Nina Müller eilt nach Hause. Es ist fast zehn Uhr abends, und sie will so schnell wie möglich in die Wohnung, etwas essen und ins Bett fallen. Der Tag war anstrengend. Ihr Mann ist bereits zu Hause, das Abendessen steht bereit, ihr zwölfjähriger Sohn Lukas hat schon gegessen.
Nina arbeitet in einem kleinen Friseursalon in Berlin und heute hat sie die Spätschicht. Nach Ladenschluss räumt sie ihren Arbeitsplatz auf, schaltet die Alarmanlage ein und schließt die Tür dann macht sie sich auf den Weg.
Der Weg führt sie durch einen kleinen Stadtpark am PrenzlauerBerg. Tagsüber sitzen dort Rentnerinnen auf den Bänken, abends ist es leer, doch die Laternen leuchten, sodass nichts beängstigt.
Heute ist jedoch eine Bank nicht leer. Auf ihr hocken zwei Kinder: ein Junge von neun bis zehn Jahren und ein Mädchen, das nicht älter als fünf wirkt. Nina verlangsamt ihr Tempo und geht näher.
Was macht ihr hier ganz allein? Es ist schon spät! Kommt mit nach Hause!
Der Junge schaut sie aufmerksam an, streichelt das Mädchen über den Kopf und umarmt sie noch fester.
Wir können nicht gehen. Der Stiefvater hat uns rausgeworfen.
Wo ist eure Mutter?
Bei ihm. Sie hat zu viel getrunken.
Nina zögert keinen Moment.
Kommt, wir gehen zu mir. Morgen klären wir das.
Die Kinder stehen langsam auf. Nina nimmt das Mädchen, das sie Gretel heißt, an die Hand und reicht dem Jungen, Anton, die andere Hand.
Sie führt die beiden in ihre Wohnung, erklärt alles ihrem Mann und Lukas. Die beiden, die Ninas gutes Herz kennen, stellen keine Fragen, zeigen ihr sofort das Bad und setzen die Kinder an den Tisch. Hungrig essen die Kinder alles, was ihnen angeboten wird.
Später besucht Nina die Nachbarin, deren Tochter in die erste Klasse geht, und bittet um etwas Kleidung für Gretel. Es sammeln sich zahlreiche Kleiderstücke in jeder Familie bleiben nach den Kindern noch Sachen zurück.
Nina badet Gretel, zieht ihr saubere Kleidung an. Anton wäscht sich selbst, und auch für ihn findet sich etwas Altes. Sie legen die Kinder gemeinsam auf das Sofa im Wohnbereich; Gretel lässt keinen Schritt von Anton los, und er hält sie fest in den Armen.
Satt und erschöpft schlafen die Kinder schnell in den sauberen Betten ein. Nina schickt Lukas in sein Zimmer und bleibt mit ihrem Mann lange in der Küche, um zu besprechen, was als Nächstes zu tun ist.
Am nächsten Morgen steht sie früh auf, fährt ihren Mann zur Arbeit. Sie muss gleich in die zweite Schicht. Die Kinder wachen auf, sie füttert sie, packt die über Nacht gewaschene und getrocknete Kleidung in einen Beutel und macht sich bereit, sie nach Hause zu bringen.
Sie fahren zum Haus, das direkt neben ihrer Wohnung steht. Die Wohnung im dritten Stock ist offen. Die Kinder treten ein und erstarren im Flur…
Nina bleibt stehen. Sie möchte der Frau im Flur in die Augen sehen und fragen, was sie die ganze Nacht über gedacht hat, während ihre Kinder allein waren.
Aus dem Zimmer tritt eine junge, aber stark abgemagerte Frau mit einem großen Muttermal unter dem Auge. Sie blickt die Kinder teilnahmslos an und murmelt: Ach ihr seid gekommen und wer ist das hier?
Das ist Tante Nina. Wir haben hier übernachtet, sagt Anton.
Na gut, brummt sie und geht wieder ins Zimmer, als wäre nichts geschehen. Nina ist fassungslos ist das ihre Mutter?
Plötzlich kehrt die Frau zurück und richtet sich an Nina: Komm in die Küche, wir reden.
Nina folgt ihr. Trotz der ärmlichen Unterkunft ist überall Sauberkeit. Das Geschirr ist weggeräumt, der Boden glänzt, die Sachen liegen ordentlich. Sogar Ninas alter, aber noch sauberer Hausmantar mit abgerissenen Knöpfen liegt ordentlich bereit. Setz dich, sagt die Frau und deutet auf einen Stuhl.
Nina setzt sich. Die Frau setzt sich gegenüber, blickt mit ihrem müden Auge zu ihr und fragt: Hast du eigene Kinder?
