Mein Wort ist das letzte. Du, meine Tochter, kannst so lange wütend auf deinen Vater sein, wie du willst. Doch Jürgen gebe ich dir nicht. Halt dich zurück, erklär nichts. Ich weiß alles. Er ist gut aussehend, singt Lieder, du wirst ihm zuhören. Aber seine Seele ist verdorben. Diskutiere nicht, Liselotte. Du gehst zu Markus und das ist Schluss. Mit ihm verbringst du dein ganzes Leben hinter einer harten Mauer, seine schlechten Worte wirst du nie hören.
Heinrich Schröder versuchte, seine Tochter zu umarmen.
Sie wusste, dass sie nicht gegen den Willen des Vaters gehen würde. Doch sie schüttelte seine Hand, brach in Tränen aus und rief: Für Zuneigung gibt es keinen Zwang!
Heinrich sah in die blauen Augen seiner geliebten Tochter selbstbewusst, eigensinnig. Er wollte nicht zulassen, dass sie unglücklich wird, und sagte fest: Du darfst nicht gewaltsam lieben! Geh, Liselotte!
Am Ufer der Spree wartete Jürgen auf das Mädchen. Wieder schlug ihr Herz. Wie wunderbar er war, er schien das ganze Leben mit ihm verbringen zu wollen.
In diesem Moment hasste Liselotte ihren Vater wie nie zuvor. Sie hätte nie gedacht, dass sie so ein starkes Gefühl hegen könnte ihr Vater war ihr Vorbild und Halt. Doch weder Bitten noch Beschwörungen halfen.
Wie ist dein Vater? Bösartig oder schwach? fuhr Jürgen mit einer Hand durch ihr dunkles Haar und blickte ihr mit tiefen, dunklen Augen hinter den dichten Wimpern entgegen.
Er hat gesagt, wir dürfen nicht zusammen sein. Alles ist vergebens Er lässt sich nicht überreden, schluchzte sie bitter.
Versuch es noch einmal! Und warum soll ich mich als Bräutigam nicht für dich eignen! Wir hätten ein Haus, einen Hof, und du , fuhr Jürgen wütend fort, schlug mit dem Fuß gegen ein Entlein, das am Ufer watschelte.
Du, du Entlein! Vorsicht! schrie Liselotte.
Ach, das ist nur ein Entlein, kein Grund zur Sorge. Lass es lieber sein, wir gehen lieber spazieren, erwiderte Jürgen und führte sie in den Wald.
Auf dem Rückweg nach Hause traf sie Markus. Als er Liselotte sah, wurde ihm rot im Gesicht.
Markus war klein, hatte Sommersprossen im Gesicht, blondes Haar und himmelblaue Augen, die Liselotte scherzhaft bleich nannte. Er wirkte unscheinbarer als Jürgen. Was ihr Vater an ihm festhielt, verstand sie nicht. Kurz wollte sie ihm etwas Ärgerliches entgegnen, doch dann bemerkte sie das Entlein in Markus Händen.
Wo bist du hin? lächelte sie.
Zur Spree, um zu baden. Da lag es, hat gequiekt wohl ein Bein verletzt. Ich zeige es meinem Vater, er kann Tiere heilen, erklärte Markus und warf einen flüchtigen Blick auf Liselottes Augen.
Sie erkannte, dass das Entlein gerade von Jürgen unbeabsichtigt verletzt worden war. Sie wurde rot, drehte sich schnell um und ging weiter.
Scham überforderte sie, weil ihr Geliebter das kleine Tier verletzt hatte, während der Mensch, den sie verabscheute, es rettete. Warum nur?
Von da an schloss das Entlein sich an Markus an. Es folgte ihm überall im Dorf, schlief sogar im Strohraum neben ihm und watschelte aufmerksam hinter ihm her, um sicherzugehen, dass sein Herr nicht weglief.
Da gibt es Schweinezüchter, und hier ist ein Entenzüchter, ein Trottel, versuchte Jürgen, Markus zu verspotten. Doch dieser schenkte ihm keine Beachtung und ging weiter.
Bald wurde die Hochzeit von Markus und Liselotte ausgemacht. Liselotte weinte unaufhörlich. Jürgen versuchte, sie zum Fliehen zu bewegen, doch sie liebte ihn aus tiefstem Herzen nicht mehr und widersetzte sich. Der Zorn ihres Vaters war unverhohlen.
Er drohte, sie gar nicht erst auf die Schwelle zu lassen. Ihre Mutter hatte nichts zu sagen, das Haus war von Krankheit gezeichnet, und die beiden Brüder, die sie als Kind kannte, waren schon lange tot. Als einzige Tochter wuchs Liselotte allein auf.
Am Hochzeitstag stand sie vor dem Spiegel, betrachtete ihr weißes Kleid und ihr goldenes Haar. Ihr Vater schlug Tränen aus, das Kleid war prächtig.
Die schönste Braut!, küsste Heinrich seine Tochter und fuhr fort:
Bist du noch sauer auf mich, meine Kleine? Ich wünsche dir Glück, du goldene Prinzessin! Danke mir später!
Niemals! Ich habe getan, was du wolltest, aber dankbar nein, Vater, wandte Liselotte ihr Gesicht zum Fenster.
Jürgen tanzte auf ihrer Hochzeit mit Katrin. Liselotte beneidete sie, sah, wie die Blicke auf Jürgen gerichtet waren. Nun war sie jedoch verheiratet.
