10. Februar, Hamburg
Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und hänge das schwarze Kleid an die Tür. Dann nehme ich es ab, halte es mir im Spiegel vor, hänge es wieder hin. Das Kleid ist wirklich schön vor drei Jahren im Ausverkauf in einem kleinen Modegeschäft gekauft, vielleicht zweimal getragen. Es sitzt perfekt, ist genau die richtige Länge weder zu kurz noch zu brav. Darin fühle ich mich sicher.
Markus? rufe ich in Richtung Küche. Kommst du jetzt eigentlich mit?
Mein Mann taucht in der Tür auf, mit einer Tasse Tee in der Hand. Zweiundvierzig Jahre, weder dick noch dünn, immer diese leichte Bartstoppeln, die er sein kreatives Chaos nennt. Er schaut erst zum Kleid, dann zu mir, dann wieder zum Kleid.
Muss ich wirklich?
Musst du nicht. Ich frage nur.
Ich habe es selbst vorgeschlagen. Vor zwei Wochen rief ich ihn an, das Team sprach gerade auf der Arbeit über die Betriebsfeier, und ich meinte: Komm doch mit, wir nehmen ein Taxi, essen gut, lernst meine Kollegen mal kennen. Er verzog das Gesicht Betriebsfeier war nie sein Lieblingswort , aber er sagte zu: Na gut, wenn du willst.
Ich wollte. Warum, weiß ich selbst bis heute nicht so genau. Vielleicht wollte ich, dass die anderen sehen, dass ich nicht alleine bin. Vielleicht, dass Steffi Schmitt aus der Buchhaltung nicht wieder diesen Blick bekommt den, den Frauen aufsetzen, die alleine kommen. Oder vielleicht wollte ich einfach mal nicht wieder alleine hingehen. Manchmal ist das so.
Ich komme natürlich mit, sagt Markus jetzt, wollte nur nochmal nachfragen.
Okay.
Ich öffne meine Schmuckschatulle. Mamas kleine Perlenohrringe oder die goldenen Kreolen? Ich entscheide mich für Perlen. Bürste mein Haar. Die Frisur sitzt heute wirklich gut manchmal klappt das ja einfach so.
Wann fahren wir? ruft Markus aus der Küche.
Das Taxi kommt um Viertel vor sieben.
Alles klar.
Um 18:40 steht er schon fertig im Flur. Dunkelblaues Sakko, gekauft zur Hochzeit seines Neffen. Ein bisschen zu breit an den Schultern, aber ich sage nichts. Hauptsache, er hat es angezogen. Hauptsache, er fährt mit.
Im Taxi schweigen wir. Draußen zieht der Februar durch Hamburg grau, mit Schneeresten am Straßenrand. Markus tippt auf seinem Handy herum, ich blicke aus dem Fenster.
Ich denke daran, wie ich ihn angerufen hatte, als er gerade in seinem Atelier war. Betriebsfeier am Zwölften, kommst du dann mit? Pause. Muss ich? Nicht müssen. Ich würde mich freuen, wenn du dabei bist. Wieder Pause. Okay. Einfach so, okay.
Ich hatte ihn dann noch zweimal gefragt, ob er es nicht vergessen hat. Er hatte nicht. Am Tag der Feier sagte er nichts, war aber pünktlich um 18:40 angezogen an der Tür.
Geht ja auch nur so drei, vier Stunden, sage ich.
Passt schon.
Die Leute sind nett, keine Sorge.
Ich sorge mich nicht.
Markus Ich sage doch nur.
Alina, ich hör dir doch zu.
Der Taxifahrer ist jung, ein Ohrhörer im einen Ohr, der andere baumelt am Kragen. Hört Musik, hält sich aus Gesprächen raus. Ich bin ihm dafür dankbar. Manche Fahrer sind furchtbare Plaudertaschen.
Hast du was gegessen? frage ich.
Stulle.
Stulle? Drei Stunden vor dem Dinner?
Ich hatte Hunger.
Verstehe.
Markus steckt das Handy weg, schaut aus dem Fenster. Ich sehe sein Profil so vertraut. Vierzehn Jahre da weiß man, wie der andere im Taxi aus dem Fenster guckt: ein bisschen nach vorne, ein bisschen nach unten, nicht auf die Straße, sondern irgendwohin.
