Hans: Unser Zuhause, kein Ausweg mehr.

Klaus stand auf und zog sich zurück in sein Zimmer. Greta und Hans saßen bis Mitternacht in der Küche, redeten über alles Mögliche, nur nicht über das, weil sie es nicht auszusprechen wussten.

Einige Tage später verschwand Klaus. Er nahm das Geld, das er und Hans für sein Zimmer im Studentenwohnheim zurückgelegt hatten, als Überraschung für den Herbst.

Er machte die erste Überraschung.

Hans sprach kaum laut über ihn. Abends saß er lange am Fenster und blickte nach draußen.

Greta sah, wie er litt, wagte es aber nicht, nachzufragen: Hans hatte seine Art, den Schmerz zu ertragen durch Schweigen, das sie respektierte. Einige Jahre später verstarb sein Herz.

Klaus tauchte Anfang April wieder auf. Er klopfte vorsichtig, klingelte nicht, sondern klopfte, als wäre er unsicher, ob jemand die Tür öffnen würde.

Greta öffnete und stand einige Sekunden nur da, starrte ihn an: ein dreißigjähriger Mann mit deutlichem Stoppelbart, leicht nach vorne gebeugt, in der Hand eine Tüte Mandarinen.

Mama, sagte er. Es tut mir leid. Ich habe damals dumm gehandelt.

Ganz kindisch.

Sie stand da, unfähig zu entscheiden, was sie tun sollte.

Ich will alles wiedergutmachen, fügte er hinzu. Gib mir nur eine Chance.

Sie umarmte ihn am Türrahmen. Er erwiderte die Umarmung unbeholfen, mit einem Zögern, das Menschen zeigen, die lange ohne Zärtlichkeit gelebt haben und vergessen haben, wie man sie gibt.

Beim Abendessen erzählte er, dass er als Koch durch ganz Deutschland gereist sei, von Köln über München bis nach Dresden, zunächst in billigen Imbissbuden, dann in gehobenen Restaurants. Er kochte tatsächlich gut.

Greta sah ihm zu, wie er gekonnt ein Hähnchen zerteilte, und dachte, das Leben sei doch sonderbar: ein Mensch verschwindet elf Jahre und kehrt zurück, um dir Frikadellen zu braten.

Er blieb. Er nahm sein altes Zimmer wieder ein, stellte seine Sachen in die Regale, kochte morgens Brei oder Rührei.

Greta rief jeden Abend Anke an.

Er ist zurück, sagte Anke nach einer kurzen Pause. Wie geht es ihm?

Gut. Höflich. Kocht prima.

Mama, bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Elf Jahre sind doch lang.

Anke, er ist mein Sohn. Was sagst du, du Fremde?

Sie rief Verwandte im ganzen Land an, erzählte allen: Klaus ist zurück, Klaus ist zu Hause. Die Cousine aus Stuttgart seufzte ins Telefon und sagte, wo Rauch ist, da ist auch Feuer, und Menschen kommen nicht plötzlich aus dem Nichts zurück.

Greta antwortete, dass man nicht jammern müsse, alles sei gut.

Etwa zwei Wochen später bemerkte Greta, dass sie viel schneller ermüde als zuvor. Gegen Abend fühlte sie sich, als wäre ihr Kopf mit Watte gefüllt, am Morgen schwindelig.

Sie schob es auf den Frühling: Vitaminmangel, Blutdruckschwankungen, Alter. Mit sechzig ist die Gesundheit ein wankelmütiger Geselle, über den man nicht klagen kann, solange der Sohn da ist.

Anke fragte abends nach ihrem Befinden. Greta sagte, es sei normal, etwas müde, aber es werde vorübergehen.

Vielleicht zum Arzt?, schlug Anke vor.

Ach ja? Und ich soll jetzt jedes Mal wegen jeder Müdigkeit in die Praxis rennen? Da dauert die Terminvergabe zwei Wochen, das geht vorbei.

Doch es ging nicht weg. Übelkeit wuchs, das Mittagsgewicht drückte den Kopf.

Greta nahm Vitamine, kochte Hagebuttentee und versuchte, nicht im Kreis zu laufen.

In jener Nacht wachte sie viel zu früh auf, noch vor sechs. Draußen hing ein grauer Aprilhimmel, keine Gestalt am Himmel. Ihre Kehle war trocken, sie schluckte schwer, zog die Hausschuhe an und ging zur Küche, um Wasser zu holen. Im Flur war kein Licht, sie kannte jede Ecke ihrer Wohnung, jeden Schritt.

Kurz bevor sie die Küche erreichte, blieb sie stehen.

Klaus stand am Herd, ein einzelner Brenner glühte unter einem Topf Brei. In seiner Hand drehte er ein kleines durchsichtiges Pulverbeutelchen, streute den Inhalt in den Topf, nahm dann einen Löffel und rührte gründlich.

Greta zog zurück, schlich zum Schlafzimmer, legte sich ins Bett und zog die Decke über sich. Sie lag da, starrte die Decke mit offenen Augen. Nach einigen Minuten knackte die Schlafzimmertür.

Sie schloss die Augen, atmete gleichmäßig, stellte sich vor, sie schlafe. Sie spürte, wie Klaus sie aus dem Türrahmen heraus ansah.

Er blieb stehen, schloss die Tür.

Die Eingangstür schlug zu.

Greta öffnete die Augen.

Draußen dämmerte. Sie zählte im Kopf die Daten: wann die Übelkeit begann, wann die bleierne Müdigkeit einsetzte, wann Klaus eingezogen war und das Kochen übernahm.