Nur noch das Zähneknirschen und das Beobachten, wie der ehemalige Liebhaber mit einer anderen Frau zusammen war, blieben ihr. Sie warf einen heimlichen Blick auf Markus; das Entlein watschelte um ihn herum.
Was für ein Trottel!, dachte sie verärgert.
Ihre Mutter half ihr beim Anziehen, warf bang die Blicke zur Tür, aus der ihr ungeliebter Mann eintreten sollte. Er kam herein, blieb stehen, sah auf ihre zusammengepressten Lippen und drehte sich zum Gehen.
Was? Du gehst? Was sagen die Leute? Gefallen mir nicht?, sprang Liselotte vom Bett und eilte zu ihm.
Er stand schweigend da, legte ihr ein Tuch über die Schultern.
Du gefällst mir sehr. Du bist meine Süße, meine Beste. Ich sehe, dass ich dir nicht gut getan habe. Aber solange du nicht zu mir kommst, kann ich, sagte er und ging.
Das wird nie geschehen!, schrie sie ihm nach.
Einige Tage später begegnete sie Jürgen erneut. Er roch nach Alkohol, versuchte, sie im Wald zu küssen.
Was? Bist du verrückt? Was erlaubst du dir?, erwiderte Liselotte.
Und? Du hast jetzt einen Ehemann. Soll ich dir noch etwas zulassen?, sagte Jürgen spöttisch.
Sie ging davon
So vergingen die Jahre. Das junge Ehepaar lebte getrennt voneinander, während Markus stets beschäftigt war. Eines Tages beim Pilzsammeln im Wald verdrehte Liselotte das Bein, und ihr Mann trug sie auf den Schultern nach Hause.
Abends schaukelte er mit ihr auf einer Schaukel über dem Wasser, das Entlein watschelte dicht hinter ihm. Nach und nach schmolz der Groll gegen Jürgen.
Sie wusste, dass Jürgen noch immer mit Katrin zusammen war, doch Eifersucht hatte keinen Platz mehr. Auch Markus versuchte nicht, ihr nahe zu kommen.
Eines Nachts brach im Haus der Nachbarin ein Feuer aus. Liselotte rannte hin, die Nachbarn waren bereits versammelt. Die Nachbarin, die drei Kinder hatte, lobte den mutigen Mann aus dem Nachbarort: Du hast uns gerettet, du goldener Junge!
Wo ist Markus?, fragte Liselotte, während ihr Herz kalt wurde.
Drinnen. Unser Hund, Hasso, hat sich versteckt, wir können ihn nicht finden. Ich habe ihm gesagt, er soll kommen, aber er ist weg. Die Kinder schreien nach ihm, sagte die Nachbarin und wischte ihr Gesicht mit einem Tuch ab.
Plötzlich stürzte das Dach ein. Liselotte schrie und verlor das Bewusstsein.
Sie erwachte, weil jemand ihre Wange streichelte. Ein Mann mit müden Augen sah sie an.
Wie geht es dir? Das Dach ist gefallen, flüsterte sie.
Durch das Fenster bin ich gerutscht, Hasso habe ich gerade noch gefunden, er war unter dem Bett. Und Markus lächelte mich an, antwortete er.
Ich habe Angst um dich, weinte sie und sank an seine Schulter.
Neun Monate später wurde ihr Sohn Niklas geboren. Markus, der das Handwerk seines Vaters übernommen hatte, heilte Kühe, Pferde und sogar scheinbar hoffnungslose Tiere. Menschen aus allen Ecken kamen zu ihm.
Liselotte liebte ihren Mann. Sie verstand nie, wie sie jemals Jürgen, den gewalttätigen Trinker, der mit Katrin verheiratet war, noch in ihr Herz lassen konnte. Er hatte einst seine Frau und Kinder misshandelt und schließlich das Leben zerstört. Liselotte dachte mit Schrecken, dass sie selbst an Katjas Stelle hätte enden können, wäre ihr Vater nicht mit eiserner Faust gehandelt.
Sie trat nach draußen, wo Heinrich mit dem kleinen Niklas spielte.
Papa Papa, ich wollte Danke sagen. Danke, dass du mich nicht Jürgen heiraten ließest, dass du sahst, was das Beste für mich war. Bitte vergib mir, sagte Liselotte und küsste ihren Vater.
Ach, Jugend! Na gut, ich verstehe. Wir sehen mit den Jahren, wer ein Mensch ist und wer nicht. Ich hätte meine einzige geliebte Tochter nie diesem Ungeheuer übergeben können. Du warst wütend auf mich, doch das ist vorbei. Hör zu, meine Tochter, das Leben lehrt uns Geduld, lächelte Heinrich.
Liselotte lebte bis ins hohe Alter. Zusammen mit Markus arbeitete sie auf dem Feld, er war nie weit entfernt. Sie bekamen fünf Kinder, viele Enkelkinder wuchsen heran. Das Familienglück war vollkommen.
Und das alte Sprichwort Für Zuneigung gibt es keinen Zwang erhielt neue Bedeutung: Man kann Liebe nicht erzwingen, aber man kann sie mit Respekt und Geduld finden.
So endet die Geschichte mit der Erkenntnis, dass wahre Freiheit im Herzen liegt und dass das, was wir nicht erzwingen können, oft das Schönste ist, was wir erhalten.