Gibts da eigentlich Spielchen? fragt er plötzlich.
Wahrscheinlich. Ich mach da aber nie mit.
Schlau.
Musst du natürlich auch nicht.
Keine Sorge, ich habs nicht vor.
Das Restaurant nennt sich Eden, dritter Stock eines Einkaufzentrums schon verrückt, das Paradies über einem Modegeschäft. Aber das Essen ist gut, der Saal groß und die Bühne für Ansagen da, lange Tische mit weißen Tischtüchern.
Auf der Treppe begegnen wir einigen Leuten aus meinem Bereich ich erkenne Sebastian Krüger mit Frau, einer kleinen, rothaarigen Dame, deren Namen ich nur vom letzten Weihnachtsfest kenne. Wir grüßen uns nur mit Nicken.
Kollegen? fragt Markus.
Sebastian aus meinem Team. Netter Typ, eher ruhig.
Gut.
Drinnen riecht es nach Essen und Parfüm diese besondere Mischung, die es nur auf Betriebsfeiern und bei Hochzeiten gibt. Tische in U-Form, überall kleine Tannenbäumchen, obwohl Weihnachten längst vorbei ist. Wahrscheinlich Restbestand.
Die Kolleginnen trudeln ein. Ich sehe Steffi Schmitt in ihrem roten Kleid sie ist dieses Mal mit ihrem Mann da, groß, still, ein echter Buchhalter-Typ. Jan aus der IT schleppt seine Frau mit, die am liebsten überall wäre, nur nicht hier. Chefin Karin Dombrowski begrüßt alle am Eingang, als wäre es ihr privates Fest.
Alina! strahlt Karin mich an. Und Ihr Mann ist auch dabei, wunderbar! Sie reicht Markus die Hand. Markus, richtig? Hab schon von Ihnen gehört.
Nur Gutes? fragt Markus.
Natürlich! lacht Karin.
Ein guter Start.
Wir setzen uns ich neben meiner alten Kollegin Ute Feldmann, Markus gegenüber, neben Utes Mann Thorsten. Thorsten ist Bauleiter, laut, lustig, kann mit jedem reden.
Dich seh ich ja zum ersten Mal! ruft er Markus entgegen, noch bevor wir sitzen. Alina kam sonst immer allein.
Sie hat mich sonst ja auch nicht gefragt, sagt Markus.
Hauptsache, heute bist du da! Thorsten.
Markus.
Was machst du so? fragt Thorsten während das erste Glas Wein eingeschenkt wird.
Innenarchitekt. Hauptsächlich Wohnungen, ab und zu auch Gewerbe.
Oh, sowas brauch ich aktuell! Unser Neubau, der Kunde will was Besonderes weiß nur selber nicht was.
Das ist ganz normal, nickt Markus.
Was macht man da?
Fragen stellen. Nicht was er designtechnisch will, sondern wie er leben will. Das ergibt sich dann.
Thorsten schaut interessiert:
Und klappt das immer?
Fast immer. Manchmal merkt man aber, dass der Kunde selbst nicht weiß, wie er leben will dann wirds schwierig.
Sie lachen. Markus blüht auf. Das ist sein Thema, ich wusste, man muss nur anfangen. Sie diskutieren, Thorsten zeigt Handyfotos. Ich wende mich an Ute.
Läuft ja ganz gut, meint sie leise.
Bis jetzt schon.
Steffi hat schon gefragt, wo dein Mann ist. Ich hab ihr gesagt, er ist dabei.
Ich grinse:
Wann hat sie das denn geschafft?
Als du deinen Mantel ausgezogen hast.
Sie ist schnell.
Immer. Hast du ihr Kleid gesehen? Rot und das Dekolleté Für eine Betriebsfeier!
Ihr Ding.
Ich bewerte nicht. Ich beobachte nur.
So ist Ute sie beobachtet alles und erzählt es mir, weil sie weiß: ich tuschele nicht weiter, sondern nicke nur.