Rückwärts gerechnet, kamen alle Punkte genau zusammen mit seinem Einzug.

Sie stand auf, zog sich an und beschloss, zu ihrer Nachbarin Tamara im dritten Stock zu gehen: Tamara war eine vernünftige Frau, sprach kein leeres Gerede und konnte ohne Tränen eine Situation klären. Greta zog gerade ihren Mantel an, als das Schloss im Flur drehte.

Sie bemerkte nicht einmal, wie sie wieder im Vorratsraum landete. Durch den Spalt sah Greta, wie Klaus das Telefon nahm und ans Ohr hielt.

Hallo? Ja, ich bin schon zu Hause. Pause Nein, die alte Frau ist verschwunden, sie ist nicht mehr da. Er ging den Flur entlang. Zieh dich nicht zurück, sag ich dir.

Ihr bleibt nicht lange, wir räumen die Wohnung schnell leer, das ist kein Hexenwerk, und ich komme gleich zu dir.

Wir werden überleben!

Greta stand regungslos, hielt die Hand vor den Mund und sah durch den Spalt auf ihren Sohn.

Verdammt, ich habe die Apotheke wieder vergessen, sagte er genervt. Muss jetzt wieder zur Ärztin. Er fluchte. Na gut, ich bin gleich da, warte.

Die Tür knallte. Auf der Treppe verstummten die Schritte.

Greta verließ den Vorratsraum und stand mitten im Flur. Sie starrte lange auf seine Jacke am Kleiderhaken, seine Stiefel am Türschwellen, die Schlüssel für das obere Schloss im Regal.

Der untere Riegel war nur zu ihrem Schlüssel, keinen Ersatz hatte sie jemals gemacht.

Sie packte die Tasche in zwanzig Minuten: Dokumente, Rentenkarte, ein kleines Foto von Hans in einem Rahmen.

Sie wählte Anke.

Mama, warum bist du so früh unterwegs?, gähnte Anke ins Telefon.

Ich dachte, ich komme zu dir.

Komm, natürlich. Wann?

Heute.

Heute?! Und Klaus? Lass ihn auch kommen, ich will meinen Bruder endlich wiedersehen.

Klaus ist auf Arbeit, er ist nicht hier.

Ich komme allein.

Schreib mir die Zugnummer, wir treffen uns.

Greta legte das Telefon weg, nahm Klaus Sachen, die er im letzten Monat gesammelt hatte: ein paar T-Shirts, einen Rasierer, ein abgenutztes Buch, steckte sie sorgfältig in seine Tasche und schloss den Reißverschluss.

Sie stellte die Tasche auf die Treppenplattform am Eingang.

Aus der Manteltasche zog sie ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber. Langsam, leserlich schrieb sie:

Klaus. Ich liebe dich, habe dich immer geliebt und werde dich immer lieben, auch wenn du es nicht verdient hast. Deshalb gehe ich nicht zur Polizei. Aber ich will dich nie wiedersehen.
Niemals. Mama.

Sie legte das Blatt auf die Tasche, ging hinaus, schloss die Tür mit dem unteren Riegel an ihrem Schlüssel.

Den Schlüssel steckte sie in die Manteltasche.

Mit dem Bus fuhr sie zum Bahnhof Friedrichstraße, stieg in die UBahn, dann in die SBahn, sah ihr Spiegelbild im dunklen Glas, nicht die Werbetafeln, sondern ihr eigenes verzerrtes Gesicht.

Der Zug ruckte, setzte sich in Bewegung.

Zum Hauptbahnhof München musste sie nur kurz umsteigen, am Gleis der Alexanderplatz-Linie war es leer und hallte.

Sie kaufte ein Ticket nach Köln, setzte sich in den Warteraum, ein Mann fütterte dort Tauben mit Brotkrümeln. Die Vögel schubsten sich, stapften mit den Füßen.

Greta dachte darüber nach, dass sie Anke irgendwann doch alles erzählen müsste. Nicht heute, nicht gleich beim Aufwachen, aber irgendwann. Anke verstand sie, sie würde nicht unnötig jammern.

An Klaus zu denken fiel ihr immer schwerer.

Am Gleis in Köln traf Anke sie, rannte fast, umarmte sie sofort, fest, bevor Worte überhaupt kamen. Greta lehnte sich an die Schulter ihrer Tochter und schloss die Augen.

Mama, flüsterte Anke. Was ist passiert?

Später erzähle ich es, antwortete Greta. Komm, lass uns zuerst nach Hause gehen.

Sie gingen gemeinsam über den Bahnsteig, Anke trug die Tasche, ein schwaches Morgenlicht tauchte alles in ein sanftes Gold.

Greta ging und dachte, dass dort, in Berlin, im Vorratsraum oben auf dem höchsten Regal ein Glas Kirschenmarmelade steht, eingemacht im letzten August, zum Winter aufbewahrt, noch nie geöffnet.

Und das sei auch gut so. Nicht in Marmelade liegt das Glück.

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Homy
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Versteckt in der Speisekammer, als ihr Sohn zurückkehrte, erstarrte Vera beim Lauschen seines TelefonatsPlötzlich hörte sie ein Flüstern, das ihr Herz schneller schlagen ließ.
Anna eilte nach Hause. Auf der Uhr war fast zehn Uhr abends, und sie wollte ungeduldig so schnell wie möglich zur Wohnung, zum Abendessen und dann ins Bett stürzen.