Ja, einen Sohn, zwölf Jahre, antwortet Nina.
Hör zu Wenn mir etwas zustößt, lass bitte meine Kinder nicht allein. Sie haben nichts dafür.
Willst du sie etwa zurücklassen?, fragt Nina erstaunt.
Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe es schon oft versucht, aber es klappt nicht. Und er, sie nickt in Richtung des Schlafzimmers, wo lautes Schnarchen zu hören ist. Zur Polizei bin ich gegangen. Sie sitzt ein paar Tage, kommt dann zurück und schlägt noch schlimmer. Ohne Alkohol kann ich nicht mehr. Ich trinke jeden Tag. Und er setzt die Kinder vor die Tür. Sie sind nicht seine.
Wo ist der Vater?
Er ist ertrunken, als Gretel ein Jahr alt war. Seitdem lebe ich allein.
Arbeitest du?
Ich habe im Supermarkt Staub gewischt. Letzte Woche wurde ich wegen zu vieler Fehlzeiten gefeuert.
Und dein Mann?
Er nimmt gelegentlich Gelegenheitsjobs an. So kommen wir irgendwie durch.
Sie schweigt lange, dann spricht sie wieder: Falls irgendwas passiert, bitte lass die Kinder nicht allein. Du bist gutherzig. Wenn du sie nicht aufnehmen kannst, bring sie ins Jugendheim, ja?
Nina steht auf. Ihr Verstand kann das Erhörte kaum fassen. Alles wirkt wie ein Albtraum. Die Kinder kommen zu ihr, umarmen sie beide. Tränen steigen ihr in die Augen. Sie wischt sie schnell mit dem Ärmel weg und sagt Anton, dass er weiß, wo er sie finden kann.
Draußen auf der Straße lässt sie die Tränen los. Sie strömen wie ein Schwall, und Passanten drehen sich verwundert um. Noch am selben Abend erzählt sie ihrem Mann alles. Er stellt keine Fragen er sagt nur, dass sie die Kinder auf keinen Fall verlassen werden. Lukas, der das Gespräch mit hört, kommt dazu, umarmt beide Eltern. Sie sitzen schweigend, eng umschlungen, an der Küchentheke.
Drei Tage später kommt Anton völlig aufgelöst zurück. Er berichtet, dass die Mutter verschwunden ist und die Polizei den Stiefvater abgeführt hat. Gretel ist jetzt bei der Nachbarin, aber heute soll das Jugendamt sie abholen. Er erzählt alles hastig und läuft zurück zu seiner Schwester. Noch am selben Tag werden die Kinder tatsächlich ins Heim gebracht.
Am nächsten Tag wird die Mutter der Kinder im Rhein gefunden sie ist ertrunken. Sie starb gewaltsam. Offenbar hat sie ihr Schicksal vorhergesehen und deshalb Nina um Hilfe gebeten.
Nina und ihr Mann beginnen, alle Behörden zu kontaktieren, um das Sorgerecht für Anton und Gretel zu erhalten. Verwandte der Kinder lassen sich nicht ausfindig machen, und nach gründlichen Prüfungen sowie Ninas Schilderung des Gesprächs mit der Mutter erhalten sie die Erlaubnis zur Vormundschaft.
Nina muss ihre Arbeit aufgeben. Gretel ist stark verängstigt, vertraut nur noch ihrem Bruder und bleibt ständig in seiner Nähe. Selbst wenn ein Löffel vom Tisch fällt, schaut sie ängstlich zu Ninas Mann, als erwartete sie Strafe.
Es kostet viel Aufwand, ihr Vertrauen zu gewinnen. Anton, der ältere, begreift schnell, dass in dieser Familie keine Gefahr mehr droht weder Schmerz noch Angst.
Allmählich öffnet sich das Mädchen. Sie geht selbstbewusst auf Nina zu, spielt mit Lukas, lächelt und spricht, obwohl sie den Mann von Nina noch etwas fürchtet. Die Angst vor erwachsenen Männern ist tief verwurzelt.
Thomas behandelt sie sanft und vorsichtig. Er hat sich immer Kinder gewünscht, doch Ninas gesundheitliche Probleme verhindern ein weiteres Kind. Und dann kommt der Tag, an dem er von einer dreitägigen Geschäftsreise zurückkehrt. Nina und Gretel gehen ihm entgegen. Er legt die Arme um die Kleine.
Gretel nähert sich zögerlich und umarmt ihn am Hals. Er hebt sie hoch, und zusammen gehen sie in die Küche. Dort treffen sie Lukas und dann Nina. Alle umarmen sich, stehen einen Moment still, aber mit Wärme im Herzen.
In dieser Familie wird es nun gut sein.