Wir stoßen an. Die Vorspeisen sind lecker Salate, Aufschnitt, kleine Häppchen mit roten Perlen obendrauf. Ich esse vorsichtig. Betriebsfeier ist für mich immer irgendwie noch Arbeit, nie richtig Entspannung.
Am Nebentisch erklärt Karin gerade etwas dem Neuen aus der Entwicklung wohl Felix, schätze ich. Er nickt versonnen, denkt bestimmt schon ans Wochenende. Ich verstehe ihn.
Wie läufts bei dir mit dem Quartalsbericht? fragt Ute.
Freitag abgegeben. Es gab keine Nachfragen.
Glück gehabt. Karin hat bei mir drei Fehler gefunden zwei waren wirklich meine, einer ihrer.
Hast dus gesagt?
Ich? Ute schaut empört. Natürlich nicht.
Ich nicke. Kenne ich.
Nach einer Stunde taucht die Moderatorin auf Anna, vielleicht Mitte dreißig, Mikrofon in der Hand und dieses professionelle Lächeln, das bezahlt wird. Die Spiele starten. Ich mache bei einem mit: Kollegen auf Kinderfotos erkennen. Drei Treffer, als Preis ein Set Duftkerzen.
Jetzt meditierst du also? neckt Ute.
Vielleicht. Warum nicht?
Markus hält sich bei den Spielen raus das ist einfach nicht seins. Aber langweilig ist ihm wohl trotzdem nicht. Er unterhält sich mit Thorsten, dann setzen sich noch andere Männer dazu ich glaube, Thomas, der Mann von Lena Krause. Sie diskutieren irgendwas. Markus hält ein Glas Saft trinken tut er schon seit Jahren nicht mehr, egal ob er fährt oder nicht.
Alles läuft gut, ich bin fast entspannt.
Gegen neun kommt das Hauptgericht. Steak, Hähnchen, was mit Pilzen. Ich nehme das Hähnchen Steak ist mir zu festlich. Am Nachbartisch singen sie Karaoke irgendein Lied aus den Achtzigern. Die Moderatorin macht eine Pause beim Programm, der Geräuschpegel steigt.
Ich stehe auf, will zur Damentoilette und sehe Markus. Nicht am Tisch.
Er steht an der Wand, nicht allein.
Neben ihm eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig, aus dem neuen Bereich, ich habe sie schon mal auf dem Flur gesehen. Dunkle Haare, feine Gesichtszüge, etwas Glitzerndes auf den Schultern Pailletten oder so. Sie spricht, beugt sich leicht vor, und Markus hört zu. Sein Profil er lächelt.
Zu Hause lächelt er selten so.
Ich halte einen Moment inne und gehe dann zur Toilette.
Dort ist es ruhig. Im großen Spiegel betrachte ich mich: schwarzes Kleid, Perlen, Frisur sitzt. Sieht okay aus.
Aus der Kabine kommt eine fremde Frau wohl von einem anderen Event im kleinen Saal, ungefähr dreißig, im grünen Kleid. Sie schaut im Spiegel kurz zu mir und lächelt freundlich.
Schönes Kleid, sagt sie.
Danke.
Schwarz ist immer gut.
Sie geht. Ich sehe mir noch einen Moment zu.
Plötzlich würde ich am liebsten heim Kleid ausziehen, Perlen ablegen, Schminke abwaschen. Zu Hause auf dem Sofa, Katze auf dem Schoß.
Ich öffne die Taxi-App, gebe unsere Anschrift ein und schaffe es doch, das Handy wieder wegzulegen.
Ich spritze mir kaltes Wasser auf den Nacken. Stehe da. Sage mir: Du hast ein Gespräch gesehen. Nichts weiter. Junge, hübsche Frau und? Markus redet manchmal mit jungen, hübschen Frauen. Das ist kein Verbrechen. Kein Anlass.
Aber dieses Lächeln
Ich schließe das Thema. Ich kann das weglegen, abwarten, vielleicht später, vielleicht nie mehr. Nicht jetzt.
Ich richte die Perlen, gehe raus.
Markus sitzt wieder am Tisch. Die Frau mit den Pailletten ist an einem anderen Tisch.
Wo warst du? fragt er.
Auf der Toilette.
Ach so.
Dessert wird serviert: Schokoladentorte, schön geschichtet. Ute erzählt von ihrem Türkei-Urlaub im Mai Thorsten will Aquapark, sie will nur Sonne und Ruhe.
Und, einigt ihr euch?
Noch diskutieren wir, seufzt sie. Jedes Jahr das Gleiche. Ich will ans Meer liegen, er will Action. Am Ende machen wir beides.
Es könnte schlimmer sein.
Konnte es, lacht sie. Und ihr? Habt ihr Pläne für dieses Jahr?
Ich überlege:
Noch nicht. Mal sehen.
Macht Pläne. Sonst wird es wieder nichts. Wir sagen jedes Jahr mal sehen, und dann ist November und nix ist passiert.
Ich sprech ihn drauf an.
Tu das.
Der Kuchen ist wirklich gut. Ich esse auf, stelle den Teller beiseite. Markus isst ebenfalls, erst lässt er das Stück liegen, dann verschlingt er es plötzlich rasch. Thorsten erzählt wieder über sein Auto Markus hört zu, nickt manchmal.
Ich sehe zu Markus herüber. Da sitzt er, hört einem Monolog zu, isst Torte. Ganz normaler Abend, nur eben mal nicht daheim.
Die Moderatorin nimmt wieder das Mikro:
Liebe Gäste, jetzt beginnt die Tanzrunde! Bitte alle auf die Tanzfläche!
Ich tanze nie auf Firmenfeiern so eine Regel, irgendwann selbst aufgestellt. Ich sehe, wie Steffi ihren stillen Mann auf das Parkett zieht. Wie Jan aus der IT tapfer versucht, im Takt zu wippen mit mäßigem Erfolg.
Willst du tanzen? fragt Markus plötzlich.
Ich sehe ihn erstaunt an:
Du tanzt doch nie.
Einmal kann man ja.
Ausgerechnet jetzt?
Warum nicht. Die Musik ist schön.
Ich überprüfe seinen Blick ganz ruhig, nichts Besonderes.
Gut, sage ich schließlich.
Wir gehen auf die Tanzfläche. Es läuft ein langsamer Song. Markus legt seine Hand an meinen Rücken vertraut, immer gleich , und wir wiegen uns leicht zur Musik.
Gar keine schlechte Betriebsfeier, murmelt er in mein Ohr. Du hattest recht.
Ich habe immer recht.
Das stimmt.
Ich schaue über seine Schulter in den Saal. Sehe, wie die Frau in Pailletten mit einem Kollegen tanzt, beide lachen, offenbar schon lange befreundet. Ich sehe kurz hin und lasse dann meinen Blick weiterziehen.
Nur schauen.
Draußen ist es kalt, sagt Markus.
Februar.
Bald ist Frühling.
Bald.
Magst du den Frühling?
Ich lehne mich zurück, sehe ihm direkt ins Gesicht:
Du weißt doch, dass ich ihn mag.
Ich wollte es von dir hören.
Ich sage eine Weile nichts.
Ja, ich liebe den Frühling. Wenn der Schnee endlich schmilzt und ich das erste Mal ohne Mütze raus kann.
Ich weiß, du bist immer die Erste ohne Mütze. Alle anderen frieren noch.
Und ich friere auch.
Immer, stimmt er zu.
Die Musik bleibt ruhig, wir tanzen. Lange her, so eng beieinander, so still, ohne große Worte. Vielleicht bei der letzten Silvesterparty bei den Schroeders, vor einem Jahr. Vielleicht noch länger her.
Dann wird das Lied schneller, wir gehen zurück zu unseren Plätzen.
Gegen elf löst sich die Runde langsam auf. Ich schnappe meine Tasche, verabschiede mich von Karin, die inzwischen recht gelöst alle umarmt. Umarmung mit Ute.
Wir hören uns die Woche, sagt sie.
Ruf mich an.
Und rede mit Markus über Urlaub.
Mach ich.
Markus verabschiedet sich von Thorsten, sie tauschen Nummern aus naja, Thorsten tippt Markus’ Kontakt ins Handy. Sebastian winkt, seine Frau steht schon bereit am Ausgang.
Im Foyer hilft Markus mir in den Mantel. Wie immer still, keine großen Worte, hält einfach den Mantel, wartet, bis ich drin bin.
Draußen ists ungemütlich. Hamburg-Februar.
Taxi? fragt Markus.
Ja, schon bestellt.
Wartezeit fünf Minuten. Wir stehen vor dem Eingang. Andere Kollegen gehen vorbei, jemand winkt. Ich winke zurück.
Du, sagt Markus plötzlich.
Ja?
Die junge Frau eben, mit der ich gesprochen habe an der Wand hast du das gesehen?
Ich halte kurz inne:
Ja.
Sie wollte was zum Thema Inneneinrichtung wissen. Sie sucht jemanden für ihre Wohnung. Ich habe ihr meine Karte gegeben.
Aha.
Ist das okay?
Klar, sage ich.
Markus sieht mich an. Eine Straßenlaterne wirft Licht auf sein Gesicht, eine Hälfte im Schatten.
Alina.
Ja?
Bist du sicher, dass alles gut ist?
Ich ziehe den Mantelkragen hoch. Das Taxi biegt um die Ecke.
Alles gut, sage ich. Wirklich.
Das Taxi kommt. Markus macht die Tür auf.
Ich steige ein, sehe aus dem Fenster den Rest der Kollegen, die Frau mit den Pailletten ist längst weg. Markus steigt hinterher, nennt dem Fahrer die Adresse.
Dieses Mal ist der Fahrer schon älter, schweigsam, keine Musik. Ein leichter Duft von Tannennadeln liegt im Wagen. Ich blicke in die Dunkelheit.
Die Stadt sieht nachts anders aus dieselben Straßen, aber leer, schneller, funkelnd. Laternen, Schaufenster, kaum Fußgänger. Februar wirkt fast schön, solange der Schnee am Rand noch weiß ist.
Thorsten ist ein feiner Kerl, sagt Markus.
Ja, das ist er.
Er hat einen Bau in Barmbek. Falls alles klappt, gibts einen netten Auftrag.
Schön.
Sagt, der Kunde wünscht sich was Nordisches. Ich meinte, Skandinavisch ist fein, aber da hat jeder sein eigenes Bild. Muss man erst rausfinden.
Und er?
Hat nur gelacht. Sagt, darum soll ich mich dann kümmern.
Ich lächle ein wenig.
Er rechnet fest mit dir.
Wahrscheinlich. Mal sehen. Markus zögert. Warst du froh, dass wir hingegangen sind?
Ich überlege. Die Straßen ziehen rückwärts durchs Fenster.
Ja, sage ich.
Es stimmt. Zum Teil zumindest.
Zu Hause ist es warm. Unsere Katze Emil kommt aus dem Schlafzimmer, reibt sich an meinen Beinen erst an meinen, dann, nach einem prüfenden Blick, auch an Markus’. Ich ziehe den Mantel aus, hänge ihn auf. Ziehe Hausschuhe aus dem Schrank.
Magst du noch Tee? fragt Markus.
Ich glaube nicht. Vielleicht später.
Ich stelle welchen hin, falls doch.
Er geht in die Küche. Ich schaue mein Spiegelbild im Flur an schwarzes Kleid, Perlen. Ich nehme die Ohrringe ab, lege sie in die Schatulle. Mamas Ohrringe schön, aber so selten Gelegenheit, sie zu tragen.
Mama hat immer gesagt: Geh unter Menschen schön angezogen. Nicht für sie für dich. Wenn du weißt, dass du gut aussiehst, bist du ganz anders. Ich war mir nie sicher, ob das stimmt. Heute habe ich die Perlen genommen und sie getragen.
Emil sitzt daneben, schaut mich mit diesem katzenhaften, ungläubigen Blick an als würde er spüren, dass etwas in der Luft liegt.
Alles gut, sage ich zu ihm.
Er blinzelt.
Ich gehe ins Schlafzimmer, setze mich aufs Bett. Ziehe die Schuhe aus bequem, moderater Absatz, keine Schmerzen. Stelle sie ordentlich ab.
Der Duft von Pfefferminztee zieht aus der Küche herüber.
Ich denke an das, was ich gesehen habe. Markus und die Frau. Sein Lächeln selten zuhause. Ich gehe das im Kopf nochmal durch. Was war es? Ein Gespräch. Er hat ihr die Visitenkarte gegeben, alles beruflich. Danach saßen wir zusammen.
Ob ich dem glaube? Ich weiß, dass daran nichts Besonderes war. Und doch dieses kleine Pieksen blieb. Irgendwas hat sich da festgesetzt, an der Wand, und ist nicht ganz verschwunden.
Keine Eifersucht. Oder nicht nur. Es ist mehr das Gefühl, dass ich mich frage: Reicht das? Wenn ich mich im schwarzen Kleid im Spiegel anschaue, frage ich mich: Bin ich genug?
Früher habe ich mich das nie gefragt. Oder ich habe es gefragt, aber nicht gemerkt.
Alina, Markus steht in der Tür mit zwei Tassen. Ich hab doch Tee gemacht. Pfefferminze.
Danke.
Er stellt die Tasse neben mich auf den Nachttisch. Setzt sich auf seinen Platz rechts von mir, immer rechts, seit vierzehn Jahren. Legt sein Handy mit dem Display nach unten ab.
Bist du müde?
Ein bisschen.
Haben deine Schuhe gedrückt?
Nein. Gingen gut.
Er nickt. Nimmt die Tasse, wärmt seine Hände daran. Ich schaue ihn von der Seite an.
Zweiundvierzig Jahre. Bartstoppeln. Zu breites Sakko. Der Mensch, den ich seit vierzehn Jahren kenne weiß, wie er seinen Tee mag, mit welcher Hand er die Tasse hält, was er sagt, wenn ihm die Worte fehlen. Ich kenne ihn.
Aber das Lächeln an der Wand das kenne ich nicht. Vielleicht kannte ich es mal.
Markus sage ich.
Hm?
Ich schweige kurz, suche Worte.
Wann hattest du das letzte Mal Lust, mit mir irgendwohin zu gehen?
Er sieht mich an. Überlegt lange.
Wie meinst du das?
Einfach: Wann hast du dich das letzte Mal richtig gefreut, mit mir wegzugehen? Nicht, weil du musstest, sondern weil du wolltest.
Markus stellt die Tasse ab, denkt nach.
Bei den Schroeders an Silvester, sagt er schließlich. Das war schön.
Das ist ewig her.
Und? Zählst du etwa die Abstände?
Nein, ich frage nur.
Er sieht mich länger an, sehr aufmerksam, was nicht oft vorkommt.
Alina, was ist los?
Nichts.
Ist es wegen der Frau von vorhin?
Nein.
Sicher?
Markus, ich nehme die Tasse in die Hand ich hab doch gesagt, nein.
Aber worum gehts dann?
Ich trinke vom Tee. Pfefferminze, angenehm süßlich er weiß genau, wie viel Zucker ich gerne habe. Vierzehn Jahre.
Es geht um nichts Großes, sage ich am Ende. Ich frage mich nur.
Er sagt nichts. Dann:
Hast du dich heute im Spiegel gesehen?
Was?
Du hast heute wunderschön ausgesehen. In dem Kleid. Das wollte ich dir noch zu Hause sagen, hab’s aber vergessen.
Ich sehe ihn an. Er schaut nicht weg.
Hast du vergessen?
Ja. War dämlich von mir. Aber du warst wirklich schön.
Emil springt aufs Bett, tappt entschlossen auf meinen Füßen herum und lässt sich nieder schwer, warm.
Danke, sage ich.
Dafür nicht.
Ich trinke meinen Tee aus. Stelle die Tasse zurück.
Draußen: derselbe graue Februar, Straßen voller Resteis. Morgen gehts zum Einkaufen, dann ins Büro, dann wieder Alltag das Leben, das nie Pause macht.
Ich denke daran, wie Markus vermutlich morgen die Nummer von der Frau mit den Pailletten anruft. Oder nicht. Oder nächste Woche. Oder das Projekt kommt nie zustande eine von hundert Gelegenheiten, die tatsächlich klappen. Ich weiß das.
Aber sagen wir, es klappt. Ein guter Auftrag vielleicht.
Und dann?
Ein guter Auftrag ist gut. Für uns beide. Mehr Geld bleibt mehr Geld. Ich habe mir selbst gesagt: Nicht zu viel reininterpretieren, bevor es Grund dafür gibt. Ein Gespräch mehr nicht. Ein Lächeln mehr nicht. Im Hier leben.
Und das Hier: Er ist mitgekommen. Hat sich mit Thorsten verstanden. Hat mir geholfen, den Mantel anzuziehen. Hat Tee gemacht.
Und hat gesagt: Du bist schön.
Stimmt das? Ich denke darüber nach. Das Kleid ja, ich hab es auch selbst gespürt, dass ich darin gut aussehe. Aber er hätte es gar nicht merken müssen. Oft merkt er so etwas nicht nicht aus Bosheit, sondern weil er abgelenkt ist: Werkstatt, Aufträge, iPad auf der Couch.
Aber heute hat er es gesagt. Oder sich erinnert.
Markus, sage ich.
Hm?
Hast du es wirklich nur vergessen? Oder sagst du das jetzt, weil du es musst?
Stille. Ich warte.
Nein, ehrlich, ich habs vergessen. Ich wollte es dir sagen, als ich den Mantel geholt hab. Dann kam das Taxi, dann war Thorsten schon da.
Und woran hast du dann gedacht?
An Sebastian. Der stand da so mit seiner Frau, immer unzufrieden die beiden. Ich dachte: Guck, die sind zusammen, obwohl sie sich eigentlich nicht mehr mögen.
Ich schweige.
Wieso erzählst du mir das?
Keine Ahnung. Manchmal denkt man einfach so, wenn man unterwegs ist.
Und?
Nichts weiter. Nur ein Gedanke.
Ich sehe ihn an, im Halbdunkel, Licht von der Straße fällt durchs Fenster. Markus liegt auf dem Rücken, starrt zur Decke.
Geht es uns gut, Markus?
Lange Pause.
Mir gehts mit dir gut, sagt er schließlich.
Das ist nicht das Gleiche wie gut gehen.
Gut heißt nicht immer Feuerwerk. Manchmal ist gut einfach beständig. Sicher. Kein Feuerwerk, kein Streit. Ist das so schlimm?
Ich denke nach.
Nein, sage ich. Aber manchmal wünsche ich mir, dass du von allein was vorschlägst. Von dir aus merkst, wie ich aussehe. Nicht immer nur, wenn ich frage.
Heute habe ich es bemerkt.
Heute.
Willst du, dass ich jeden Tag sage, dass du schön bist?
Nein. Nur hin und wieder. Dann, wenn du es wirklich meinst.
Markus schweigt.
Okay, sagt er dann.
Was okay?
Ich werde es machen. Wenn ich es denke.
Ich antworte nicht. Emil rückt an meinen Füßen zurecht. Draußen fährt ein Auto vorbei der Lichtstreifen huscht über die Decke, verschwindet.
Ich lege mich hin. Markus schaltet das Licht aus.
Ich liege im Dunkeln und denke nicht an Pailletten, nicht an Lächeln, nicht an das Angeschautwerden. Ich denke daran, dass ich ihn selbst eingeladen habe. Ich wollte dabei nicht allein sein.
Und er ist gekommen.
Hat geschaut. Und gesagt.
Das ist was. Vielleicht nicht alles. Aber genug.
Markus, sage ich leise.
Hm? schläfrig.
Nächstes Mal frag du. Warte nicht, bis ich frage.
Stille. Dann:
Okay.
Im Ernst.
Alina. Ich sag doch: okay.
Ich schließe die Augen.
Emil bei meinen Füßen schnurrt leise sanfter Katzenmotor, warm und beruhigend.
Ich weiß nie, was kommt. Mit Arbeit, Geld, mit ihm. Das Leben ist so manchmal schön, manchmal schmerzt es einen an der Restaurantwand.
Aber jetzt ist es gut. Der Tee ist schön heiß und nach Pfefferminz. Er hat gesagt: Du bist schön.
Das reicht für heute.
Ich schlafe ein.
Und das Kleid hängt an der Schranktür schwarz, schön, gekauft im Ausverkauf vor drei Jahren. Es wartet auf das nächste Mal.





